Rechnung mit einer Unbekannten – Tatort 87 #Crimetime 861 #Tatort #Essen #Haferkamp #WernerKließ #Dialog #WDR #Rechnung #Unbekannte

Crimetime 861 - Titelfoto © WDR

Vorwort 2020 anlässlich der heutigen Wiederholung des Films und der Wiederveröffentlichung der Rezension aus dem Jahr 2014. Wir werden die Besprechung von „Rechnung mit einer Unbekannten“ jetzt und künftig inhaltlich nicht verändern, weil sich nach ihr ein Dialog mit dem Produzenten des Films, Werner Kließ, ergab, der die Rezension kommentiert hatte. Dieser Dialog wurde per E-Mail fortgesetzt. Seine Anmerkungen haben uns bei der Interpretation der Figur Haferkamp wie der frühen Tatorte allgemein sehr geholfen. Wir nehmen lediglich einige optische Anpassungen ans aktuelle Rezensionsschema vor und korrigieren evtl. Fehler. Sollten sich wesentliche Änderungen, etwa aufgrund einer neuen Sichtung des Films, ergeben, werden wir eine Rezension mit einer neuen Registernummer publizieren.

Wir gedenken heute auch dem großartigen Tatortmacher Werner Kließ, der am 12.05.2016 verstarb.

Gefährliche Situationen, heute: Dating

Die Handlung in einem Satz ohne Auflösung: Der Brennstoffhändler Rosenkötter lädt eine Frau nach Hause ein, die er per Heiratsannonce kennengelernt hat, erschießt sie, macht die Leute glauben, dies sei seine Frau, die aber noch lebt und will deren Versicherungspolice kassieren, Haferkamp blickt nicht durch und dann kommt der eine oder andere Zufall vorbei, auch zwei bis vier Bier helfen beim Gewinnen von Erkenntnissen.

Die Handlung, wie sich aus dem obigen Satz leicht erliest, ist ein Howcatchem, ist sehr konstruiert, das Gelingen von Rosenkötters Plan hängt von vielen Zufällen ab und „A Dream Within A Dream“ ist so ironisch, wie man dies von diesem Krimi insgesamt sagen kann. Eine der besten und am besten gespielten unglaubwürdigen Stories, die wir bisher in einem Tatort bewundern durften. Während wir weiterschreiben, überlegen wir, ob es erlaubt ist, bei einer so hanebüchenen Handlung einen Film deshalb hoch zu bewerten, weil ihn a.) die Tatortfans mögen und wir b.) wirklich viel Spaß beim Zuschauen hatten, ohne den Fall als Krimi allzu ernst zu nehmen. Mehr dazu gibt es in der -> Rezension zu lesen.

Handlung

Der Brennstoffhändler Josef Rosenkötter ist nahe dem Firmenbankrott und fasst einen mörderischen Plan. Er gibt sich als Witwer in einem Partnervermittlungs-Inserat aus. Durch diese lernt er die alleinstehende Roswitha Mattusch kennen und lädt sie zu sich ein. Er wohnt in einer Villa mit seiner Ehefrau und einer jungen Lehrerin als Untermieterin. Seine Frau befindet sich auf einer Party mit Freunden. Er erschießt Frau Mattusch und täuscht einen Einbruch vor, um die Lebensversicherung seiner Frau zur Sanierung seiner Firma zu kassieren. Gegenüber der Polizei identifiziert er am Tatort die Tote als seine Ehefrau. Als Alibi begibt er sich zur Party und gibt seiner eingeweihten Frau die Pistole. Sie soll nun als Frau Mattusch untertauchen und die Tatwaffe verschwinden lassen.

Bereits am Tatort direkt nach der Tat erscheint Rosenkötter Kommissar Haferkamp jedoch als zu behilflich und versiert. Er traut ihm von Anfang nicht und bezweifelt den Einbruch aufgrund der plumpen Ausführung. Dennoch läuft für Rosenkötter zunächst alles glatt, er rechnet aber nicht mit dem Misstrauen seiner Frau. Sie wohnt als Frau Mattusch in einem Hotel und verfolgt ihn, um die Situation unter zu Kontrolle zu haben. Rosenkötter hat längst ein Verhältnis zu seiner Untermieterin und versucht, seine Frau aus dem Weg zu räumen. Aber seine Frau dreht den Spieß um, denn sie hat die Tatwaffe nicht weggeworfen und kann mit seinem Wagen mittels Waffengewalt entfliehen. Sie erpresst nun ihren Mann und fordert einen Teil der Versicherungssumme.

Mittlerweile hat Haferkamp von seiner Kollegin Buchmüller eine Suchmeldung Frau Mattusch betreffend erhalten. Als die Beamten ihr Hotel aufsuchen, treffen sie auf Frau Rosenkötter, die sich als Frau Mattusch ausgibt. Das scheint diesen Vermisstenfall zunächst zu klären. Doch bei einem weiteren Besuch in Rosenkötters Villa ist Haferkamp und Kreutzer klar, das dieser mit der Untermieterin ein Verhältnis hat. Und plötzlich begegnet ihnen auch Frau Mattusch alias Rosenkötter dort und es klärt sich alles auf.

Rezension

Nach dem neuen Dortmund-Krimi „Auf ewig Dein“ haben wir zum Vergleich die Rezension des Haferkamp-Tatorts „Schussfahrt“ veröffentlicht und uns jetzt entschlossen, auch „Rechnung mit einer Unbekannten“ zu publizieren – der letzte Haferkamp, den wir uns angeschaut haben. Irgendwie gehört das doch alles zusammen und mehr von dem früheren Essener Fernseh-Kommissar haben wir derzeit nicht in der Pipeline.

Was wäre passiert, hätte Frau Mattusch (die echte) dem Herrn Rosenkötter, in seinem Wohnzimmer sitzend, gesagt, sie habe in Mainz ganz genaue Angaben hinterlassen, mit wem sie sich treffe – dann wäre von Beginn an alles den Bach runtergegangen. Das heißt, Rosenkötter hätte solche Treffen mehrfach wiederholen, bis er die passende, eher zurückgezogene Person gefunden hätte. Ja, und er hat es mindestens eingeplant, dies zu tun, wie die vielen Briefe beweisen, die postlagernd für ihn gelagert werden. Und da bei der Post im Jahr 1978 noch Beamte arbeiteten und nicht Niedriglohnsklaven, kann es zu Sätzen kommen wie „Nun nehmen Sie doch Vernunft an!“ (Kreutzer). „Ich bin Beamtin, ich darf nichts annehmen.“

Wir dachten bisher, solche Sätze gäbe es nur in der komischen Variante des absurden Tatorts von heute (vulgo: in Münster). Doch beim WDR konnten sie derlei offensichtlich schon in den 1970ern.

Aber die Sache mit der falschen Leiche ist nun wirklich zu vage konstruiert für einen Rosenkötter mit seiner fiesen Intelligenz, der außerdem an einer Stelle quasi als jemand bezeichnet wird, dem die Kontrolle der perfekten Ausführung überaus wichtig ist. Hier handelt es sich um ein Vabanque-Spiel. Es ist mehr ein glücklicher Zufall als Teil eines Zufälle ausschließenden Planes, dass niemand mehr die arme Edith Hancke alias Frau Mattusch  zu Gesicht bekam, bevor sie in die Grube gesenkt wurde. Was erst den Schwindel ermöglichte, sie sei Frau Rosenkötter. Eine Person wurde der Leiche angesichtig: Die Lehrerin Karin Distler, Untermieterin und Geliebte von Herrn Rosenkötter. Sie kriegt einen Schreck, sagt aber nichts. Sie war wohl zumindest ins Grundsätzliche eingeweiht oder hat deshalb den Mund nicht aufgemacht, weil sie instinktiv spürte, dass sie Rosenkötter mit jedweder Anmerkung zur Sache belasten würde.

Außerdem wird kein Abgleich von Papieren etc. vorgenommen, es wirkt demgemäß, als hätten Personalausweise, wie sicher in der Brieftasche von Frau Mattusch einer gesteckt hat, damals noch keine Fotos gehabt, die man mal hätte vergleichend heranziehen können, bevor man eine Frau unter die Erde bringt. Diesen Drehbuchfehler versucht man an späterer Stelle halbherzig zu reparieren, indem Haferkamp sagt, es gebe keine Dienstvorschrift, die bei mangelndem Verdacht die Überprüfung der Identit einer Leiche verlange. Dass in einem Mordfall die Identitätsprüfung nicht bloß auf der Aussage eines ungewöhnlich clever wirkenden Ehemannes beruhen kann, versteht sich aber wohl von selbst.

Wollte dieser nun mit Frau Rosenkötter, der echten, und der Million durchgehen – oder mit Frau Distler? Zwar unterstützt Frau Rosenkötter mit ihrem unberechenbaren Verhalten, vor allem mit dem wirklich dummen Erscheinen auf dem Friedhof, das aber keine Konsequenzen hat und daher nicht handlungsnotwendig war, den Unwillen ihres Mannes, sich weiterhin mit ihr einzulassen, doch wir dürfen annehmen, dass er schon länger vorhatte, mit der jungen Lehrerin ein neues Leben zu beginnen.

Ohne den Anruf der Kollegin aus Mainz, die eine Suchmeldung nach Frau Rosenkötter für Haferkamp hat und diesen Moment, in dem die Polizisten vor dem Haus Rosenkötter stehen und observieren und just die falsche Frau Mattusch und echte Frau Rosenkötter die Straße entlang kommen, hätte Haferkamp noch ewig ermitteln können, ohne hinter alle Zusammenhänge zu blicken und den Täter dingfest machen zu können.

Groß ist die Schauspielerei, insbesondere die von Peter Matic als Josef Rosenkötter.Wirklich perfide gut, seine Darstellung, dadurch kommt man erst einmal gar nicht darauf, dass sein Plan mindestens an der wichtigsten Stelle mit dem Risiko, nicht mit der Perfektion dealt. Interessanterweise sind die späteren, vielen Wendungen besser durchdacht, die Abweichungen von Rosenkötters Vorhaben darstellen – was er sich bis beinahe zum Schluss sogar zunutze macht. Wirklich eine gute Täterfigur, weil sie hinter einer typischen Mittelstandsfassade ihr dämonisches Wesen offenbart.

Und damit zur Botschaft. Die ist wirklich großes Kino, wenn auch recht allgemein. Man rufe sich wieder in Erinnerung, dass die frühen Tatorte mental dem deutschen Autorenkino nahestehen, das Ende der 1960er, Anfang der 1970er durch seine kalte Darstellung der damaligen bundesdeutschen Gesellschaft von sich reden machte, ein Spezialist auf diesem Gebiet war Rainer Werner Fassbinder.

Die eisige Art, wie in diesem Tatort nur Geld wichtig genommen wird, doppelt sich mit einem Jugendwahn, der mit beinahe fellini’scher Prägnanz und gewiss nicht ohne Hintergedanken an „La dolce Vita“ oder den wenige Jahre  zuvor entstandenen „Roma“ in einer Partyszene kumuliert – in diesem Mittelstandsmilieu hat sie etwas leicht Surreales. Nicht nur hier, auch bei Fellini selbst, aber hier kommt der Verfremdungseffekt der spießigen Umgebung hinzu. Alte Männer fingern in Anwesenheit ihrer Frauen an den Füßen einer Lolita herum, die rücklings und nur mit einem See-Through-Oberteil bekleidet auf dem Sofa liegt. Das spiegelt sich später in Rosenkötters Begehren nach der 20 Jahre jüngere Lehrerin.

Es ist nicht so, dass heute solche Altersunterschiede generell verwerflich wären, aber hier geht es um Besitz, um einen Traum von ewiger Jugend und um die Demütigung von Frauen, die jahrelang ihre archaischen Typen von Männern ertragen haben. Eine solche Frau ist auch die echte Frau Rosenkötter, die den Plan mitträgt, den garantiert nicht sie, sondern ihr Mann ausgeheckt hat und die er zum Dank als sein nächstes Opfer auserwählt hat.

Am Schluss ein Schuss – von „Citizen Kane“. Während die Polizei die Villa Rosenkötter umstellt hat und die Scheiben einschlägt, um ins Haus  zu gelangen, steht das Ehepaar Rosenkötter da und unterhält sich über einen kleinen Stoffhund, ein frühes Geschenk aus besseren, unschuldigen Tagen. Natürlich weiß niemand, wo der Stoffhund, das „Rosebud“ dieses Tatorts, abgeblieben ist. Es ist verloren wie diese Unschuld. So sitzen die beiden dann gefasst auf dem Sofa, als Haferkamp die Szene betritt.

Finale

Das Hintergründige ist das große Plus dieses Tatorts. Es gibt nicht einen einzigen direkten sozialpolitischen Kommentar und doch ist alles ganz offensichtlich. Das auf der Hand liegende zu entschlüsseln, trauen heutige Tatortproduzenten dem Zuschauer offenbar nicht mehr zu.

Es könnte aber noch andere Gründe geben, warum neuere Tatorte viel direkter auf gesellschaftliche Aktualitäten oder Umstände reagieren. Erstens war man in den 1970ern viel dichter an der ursprünglichen, kantigen Form des neudeutschen Autorenkinos dran, zum zweiten ist durchaus vorstellbar, dass Tatorte damals bewusst doppelbödig angelegt waren. Ein mehr oder weniger gelungener Krimi für die Traditionalisten und herbe Sozialkritik für diejenigen, die in der Lage waren, sie herauszulesen.

Damit hatte man riesige Einschaltquoten und der Tatort war von Beginn an mehr als eine auf 90 Minuten gestreckte und mehrere Städte verteilte Variante bisheriger Krimiserien wie „Stahlnetz“ oder „Der Kommissar“. Heute will man eher alle Zuschauer mit ins sozialpädagogische Boot nehmen, und das führt gerade beim WDR (Kölner Schiene) zu  manchmal sehr didaktisch und thesenhaft vorgetragenen Äußerungen gesellschaftskritischer Art seitens der Ermittler.

Bei Haferkamp aber sprechen die Umstände für sich, sie müssen vom Kommissar nicht kommentiert werden. In gewisser Weise gibt es das an einigen Standorten allerdings heute noch, auf moderne Art, aber auch etwas direkter an den in Mordfälle verwickelten Figuren sichtbar gemacht, zum Beispiel in Kiel.

Trotz einer nicht durchgängig überzeugenden Handlung geben wir 8,5/10 für diesen toll inszenierten Tatort aus dessen erster Dekade.

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Haferkamp – Hansjörg Felmy
Josef Rosenkötter – Peter Matic
Karin Distel – Susanne Beck
Roswitha Mattusch – Edith Hancke
Ingrid Haferkamp – Karin Eickelbaum
Scheffner – Bernd Schäfer
Willi Kreutzer – Willy Semmelrogge
Kommissarin Buchmüller – Nicole Heesters
Frau Immelmann – Gisela Tantau
Immelmann – Franz Otto Krüger
Frau Kurz – Katja Burow
Kurz – Holger Hildmann
Else Rosenkötter – Gertrud Kückelmann
Wedel – Rolf Wanka
u.a.

Drehbuch – Peter Hemmer
Kostüme – Paul Seltenhammer
Kamera – Josef Vilsmeier
Produktionsleiter – Richard Deutsch
Architekt – Jochen Schumacher
Regie – Wolfgang Becker
Produzent – Werner Kließ

Werner Kließ, August 2014

Zu dem Kommentar TH/14-08-05: Selbstverständlich waren die Macher jener Zeit, wie könnt´ es anders sein!, Kinder ihrer Zeit. Ob sie dezidiert politisch sein wollten oder unpolitisch, ob sie im Trend liegen wollten oder sich dagegen stemmten, die Wertschätzungen ihrer Zeit gingen in die Filme ein. Darüber herrschte auch bei uns damals nicht der geringste Zweifel. Wenn man nun heute von den Filmen auf die Zeit rückschließen will, ist Vorsicht geboten. Haferkamp zum Beispiel war als ein Mann gedacht, der aus einer früheren Zeit kommt. Felmy war froh, uns seine Privatgarderobe, die seit etwa einem Jahrzehnt aus der Mode war, als Kostüm anbieten zu können. Seine private, leicht unmodische Kleidung gab ihm ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit. Er bewegte sich locker in all seiner „preußischen“ Geradheit. Aber mit dem Kostüm benenne ich nur das ins Auge fallende Requisit. Haferkamp hängt trotz Scheidung an seiner Frau, er hört die Platten seiner Jugend und verletzt nie die Formen des Anstands (der „Nachfolger“ im Tatort des WDR, Schimanski, der oft gehörig auf den Putz haut, wurde in ganz bewußtem Kontrast zu Haferkamp entworfen!). Die Figur Haferkamp sollte nicht einem konservativen Lebensgefühl Ausdruck geben, sondern an die Klassiker des Ermittlungskrimis anknüpfen (als europäisches Beispiel vor allem Maigret), die für unseren Geschmack immer etwas liebenswert Altmodisches hatten. Es war unsere kindliche Freude an alten Sachen, die uns geleitet hat. Und ist es nicht noch heute erfrischend, die klare, feine Artikulation von Hansjörg Felmy zu hören und sein mustergültiges Benehmen zu sehn? Er ist korrekt, doch nie piefig. – Wir wollten uns absetzen von der Serie „Der Kommissar“, der sehr erfolgreichen Schwarzweiß-Serie mit Erik Ode als Kommissar Keller, geschrieben vom Altmeister Herbert Reinecker. „Der Kommissar“ war uns unerträglich altmodisch, Keller war väterlich-verbindlich im Ton und autoritär im Handeln. Er duzte seine „Jungs“ (erwachsene, altgediente Kommissare, versteht sich) und ließ sich selbst siezen. Die „Jungs“ gaben den autoritären Stil an die Bürger weiter. Die Polizisten waren (zumindest in den frühen Folgen) herrisch am Tatort und im Verhör, und zwar nicht nur mit schrägen Vögeln, sondern auch mit gesitteten möglichen Zeugen. In der Realität Anfang der frühen 70er Jahre hätte sich das kaum ein Mensch gefallen lassen. – Wir, die jungen Tatort-Macher des Kommissar Haferkamp, wollten einen Polizisten, der aus der Vergangenheit kommt und doch nicht väterlich-autoritär und konservativ moralisierend ist, einen Mann, den wir respektieren mögen, aber keine Respektsperson. Schimanski dann kümmerte sich einen Dreck um solche Feinheiten, er verschaffte sich Respekt notfalls mit Fäusten, auch schämte er sich seiner gelegentlichen Tränen nicht, während ein weinender Haferkamp undenkbar gewesen wäre.

Werner Kließ

Der WahlberlinerAugust 2014

Hallo Herr Krieß,

Entschuldigung bitte, dass ich heute erst antworte, in den letzten Tagen hatte ich am Wahlberliner nicht arbeiten können.

Ganz herzlichen Dank an Sie für die exklusiven Einblicke in eine der wichtigsten Tatortfiguren der frühen Jahre. Darf ich Ihre Aussagen zu Herrn Felmy und seiner Figur zitieren, wenn ich wieder einen seiner Tatorte zum Rezensieren „in die Hände“ bekommen sollte? Vielleicht auch einige Sätze, die allgemein das Format betreffen, an passender Stelle? Das wäre sehr nett.

Die frühen Kommissare haben ja alle konservativ oder vielleicht altmodisch gewirkt, ich denke da auch an Finke, der heute noch gemäß Tatort-Fundus einer der höchstdekorierten Ermittler ist, zuminest die Folgenwertung betreffend, und dessen „Reifezeugnis“ eine Ikone der 1970er geworden ist. Die Liebe zum „Alten“ gab es sogar noch in den 2000ern, Bienzle z. B. war ja ein richtiges Relikt, auch optisch. Wer trug damals noch Hut und Trench?

Die alten bayerischen Tatorte werde ich mir auch demnächst via BR-Ausstrahlungen vornehmen. Als ein abweichender Typ des ersten Jahrzehnts, der zu einiger Prominenz kam, fällt mir spontan nur Kressin ein, neulich habe ich zwei Tatorte mit ihm anschauen können (Rezensionen noch nicht veröffentlicht), er wirkt zeitgeistiger als die anderen. Wenn ich es von dieser Figur aus betrachte, verstehe ich, was Sie meinen, wenn Sie sagen, Haferkamp war in den 1970ern schon ein sehr traditioneller / altmodischer Typ. Da aber damals die meisten Ermittler so ähnlich daherkamen, wenn auch Haferkamps besondere Beliebtheit für mich durchaus nachvollziehbar ist – unter anderem wegen der feinen Artikulation, diesem Hauch von Noblesse und Felmys Status als Filmstar – so denkt man sich, zumal die Tatorte der 1970er noch etwas realistischer wirken als die heutigen, die Kriminaler waren wirklich so. Dass sie auch in der Tradition von Maigret stehen, später manchmal von Columbo, habe ich immer als etwas empfunden, das „natürlich“ daherkommt, ich hatte diesen Polizistenfiguren eine weitaus höhere Authentizität zugerechnet als den Durchgeknallten, die heute immer mehr den Bildschirm bzw. das Format bevölkern.

Vielleicht kommt das auch ein wenig daher, dass ich als Kind in den 1970ern auch einige Menschen kannte, die tatsächlich so waren. Mein Großvater zum Beispiel kam von seiner Art und als Beamter durchaus auf die traditionellen Kommissarstpyen, auch wenn er politisch progressiv bzw. links dachte.

„Der Kommissar“ mit Erik Ode hatte natürlich ein ungeheures Flair, dazu (zumindest anfangs in S/W) diese Villen der späten 1960er, in denen sich alles zugetragen hat, waren grandios. Man spürt, mehr als in den Tatorten, welch eine großzügige Zeit des zunehmenden Wohlstands dies war – und würde man nur die „Kommissar“-Folgen als Grundlage herannehmen, kämen einem die 1960er auf seine gewisse deutsche Art mondäner vor, als sie wirklich waren.

Es gibt ja, soviel ich weiß, Dissertationen oder Sachbücher über den Tatort als Spiegel der Zeit. Sicher ist alles ein wenig stilisiert, aber wenn man sieht, wie jedes zu seiner Zeit aktuelle Thema auch Eingang in den Tatort gefunden hat, ist dies lebendige Geschichte, verdichtet und für meine Begriffe dadurch kenntlicher und atmosphärischer als die Wirklichkeit mit ihren unendlich vielen Facetten. Der Tatort ist für mich eine Art von Trichter oder Katalysator der Wirklichkeit, der am Ende, wenn man einige Faktoren berücksichtigtund die richtigen Justierungen vornimmt, etwas wie die Essenz liefern kann. Ein Großteil meines Interesses für die Reihe resultiert aus der Absicht, diese zu gewinnen ;-).

Manchmal meine ich allerdings auch, ein wenig neben mir zu stehen. Zum Beispiel habe ich die Nachwendezeit schon sehr aktiv miterlebt und wenn ich heute Tatorte aus den frühen 1990ern sehe, denke ich manchmal, das muss eine andere Welt gewesen sein – eine andere als die, in der ich gelebt habe und die mir von der heutigen nicht so verschieden vorkommt, wie sie mir scheint, wenn ich heutige Tatorte mit denen von etwa 1990 vergleiche.

Noch ein Wort zum Moralisierenden: Ich empfinde Ermittler, die den Zuschauern nicht die Welt erklären wollen, als angenehm. Die Handlung sollte die Botschaft transportieren, die Milieus sollten es tun und wie sie dargestellt werden. Das ist für mich viel „filmischer“ als diese Belehrung des Zuschauers, wie z. B. Lürsen aus Bremen sie lange Zeit bis zum Exzess be- und getrieben hat. Aber im Moment scheint mir bei mehreren Schienen ein gewisser Wandel hin zum mehr zeigen und weniger dozieren stattzufinden, z. B. auch in Köln, also auch beim WDR, der Haferkamp produziert hat und wo lange Zeit ein sehr pädagogischer Touch drin war. Damit schließt sich beinahe der Kreis zu den Tatorten früher Jahre, die Kritik deutlich werden ließen, ohne dass der Ermittler sich allzu sehr positioniert hat.

Ich merke schon, ich finde kein Ende, aber das auch noch: Ich hatte mir die sehr engagierten frühen Tatortmacher auch in der Nähe des noch recht neuen deutschen Autorenfilms vorgestellt, selbst die etwas älteren, die z. B. vom Film zum Fernsehen gewechselt und noch im „Altkino“ groß geworden waren. Die gleichermaßen sparsame wie prägnante Inszenierung früher Tatorte war für mich ein Anzeichen dafür, dass man durchaus weg von „Stahlnetz“ und anderen Vorgängern; mithin ein wenig vom Oberhausener Manifest mit in die Tatorte als etwas Neues im deutschen Fernsehen nehmen wollte. Man hat den Tatort m. E. auch schnell als Vehikel erkannt, mehr als mit Kunstfilmen Sozialthemen an ein großes Publikum vermitteln zu können. Vielleicht ist es aber wirklich so, dass man dazu neigt, das aus heutiger Sicht ein wenig überzuinterpretieren, weil man mehr das Gemeinsame der vergangenen Jahrzehnte, das  retrospektiv als typische Empfundene, als das Trennende sieht, das man noch nicht als Erwachsener mitlerlebt, analysiert oder gar mitgestaltet hat.

Viele Grüße
TH/14-08-10

Der Wahlberliner August 2014

Ich muss zu meinem eigenen Kommentar etwas anmerken – nehmen Sie bitte meine Einlassungen als das, was sie sind: das wortreiche Ergebnis der Faszination, mit jemandem korrespondieren zu dürfen, der tatsächlich damals, als alles anfing, dabei war!
Viele Grüße noch einmal
TH/14-08-10

Werner Kließ August 2014

Lieber TH,
Sie können mich gern zitieren, aber bitte mit Augenmaß. Diese Statements sind ja zügig runtergeschrieben, sie haben nicht die Präzisison eines ausgefeilten Artikels. – Es stimmt, Kressin war der Versuch, einen Ermittler im „Zeitgeist“ (man benutzte den Ausdruck damals nicht) zu etablieren. Er kam nicht recht an. Er wurde als James Bond im Taschenformat, also als Karikatur, empfunden. Es war damals nicht der heutige Quotendruck, aber ein Kommissar, an dem keiner so recht Freude hat, macht den Machern (WDR) auf die Dauer keinen Spaß. Später, als Nachfolge zu den Haferkamp-Tatorten (WDR; Produktion Bavaria), kam dann (auch WDR/Bavaria) Schimanski, der machte manchen keinen Spaß (BILD zählte 23-mal Scheiße in einer Folge!!!), andere waren fasziniert und Sender wie Macher ließen sich nicht beeindrucken, Schimanski wurde Kult. – Einfluß des Autorenfilms auf die frühen Tatort-Macher sehe ich nicht. Die allererste Generation der Fernsehmacher kam großenteils vom Theater. Die „frühen“ Tatort-Macher waren schon die zweite Generation, sie distanzierten sich von den theaterhaften Inszenierungen ihrer „Väter“, sie orientierten sich am Film. Ästhetisch waren das internationale Vorbilder, praktisch nahmen wir die Talente, die wir fanden. Die besten Haferkamp-Tatorte machte als Regisseur Wolfgang Becker, der aus der Tradition des unterhaltenden Nachkriegsfilms kam, sodann Wolfgang Staudte, der Regisseur des (raren) kritischen Nachkriegsfilms. Die Bavaria hatte damals fest angestellte Kameramänner. Als Produzent hatte ich die Qual der Wahl: Gernot Roll oder Joseph Vilsmaier, beide inzwischen längst Regisseure und damals unübertroffene Meister ihres (Kamera-) Faches. Die Drehbücher kamen von Autoren, die damals dreißig oder etwas drüber waren, allen voran Karlheinz Willschrei (der zufällig auch den letzten „Kressin“ schrieb), sodann Peter Hemmer. – Kommissar Finke (NDR) hat seinen Ruf nicht zuletzt den hervorragenden Inszenierungen von Wolfgang Petersen (Laufbahn: Theater-Assistenz, dann Filmakademie Berlin) zu verdanken. Und dem Talent von Herbert Lichtenfeld, der die legendäre „Reifezeugnis“-Folge schrieb (auch einige Haferkamp-Tatorte). – Eine Nähe zum Jungen Deutschen Film jener Zeit kann man allenfalls darin sehen, daß wir uns an ähnlichen Vorbildern orientierten, wenn auch mit ganz anderer Ausrichtung, anderen Ambitionen und mit dem festen Willen, etwas zu schaffen, was uns selbst und den Zuschauern Spaß macht. Mein ganz persönliche Laufbahn ist vielleicht durchaus signifikant. Ich kam vom Journalismus und versuchte, als ich zu Bavaria ging, den Jungen Deutschen Film zu bewegen. Das gelang bis auf wenige Ausnahmen (Rosa von Praunheim: „Nicht der Homosexuelle ist pervers…“) nicht. Jungfilmer und Bavaria paßten nicht zusammen. Nach einem Zwischenspiel bei einer anderen Institution ging zurück zur Bavaria und entschloß mich, konsequent FERNSEHEN zu machen. Was, fragte ich mich, sehe ich mir im Fernsehen freiwillig an? Das besonders wertvolle Fernsehspiel der Gegenwart? Den vom Fernsehen gesponserten Möchtegern-Kinofilm? Nein, ich sah aus reinem Vergnügen „Tatort“. Das, dachte ich mir, möchte ich machen.
Herzliche Grüße: Werner Kließ

Der Wahlberliner, August 2014

Hallo Herr Kließ,

herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Dass jemand, der an einem so alten Tatort beteiligt war, sich bei uns meldet, gehört auch zu den unwahrscheinlichen Dingen, die geschehen und die man in einem Plot vielleicht für unglaubwürdig befinden würde.

Mich fasziniert die Tatort-Reihe, seit dieses Blog gestartet ist, und die ersten Jahre der Serie sind beinahe spannender als die Jetztzeit. Vieles hat einen Wiedererkennungswert aus der eigenen Kindheit, obwohl keines der bisher gesehenen sozialen Milieus dem genau glich, aus dem ich selbst stamme. Mit zwei Drehbuchautoren hatte ich ebenfalls bereits Kontakt sowie mit einem Schauspieler der Reihe, der zunehmende Überblick über die Entwicklung des Formats fließt in die Analysen ein und auch die Zunahme an Kenntnis übers Große und Ganze ist wieder spannend.

Dass ich so viel Wert auf die Plots lege und in diesem Sinne Kritik und Rezension nicht leicht zu trennen sind, liegt sicher an meiner beruflichen und schreibtechnischen Schulung. Ich weiß, das Feuilleton setzt gewöhnlich andere Akzente – gerade gestern Abend war diese unterschiedliche Herangehensweise noch Thema in einer Berliner Autorengruppe. Das ist aber das Schöne an einem Blog, das nicht üblichen Zwängen unterliegt, man darf ausgreifen und viele Aspekte beleuchten, die in einer üblichen Rezension nicht unterzubringen sind.

Der Tatort als Spiegel der Zeit ist für mich mittlerweile aufschlussreicher als dokumentarisches Material oder Kunstfilme, die zwar sehr bekannt sind, aber doch Einzelstücke mit hohem Stilisierungsgrad, in der Tat schwere Kost, zudem sehr selbstgewiss, so dass sie weniger Subtext haben als diese schönen Tatorte.

Vielleicht ist manches, was ich aus heutiger Sicht als Hintenrum-Kommentar empfinde, tatsächlich nicht gewollt gewesen, lässt aber diese Interpretationen zu. Was wiederum bedeuten könnte, dass das Politische sich unbewusst Bahn gebrochen hat ;-).

Außerdem kann man sich Charaktere wie Haferkamp immer wieder anschauen und auf der reinen Genussebene bieten diese alten Tatorte eine Menge. Einen herzlichen Dank mit großem Zeitabstand dafür, dass Sie solche Filme gemacht haben, die deutsche Fernsehwelt wäre ärmer ohne sie.

TH/14-08-05

Werner Kließ, August 2014

Es ist drollig, nach so langer Zeit einen Kommentar (eine Rezension?) zu dem Tatort zu lesen, den ich vor Urzeiten als Produzent betreut habe. Ich kann versichern: sozialpolitische Kommentare waren uns ein Greuel. Doppelbödigkeit haben wir nicht angestrebt, um irgendwelche Kommentare gleichsam hintenrum einzubringen. Nicht weil wir der Politik fern standen oder von irgendwem daran gehindert wurden, politische Meinungen einzubringen – der WDR war ein sehr liberaler Sender -, sondern weil wir schlicht die Schnauze voll hatten von den vielen gut gemeinten, öden, allwissenden, sozialpolitisch ach so kompetenten Filmen. Sie machten als Filme keinen Spaß und brachten das, was politisch als Leitartikel, Parteiprogramm oder Manifest sinnvoll war, in verdünnter, in der Regel verquaster, verschrobener Form hervor, mehr gut gemeint als gut. – Daß die Handlung von „Rechnung mit einer Unbekannten“ äußerst fragil ist, war uns natürlich bewußt. Genau das hat uns gereizt. Getreu der Devise des großen Aristoteles (mein Lieblingsgedanke aus seiner „Poetik“!): Es ist wahrscheinlich, daß auch das Unwahrscheinliche geschieht.
Werner Kließ

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