Eine andere Welt – Polizeiruf 110 Episode 332 #Crimetime 860 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Brandenburg #Lenski #Krause #RBB #Welt #andere

Crimetime 860 - Titelbild © RBB, Oliver Feist

Nicht mittendrin in der anderen Welt

Nach der Babypause, die in „Die Gurkenkönigin“ zu Einsatz von Sophie Rois als Brandenburg-Ermittlerin geführt hat, ist Olga Lenski (Maria Simon) zurück. Horst Krause war nie weg und man spürt auch in diesem 332. Poliizeiruf wieder, wie notwendig er ist, um das Unvergängliche zu repräsentieren, eine Figur, gleichermaßen verständlich wie verständig. Denn die andere Welt, das sind die Geheimnisse der Jugendlichen, die man am besten mit etwas Abstand kommentieren kann, weil es doch nicht möglich ist, sie authentisch von ihnen heraus zu entschlüsseln. Wie also kommt der Zuschauer in die andere Welt hinein? Darüber und mehr steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Ein neuer Fall für die Polizeiruf-Ermittler aus Brandenburg: Die 18-jährige Kristina wird auf einem Schrottplatz tot aufgefunden. Kristina hatte den Abend mit ihrer Clique, ihrer Freundin Hanna und ihren Schulkameraden Jan und Ditsche in einem Club verbracht und ausgiebig gefeiert. In der Gerichtsmedizin kommt heraus, dass Kristina unter Einfluss von Liquid Ecstasy stand, auch als K.O.-Tropfen bekannt, und vermutlich von zwei Tätern misshandelt und vergewaltigt wurde. Außerdem war sie im zweiten Monat schwanger. Doch keiner von Kristinas Freunden kann sich an die Ereignisse des Abends erinnern.

Bei ihren Ermittlungen begegnen Hauptkommissarin Olga Lenski und Polizeihauptmeister Horst Krause schwer zugänglichen Jugendlichen und ahnungslosen Eltern. Lenski und Krause sind erschüttert, wie wenig die Eltern vom Leben ihrer heranwachsenden Kinder wissen. Weder Kristinas Eltern, Familie Domke noch die Eltern von Hanna Löns oder Jans Vater Henner Gottsched scheinen über den selbstverständlichen Umgang ihrer Kinder mit Drogen informiert gewesen zu sein.

Kurz darauf wird das Auto gefunden, mit dem Kristina vermutlich in der Tatnacht zum Schrottplatz transportiert wurde – ein ausgebrannter Alfa Romeo. Der Wagen gehört Jans Vater, dem Anwalt Henner Gottsched. Der jedoch will nichts von dem nächtlichen Ausflug seines Sohnes Jan gewusst haben. Olga Lenski hält Jan und Ditsche für dringend tatverdächtig. Diesen Verdacht stützt die Aussage ihres Mitschülers Dennis: Er will gesehen haben, wie die beiden Jungs mit Kristina die Disko verlassen haben.

Rezension

Kaum erfahren wir, dass Olga Lenski wieder im Dienst angekommen ist, da sehen wir Horst Krause auf einem inädquaten Moped. Nach einigen Minuten Aufatmen. Der ukrainische BMW-Nachbau mit Beiwagen wird nur modernisiert, bekommt einen elektronischen Starter. Bald sind Krause und Hund wieder beisammen, werden dieses Mal aber nicht malerisch auf Landstraßenfahrt gezeigt. Das hat man glatt vergessen. Maria Simons kleine Tochter darf auch schon mitmachen und ist damit wohl eines der jüngsten Ensemblemitglieder, das jemals einen Polizeiruf oder Tatort bereichert hat – mit der Einschränkung, dass es sich um ein echtes Kind einer fiktiven Ermittlerin handelt.

Die Kids, die im Mittelpunkt des Films stehen, sind aber etwas älter. Sie sind formal schon erwachsen, gerade 18 geworden, innerlich aber eher 16, sagen wir mal. Es geht um Sex und Drogen und um die Wirkung ähnlicher, aber doch unterschiedlicher Drogen, um Freiwilligkeit und Gewalt, um Verführung und Nötigung, um einen Generationenkonflikt. Es geht um alles, was das Leben heutiger Jugendlicher offensichtlich ausmacht. Das ist zwar Quatsch, generalisiert betrachtet, aber alles spielt eine Rolle. Schade, dass der Film sich nicht ein großes Thema rausgreift und die durchaus kapablen Jungdarsteller so richtig reinstürzt.

„Eine andere Welt“ klingt so groß, so vielversprechend, aber so ist der Film nicht. Er zeigt uns keine neuen Welten. Das kann er nicht, weil er das, was auf der Hand liegt, nicht genügend herausstellt: Die Generationen-Sukzession im Haus Gottsched. Sowohl Jannik Schünemann als Junior wie Herbert Knaup als Vater hätte man dafür einsetzen können, diesen Part zum Zentrum des Ganzen zu machen. Dumm, dass die Konstruktion eines Standard-Krimis sowas verhindert. Zumindest, wenn er als Whodunit angelegt ist. Hier wäre eine Thriller-Konstruktion die bessere Wahl gewesen, wenigstens in der Form, dass man zu Beginn den Unfall gesehen hätte, aber nicht, wie es dazu kam und ob die Jungs die Mitschülerin wirklich umgebracht haben. Schuld und Versagen in Beziehungen und eine allzu leichtfertige Haltung gegenüber Frauen und ihren Wünschen oder Nicht-Wünschen bezüglich Sex, mehr aus der Sicht der Jugendlichen selbst, das wäre sicher interessant geworden.

Lenski ist noch zu dicht an dem Alter dran, um sich neutral zu stellen, aber schon zu weit weg, um aus den Personen herauszuspüren, was wirklich geschehen sein könnte und was eher  unwahrscheinlich ist. Das merkt auch der Drehbuchautor und lässt sie sagen, es sei ihr noch nie passiert, dass sie sich so verrannt habe. Und  am Ende bleibt einiges offen, weil 90 Minuten offenbar nicht ausgereicht haben, um die Fäden wieder richtig zusammenzuführen und den beiden Opfertätern oder Täteropfern eine Bewertung zukommen zu lassen. Es ist einfach nicht möglich, weil der Tathergang nicht geklärt wurde – und diese missliche Situation lässt sich von einem offenen Ende aus didaktischen Gründen unterscheiden. Bezüglich des Vaters trifft das natürlich nicht zu, auf ihn wird eine Anklage wegen Tötung durch Unterlassen zukommen. Ziemlich zum Schluss wird noch reingepfriemelt, dass er überraschenderweise etwas mit dem Mädchen hatte und möglicherweise der Vater es ungeborenen Kindes ist, das mit ihr stirbt.

Langweilig fanden wir den Film nicht, vor allem wegen dem spooky dritten Mitschüler, der nicht zur „Clique“ zählt und alles filmt. Er bleibt spannend, bis er bei Lenski eindringt und für sie kocht, allein mit ihrem Kleinkind. Dass er gefilmt hat, weiß man ja längst und eine Art Groupie, mehr dies als ein Stalker, des ums Leben gekommenen Mädchens war. Doch als Lenski dann einen Gegenbesuch in der Wohnung jenes Schülers macht, ist es auch vorbei. Man spürt, von ihm geht keine Gefahr aus, aber eines von seinen vielen Videos wird schon dazu beitragen, Licht in die Sache zu bringen. Jene fatale Nacht im „Taxo“ wird nicht komplett zum ermittlungstechnischen Tag gemacht, aber immerhin, man bekommt eine Ahnung.

Es gibt leider viele Unstimmigkeiten im Detail: Dass der Alfa Romeo vor seiner Entzündung einen Unfall hatte, hätte die KTU sofort feststellen müssen, wenn man bedenkt, wie stark eingedrückt die Leitplanken in der Kurve waren – und als dann der Vater weg war, erschienen die Jungs am Unfallort und entsorgten die Leiche auf dem Schrottplatz und fuhren den Wagen ein Stück in den Wald und zündeten ihn dort an? Warum eigentlich? Wie erfuhren sie von dem Ort, wie kamen sie hin und wie zurück? Denn sie wurden ja von dem nicht in Deutschland akkreditierten ukrainischen Wachmann gesehen, nicht der Vater. Fragen über Fragen, die das Drehbuch nicht beantworten möchte. Die gewisse Oberflächlichkeit bei der Abhandlung der anderen Welt ergreift auch die Schlüssigkeit der Handlungselemente des Krimis. Vielleicht sollen wir auch gar nicht so tief in die andere Welt hineinschauen, unsere Kinder sollen uns davon berichten, falls sie mögen, falls sie Bock haben, sich auszutauschen mit Menschen, die sie im Verdacht haben, niemals jung, niemals wie sie selbst gewesen zu sein. Ein grundsätzliches Missverständnis, an dem natürlich die ältere Generation die Schuld trägt. Vor allem, wenn sie gar nicht wissen will, was in den Kindern vorgeht.

Finale

Man kann es unschwer herauslesen, wir sind etwas unzufrieden mit diesem 332. Polizeiruf. Er ist zu standardmäßig aufgebaut und die Intensität leidet unter dem konventionellen Plot, die andere Welt haben wir eben doch als Versprechen aufgefasst und nicht als: Da ist eine Welt, deren Oberfläche wir euch mal zeigen, aber ihr kommt da nicht rein! Das ist schade, weil wir doch gerne mehr wissen wollen. Und mit welchem Format erreicht man so viele, die mehr wissen wollen wie mit den Tatorten und den Polizeirufen, die wir hier mal unter Sonntagabend-Premiumkrimi-Cluster subsumieren?

In Rostock ist es einfacher, weil dort immer das Team die Show darstellt, in München sind die Drehbücher außergewöhnlich gut, die Inszenierungen meist ebenso oder noch besser, aber die Brandenburg-Schiene mit Krause und vor allem Lenski wird von der Kritik häufig sehr gelobt, dass wir manchmal auch enttäuscht sind. Wir finden schon, dass Maria Simon und Horst Krause ihre Sache gut machen, aber nicht immer machen Autoren und Regisseure das Beste aus den Möglichkeiten. Nun ja, Krause ist bereits in Pension und Lenski wird auch bald aufhören. Das Konzept, sie in Polen mit einem etwa gleichaltrigen Partner zusammenarbeiten zu lassen und daraus ein neues, vielversprechendes Duo zu kreieren, hat sich nicht als so tragfähig erwiesen, wie Kritiker es gerne darstellen, die sich entschlossen haben, alles was der RBB in Brandenburg-Polen macht, gut zu finden. Ein Reinfall ist „Eine andere Welt“ nicht, aber auch kein Kracher, der uns mehr über die Figuren erzählen kann, als viele andere Whodunits das auch tun.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Nicolai Rohde
Drehbuch Clemens Murath
Produktion Heike Streich
Musik Stefan Will
Kamera Simon Schmejkal
Schnitt Melanie Schütze
Besetzung

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