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Crimetime 859 - Titelfoto © BR

Der Miethai und seine Opfer, Jahrgang 1973

Der 34. Tatort zählt zu den besten Dokumentationen über den Mietenwahnsinn, die bisher angefertigt wurden. Und mittendrin ein Krimi. Neunzehn Jahre lang durfte der Film nicht ausgestrahlt werden, weil Pröpper, der Vermieter-Sanierer, nach dem Geschmack des Rundfunkrats zu negativ dargestellt war.

Wie der Bayerische Rundfunkt heute zu dem Film steht, ist bemerkenswert: Er wird selten ausgestrahlt, aber er ist jederzeit in der ARD-Mediathek abrufbar und wurde sehr schön restauriert. Vor allem die stellenweise sehr tiefen Rot- und Grüntöne, die an die Farbgebung der Universal-Kinofilme aus den 1950ern erinnern, machen sich besonders gut, wenn der Helfer des Miethais im Grün nahe der Isar ein paar Boxhiebe erhält und das Blut aus der Nase rinnt. Nicht nur die Handlungsbeschreibung der Wikipedia und die Besetzungsliste sind sehr lang, auch die -> Rezension wird eine der umfangreichsten der letzten Zeit werden.

Handlung (Wikipedia)

In München finden Demonstrationen wegen der anhaltenden Gentrifizierung immer weiterer Teile der Stadt statt. Josef Bacher, der aus der Jugendstrafanstalt in Hamburg entlassen worden ist, kehrt nach Jahren in seine Heimatstadt zu seiner Familie zurück. Der Empfang durch seine Mutter Nadja ist kühl. Sie arbeitet als erfolgreiche Fotografin. Josefs frisch von ihrem spanischen Ehemann geschiedene Schwester ist ebenfalls mit ihren beiden Kindern zur Mutter zurückgekehrt. Die Bachers und Erwin müssen bald aus ihrem Haus ausziehen, denn auch dieses soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Josef Bacher berichtet, dass er nach seiner Haftentlassung in Bremen Arbeit hatte, nun ist diese jedoch beendet, und so will er dauerhaft in München bleiben. Als er merkt, dass er bei seiner Mutter nicht willkommen ist, verabschiedet er sich schnell wieder. Sein Stiefvater Erwin Kempf, der dem jungen Mann freundlich gesinnt ist, macht Nadja Vorhaltungen, dass sie ihrem Sohn gegenüber so ablehnend war, sie gibt zu, ihren Sohn nicht zu mögen, da er sie so sehr an ihren geschiedenen Mann erinnere. Erwin meint, es sei ein Fehler gewesen, Josef damals in ein Heim gegeben zu haben. Er geht hinaus zu Josef, der noch immer im Treppenhaus sitzt und nicht weiß, wohin er gehen soll, und bietet ihm Geld an, doch Josef lehnt ab. Josef sagt Erwin, dass er einen gut bezahlten Job in München habe, es sei allerdings nichts Illegales. Erwin rät seinem Stiefsohn, nach Bremen zurückzugehen und keinen Unsinn zu machen.

Josef Bachers neuer Arbeitgeber ist der reiche Vermieter Pröpper. Er warnt Josef, dass der Job nicht ungefährlich sei, aber Bacher traut sich den Job zu. Pröpper quartiert Bacher als Untermieter bei der alten Frau Altmann ein. Sein erster Auftrag führt ihn zur Wirtsfamilie Mandl, bei dem er einen Heizungskessel reparieren soll, was die Mandls verwundert, weil Pröpper sie doch hinauswerfen und das Haus abreißen wolle. Frau Altmann ist gar nicht begeistert von ihrem neuen Untermieter, stimmt allerdings zu, weil Pröpper ihr nach dem Abriss eine günstige Wohnung in einem seiner Neubauten in Aussicht stellt. Frau Altmann ist an einer Ehe mit dem etwa gleichaltrigen Herrn Hallbaum interessiert, jedoch ist ihr, wie sie von Herrn Hallbaums Enkel Jürgen erfährt, in Frau Kreipl eine Konkurrentin erwachsen. Am nächsten Morgen um sieben Uhr beginnt Bacher mit seiner „Arbeit“. Er schlägt den Putz von den Wänden herunter, angeblich, weil die Wände neu isoliert werden müssten. Mandl beschwert sich bei Pröpper, weil Bacher, anstatt den Heizungskessel zu reparieren, diesen sabotiert hat, so dass die Wirtsleute nicht mehr abspülen können. Pröpper gibt vor, keinen Handwerker zu haben, der Abhilfe schaffen könnte. Als Bacher das Lokal betreten will, erteilt ihm Mandl wutentbrannt Hausverbot. Hallbaums Enkel fragt seinen Großvater, warum dieser mit Frau Altmann eine Zweizimmerwohnung sucht, denn wo solle er dann bleiben? Hallbaum erklärt seinem Enkel daraufhin, dass dieser künftig bei seiner Mutter leben soll. Er meint, dass sich das flatterhafte Wesen der Mutter schon legen werde, wenn ihr Sohn, der bislang ständig bei seinem Großvater gelebt hat, bei ihr wohnen würde.

Als Herr Hallbaum mit seinem Enkel zum Wohnhaus zurückkehrt, ist dort Polizei und ein großer Menschenauflauf, weil Frau Altmann tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Veigl trifft in der Wohnung auf ihren behandelnden Arzt, der berichtet, dass Frau Altmann ihn am Vortag angerufen und über eine Magenverstimmung geklagt hätte. Am nächsten Morgen hätte er sie daher aufgesucht und vom Hausmeister die Wohnung öffnen lassen. Dort fand er die tote Frau Altmann vor. Veigl stellt fest, dass Frau Altmann noch telefonieren wollte, aber es nicht mehr geschafft hat. Frau Altmann ist vergiftet worden, in der Zuckerdose entdeckt die Spurensicherung ein Pulver, das dort nicht hineingehört. Aufgrund dieser Umstände schließen Veigl und seine Assistenten aus, dass sie sich selbst vergiftet hat. Vor der versammelten Hausgemeinschaft verdächtigen die Mandls und die anderen Mieter Pröpper und Bacher, Frau Altmann getötet zu haben. Später erzählen die Mandls Veigl, dass sie seit zwanzig Jahren die Gaststätte als Mieter von Pröpper betreiben, er sie jedoch zur Kündigung des Mietvertrags verleitet hat, indem er ihnen zugesagt hat, dass sie im Neubau das gesamte Erdgeschoss für ihre Gaststätte bekämen. Nachdem sie den Mietvertrag gekündigt haben, hat er den Mandls unter Verweis auf eine versteckte Klausel mitgeteilt, dass er nun doch nicht selber baue, sondern das Grundstück an eine Versicherung verkaufe, so dass die Mandls ohne Räumlichkeiten für ihre Gaststätte dastehen. Lenz und Brettschneider befragen nach und nach alle Mieter im Haus. Jürgen Hallbaum erzählt seiner Mutter und deren Freund von der Befragung. Er äußert, ganz froh darüber zu sein, dass Frau Altmann tot sei, weil Frau Kreipl mehr Geld habe und er daher hofft, dass sie seinen Großvater heiratet, so dass sie eine größere Wohnung mieten und auch ihn aufnehmen könnten. Seine Mutter und deren Schwester sind allerdings nicht gut auf Frau Kreipl zu sprechen. Der Freund von Jürgens Mutter äußert, dass die Hallbaum-Schwestern ja nun die Altmann endlich los seien, nun sollten sie auch zusehen, dass sie die Kreipl noch loswürden.

Veigl befragt die Bachers, er fragt, warum der Sohn nicht bei ihnen wohnt. Frau Mutter verweist auf die beengten Wohnverhältnisse. Erwin bemerkt, dass sein Stiefsohn eine gute Arbeit in München bei Pröpper „mit Erfolgsprämie“ hätte. Veigl wird hellhörig und merkt an, dass vor zehn Tagen in Bremen schon eine andere ältere Frau in einem Sanierungsgebiet vergiftet aufgefunden worden sei. Böck in Bremen wird auf Bitte Veigls tätig und unterstützt von Bremen aus die Ermittlungen. Er sucht den Neffen der vor zehn Tagen vergifteten Frau, einen Herrn Sänger, und befragt ihn nochmals. Er zeigt ihm ein Foto von Josef Bacher, doch er gibt vor, ihn nicht zu kennen. Er fragt Sänger, woher er das Geld für seinen teuren Sportwagen habe. Seine Freundin mischt sich in das Gespräch ein und sagt, Sänger habe das Geld geerbt. Als Böck anmerkt, die Tote sei ermordet worden, gibt sie an, dass er ihr gesagt habe, die alte Dame sei an Herzversagen gestorben. Böck sagt, dass kein Geld auf dem Konto der alten Dame war und vertritt, die Hypothese, dass die Dame wahrscheinlich wie viele ihrer Altersgenossinnen das Geld in der Wohnung aufbewahrt habe, weil sie den Banken misstrauten. Sänger ist ertappt und versucht, zu fliehen. Nach einer Verfolgungsjagd wird er wegen Mordes an seiner Tante verhaftet. Somit ist klar, dass dieser Fall nicht im Zusammenhang mit dem Tod von Frau Altmann steht.

Veigl befragt Pröpper über dessen Arbeit und Bezahlung von Josef Bacher. Pröpper gibt vor, dass er aus sozialem Gewissen handelte und einem Vorbestraften bei der Resozialisierung helfen wollte. Er streitet ab, mit Bachers Hilfe die Mieter rausekeln wollte, falls Bacher Frau Altmann wirklich getötet habe, müsse er etwas „falsch verstanden“ haben. Er gibt allerdings zu, dass er Bacher DM 1.000 für jeden „Erfolgsfall“ zahlen würde. Veigl besucht am nächsten Tag die Familie Hallbaum, Großvater Hallbaum verkündet dabei, dass er und Frau Kreipl heiraten werden und das Aufgebot am nächsten Tag bestellen würden. Veigl befragt Frau Kreipl nach ihrem Verhältnis zu Frau Altmann. Sie sagt aus, dass sie ein schlechtes Verhältnis gehabt hätten und sie das am Abend vor ihrem Tod bereinigen wollte. Als sie zu Besuch kam, ging Pröpper gerade. Frau Altmann und Frau Kreipl hätten sich ausgesprochen und Tee zusammen getrunken. Veigl merkt auf, weil er ja nur eine Teetasse vorgefunden habe. Zucker hätten sie nicht zum Tee dazu genommen. Bacher, der wieder mit einer schikanösen Arbeit gegen die Mieter betraut ist, berichtet Veigl, wie sehr er im Heim leiden musste, in das ihn seine Mutter gegeben hatte. Als er in seiner Pause in der Gaststätte der Mandls ein Bier trinken will und ihn Rudi Mandl hinauswerfen will, zieht Bacher plötzlich eine Waffe. Brettschneider, der zufällig anwesend ist, entwaffnet Bacher, die Waffe war aber nicht geladen. Bacher warnt Mandl, er müsste ihn töten, sonst komme er immer wieder.

Jürgen Hallbaum fragt Veigl, warum er Bacher nicht einsperrt und die Sanierungen nicht stoppt. Veigl versucht, ihm zu erklären, dass er nichts dagegen tun kann. Jürgen Hallbaum geht zu Bacher und beschimpft ihn als Kriminellen, Bacher sagt ihm, dass er auch wisse, dass er in der Wohnung von Frau Altmann gewesen ist. Bacher schickt ihn unwirsch weg. Rudi Mandl folgt Bacher und attackiert ihn am Isar-Ufer und schlägt ihn nieder. Jürgen Hallbaum findet Bacher, wie er versucht, sich aufzurichten und die Treppe am Ufer hochzusteigen. Jürgen meint, dass er jetzt bekommen habe, was er verdient. Als Bacher sagt, er werde Veigl erzählen, was er wisse, stößt Jürgen ihn die Treppe herunter, so dass Josef Bacher tödlich auf den Hinterkopf fällt. Jürgen läuft weg. Er rennt in die Gaststätte der Mandls, dort erfährt er, dass der Sturz für Bacher tödlich geendet hat. Rudi erklärt, dass er damit nichts zu tun hat. Der Gerichtsmediziner kann berichten, dass die Schläge im Gesicht nicht tödlich waren. Ein älteres Ehepaar sagt aus, dass sie einen Jungen haben wegrennen sehen, die Beschreibung, die sie Veigl geben, passt auf Jürgen. Veigl geht in die Gaststätte Mandl und fragt nach Jürgen. Rudi Mandl teilt er mit, dass er ihn nicht mehr für verdächtig hält. Er schreibt Jürgen Hallbaum zur Fahndung aus, da dieser weggelaufen ist. Eine Polizeistreife beobachtet den Jungen, wie er am Isar-Ufer auf ein Stauwehr zurennt. Jürgen klettert in das Stauwehr hinein und droht, zu springen. Veigl versucht, ihn von dort wegzuziehen. Der Junge gesteht, Bacher getötet zu haben, weil er ihn verraten wollte, dass er auch Frau Altmann vergiftet hat. Veigl erklärt ihm, dass er eine Chance habe, da er noch nicht strafmündig sei, und sagt ihm seine Hilfe zu. Daraufhin gibt Jürgen Veigl seine Hand und lässt sich von ihm retten.

Rezension

Regisseur Wolfgang Staudte war einer der wichtigsten Filmemacher der frühen Nachkriegszeit, „Die Mörder sind unter uns“, der erste Film der DEFA aus dem Jahr 1946 oder „Der Untertan“ (1951) zählen zum Kanon des deutschen Kinos nach dem Zweiten Weltkrieg. Später ging er zum Fernsehen, aber auch dort fand sich immer wieder etwas von seinen Ambitionen: Kritisches, wuchtiges Kino zu machen, nicht immer frei von exploitativen Ansätzen, wie man auch beim Anschauen von „Tote brauchen keine Wohnung“ registrieren kann, aber mit einem Impacht, den Dokumentation kaum haben können, weil Menschen in ihnen zu Wort kommen, aber man sieht sie nicht interagieren wie in einem Spielfilm, im Theater – oder einer Manege, auf „Tote brauchen keine Wohnung“ bezogen. Eine Manege, in der z alle Münchener Zustände zusammengeführt werden.

Gentrifizierung ist also das Hauptthema des Films und als erstes müssen wir das Entstehungsjahr in Betracht ziehen: 1973 war Bayern noch nicht wirtschaftlich führend in Deutschland und die Härte, mit welcher der Wandel, der zum Aufstieg führen sollte, auf dem Immobiliensektor stattfand, rief ebensolche Verdrängungsgeschichten hervor wie heute in Berlin, weil Spekulation auf teilweise geringe Einkommen traf. Die Rente eines Bewohners jenes Hauses, in dem der Fall spielt, wird genannt: 462 D-Mark. Das war auch damals nicht sehr viel, für ein langes Arbeitsleben, obwohl, prozentual auf das letzte Netto-Arbeitseinkommen gerechnet,  wesentlich mehr Rente gezahlt wurde als heute.

Das Drehbuch hat große Stärken bei der Konstruktion des sozialen Settings, hier wird mit viel Intuition ein großes und sogar ziemlich realistisches Panorama geschaffen, die Kriminalhandlung kann nicht überzeugen. Wir könnten witzeln, da sieht man, was die Verliererposition im Klassenkampf schon aus 13jährigen Kindern macht, aber ganz glaubwürdig wirkt es nicht. Damit am Ende das Kind nicht in den Knast muss, wird es als solches präsentiert: noch nicht strafmündig und so soll auch die etwas fragwürdige Schlussszene an der Stauwehr argumentativ unterlegt werden. Veigl soll dem Jungen, der auf dem Weg in den Suizid zu sein scheint, sagen, dass er nicht ins Gefängnis muss, empfiehlt Kollege Lenz.

Dass Jürgen den ohnehin angeschlagenen Bacher geschubst hat, der die Treppe runterfiel und sich dabei das Genick bracht, das schon, aber nicht dieser perfide Giftmord an der Frau Altmann, und das nur, weil diese nach einer Ersatzwohnung suchte, die leider nur zwei Zimmer, also keinen Platz für den Jungen, haben sollte. Vielleicht konnte sie sich einfach keine Dreizimmerwohnung leisten. Es bedarf aber der Betrachtung gar nicht, ob auch dieser Part ein Seitenhieb auf das Immobiliengewerbe sein soll, es gibt genügend andere, die sehr eindeutig sind und davon künden, dass man sich damals beim Tatort noch richtig was getraut hat.

Drei Sender sind recht offensiv bei der Bestückung der ARD-Mediathek mit sehr alten Tatorten, der NDR, der WDR und der Bayerische Rundfunk. Daher konnten wir schon einige spielfilmähnliche Ausnahme-Tatorte der ersten Jahre rezensieren, die bayerischen mit Oberinspektor Veigl (der gleiche Rang wie der von Derrick, der ebenfalls in München ermittelte) sind aber nicht so lang, „Tote brauchen keine Wohnung“ läuft nur 80 Minuten. In dieser Zeit kann man kaum so viel Sozialkritik, so viele Figuren, wie man sie hier sieht – und eine sehr ausgefuchste Handlung unterbringen, obwohl in jenen Jahren noch kein Privatleben der Ermittler wertvolle Spielzeit beanspruchte.

Es geht nicht nur um Verdrängung von Mieter*innen, sondern auch um die Verhältnisse im Haus selbst. Der Film romantisiert ganz und gar nicht. Es geht nicht besonders warmherzig zu, zwischen den Menschen, die Botschaft wird neben der Kritik an den Miethaien gleich mitgeliefert. Wenn wir über Berliner Gentrifizierungsfälle schreiben, ist uns sehr wohl bewusst, dass diejenigen, die uns Stoff liefern können, positive Ausnahmen sind: Mieter*innengemeinschaften, die es schaffen, sich medial als Einheit zu präsentieren. Viele Häuser können jedoch von Spekulanten ohne sichtbaren Widerstand übernommen werden.  Ein Paradebeispiel für die Schwierigkeit, über Verdrängung „korrekt“ zu berichten, stellt die Kneipe im Erdgeschoss des zum Abbruch bestimmten Hauses dar. Die Inhaber sind sehr sympathisch, bei ihnen finden die Versammlungen statt, selten haben wir uns darüber mehr gefreut als in diesem Film, wenn jemand vermöbelt wird, wie in den beiden Szenen, in denen der Kneipier und Ex-Boxer Mandl das willige Werkzeug des Vermieters, den jungen Bacher, schlägt. Aber: Mandl und seine Mutter schaffen es, von der Stadt eine Förderung zu bekommen und können ihr Geschäft in einem neuen Umfeld wohl weiterführen, auch wenn die Miete dort höher sein wird. Dass eine Kiezkneipe sich nur schwer in ein Neubaugebiet versetzen lässt, wird nicht erwähnt, so tief kann der Film nicht ins Detail gehen.

Aber die Szene, in der ein junger Mieter-Aktivist ruft: „Das hat man davon, wenn man sich mit Spießern einlässt!“, wird uns im Gedächtnis bleiben, weil sie den Konflikt beschreibt, dem niemals die herrschende Klasse ausgesetzt ist, die immer nur Profitmaximierung in der Birne hat, wohl aber die andere, unsere Klasse: Sollen wir uns freuen, wenn jemand es schafft, sich zu retten oder uns darüber ärgern, dass Gerettete im System bleiben und dem Klassenkampf entzogen werden, während viele weitere Menschen weiterhin im wörtlichen Sinne schauen müssen, wo sie bleiben?

Diese Situation ist unfassbar gut dargestellt, innerhalb weniger Sekunden wird sie nachvollziehbar erläutert. Nebenbei gezeigt: Das Aufkommen der Wohngemeinschaften eher als Notlösung finanzieller Probleme denn als Umsetzung eines linken Manifestes für neue Lebensentwürfe, aber auch das damals fremd wirkende daran mit Gruppensexvermutung. „Des san ois Kommunisten!“, ruft der Miethai, herausragend gespielt von Walter Sedlmayr, als die jungen Menschen laut gegen ihn protestieren. Wir mussten so lachen. Wir sind 2020 keinen Schritt weiter, und wer die gegenwärtigen Vermieterkampagnen und die politischen Helfer der Immobilienblase enttarnen will, der muss eigentlich nur auf diesen Film verweisen.

Wo bleibt eigentlich der neue Tatort vom RBB, in dem diese Zustände thematisiert werden? Wir reden zum Beispiel davon, wie der Pröpper den Bacher mit der riskanten Aufgabe betraut, das arme alte Haus absichtlich zu beschädigen: Heizung „zur Reparatur vorbereiten“, also zerstören, unnötige Löcher in die Wände stemmen – das ist so krass wirklichkeitsgetreu, dass wir leider vermuten müssen, dieser Tatort könnte als Lehrfilm für die Spekulantenmafia gedient haben. Zur Krönung werden Szenen aus realen Mieter*innenprotesten aus jener Zeit eingeflochten, die wirken, als seien sie in Berlin im Jahr 2019, 2020 gedreht worden. Okay, in Schwarz-Weiß, die Transparente waren damals nicht so professionell gestaltet und die kopierten Flugblätter wirkten etwas blas, aber die Art, wie die Demos abgehalten wurden, zeigt auch, dass einige heutige Restriktionen damals noch nicht bestanden.

Oberinspektor Veigl schaut sich eines dieser Flugblätter an und wird auch nach seiner Meinung gefragt. Der Junge, der zum Mörder wurde und der mit 13 schon ein enormes politisches Bewusstsein hat, fordert ihn mehr heraus als alle Erwachsenen. Obwohl man durchaus merkt, dass Veigl verständnis für die Hausbewohner*innen hat, zieht er sich auf seinen Beamtenstatus zurück, betont seine Neutralität und dass er seinen Job zu machen hat. Einen Mord aufzuklären. Weil er und seine beiden Assistenten (darunter Helmut Fischer als Lenz, der Veigl später beerben wird) damit aber nicht rasch genug vorankommen, kann der zweite Todesfall geschehen.

Der Klassenkampf in diesem Film war es wohl, der dem bayerischen Rundfunkrat zu heiß war. Dabei wird ein Aspekt ganz außen vor gelassen. Die Polizei kommt nur in den Personen der drei Ermittler vor, wie in der Realität die Staatsmacht hilft, Kapitalinteressen durchzusetzen, wird gar nicht gezeigt. Das war nämlich schon in den frühen 1970ern so, wie z. B. die Historie der Berliner Mieter*innenkämpfe belegt, die sich ab 1968 mit der Student*innenrevolte verbunden hatten. Hätte man diesen Aspekt auch noch im Tatort 34 platziert, hätte vermutlich schon die Erstausstrahlung nicht stattgefunden. Eine strikte so Zensur wie in der DDR gab es zwar nicht, aber Grenzen fürs Zeigbare schon. Es wäre also eher so gewesen, dass ein Drehbuch nicht angenommen worden wäre, das sich noch weiter aus dem Fenster lehnt, als Staudte und Autor Michael Molsner das getan haben. Auch wenn der Film als Krimi kein Highlight ist: Molsner zählt zu den profiliertesten und literarischsten Krimi-Autoren in Deutschland, war, als der Film entstand, 34 Jahre alt und konnte den Wind des Wandels, die Sanierungen, die Herzlosigkeit der Gesellschaft, aber auch die Jugendbewegung, die sich dagegen auflehnte, gut einfangen. Auch da hatten wir ein Déjavu: Terry Hallbaum spricht davon, wie gerade das weggentrifiziert wird, was die Touristen an München doch lieben, die Originale, wie sie in die Vorstädte verdrängt werden, wie widersinnig das sei und Wirt Mandl spricht von schicken, aber gesichslosen Fassaden und Clubs. Wieder hatten wir ein Déjà-vu, was auch sonst.

Wir argumentiern auch nur notgedrungen damit, dass die Berliner Szene so wichtig für die Außenwahrnehmung ist. Sie ist wichtig für sich selbst und für uns, die wir in dieser Stadt leben wollen, auf die wir uns eingelassen haben, für Menschen, für die das Leben in Berlin auch ein Projekt darstellt, für dessen Umsetzung sie die Inspiration brauchen, das die Stadt immer noch wie keine andere in Deutschland bietet und die dafür auch mit anderen Menschen kommunizieren und ihnen zugewandt sein müssen. Aber der klägliche Massentourismus konzentriert sich in München aufs Oktoberest und in Berlin auf Angebote, bei denen es nicht darauf ankommt, hinter die Fassaden zu blicken. Das gilt auch für die vielen Digitalnomaden, die sich hier niederlassen, aber jederzeit zum nächsten hippen Ort weiterziehen können, ohne Bindungen mit Berlin eingegangen zu sein. In München, das nicht durch eine so große linke Tradition glänzen kann, dürfte der Aspekt noch ausgeprägter sein, dass gerade blanke Fassaden dem Tourismus eher förderlich sind. Heute dürften allerdings kaum noch Altbauten abgerissen werden: Aber nur deshalb, weil deren Wert für die Gentrifizierer mittlerweile so hoch ist.

Finale

Der Vermieter Pröpper hat ein Gesicht, es gehört Walter Sedlmayer. Heute kommt beim Mietenwahnsinn hinzu, dass die Vermieter oft gar kein Gesicht zeigen, sonern sich hinter Briefkastenfirmen und in den sozialen Medien hinter anonymen Accounts verstecken, mit denen sie gut gegen Mieter*innen und die wenigen Politiker*innen, die sich gegen Verdrängung stark machen, hetzen können. Das ist noch unanständiger als der Kampf mit offenem Visier, in einem fiktionalen Format aber nicht so aussagestark rüberzubringen. Oder doch? Viel ist von Banken und Versicherungen die Rede, die sich als Spekulanten betätigen und die damals wohl maximal denkbare Anonymität im Wirtschaftsleben repräsentieren, „Und die können jeden Preis zahlen“, heißt es. So, wie heute die „Investoren“ aus aller Welt, während einige Banken sich mit Immobiliengeschäften schon um ihre Existenz gebracht oder sich erheblich geschwächt haben. Auch die frühen 1970er, das darf man nicht vergessen, waren eine „goldene Zeit“ für spekulatives Kapital.

Die herausragende Authentizität des Films wird übrigens noch einmal dadurch gesteigert, dass Vermieter-Darsteller Sedlmayer tatsächlich in vielen windigen Geschäften unterwegs war, unter anderem im Immobilienbusiness. Ob er wirklich so drauf war, wie es hier rüberkommt, also nur sich selbst spielen musste, wissen wir nicht, aber er wirkt schon verdammt überzeugend. Auch dazu gibt es noch das eine oder andere Sahnehäubchen: Er kann sogar schon „framen“. Er verwendet politische Korrektheit dazu, die Hausgemeinschaft zu spalten, indem er den Einzug einer Gruppe von jungen männlichen Afrikanern in eine der oberen Wohnungen als seinen persönlichen Beitrag gegen Diskriminierung darstellt (damals wurden sie noch anders bezeichnet, und zwar von allen Seiten), aber hofft, dass das Haus dadurch zusätzlich in Unruhe versetzt wird. Es gibt noch eine oder zwei Szenen, in denen gezeigt wird, wie Pröpper sich soziale Argumente zunutze macht, um sie gegen die Mieter*innen zu wenden.

Einiges daran hat uns an die manipulative, aber auch dumme Art erinnert, wie ein zum Glück nicht mehr im Amt befindlicher Berliner Innensenator vor ein paar Jahren ein linkes Projekt in Friedrichshain „knacken“ wollte mit der Idee, das besetzte Haus könnte nach seiner Räumung von Geflüchteten bewohnt werden. Dieser Part des Films, der nicht in der gebotenen Tiefe ausgelotet wird, ist sehr tricky und bedürfte einer eigenen Analyse, die wir in diesem Rahmen nicht leisten können. Nach unserer Ansicht hätte man ihn besser weggelassen, auch wenn er die Fähigkeit der Filmemacher beleuchtet, sehr pointiert, sehr knapp, sehr viele Aspekte eines Klassen-Häuserkampfes darstellen zu können.

Hätte der Kriminalfall nicht einige Holperer, wäre dies einer der besten Tatorte überhaupt, beispielhaft in der Konstruktion eines sozialen Gefüges, zeitlos und deutlich bezüglich der politischen Botschaft – aber trotz der Schwächen kommen wir auf

8,5/10.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Wolfgang Staudte
Drehbuch Michael Molsner
Produktion Peter TügelPeter Hoheisel
Musik Popgruppe „18 Karat Gold“
Kamera Michael Ballhaus
Schnitt Engelbert Kraus
Besetzung

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