Exodus (USA 1960) #Filmfest 277 DGR

Filmfest 277 A "Die große Rezension"

Zwei Jahre Geschichte in dreieinhalb Stunden

2020-08-14 Filmfest AExodus ist ein US-amerikanischer, fast dreieinhalbstündige Monumentalfilm aus dem Jahr 1960, dem der gleichnamige Roman von Leon Uris zugrunde liegt. Regisseur und Produzent war Otto Preminger, den Soundtrack komponierte Ernest Gold, das Drehbuch schrieb Dalton Trumbo.[2][3][4][5] Ihm [dem Film, A. TH] wird eine hohe Bedeutung bei der Wahrnehmung des Nahostkonflikts in den USA zugunsten Israels beigemessen.[6][7][8] (1)

Die Aufzeichnung von „Exodus“ im Wege einer Ausstrahlung auf ARTE war diejenige, die am längsten gelagert hat, bis ich mich herangetraut habe. Das hat zum einen mit der Länge des Films zu tun, 3,5 Stunden für die Konzentration auf einen „Monumentalfilm“ finde ich derzeit nicht so häufig. Ich hätte ihn als Epos bezeichnet, auch wenn er sich nur über zwei Jahre von 1946 bis zur Staatsgründung Israels im Mai 1948 erstreckt, das Wort „Monumentalfilm“ wie bei „Ben Hur“ oder „Die zehn Gebote“ wäre mir nicht in den Sinn gekommen, obwohl der Aufwand gewiss monumental war.

Die deutsche Wikipedia fasst sich auffallend kurz und in der IMDb steht ein einziger Satz als Inhaltsangabe: The state of Israel is created in 1948, resulting in war with its Arab neighbors. Kitty Fremont sagt an Bord der Fremont, als sie noch nicht ganz auf der Seite der Kämpfer*innen in  Israel steht: „Wie soll das jemals enden“ – der Konflikt im Nahen Osten, in toto. Wir sind nun unfassbare 60 Jahre weiter, von der Entstehung des Films aus gesehen, aber prophetisch ist ja nicht, was jemand im Jahr 1946 in einem Film von 1960 sagt, sondern, wie es heute wirkt. Die Machtverhältnisse haben sich inzwischen dramatisch verschoben. Aber Konflikt dauert an, weil Macht nie statisch ist. Wer erst einmal auf Expansionskurs ist und damit durchkommt, wird immer weitermachen. Wir in Deutschland wissen das doch, oder? Und ich werde mich nicht ganz so kurz fassen, dafür ist der Film zu inhaltsreich. Es geht weiter in der -> Rzension.

Handlung

Der Film mischt – genau so wie Leon Uris in der Romanvorlage – historische Ereignisse mit fiktiven Handlungssträngen, die der Dramatik des Filmstoffes dienen.[9]

Die US-amerikanische Krankenschwester Katherine „Kitty“ Fremont (Eva Marie Saint) ist 1947 in einem Internierungslager auf Zypern beschäftigt, in dem tausende jüdische „Displaced Persons“ aus Europa untergebracht sind. Hierbei handelt es sich zumeist um heimatlose KZ-Überlebende, die versucht hatten, in das britische Mandat Palästina auszuwandern, davor jedoch von den Briten abgefangen und auf Zypern interniert worden waren, weil diese damals noch die Politik des „Weißbuches“ von 1939 verfolgten. Kitty lernt hier Karen Hansen (Jill Haworth) und Dov Landau (Sal Mineo) kennen. Karen ist ein 15-jähriges, deutsch-jüdisches Mädchen aus Dänemark, dessen Vater als vermisst gilt, und Dov ein 17-jähriger, polnisch-jüdischer Überlebender der Shoah, der im Sonderkommando von Auschwitz eingesetzt und vom Wachpersonal sexuell missbraucht worden war. Unterdessen gelingt Ari Ben Canaan (Paul Newman), einem Mitglied der Haganah, unbemerkt die Reise von Palästina nach Zypern. Seine Rolle ist dem Vorbild von Jossi Harel nachempfunden. Mit der Hilfe des Zyprioten Mandria organisiert er ein Schiff, um die Juden damit nach Palästina bringen zu können. Ari verkleidet sich anschließend als britischer Offizier, um der örtlichen Militärverwaltung einen gefälschten Befehl vorzulegen, nach welchem die Juden mit dem Schiff offiziell nach Hamburg, in Wahrheit jedoch nach Palästina, gebracht werden sollen. Als das Schiff, auf dem sich die Juden daraufhin eingefunden haben, gerade aus dem Hafen fährt, erkennen die Briten, dass der Befehl eine Fälschung war. Es gelingt ihnen, die Ausfahrt des Schiffes zu blockieren. Eine Enterung lassen sie aber ausbleiben, nachdem die Haganah gedroht hat, das Schiff samt seiner Passagiere mit Dynamit zu sprengen. Ari ruft die Passagiere des Schiffes daraufhin zu einem Hungerstreik auf, in der Hoffnung, dass die Briten sie fahren lassen. Er gibt den Passagieren dafür 20 Minuten Bedenkzeit, ob sie am Hungerstreik teilnehmen oder wieder ins Lager zurückkehren wollen. Die große Mehrheit entscheidet sich dafür, am Hungerstreik teilzunehmen. Anschließend werden die Lebensmittel über Bord geworfen, das Schiff in Exodus umbenannt und die weiß-blaue Flagge mit dem Davidstern – die spätere Flagge Israels – gehisst. Kitty wird als Krankenschwester auf das Schiff gelassen, wo sie sich nach Karen erkundigt. Dort lernt sie Ari kennen. Letztendlich geben die Briten nach und lassen die Exodus nach Palästina fahren. Wesentliche Elemente wurden im Film von der La-Spezia-Affäre auf die Exodus übertragen.

Der zweite Teil des Films spielt in Palästina und zeigt die letzten Monate der britischen Mandatszeit vor der Staatsgründung Israels. Nachdem die Exodus in Haifa ankommt, werden Karen und Dov Gan Dafna zugeteilt, einem Kibbuz in der Nähe des Berges Tabor, in dem Ari lebt und in dessen Umgebung auch seine Eltern und seine Schwester wohnen. Kitty hat Ari, Karen und Dov nach Palästina begleitet. Kitty und Ari verlieben sich im weiteren Verlauf des Films ineinander. Dasselbe gilt für Karen und Dov. Dov schließt sich in Palästina der Irgun an, deren örtlicher Ableger von Aris Onkel Akiva (David Opatoshu) geführt wird. Weil Dov in Auschwitz gezwungen wurde, Löcher für Massengräber zu sprengen, ist er im Umgang mit Sprengstoff vertraut, sodass er diese Kenntnisse nun im Dienst der Irgun anwenden kann. Das Verhältnis von Ari und seinem Vater Barak gegenüber Akiva ist angespannt. Ari wirft Akiva vor, dass er durch seine terroristischen Aktivitäten dem internationalen Ansehen des Zionismus schade; Barak (Lee J. Cobb) hat den Kontakt zu Akiva völlig abgebrochen und zählt ihn am Jom Kippur zu den Toten. Nachdem Akivas Leute den Bombenanschlag auf das King David Hotel verübt haben, bei dem 91 Menschen (darunter viele britische Soldaten) getötet werden, gelingt es den Briten, alle Beteiligten außer Dov zu fassen. Dov wird von nun an vom Militär gesucht. Die Gefangenen werden daraufhin von einem Tribunal zum Tod durch den Strang verurteilt und warten im britischen Central Prison in Akko auf ihre Hinrichtung. Ari und seine Leute bieten der Irgun jetzt die Zusammenarbeit an, um Akiva und seine Männer aus dem Todestrakt zu befreien, doch die Irgun misstraut der Haganah anfänglich. Schließlich entscheiden sich beide Seiten jedoch dafür, ihre gegenseitige Distanzierung aufzugeben und zusammenzuarbeiten, weil sie der Ansicht sind, dass sie nur so eine Chance in dem bevorstehenden Arabisch-Israelischen Krieg hätten. Bei einer spektakulären Befreiungsaktion gelingt es ihnen tatsächlich, Akiva und seine Männer zu befreien, indem sie die Mauern des Gefängnisses mit Dovs Hilfe freisprengen (hier lehnt sich der Film an den Gefängnisausbruch von Akko an, bei dem 28 Mitglieder der Irgun und Lechi befreit wurden). Ari und Akiva werden auf der Flucht allerdings angeschossen. Akiva stirbt kurze Zeit später, doch Ari gelingt es, nach Gan Dafna zu fliehen. Um einer Durchsuchungsaktion der Briten in Gan Dafna zu entgehen, wird der schwer verwundete Ari allerdings in Abu Yesha, einem arabischen Dorf, das neben Gan Dafna liegt, untergebracht. Hier ist sein langjähriger Freund Taha (John Derek), mit dem er zusammen aufgewachsen ist, der Muchtar des Dorfes. Kitty pflegt dort Aris Wunden.

Als am 29. November 1947 der UN-Teilungsplan für Palästina von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen wird, bricht in Gan Dafna begeisterter Jubel aus. Auch Ari ist erfreut über den Beschluss, doch Taha kann seine Freude nicht teilen. Er spricht an diesem Abend zu Ari, dass Ari seine Freiheit gewonnen und er seine verloren habe. Des Weiteren sagt er, dass es ihm noch nie so bewusst wie an diesem Tag geworden sei, dass er ein Moslem ist. Taha erfährt anschließend von dem früheren SS-Offizier von Storch (Marius Goring), dass der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, befohlen hat, Gan Dafna anzugreifen, weil dies eine strategisch wichtige Stelle im kommenden Krieg sei. Taha solle hierfür 300 Mann seines Dorfes zur Verfügung stellen, die von 80 arabischen Soldaten unterstützt werden sollen, welche von von Storch ausgebildet wurden und unter dessen persönlichen Kommando stehen. Taha ist innerlich zerrissen: Er will die Einwohner von Gan Dafna nicht angreifen, will sich aber auch nicht dem Befehl des Mufti widersetzen, weil er sich sonst als Verräter an seinem Volk vorkommt. Schließlich widersetzt er sich dem Befehl zwar nicht, warnt Ari jedoch, dass dieser Gan Dafna evakuieren solle, damit niemand getötet werden kann. Gan Dafna wird daraufhin, bis auf einige Wachleute des Palmach, vollständig evakuiert. Am nächsten Morgen warten Ari und die Palmach-Leute auf den Angriff aus Abu Yesha, der jedoch wider ihren Erwartungen ausbleibt. Darum beschließen sie, Abu Yesha selbst anzugreifen. Als sie in dem Dorf eintreffen, entdecken sie allerdings, dass es menschenleer ist. Die Leute des Mufti hatten eine Planänderung durchgeführt: Weil aufgeflogen war, dass Taha den Plan verraten hatte, hatten sie ihn verworfen und stattdessen Abu Yesha evakuieren lassen. Ari und seine Leute entdecken außerdem, dass Taha umgebracht wurde: Er wurde gehängt, ein Davidstern in seinen Oberkörper geritzt und ein Hakenkreuz an die Wand neben seinem Strick gemalt. Zur gleichen Zeit findet Dov heraus, dass auch Karen in der Nacht getötet wurde, nachdem sie ihn bei seinem Wachposten kurzzeitig besucht hatte. Die Leichen von Karen und Taha werden daraufhin von den Palmach-Leuten beerdigt. Der Film endet damit, dass Ari für beide eine Trauerrede hält, bei der er schwört, dass der Tag kommen werde, „an dem Araber und Juden in Frieden zusammen leben werden, in diesem Land, das sie im Tod so oft geteilt haben“.

Kritiken

„Im Stil eines aktionsreichen Spannungsstückes verfilmt, wobei die geistigen und politisch-historischen Hintergründe sehr vereinfacht werden. Das ernsthafte Bemühen, den Anspruch jedes Menschen auf Freiheit und Würde auch aus der abenteuerlichen Handlung aufleuchten zu lassen, sichert dem Film dennoch Sympathie.“– Lexikon des internationalen Films[11]

„Der misslungene Versuch eines Geschichtsbildes. Für urteilsfähige Erwachsene.“ – Evangelischer Filmbeobachter[12]

Rezension

Was der evangelische Filmbeobachter mit seinem harschen Urteil meint, ist wohl klar: Dass er eine hemmungslose Verfälschung der Geschichte bemerkt haben will. Das erinnert an so vieles, auch daran, dass gerade im evangelischen Teil Deutschlands die Juden besonders wenig Unterstützung in der Bevölkerung fanden und es nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 im Süden mehr Proteste und Kritik seitens der deutschen Bevölkerung ab als im Norden. So weit, so schlecht. Der 82. Jahrestag der Nacht, in der die Synagogen brannten, ist vor zwei Tagen gewesen, insofern passt dieser Text gut in die Zeit und die triste Herbststimmung gut zu dem, was damals geschah, in einem Land, in dem sich die meisten als Christenmenschen bezeichneten.

Von dieser Zeit und der Shoah her muss man das betrachten, was danach geschah, um „Exodus“ einen Vorab-Kredit geben zu können, denn letztlich rechtfertigt er bis zu einem gewissen Grad auch Terror, sofern sich die Terroristen in die gute Sache und die Erreichtung der richtigen Ziele einbinden lassen. Mit den Terroristen sind die Mitglieder der Irgun gemeint, die mit der Hagana über Kreuz liegen, was den richtigen Weg zum Staat Israel angeht:

Die Irgun Zwai Leumi, (hebräischאִרְגּוּן צְבָאִי לְאֻמִּיIrgūn Zvaʾī Ləʾummī, deutsch ‚Nationale Militärorganisation‘, Abkürzung IZL oder Etzel), auch lediglich Irgun, war eine jüdische, von 1931 bis 1948 bestehende zionistische paramilitärische Untergrundorganisation im britischen Mandatsgebiet Palästina vor der israelischen Staatsgründung. Sie stand der Weltunion der Zionistischen Revisionisten von Wladimir Jabotinsky nahe, welcher auch Oberkommandierender von 1937 bis 1940 war. In Folge des Arabischen Aufstandes verübte die Gruppe terroristische Anschläge gegen die arabische Bevölkerung. Später richteten sich die Anschläge vermehrt gegen die britische Mandatsmacht.[1][2][3] Zu den bekanntesten Operationen gehören der Bombenanschlag auf das King David Hotel 1946 mit über 90 Opfern und die Teilnahme am Massaker von Deir Yasin 1948 mit über 100 Opfern. Nach Ausrufung der Unabhängigkeit Israels im Jahr 1948 löste dessen Regierung die Organisation auf, wobei Widerstand teilweise mit Waffengewalt gebrochen werden musste und integrierte deren Mitglieder in die Israelischen Streitkräfte. (1)

In der Manifestation der Ziele der Irgun spielte eine wichtige Rolle, dass England in der Notzeit des Ersten Weltkriegs auf jüdisches Geld angewiesen war und es dadurch zur Balfour-Erklärung von 1917 kam, die sicher keine Herzensangelegenheit des Empire war. Entsprechend zwiespältig werden die Engländer in „Exodus“ dargestellt – honorable Einzelpersonen gibt es, aber auch Snobs, deren Mindset dem Rassismus der Nazis ähnelt. Ob man England das Mandatsgebiet Palästina wirklich „reingedrückt“ hat, wie der Kommandeur auf Zypern es ausdrückt, steht auf einem anderen Blatt, die Geschichte verlief jedoch in etwa so:

Die Irgun strebte die Gründung eines jüdischen Staates in den Grenzen des Britischen Mandatsgebietes von Palästina an, gemäß dem Plan der Balfour-Deklaration von 1917. Sie engagierten sich deshalb bis 1940 zusammen mit anderen Organisationen für die Einwanderung von Juden nach Palästina. Die Einwanderung von Juden wurde von den Briten in der Folge stark eingeschränkt. Insbesondere auch während der Zeit des Dritten Reiches und des Holocausts wurden jüdische Flüchtlinge abgewiesen und zurück nach Europa in ihren sicheren Tod geschickt.

Dass auch nach dem Ende des „Dritten Reiches“ noch so verfahren werden soll, führt zur Aktion „Exodus“, mit der sich ca. 600 Juden an Bord dieses alten Frachters die Fahrt nach Palästina mit etwas erzwingen, das Ari Ben Kanaan zu Recht als Propaganda bezeichnet. Er setzt darauf, dass die Briten nachgeben, um von der Weltöffentlichkeit nicht zu sehr angeprangert zu werden. Zur Irgun und besonders zu deren militanter Abspaltung nach einer Befriedung zählte unter anderem der spätere Premier Menachem Begin, der in Camp David (1978) unter der Schirmherrschaft von US-Präsident Jimmy Carter das israelisch-ägyptische Friedensabkommen mit Anwar el-Sadat aushandelte. Im Jahr 1960, als „Exodus“ gedreht wurde, lagen die beiden „Initiationskriege“ Israels noch voraus, der Sechstagekrieg von 1967 und der Yom-Kippur-Krieg von 1973. Israel hatte seine militärische Macht also noch nicht bewiesen und es als so verletztlich darzustellen wie in „Exodus“ diese kleinen, neu angelegten Siedlungen im arabischen Umland, ist durchaus nachvollziehbar.

Zu den historischen Tatsachen zäht neben der Fahrt der Exodus selbst, die für alle Verletzlichkeit und für die große mentale Stärke derjenigen steht, welche die Konzentrationslager überlebt hatten, der Anschlag auf das King-David-Hotel im Jahr 1946, der bereits die Schattenseite des Zionismus andeutet: Einer der Irgun-Führer sagt, in Bezug auf die Juden von Gerechtigkeit zu sprechen, sei (dem Sinn gemäß) nicht angängig und nun treffe es eben mal andere Völker (vor allem die Araber). Demgemäß sind deren Rechte auch nicht so wichtig. Die fatale Entwicklung, dass Opfer sich im Sinne von „nie wieder“ zu Tätern wandeln, ist allerdings kein speziell zionistisches Phänomen, sondern in der Geschichte von Unterdrückung, Befreiung und neuer Unterdrückung vielfach zu beobachten. Wie Zionisten diesen Film und die Figur des Akiva Ben Canaan als einen intellektuellen Führer der Irgun heute beurteilen, würde mich interessieren – mehr als die Einschätzung des jungen Fanatikers Dov Landau, dessen Fanatismus und dessen Wut gegen fast alle aus seiner Biografie abzuleiten ist, welche es mit sich brachte, dass er aus Auschwitz  besondere Traumata mitnahm, die ihn schon in sehr jungen Jahren gezeichnet haben. Ich befürchte aber, die Antwort würde mich nicht sehr erfreuen und Isreals Tendenz nach rechts unter Benjamin Netanjahu macht sicher für viele diese Anschläge wieder salonfähig. Das habe ich nachträglich gefunden und eingefügt:

Akiva Ben Canaan (David Opatoshu), commander of the Irgun, is based on the real-life Menachem Begin, who later became Prime Minister of Israel. Opatoshu portrayed Begin in …die keine Gnade kennen (1976). (2)

Die Geschichte der Hagana, welcher Ari Ben-Canaan (gespielt von Paul Newman) angehörte und die z. B. Anschläge der Irgun nicht billigte, weil sie befürchtete, der Prozess der offiziellen Werdung des Staates Israel in den neugegründeten Vereinten Nationen per Abstimmung könnte durch Terroranschläge negativ beeinflusst werden, ist recht komplex, zeugt von einer Gründung aus der Defensive (Judenpogrome, arabische Überfälle auf frühe jüdische Siedlungen in Palästina unter britischem Mandat), davon, wie die Briten die Juden auch im Zweiten Weltkrieg eingespannt haben, bis es nicht mehr notwendig war, sich ihrer zu bedienen und insofern ist auch der kritische Blick auf die britische Mentalität berücksichtigt, die vom „guten Briten“, General Sutherland (Ralph Richardson), dargelegt wird. Die Hagana hat tatsächlich auch die Operation „Exodus“ durchgeführt, denn ihr Hauptanliegen war es, auch illegal so viele Juden wie möglich nach Palästina zu bringen, um kraft der großen Zahl die UN quasi zur Anerkennung eines  Staates Israel zu zwingen.

Trotzdem lebten nach Angaben aus dem Film zur Zeit der israelischen Staatsgründung dort erst 650.000 Menschen jüdischen Glaubens. Wenn man dies in Relation zu den Tötungszahlen der Shoah setzt, könnte man sagen: Das waren viel zu wenige, um die Welt nach den gewaltigen Schrecken des Zweiten Weltkrieges zu beeindrucken. So einfach ist die Gleichung allerdings nicht, denn eine Fortsetzung von Deportationen, sogar zurück nach Deutschland und in großem Stil unter britischer Ägide wolle letztlich doch niemand verantworten. Die Szenen, die dabei entstanden wären, konnte sich das wackelnde britische Empire nicht leisten.

Andere Elemente des Films, wie der Auftritt des Nazis im weißen Anzug, sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fiktiv, denn dass 1948 mitten im britischen Mandatsgebiet ein Typ mit Hakenkreuzfahne am Auto herumfährt und immer noch Einfluss ausübt, ist für mich kaum vorstellbar, man erlag jedoch der Versuchung, einen Dämon auferstehen zu lassen. Auch der Spin, der dadurch entsteht, muss als fragwürdig angesehen werden: Die Araber, die ihren eigenen Bürgermeister umbringen, weil sie ihn für einen Verräter und „Judenfreund“ halten, sind demnach von Nazis aufgehetzt worden, die immer noch ihr Unwesen treiben. Das war vor allem in Filmen direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Thema: Wohin sich die Nazis überallhin verflüchtigt haben und was sie dort treiben, um die Weltherrschaft doch noch irgendwie übernehmen zu können (u. a. in Hitchcocks „Notorious“ aus dem Jahr 1946, der darauf rekurriert, dass viele Systemstützen nach Südamerika emigriert waren).

Sicher war das eine Idee, um die Anschläge von Arabern auf israelische Siedlungen mit einem bis zu einem gewissen Grad exkulpierenden Hintergrund zu versehen. An der Stelle darf man nicht vergessen zu erwähnen, was General Sutherland ebenfalls gesagt hat, als er versuchte, Kitty die nahöstliche Problemlage zu erklären: Auch die Araber erhielten von den Briten im Ersten Weltkrieg Zusicherungen, um gegen das mit Deutschland verbündete osmanische Reich zu kämpfen – was für die Gestaltung des vorderen Orients, wie er heute aussieht, ebenso relevante Nachwirkungen hatte wie die Gründung des Staates Israel.

Um den Film in den USA besonders gängig zu machen, nimmt er die Perspektive einer anfangs naiven, aber sehr sympathischen Amerikanerin ein, die zusammen mit dem Kinopublikum in die Thematik eingearbeitet wird und lernt, was es heißt, eine jüdische Identität zu haben. Leider kreisen ihre Gespräche mit Ari Ben-Canaan nur darum, ob nun alle Menschen auf der Welt gleich sind oder nicht und Verschiedenheit wird nicht durchdiskutiert bis hin zu dem Überlegenheitsdenken, das im Laufe der Menschheitsgeschichte schon eine ganze Reihe von Völkern auf Abwege geführt hat und das in der Tat wesentlich dazu beiträgt, dass es niemals friedlich zugehen kann.

Auch in einer etwas ausführlicheren Inhaltsgabe, welche die IMDb bereithält, wird von der „Jewish Nation“ gesprochen, nicht von einer Glaubensgemeinschaft, und Zionisten vertreten die Ansicht, sie gehörten einem auserwählten Volk an. Deshalb ist auch die Gleichsetzung von Kritik am Zionismus = Kritik an israelischer Expansionspolitik = Antisemitismus (am liebsten noch = Antikapitalismus, damit man, wie die hiesige rechtsliberale Presse, maximal wirksam gegen soziale Kämpfe agieren kann), die von dieser Seite heftig propagiert wird und vor allem linken Parteien und jüdischen Menschen mit linker und am Frieden orientierter Einstellung schadet – weniger jedoch den Rechten, die auf derlei Gleichsetzungen wunderbar ihre eigenen Spins aufbauen können, nicht nur gefährlich, sondern inakzeptabel. Den Kapitalismus beispielsweise mit dem Schutzschild des Antisemitimsmus zu verteidigen, ist keine Lösung, sondern verschärft die weltweiten Probleme, die wir derzeit sehen.

Der Film verteidigt die Irgun zwar nicht komplett, aber er hat eine deutlich konserative Note, das zeigt sich in vielen Kleinigkeiten, auch an den Rollenbildern, die z. B. Ari sehr traditionell wahrnimmt, obwohl in den Kibuzzim und den Siedlungen Frauen gleichberechtigt mitwirken – nicht dürfen, sondern müssen -, um die Wehrhaftigkeit und die Arbeitskraft der Gemeinschaften maximal zu erhöhen. Deshalb zählt Israel heute zu den Staaten, in denen die Gleichberechtigung am weitesten vorangeschritten ist, auch an der Waffe. Weiterhin gibt es Fragezeichen, die sich zumindest bei mir aufgetan haben: Zum Beispiel, dass Kitty sich in Aris Familie unwohl fühlt, obwohl diese fast schon klischeehaft kommunikativ-quirlig-sorgend „jiddisch“ dargestellt wird – zumindest die Mutter. Da stimmen die Anforderungen des Drehbuchs nicht so recht mit dem überein, was zuvor in Wort und Bild vermittelt wird. Die kulturellen Differenzen werden m. E. nicht hinreichend beleuchtet und vor allem in ihren Konsequenzen nicht dargestellt, das hätte man, wenn man der Politik so viel Zeit widmet, in 3,5 Stunden auch noch tun können.

Ich halte einiges davon für etwas künstlich. Der einfache Satz: Wir sind in all unserer Verschiedenheit zu respektieren, fällt zwar, wir sind nicht alle kulturell gleich, aber nicht derjenige: Wir sind jedoch in unseren Rechten alle gleichzustellen und in der Realität nach diesen Rechten gleichzubehandeln – das ist demokratisch, humanistisch. Deshalb hatte ich mich am Schluss gefragt, als Ari seine leider etwas missglückte Grabrede hielt, die auf einer missglückten Konstruktion beruht (eine junge Jüdin wird mit einem Araber zusammen in einem Doppelgrab ausschließlich von Juden beerdigt), wie er also sagt: Eines Tages werden wir hier alle in Frieden zusammenleben, da konnte ich nicht umhin, mich zu fragen: Zu welchen Konditionen?

Es kam nie zum Frieden, wie wir wissen. Die heutige Realität: Das Verfahren der Hagana, Menschen einfach in nicht zum israelischen Staatsgebiet zählenden Terretorien festzusetzen, Siedlungen zu errichten und damit Fakten zu schaffen, die niemand mehr beseitigen kann, wird immer noch praktiziert und vielleicht als eine begrüßenswerte Tradition seit der Staatsgründung angesehen.

Fakten und Meinung zum Film (2)

Although many critics felt that Paul Newman was miscast as Ari Ben Canaan, producer and director Otto Preminger maintained that he had envisioned only Newman playing the part from the time he read the novel.

Den Gedanken habe ich während des Anschauens auch durchgespielt, bin aber letztlich zu dem Schluss gekommen: Es musste, um des Großprojekt abzusichern, ein angesagter Schauspieler sein, und das war Newman auf jeden Fall, um 1960. Er hat auch die darstellerische Statur, um eine solche Rolle zu meistern. Ob er als geborener jüdischer Palästinenser glaubwürdig ist? Man soll da nicht zu sehr in Klischees denken. Dass er auch einen guten Briten abgeben würde, hat er ja mit seiner Maskerade eines Transportoffiziers bewiesen und ohne eine gewisse Optik wäre der entlarvende Dialog mit dem rassistischen Major nicht möglich gewesen, der für mich einer der besten im gesamten Film ist:

[Jewish Ari Ben Canaan is masquerading as a gentile British officer named Bowen]
Maj. Caldwell: [about Jews] They look funny too. I can spot one a mile away.
Ari Ben Canaan: [pointing at his eye] Would you mind looking into my eye, sir? It feels like a cinder.
Maj. Caldwell: Yes, certainly.
[Caldwell looks into Ben Canaan’s eye]
Maj. Caldwell: You know, a lot of them try to hide under gentile names, but one look at their face, you just know.
Ari Ben Canaan: With a little experience, you can even smell them out.
Maj. Caldwell: I’m sorry Bowen, I can’t find a thing.

Die Situation an sich wirkt zwar etwas gekünstelt, aber der Alltagsrassismus, der immer noch präsent ist, gleich, wem gegenüber, kann mit solchen Dialogen auf recht einfache Weise dargestellt werden.

At the premiere, as the movie neared its third hour with the end not yet in sight, comedian Mort Sahl stood up from his seat in the packed theater and shouted, „Otto Preminger, let my people go!“ The incident quickly became a popular piece of Hollywood lore. (2)

Die witzige Anspielung auf das, was Moses in der Bibel zum ägyptischen Herrscher sagt (der Vergleich zwischen Moses und Ari wird in der Tat gewählt), kann ich nachvollziehen. Man versucht, mit Schwarzblenden den Film ein wenig zu strukturieren, offenbar wurde er sogar ohne Pause gezeigt, was bei Dreistundenfilmen damals durchaus nicht üblich war. Man spielt einzelne Situationen auch nicht zu sehr aus, die Art, wie durch Auslassungen gerafft wird, ist recht modern: Doch der Film leidet an seiner Überfülle. Heute würde man eine Serie daraus machen: Die „Exodus“, die dem Film ihren Namen gab, die Reise der 600 ins gelobte Land. Dann der Streit „Terror: Irgun gegen Hagana“, der hier schön an Führungspersönlichkeiten festgemacht wird, die aus einer einzigen Familie standen und letztlich „Aufbau, Gründung, Verteidigung“.

So in etwa, und aus jedem der drei Teile könnte man locker einen 120-minütigen Spielfilm oder eine Minserie in sechs bis neun Teilen machen. Ich kann es nicht ändern: Obwohl ich auf diesen langen Film vorbereitet war, habe ich immer wieder auf die Uhr geschaut, vor allem, als es weit nach Mitternacht war. Dalton Trumbo war ein sehr renommierter Drehbuchautor, aber das dicke Buch von Leon Uris hat er zu linear und vollständig versucht ein einem Film zu übersetzen – vermutlich, um der Bedeutung des Stoffes gerecht zu werden. Otto Preminger, der berüchtigt für seine sehr straffe Führung der Schauspieler war, konnte dadurch fesselnde Gerichtsfilme und dergleichen machen, die sehr präzise wirken, aber ein nun doch Epos fordert noch einmal andere Fertigkeiten, wie auch William Wyler ein Jahr zuvor bei „Ben-Hur“ feststellen durfte. Immerhin:

Producer and director Otto Preminger helped to end the stigma of the Hollywood blacklist by hiring Dalton Trumbo to adapt the screenplay for this movie, before Trumbo was hired for Spartacus (1960).

Die problematische Seite zeigt sich hier (ich habe das erst nach meinen obigen Anmerkungen zu Premingers Stil gelesen):

Paul Newman and producer and director Otto Preminger did not get along while making this movie. Preminger was not interested in hearing Newman’s ideas. Newman later said he regretted making this movie.

Für den Film müssen sich beide zumindest nicht schämen, aber überrascht hat mich diese Anmerkung nun nicht. Die vom Method Acting kommenden Schauspieler waren es gewöhnt, sich selbst sehr stark in ihre Rollen einzubringen und an deren Interpretation mitzuwirken. Hätte Newman das überdimensionale Ego eines Marlon Brando gehabt, wäre der Film vermutlich komplett ausgefasert, so biss man sich zusammen durch, auch deshalb vielleicht:

Paul Newman took the part of Ari Ben Canaan in honor of his father, who was Jewish.

Allerdings war Newman kein Zionist. Produzent und Regisseur Otto Preminger und Autor Dalton Trumbo versuchten, den starken antibritischen Akzent des Romans von Leon Uris zu mildern, aber wohl auch aus dramaturgischen Gründen kam es eben doch zu einer Verkürzung, weshalb ich auch der Ansicht bin, aus dem, was der Titel des Films suggeriert, dem Schicksal der „Exodus“ und der Menschen an Bord, könnte man einen eigenständigen Film machen (außerdem war die „Exodus“ kein uralter Frachter, sondern ein zu der Zeit, als die Geflüchteten an Bord waren, ein ca. 18 Jahre altes Ausflugsschiff):

There are important historical differences between the actual „Exodus 1947“ ship („the ship that launched a nation“), and the ship as presented in the movie (and in the original novel by Leon Uris). In the movie, the immigrants are allowed to disembark in Haifa in the spring of 1946, after which they witness the King David Hotel bombing (July 1946) and the Acre prison break (May 1947). The real Exodus 1947 was rammed and attacked by British warships on July 18, 1947. One crew member and two refugees were killed and dozens were injured. The ship was escorted to Haifa, but the refugees were sent back to France the next day, using three more seaworthy ships. When U.N. Resolution 181 was voted on November 29, most of them were back in D.P. camps, in the British occupation zone near Hamburg, Germany.

Daher auch die Anspielungen auf Hamburg im Film – aber durch den viel friedlicheren und umkomplizierteren Verlauf der Reise (nach dem Hungerstreik) nimmt man auch viele Möglichkeiten weg, Dramatik zu erzeugen. Sehr selten, dass etwas im Kino unspektakulärer dargestellt wird, als es in der Realität war. Aber ich  hatte es noch richtig in Erinnerung, denn ich wunderte mich beim Anschauen, dass die Engländer die Geflüchteten schließlich ohne Gewaltanwendung ziehen ließen. Die Propagandawirkung der Aktion wird also etwas überbetont, um die Auseinandersetzungen um die „Exodus“ zugunsten der Briten etwas abgemildert darzustellen. Gleichwohl ist sie auch ein Symbol und ihr Name Programm.

Finale

Dass wir diesem wuchtigen Film eine große Rezension widmen – oder es ganz bleiben lassen müssen, war schon lange klar, daher der lange Anlauf. Ich fasse hier einige weitere Aspekte kurz und abschließend zusammen: In der IMDb steht, Eva Marie Saint sei häufig als zu alt für ihre Rolle angesehen worden. Es ist in der Tat erstaunlich, um wieviel älter sie wirkt als ein Jahr zuvor in dem wundervollen „Der unsichtbare Dritte“, als Hitchcock ihr allerdings auch als einziger Person einen Weichzeichner zukommen ließ, was damals schon recht unüblich war. Deswegen hatte er sich später auch despektierlich darüber geäußert, wie andere Regisseur sie später weitaus weniger schillernd abgelichtet haben. Sie war aber nur ein Jahr älter als Paul Newman.

Die Nutzer der IMDb bewerten „Exodus“ heute mit 6,7/10 ziemlich durchschnittlich, vor allem ist die Wertung für einen epischen Film dieser Art nicht sehr hoch, der zu einer Zeit entstand, als fast jedes Jahr ein Film herauskam, der noch größer und prächtiger sein wollte als alle anderen Filme zuvor. Ob es die Überlänge, gepaart mit einer tatsächlich zuweilen ermüdend flachen Dramaturgie ist, durch die Highlights zu sehr durchgeschleust werden, ist oder der starke politische Hintergrund mit entsprechendem Tenor, ist für mich schwer zu beurteilen. Ich sehe den Film trotz eines persönlichen Abstands zum Zionismus auch nicht überwiegend als Propaganda für ebenjenen an, sondern tatsächlich als den Versuch, ein besonders wichtiges und emotionales Stück Geschichte, die der Überlebenden des Holocausts und ihrer (formalen) Erlösung durch die Gründung des Staates Israel, im Kino nachvollziehbar darzustellen. Vieles war richtig, auch die Zeit dafür, aber eben nicht alles, deswegen gehe ich zwar höher als die IMDb, aber bleibe etwas unterhalb der im Rahmen der Filmfest-Rezensionen vergebenen Top-Bewertungen, die etwa bei 80/100 aufwärts angesiedelt sind.

77/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Angaben aus der deutschen Wikpedia
(2) Angaben aus der Internet Movie Database (IMDb)

Regie Otto Preminger
Drehbuch Dalton Trumbo
Produktion Otto Preminger
Musik Ernest Gold
Kamera Sam Leavitt
Schnitt Louis R. Loeffler
Besetzung

 

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