Vom Winde verweht (Gone with the Wind, USA 1939) #Filmfest 288 #Top250 DGR

Filmfest 288 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (32) / "Die große Rezension"

Es kommt immer ein Tag, an dem man Abschied nimmt und es kommt der Tag danach. Morgen ist also auch noch ein Tag. Heute nehmen wir Abschied davon, dass wir diese Rezension seit mehreren Jahren im Archiv gelagert und noch nicht gezeigt hatten.

Das Filmfest des „neuen“ Wahlberliners und das chronologisch erarbeitete „Konzept 250“, innerhalb dessen möglichst viele Filme besprochen werden sollen, die zu irgendeinem Zeitpunkt seit ihrem Start im Jahr 1997 in der Liste der 250 besten Filme aller Zeiten gemäß Ranking der Internet Movie Database (IMDb) enthalten waren (wir folgen dabei den Angaben hier), führen jetzt aber unweigerlich zur Veröffentlichung. Wir besprechen ein Hollywood-Monument, das auf seine Weise bis heute unübertroffen ist.

Das bedeutet nicht, dass es einer der besten Filme aller Zeiten nach heutigen Maßstäben sein muss, wie sich in der Diskussion zeigen wird. Ein Film dieser Art ist aber heute nicht mehr möglich, und das macht ihn besonders. Entweder man zeigt die Verhältnisse in jenen Jahren des amerikanischen Bürgrkrieges, wie sie wirklich waren, aber dann kann man nicht eine Person wie Scarlett O’Hara noch zu einer Protagonistin machen, die sich auf ihre Weise viele Sympathien erarbeitet.

Vielleicht im Süden der USA, aber nicht dort, wo ein aufgeklärtes Publikum die vielen Probleme des Films identifizieren kann. Das ändert nichts an seiner Pracht, an den hervorragenden Schauspielleistungen, und für jeden Film gilt, man muss ihn in Relation zur Zeit seiner Entstehung betrachten, aber eben nicht ausschließlich. Ein Film, der heute noch Einfluss auf Menschen nimmt, die ihn sich anschauen, besonders weniger erfahrene Menschen, ist kein Schaustück wie ein Oldtimer-Automobil, das eben vergangene Technik für Liebhaber zeigt, die aber heute niemand mehr für den Alltag kaufen würde (obwohl heute Millionen dafür ausgegeben werden). Kino ist aber ein Stück Alltagskultur, Filme sind der wohl wichtigste Bestandteil von Alltags- bzw. Massenkultur überhaupt. Selbst unsere Rezension aus dem Jahr 2016 ist schon nicht mehr ganz State of the Art, in diesen gleichermaßen repressiven Tagen, die aber auch solche des Empowerments von People of Color sind. Vermutlich werden wir diesen wichtigen Film noch einmal anschauen, wenn etwas mehr Zeit zur Verfügung steht und diese -> Rezension überarbeiten und erweitern.

Produktionsdaten (1)

Vom Winde verweht (OriginaltiteTOM: Gone with the Wind) ist eine US-amerikanische Literaturverfilmung aus dem Jahr 1939 mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen.

Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Roman von Margaret Mitchell, der 1936 veröffentlicht wurde und sich schon bald zu einem der erfolgreichsten Romane der amerikanischen Literaturgeschichte entwickelte. Der von David O. Selznick produzierte Film ist einer der bekanntesten Hollywoodfilme und gehört zu den großen Filmklassikern.

Mit fast vier Stunden Laufzeit war er seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit rund vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der „größten US-Filme aller Zeiten“ gewählt. Er wurde seit seiner Uraufführung mehrfach wieder in die Kinos gebracht und ist mit einem inflationsbereinigten Einspielergebnis von rund 6,6 Milliarden US-Dollar (2014) das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte.

Der Film spielt während des Sezessionskrieges sowie der anschließenden Reconstruction-Ära. Die Hauptfigur ist die temperamentvolle Southern Belle Scarlett O’Hara (Vivien Leigh), die in eine stürmische Romanze mit Rhett Butler (Clark Gable) gerät. Obwohl sie Rhett heiratet, vergöttert sie dennoch weiterhin ihren Jugendfreund (Leslie Howard), der jedoch mit der gutmütigen Melanie Hamilton (Olivia de Havilland) verheiratet ist. Die Regie führte Victor Fleming; die Filmmusik stammt von Max Steiner.

Vom Winde verweht ging mit einer Rekordzahl von 13 Nominierungen in die Oscarverleihung 1940 und wurde mit acht Oscars sowie zwei Ehren-Oscars ausgezeichnet. Darunter war der Oscar als Beste Nebendarstellerin für Hattie McDaniel, mit der erstmals ein afro-amerikanischer Künstler gewann.

Ausführliche Handlungsbeschreibung ebenfalls unter (1)

Rezension

ANNI: Wie oft hast du den Film gesehen? Ich heute zum zweiten Mal.

TOM: Vier- oder fünfmal.

ANNI: Himmel, musst du alt sein.

TOM: Bis in die 1980er war „Vom Winde verweht“ nicht im deutschen Fernsehen, es gab ihn nöchstens mal im „Sommerkino“ – und es war fast ein Ereignis ähnlich bei einer Kinopremiere, als er erstmalig gezeigt wurde, ich glaube, es war 1985. Mittlerweile haben sie ihn mit fantastischen Farben restauriert und es gibt sogar einige Sequenzen, in denen der Ton von Mono in einen künstlich wirkenden, aber doch effektvollen Raumklang wechselt. Einen kleinen Szenenausschnitt am Anfang, in dem Scarlett an einem kleinen Fluss entlang auf ihren Vater zuläuft, haben sie, nach meiner Ansicht absichtlich, farblich nicht restauriert, um den Unterschied deutlich zu  machen. Das Bild wirkt an der Stelle auch viel weniger scharf. Ich hab den Film aber auch heute erstmals in HD gesehen.

ANNI: Und irgendwas fehlt noch. Diese anfänglichen Texttafeln, auf denen aufgezählt wird, was die Südstaaten haben oder was sie auszeichnet, die ganze schöne Kultur … da gab es doch mal eine weitere Seite, da stand groß drauf „… und SKLAVEN“. Diese Seite mit den großen Lettern sie jetzt einfach weggelassen. Wenn das nicht manipulativ ist. Denn damit wird der Hauptgrund des Bürgerkrieges erstmal verschwiegen. In den Dialogen kommt er ja erst einmal nicht sehr deutlich raus.

TOM: Zum Rassismus kommen wir noch, ich muss aus Strukturgründen bei diesem Riesenfilm ein wenig nach Themen mit dir arbeiten.

ANNI: Ich folge deinen weisen Anweisungen. Ausnahmsweise.

Feelings

TOM: Meine Einstellung zu „Vom Winde verweht“ hat sich über die Jahre kaum verändert. Das belegt schon, dass dieses Werk sehr haltbar ist. Man kann natürlich auch eine dauerhaft negative Einstellung zu ihm haben, wegen der Rassenfrage – aber nicht nur.

ANNI: Nicht nur?

TOM: Was mir doch mittlerweile mehr auffällt ist, wie überladen „GWTW“ daherkommt. Im ersten Teil, auf Tara, gibt es noch einige heitere Szenen, dann dominiert der Krieg alles und alle Tragik resultiert aus dem Krieg. Aber nach dem Krieg mäandert sich der Film von einem scheußlichen oder traurigen Ereignis auf eine Art und Weise zum nächsten, dass einem schwindelig wird. Vor allem, als kurz nacheinander und sozusagen miteinander verzahnt Bonnie und Melanie sterben, also irgendwann einmal ist zu viel zu viel. Da ist der in Moll gehaltene offene Schluss bietet dann geradezu eine Erleichterung.

ANNI: Als Clark Gable bzw. Rhett Buttler am Ende sagt: „Offen gesagt, ist mir das gleichgültig.“ Im Original heißt es „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“, das ist viel deftiger und eines der berühmtesten Filmzitate überhaupt.

Der Unterschied ist auch wichtig, weil damals im US-Film eigentlich nicht geflucht werden durfte. Aber wann sollte man diese Regel übertreten, wenn nicht in diesem filmhistorischen Augenblick? Es stimmt schon, der Film wird komischerweise nach dem Krieg schwerer und wuchtiger als währenddessen. Und die Farben, die Dekors, alles immer mehr überladen, immer finsterer.  Vor allem diese Unglückstreppe im Haus der Buttlers in Atlanta, auf der Scarlett ihr zweites Kind verliert, tiefrot und drumerhum ein ganz dunkler Raum, Blut wird fließen und das Leben sich endgültig verdüstern. Und in der Szene, als das passiert, ist es wohl Nacht, da sieht man nicht einmal mehr das farbige Fenster im Hintergrund, alles tritt aus dem Schwarz hervor und ist schon Schicksal, bevor es sich zuträgt. Du merkst schon, dass es nicht einfach war, das lange Buch so zusammenzufassen, dass nicht ein Höhepunkt sich an den anderen reihen musste. Aber es kam fantastisch gut beim Publikum an und heutige Filme sind ja auch oft so atemlos wie die letzten, sagen wir eineinhalb Stunden von „GWTW“.

TOM: Ja, weil sie Handlung durch Action ersetzen, das ist was anderes. Ich kenne keinen Film, in dem es eine größere Anzahl von tödlichen Schicksalsschlägen gibt als in diesem. Von den ursprünglichen wichtigen Figuren bleiben nur noch ganz wenige übrig. Scarlett, Rhett und Ashley.

ANNI: Das sind ja auch die wichtigsten. Und Mammy natürlich! Hattie McDaniel, die erste afroamerikanische Schauspielerin, die einen Oscar bekam. Natürlich für eine  ziemlich typische Rolle der Zeit. Ich weiß, da kommen wir noch drauf.

TOM: Lass uns ruhig über die Figuren reden. Als Mann finde ich Scarlett auf jeden Fall hoch interessant und – komischerweise würde ich sie nicht gegen Melanie tauschen wollen, dieses holde Gechöpf, das von Olivia de Havilland gespielt wird, die in anderen, nicht ganz so üppig besetzten Filmen zu der Zeit nur Rollen als Leading Lady hatte, meistens zusammen mit Errol Flynn.

ANNI: Klar ist ein so ausgeprägter und egozentrischer Charakter wie Scarlett O’Hara interessant. Hollywoodfilme, und nicht nur die, zeigen ja allzu oft allzu simple Charaktere, aber in diese Figur wird richtig tief eingestiegen – was allerdings auch wieder nicht so schwer ist, denn sie ist ja ein eher oberflächlicher Typ. Und manipulativ und so selbstsüchtig, also, daraus eine tragfähige Hauptfigur zu machen, das muss man erst einmal hinbekommen, denn wer identifiziert sich schon mit so jemandem, über mehr als drei Stunden hinweg?

TOM: Sehe ich anders, das mit der Identifikation. Wir sind im Jahr 1939 und da hat sie auf viele Frauen wohl wie einer Erlösung gewirkt. Endlich eine Person, welche sich nimmt, was sie kriegen kann und die Männer reihenweise ökonomisch in den Schatten stellt. Die eigenständig, nicht aus Gründen der Konvention, aus Berechnung heiratet. Okay, das ist für viele wohl kein Vorbild, aber alles andere und damals unabhängig werden, in dem Maßstab, in dem es bei Scarlett O’Hara stattfindet, ging wohl wirklich nur über Männer als Sprungbretter, wenn man es so nennen will. Und eines darf man nie vergessen, auch bei anderen Aspekten des Films: Die wahnsinnige Symbolkraft der Mohrrüben-Szene. Es war doch eine Mohrrübe, die sie da aus dem Acker auf Tara zieht und so drecktig verspeist, wie sie aus dem Boden kam.

ANNI: Abgesehen vom nicht abgewaschen kenne ich jemanden, der isst auch gerne rohe Karotten, wird dadurch aber nicht zu einem Symbol für irgendwas … nun erzähl schon weiter, ich lausche.

TOM: Also, natürlich war es für die Leute im Süden der USA hoch emotional, wie sie da jemanden sehen, der nach den Verwüstungen des Krieges aus dem Nichts und mit all seiner erdgebundenen, urwüchsigen Kraft schwört, nie wieder arm sein zu wollen. Das ist außerdem so uramerikanisch wie nichts anderes. Darum geht es, um Patriotismus und Geld. Gott, der hier von Scarlett als  Zeuge ihres Schwurs angerufen wird, spielt da eine symbolische, aber wenig reflektierte Rolle. Außerdem war 1939 die Great Depression in etwa zu Ende, in der so viele Leute Hab und Gut verloren haben und von vielen Farmen und Existenzen aller Art nur ein staubiges Nichts übrig blieb. Auch diese noch recht junge Erfahrung der Nation wird durch diese Szene wachgerufen. Das ist fantastisch gemacht und mich haut’s jedes Mal weg, wenn ich sehe, wie Scarlett auf dem Acker kniet, die kleine Faust ballt und nur noch Wille ist. Es ist mega-pathetisch, aber ich glaube, jeder, der mal einen schweren, besonders einen ökonomisch schweren Schlag erhalten hat und wieder irgendwie hochkam oder hochkommen will, der findet da einen Trigger. Die Macht solcher Momente ist gar nicht zu überschätzen. Aus solchen Bildern werden Mythen einer Nation geformt. Ich habe dazu aus guten Gründen ein distanzierteres Verhältnis, aber warum sollten die Amerikaner sich nicht in jeder Krise wieder auf solche Eigenschaften und Fähigkeiten und auf ihre kollektive Erinnerung an frühere Krisen, wie sie in „GWTW“ gezeigt werden, berufen?

ANNI: Ja, die Betrachtung kann ich nachvollziehen. Und du meinst, man identifiziert sich mit Scarlett als Stehauf-Weibchen?

TOM: Aber ja. Gerade, weil sie kein Engel ist, sondern sehr erklärbar und nachvollziehbar handelt. Man muss nicht billigen, was sie tut, um sie faszinierend zu finden.

ANNI: Wenn du aber im realen Leben eine Frau treffen würdest, die so ist, würdest du der auch so hinterher laufen wie alle in diesem Film? Dass ein Typ wie Rhett Buttler sich so auf sie kapriziert, ist ja nicht gerade ein Intelligenzzeugnis für ihn.

TOM: Er ist wirklich wie sie, in vieler Hinsicht. Nicht so durchtrieben und gutmütiger, aber er kriegt immer, was er will und verliert es am Ende ebenso wie sie.

ANNI: Ihre Liebe nicht. Nicht wirklich. Die Szene nach Melanies Tod, in der sie plötzlich merkt, dass sie ihn doch liebt, fand ich verschoben. Unecht. Da wirkt sie plötzlich und erstmalig unecht. Außerdem kommt es rüber, als ob sie in Wirklichkeit von Ashley ablässt, weil sie keine Konkurrentin mehr hat. Dadurch wird er uninteressant für diesen obsessiven Fratz, sie definiert ihr eigenes Streben dadurch, dass sie etwas will, was ihr nicht gehören sollte. Selbst nach heutigen Maßstäben nicht. Sie ist eins von den Wesen, die rücksichtslos in anderer Leute Beziehung eindringen und nur zerstörende Wirkung entfalten. Daraus entsteht nichts Neues und Schönes, sondern nur Leid für alle.

TOM: Da siehst du, wie gut man über die Figur diskutieren kann. Ja, alles wahr, aber ich glaube, die etwas romantischeren unter den Männern stellen sich vor, diese Wildkatze am Ende doch zu zähmen. Rhett Buttler scheitert damit und verliert eigentlich alles, siehe oben. Aber es gibt ja noch einen weiteren Tag.

ANNI: Wie doof ist das denn, diesen Satz „Verschieben wir’s auf morgen“ als Schlusssatz zu verwenden? Aber gut, ich verstehe schon die Wiederholung dieses Leitmotivs.  Sogar Ashley bringt sie in die Bredouille, diesen sanften, wunderbaren Mann, der sogar seine Sklaven freilassen wollte, wäre der blöde Krieg nicht dazwischen gekommen … ja, ich weiß, später dazu. Gerade die etwas tiefer veranlagten unter euch, ich glaube, ihr seid Masochisten und dieser Film ist für Masochisten. Das passt auch wunderbar dazu, dass ihr euch freut, wenn Krieg ist. So blöd kann man doch nicht sein. So naiv.

TOM: Der Bürgerkrieg war eine Materialschlacht, die so niemand vorhergesehen hatte, schon gar nicht im Süden. Kein Abenteuer für Kavaliere, das kommt doch immerhin deutlich zum Ausdruck. Ich glaube, eines kann man „GWTW“ nicht vorwerfen: dass er den Krieg verharmlost. Die Gründe für den Krieg sind eine andere Sache, aber dazu …

ANNI: Was ist es, mit solchen Frauen wie Scarlett? Das ist eine rhetorische Frage, aber wenn wir dieses Format machen, dann stelle ich sie und lasse nicht davon ab.

TOM: Sie ist schön, das darfst du auch nicht außer Acht lassen. Auf eine sehr eigenwillige Weise, die damals im US-Kino noch ungewöhnlich war. Sie nimmt schon die dunklen Heldinnen und Femmes fatales der Schwarzen Serie vorweg, die in den 1940ern das US-Kino beherrschte. Und was für Mannsbilder sich von diesen Frauen ihr Schicksal kaputt machen ließen. Ich meine, es sind Filme, ja? Und die Filme sind von Männern gemacht worden. Klar ist da Masochismus, der Wunsch nach einer Art von Erlösung von der Rolle als immer dominierendes Geschlecht zu sehen, aber diese Erlösung wurde uns ja auch  mittlerweile zuteil. Daher gibt es heute im Film auch keine solchen dunklen Frauentypen mehr.

ANNI: Oh doch. Du musst dir mal ein paar Filme anschauen, die nach 1950 gedreht wurden. Ihr seid mittlerweile durch den Feminismus geradezu pulverisiert. Ich heule gleich, aber nur bis zum equal Pay Day, danach bin ich wieder sauer.

TOM: Der Film sagt in der Tat eine Menge über das Verhältnis von Männern und Frauen aus. Aber auch, dass Frauen wie Melanie eher geheiratet werden. Und das entspricht nach meiner Beobachtung der Wirklichkeit. Langweiligere, aber irgendwie mehr dem Mainstream entsprechende Männer werden ja auch eher geheiratet.

ANNI: Deshalb bist du immer noch Single. Oder doch wegen nicht beziehungsfähig? Ich merke schon, du siehst sich als moderner Rhett Buttler.

TOM: Der will ja auch lange nicht heiraten. Aber das sagt er mehr zum Selbstschutz, um nicht von Scarlett abgewiesen zu werden, glaube ich.

ANNI: Die anderen sind alles Langweiler, da hast du allerdings Recht. Und selbst schuld, dass sie nur wegen Geld oder aus Rache geehelicht werden.

TOM: Womit gerade bewiesen wurde: mit Scarlett kann man sich eben doch identifizieren, so als Frau. Jetzt bist du bloßgestellt.

ANNI: Quatsch. Sie ist natürlich auch ein Kind ihrer Zeit, aber solche verwöhnten Gören gibt es ja heute zuhauf, ohne dass sie diese Getriebenheit entwickeln. Okay. Jetzt aber zum großen Ganzen, oder?

Der Film und seine Zeit und seine Rezeption

ANNI: Also, von „Birth of a Nation“ abgesehen, habe ich nie einen rassistischeren Film angeschaut. Also keinen, der heute noch so hoch im Kurs steht, jedenfalls.

TOM: Kleiner Einwurf. Bei den 250 besten Filmen der IMDb steht er gerade nur noch auf 155, das hat sicher vor allem mit seiner Rassendarstellung zu tun. Sogar ein paar deutsche Filme wie „M“ rangieren höher. Die amerikanischen Filmfans haben durchaus darüber reflektiert, dass da einiges nicht stimmt. Aber: Ich hab mir mal den „demographic breakdown“ der 208.000 Nutzerwertungen in der IMDb angeschaut. Ein klarer Frauenfilm. Ein weiterer Beleg natürlich dafür, wie gerne Frauen so wären wie Scarlett. Und gerade die Gruppe, die ich gerne mal als „Empathie-Referenzgruppe“ bezeichne, die Frauen über 45, bewerten ihn am allerhöchsten, während bei Männern mit zunehmendem Alter die Begeisterung etwas nachlässt. Wenn ich das jetzt ganz linear sehe, seid ihr die größeren Rassisten und das umso mehr, je älter ihr werdet und desto mehr ihr reflektiert und erfahren seid. Du verstehst also, was ich meine, das kann man nicht so simpel betrachten.

ANNI: Tue ich nicht. Aber während das AFI zum Beispiel „Birth of a Nation“ trotz seiner epochalen Bedeutung für die Entwicklung des Kinos aus ihrer Top 100 rausgeschmissen haben (Version 2007, 1996 war er noch drin), haben sie „GWTW“ lediglich von Platz 4 auf Platz 6 zurückgesetzt. Verstehst du nun auch, was ich meine? Wo ist da die Konsequenz? Ob man den Ku-Klux-Klan offen zeigt, wie in „Birth“, oder im Grunde noch positiver, romantisch verbrämt, wie in „GWTW“, das spielt in Wahrheit keine Rolle. Und diese Lüge vom schönen alten Süden, in dem die Sklaven es so gut hatten, bis auf ein paar unglückliche Exemplare, die sadistischen Ausnahme-Grundbesitzern gehörten, lächerlich. Unverschämt. Und guck, wie die Leute im Süden der USA heute noch drauf sind. 150 Jahre nach der Sklavenbefreiung.

TOM: Das belegt, dass kultureller Wandel und Integration nicht über Nacht geschehen können.

ANNI: Jetzt hör bloß auf, das so zu drehen. Die Leute fühlen sich nach wie vor im Recht, das ist das Problem.

TOM: Der Film ist aus 1939,  niemand stellt Afroamerikaner heute noch so dar. Und denk mal, was bei uns 1939 los war.

ANNI: Wenn ich einen Nazi-Propagandafilm zu rezensieren hätte, würde ich mich auch klar dazu äußern, glaub’s mir. Aber davon sind wir ja dank der fürsorglichen deutschen Vorbehaltsverwaltung befreit.

TOM: Du willst doch GWTW nicht  mit „der ewige Jude“ oder „Jud Süß“ vergleichen?

ANNI: Nein? Weil die von Gerald O’Hara so liebevoll beschützten und gepflegten Sklaven auf Tara so treu und fürsorglich sind wie Mammy? Das ist so diskriminierend, dafür sind kaum Worte zu finden. Und dann diese Prissy-Figur. Ich koche jedes Mal hoch, wenn ich dieses Musterexemplar einer verblödeten, vertrödelten und verlogenen Schwarzen sehe, die natürlich zu Recht von Scarlett geschlagen wird. Schlimmer geht’s nicht. Und die befreiten Sklaven erst, die dann einen auf dicke Hose machen, zusammen mit den räuberischen und unkultivierten Nordstaatlern. Die mit ihnen zusammen plündern, brandschatzen, hinter den „Southern Belles“ her sind … okay, Letzteres wird nicht offen gezeigt. Aber was ist das für eine Weltanschauung?

TOM: 1939 gab es noch keine Bürgerrechtsbewegung …

ANNI: Und das Ekelhafteste: Die schwarzen Schauspieler durften an der Premiere des Films in Atlanta, Georgia nicht teilnehmen, wegen der Rassentrennung. Ich glaub, jetzt heule ich wirklich gleich. Es ist so nieder. Ich hasse diesen Film gerade. Stell dir vor, eine Bald-Oscarträgerin, die nicht einmal den Film gucken darf, in dem sie die einzige gutmütige und nette Figur darstellt, außer Melanie natürlich – das alles in diesem verwanzten, verlausten Süden, in dem heute noch Schwarze einfach so umgebracht werden, unbewaffnete Leute. Wir haben schon „Mississippi Burning“ und „In the Heat oft he Night“ besprochen, und hat sich da bis heute so viel geändert?

TOM: Im Film schon, wie gerade die von dir genannten Beispiel belegen und viele neue Produktionen werden viel ausgewogener besetzt, abgesehen davon, dass es auch schon eine PoC-Filmkultur gibt. Ich kann dem nicht viel entgegensetzen, die Frage ist nur, ob man es als einziges Bewertungskriterium für ein solches filmisches Monument heranziehen darf.

ANNI: Es ist doch ganz eminent wichtig in diesem Film, das Verhältnis zwischen Weißen und Afroamerikanern, es ist geradezu konstitutiv, es bestimmt den Film, von Scarlett abgesehen, von Rhett abgesehen, die natürlich auch in einer modernen Umgebung denkbar wären. Diese ewige Lüge vom schönen alten Süden, dieser Hochkultur, die in Wirklichkeit ein dekadenter Feudalismus waren, aufgebaut auf der unbezahlten Arbeit von Menschen, die in ihrem Leben keine Sekunde lang frei waren. Und wenn die Nordstaatler hier noch so sehr als unzivilisiert dargestellt waren, es war gut, dass sie den Süden in die Knie gezwungen haben. Ein Hoch auf Präsident Lincoln!

TOM: Jetzt bist du ganz im Film angekommen, vor allem in Sachen Pathos.

ANNI: Kalt lässt mich „GWTW“ nicht, und es ist ja auch kein schlechter Film. Du hast ihn aber überladen genannt, und ich nenne ihn übelst rassistisch. Kann dabei eine gute Note herauskommen?

TOM: Bei mir schon. So, ich hab meine Punkte aufgeschrieben.

ANNI: Ich gebe 5/10. Mir ist klar, dass er herausragend gefilmt ist, über die Production Values brauchen wir hier nicht zu streiten, und natürlich sind die Rollen fantastisch gespielt, das Beste was es damals gab. Aber gibt es Gutes im Schlechten?

TOM: Gut, dass ich geahnt hab, dass sowas von dir kommt. Deshalb hab ich 9/10 gegeben. Damit kommen wir wenigstens bei 7 raus.

ANNI: Irgendwann kriegst du Ärger mit mir, wegen deiner taktischen Bewertungen. Du hattest den Film vorhin als überladen bezeichnet. Du siehst doch gar keine 9/10!

TOM: Doch, sehe ich.  Wegen seiner Stellung als mit Abstand bester Film, so sahen es wenigstens diejenigen, die für die Vergabe der Oscars zuständig waren, im vielleicht besten Jahr des alten Hollywood. In gewisser Weise ist er ein seitdem nicht mehr erreichter Gipfel. Sorry, dass ich das eben so dargestellt hab, als hätte ich die 9/0 nur gegeben, um dein erwartetes schlechtes Votum auszugleichen, das war blöd. Ich reduziere auf 8/10.

ANNI: Herausragend.  Und blöd ist es in der Tat. Mein Gott, ich reg mich richtig auf. Taschentuch!

Unsere Wertung: 6,5/10

Nachwort

Ich hatte es eingangs schon erwähnt, dass vier Jahre nun wieder einen Unterschied machen, auch im Bewusstsein. Heutige Rassenprobleme, die im Dialog angesprochen wurden, auf eine ziemlich vorausschauende Weise sogar – ich habe nur ein paar Formulierungen geändert und eine paar private Sprüche entfernt, nichts die Kernaussagen zum Film – müssen wir aber noch einmal in einem Sonderabsatz dokumentieren, der 2016 begreiflicherweise nicht in der Wikipedia zu finden war. Auch die Bewertung habe ich ausnahmsweise ohne Neusichtung um einen halben Punkt nach unten angepasst, indem ich Tom am Ende von 9 auf 8 Punkte heruntergehen ließ.

Im Jahr 2015 regte Lou Lumenick, Filmkritiker der „New York Post“ an, den „unzweifelhaft rassistischen“ Film nicht mehr anzubieten. Dies führte zum Teil zu heftigen Gegenreaktionen. Bereits 2014 hatte Warner Brothers, Rechteinhaber seit 1996, die Blu-Ray-Fassung mit einer 26-Minuten-Dokumentation versehen, in der Historiker erörterten, inwiefern das Werk eine die Sklaverei verharmlosende Meinung befeuert.[35] Der Streamingdienst HBO Max, ein Teil von Warner Media, gab am 10. Juni 2020 nach dem Todesfall George Floyd und den folgenden landesweiten Protesten bekannt, den Film neben weiteren Film- und Serienproduktionen vorerst aus dem Angebot zu nehmen. Er solle erst mit einer Erklärung seiner rassistischen Vorurteile und seiner Verharmlosung der Sklaverei sowie mit einer Distanzierung des Anbieters von diesen Inhalten wieder ins Programm aufgenommen werden.[36][37] Seit Ende Juni 2020 wird der Film wieder bei HBO Max mit einer Einführung angeboten.[38] (1)

Heute steht der Film immer noch auf Platz 168 der Top 250. Angesichts der Diskussionen um seine Inhalte ist das sehr fragwürdig, aber der Metascore der Kritiker liegt sogar bei 97/100. Diesen Film nicht auf dem Filmfest zu besprechen, ist unmöglich. Es gibt nur eine einzige Stimme, die als kritisch angesehen wird (60/100), es geht dann weiter mit 80/100 aufwärts, 100 gibt es leider auch von Roger Ebert. Allerdings sehe ich hier auch ein interessantes Phänomen: „Metascore“ versieht das in den Kritiken Ausgesagte mit einer eigenen Wertung, diese stammt in der Regel nicht von den Kritiker*innen selbst und geht außerdem, wie unsere, auf Hunderstel, während Kritiker wie Ebert oft Fünftel- bis Zehntelstufungen verwenden. Und die Score-Ersteller haben nach meiner Ansicht etwas zu hoch gegriffen, als die Meinungen als leicht positiver dargestellt, als sie tatsächlich sind, teilweise, als gäbe es keinerlei Kritikpunkte. Bei einigen der Texte würde ich bis zu 10/100 weniger sehen als diejenigen, die den Metascore erstellt haben. Dieses Phänomen gibt es nicht nur bei GWTW, aber hier ist der richtige Moment, einmal darauf hinzuweisen.

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke (1)

(1) Unter der Filmfest-Nummer 26 wurde bereits im Jahr 2019 eine Rezension zu „GWTW“ veröffentlicht, die, wie die vorliegende, auf dem Entwurf aus dem Jahr 2016 basiert, hier haben wir aber eine neue Nummer vergeben, weil der obige Text nicht wiederum auf dem von 2019, sondern direkt aus dem Entwurf aus dem Jahr 2016 abgeleitet ist.

Rolle Darsteller Synchronstimme
Auf der Plantage Tara
Gerald O’Hara, Besitzer von Tara Thomas Mitchell Walter Werner
Ellen O’Hara, seine Frau Barbara O’Neil  
Scarlett O’Hara, seine älteste Tochter Vivien Leigh Elfie Beyer
Suellen O’Hara, seine mittlere Tochter Evelyn Keyes Carola Höhn
Careen O’Hara, seine jüngste Tochter Ann Rutherford Margot Leonard
Brent Tarleton, Scarletts Verehrer Fred Crane Klaus Miedel
Stuart Tarleton, Scarletts Verehrer George Reeves Paul Edwin Roth
Mammy, Hauspersonal Hattie McDaniel Erna Sellmer
Pork, Hauspersonal Oscar Polk Herbert Weißbach
Prissy, Hauspersonal Butterfly McQueen Annemarie Wernicke
Jonas Wilkerson, Aufseher von Tara Victor Jory Hans Emons
Big Sam, Vorarbeiter Everett Brown Axel Monjé
Beim Fest auf Zwölf Eichen
John Wilkes, Besitzer von Zwölf Eichen Howard C. Hickman  
India Wilkes, seine Tochter Alicia Rhett  
Ashley Wilkes, sein Sohn Leslie Howard Axel Monjé
Melanie Hamilton, Cousine der beiden Olivia de Havilland Tilly Lauenstein
Charles Hamilton, Melanies Bruder und Scarletts erster Mann Rand Brooks Paul Edwin Roth
Frank Kennedy, ein Gast und Scarletts zweiter Mann Carroll Nye Wolfgang Lukschy
Rhett Butler, ein Gast aus Charleston und Scarletts dritter Mann Clark Gable Siegfried Schürenberg
In Atlanta
Tante „Pittypat“ Hamilton, Melanies Tante Laura Hope Crews  
„Onkel Peter“, Pittypats Sklave Eddie Anderson Walter Bluhm
Dr. Meade, Arzt Harry Davenport  
Mrs. Carolyn Meade, seine Frau Leona Roberts  
Mrs. Dolly Merriwether Jane Darwell  
Belle Watling, Prostituierte Ona Munson Hilde Hildebrand
Kleinere Nebenrollen
Plündender Yankeedeserteur auf Tara Paul Hurst  
Bonnie Blue Butler, Scarletts und Rhetts Tochter Cammie King Conlon  
Johnny Gallagher, Auspeitscher im Sägewerk J. M. Kerrigan Manfred Meurer
Phil Meade, Dr. Meades Sohn Jackie Moran Horst Gentzen
Bonnies Kindermädchen in London Lillian Kemble-Cooper  
Cathleen Calvert, Gast auf Zwölf Eichen Marcella Martin  
Beau Wilkes, Melanies und Ashleys Sohn Mickey Kuhn  
Yankeecorporal, Wachmann beim Gefängnis Irving Bacon  
Reitender Südstaaten-Offizier auf der Flucht William Bakewell  
Emmy Slattery, Geliebte von Jonas Wilkerson Isabel Jewell  
Soldat, dessen Bein amputiert werden muss Eric Linden  
Tom, Yankeehauptmann (in Wilkes’ Haus) Ward Bond  
Verwundeter Soldat, der sich an Kindheit erinnert (Stimme) Cliff Edwards  
Räuber, der Scarlett überfällt Yakima Canutt  
Hungernder Soldat, der Beau Wilkes in Armen hält Louis Jean Heydt  
Carpetbagger-Geschäftsmann Olin Howland  
Yankeemajor, Leiter beim Gefängnis Robert Elliott  
Maybelle Merriweather, Mrs. Merriweathers Tochter Mary Anderson  

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