Heidemarie Göbel – Polizeiruf 110 Episode 59 #Crimetime 862 – #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Kleinmachnow #Hübner #Heide #Marie

Crimetime 862 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Szenen einer Ehe mit gefährlicher Rache

Eines muss man diesem Film auf jeden Fall vorwerfen. Dass er an einer Stelle mit dem Zuschauer unehrlich umgeht. Dafür versucht er für die Verhältnisse der Zeit recht ehrlich, über das Scheitern von Ehen in der DDR zu berichten. Über beide Aspekte ist mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Heidemarie Göbel ist seit fünf Jahren mit dem Biologen Dr. Friedhelm Göbel verheiratet. Auf sein Drängen hin gab sie einst ihr Medizinstudium auf und wurde von dem egoistischen Friedhelm mit der Zeit immer mehr in die Rolle der ihm dienenden Ehefrau gedrängt. Als Friedhelm zur Kur fahren will, fordert er sie auf, seine Koffer zu packen und Heidemarie weigert sich. Sie fährt frühzeitig zu ihrer Arbeitsstätte, hat sie doch gegen seinen Willen eine Tätigkeit als Atelierassistentin beim Film angenommen, wo auch ihre Schwester Kerstin Bremer arbeitet. Friedhelm begibt sich kurz in sein Institut. In der Post findet er die Scheidungspapiere, die Heidemarie ihm über ihren Anwalt hat zustellen lassen. Friedhelm sucht sie am Set auf und eröffnet ihr, dass sie ihm alles zu verdanken habe und sie ihn all die Jahre nur ausgenommen habe. Sie werde ihn mit den Dingen verlassen, die sie bei sich hatte, als sie zu ihm gekommen sei. Heidemarie wiederum kündigt an, ihm all die Arbeit in Rechnung zu stellen, die sie in den vergangenen Jahren für ihn erledigen musste.

Friedhelm ist in finanziellen Schwierigkeiten, weil er hohe Summen in den Kauf von wertvollen Uhren für seine Sammlung investiert hat. Er will heimlich einen Teil des 200.000 Mark teuren Familienschmucks verkaufen, den er für den Zweck aus der Bank nach Hause geholt hat. In der Nacht, in der Friedhelm auf dem Weg zur Kur ist, wird Heidemarie zu Hause überfallen und mit Ether betäubt. Der Einbrecher spritzt ihr ein Barbiturat und stiehlt anschließend den Familienschmuck und mehrere Uhren im Wert von 10.000 Mark. Als der Täter an der Tür klingelte, telefonierte Heidemarie gerade mit ihrer Schwester, die die Tat übers Telefon mithörte. Sie verständigt die Polizei. Oberleutnant Jürgen Hübner nimmt die Ermittlungen auf. Die für die Betäubung benutzte Spritze stammt aus Friedhelms Institut. Es fehlt jedoch kein Betäubungsmittel und obwohl die Kollegen dem menschlich schlechten Vorgesetzten kritisch gegenüberstehen, hat niemand ein Motiv für die Tat.

Heidemarie zieht zu ihrer Mutter, einer Apothekerin. Zunehmend verhält sie sich rätselhaft, ist labil und beginnt exzessiv zu trinken. Friedhelm, der sie aufsucht und zurückholen will, wirft sie aus ihrem Zimmer. Wenig später vergiftet ein Mann Heidemaries Schnaps und hinterlegt in ihrem Zimmer zwei Ringe aus dem gestohlenen Familienschmuck. Heidemarie wird rechtzeitig von ihrer Mutter gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Jürgen Hübner erhält nun bei den Ermittlungen Hilfe von Leutnant Sabine Berghoff. Beide beginnen darüber nachzudenken, dass der Täter auch aus Heidemaries Bekanntenkreis beim Film stammen oder Heidemarie selbst in die Tat verwickelt sein könnte. Die Untersuchungen ergeben, dass an beiden Tatorten Spuren von Kohlestaub gefunden wurden. Das Filmteam hatte vor einiger Zeit in einem Braunkohlegebiet gedreht. Ein Mitarbeiter Friedhelms berichtet diesem schließlich, dass er vor einiger Zeit dem ehemaligen Mitarbeiter Ingo Reimers drei Ampullen Betäubungsmittel übergeben hatte, die dieser angeblich für Filmtiere brauchte. Reimers wiederum ist flüchtig und auch Heidemarie hat heimlich das Krankenhaus verlassen. Sie will zu ihrer Schwester, die nicht da ist, und übernachtet schließlich bei LKW-Fahrer Möller, der sie vom Krankenhaus mitgenommen hat. Als der Heidemarie auf einem Steckbrief sieht, wirft er sie raus und meldet sich am nächsten Tag bei der Polizei.

Per Taxi lässt sich Heidemarie zum Braunkohlegebiet fahren und gibt dem Taxifahrer einen Brief an ihre Schwester mit, in dem sie die Tat gesteht. Sie hat sich im Braunkohlegebiet mit Reimers verabredet, da sie den gemeinsamen, aus Rache an Friedhelm verübten Einbruch rückgängig machen und alle gestohlenen Sachen zurückgeben will. Reimers war einst von Friedhelm nicht zum Studium empfohlen worden und hatte daher ein Interesse daran, Friedhelm zu schaden. Er denkt nicht daran, die Beute zurückzugeben, sondern will sie nur mit Heidemarie teilen. Die berichtet Reimers, dass ihre Schwester nach Erhalt des Briefes zur Polizei gehen wird. Die Ermittler haben auf dem Umschlag Kohlespuren gefunden und so den Aufenthaltsort von Heidemarie erraten. Gerade als Reimers vom Braunkohlegebiet fliehen will, erscheinen die Ermittler und nehmen ihn fest. Auch Heidemarie wird verhaftet – bei ihr befindet sich auch die Tasche mit den gestohlenen Wertgegenständen, die Reimers zum Treff mitgenommen hatte.

Rezension

Nach dem Anschauen des sehr kurzen und nicht besonders stimmigen Polizeirufs Nr. 57 mit dem Namen „Walzerbahn“ hatten wir die Vermutung geäußert, dass Regisseur Hans Joachim Hildebrandt, der diesen Film sowohl geschrieben als auch inszeniert hatte, im Kopf vielleicht schon mit seinem nächsten Projekt befasst war – Heidemarie Göbel. Eines ist jedenfalls sicher: Die 59 (dazwischen liegt „Tödliche Illusion“, gedreht von Otto Bonhoff) hat einen wesentlich besseren Rhythmus, wirkt vollständig und die Figuren bekommen einigermaßen Zeit, um verständlich zu werden.

Das gilt vor allem für den Titelcharakter Heidemarie Göbel. Selten zuvor wurde eine Frau in einem Polizeiruf so in den Mittelpunkt gerückt und so differenziert beleuchtet. Auch ihr Mann Friedhelm trägt viel dazu bei, dass wir einen Blick in die Blackbox Ehe werfen dürfen. Sein Darsteller Dieter Wien kann zwar hier nicht ganz so brillieren wie im ein Jahr zuvor entstandenen „In Maske und Kostüm“, weil die Rolle des Institutsleiters ihm mehr Zuückhaltung auferlegt, aber seine Szenen sind immer gut gespielt – und Monika Woytowicz trägt die Rolle der Unzufriedenen und macht deren Handeln plausibel.

Trotzdem hätten wir uns auch bei diesem Film etwas mehr Länge gewünscht. Das Polizeiruf-Format erlaubt eine freiere Handlungsgestaltung schon deswegen, weil nicht, wie in einem Tatort, eine Leiche erwartet wird. Schon gar nicht muss diese zu Beginn des Films vorhanden sein. Wenn man in einem Tatort die Entwicklung eines Verbrechens darstellen will und noch an der Leiche interessiert ist, muss man das Meiste der Handlung als Rückblende anlegen. Dies wurde in klassischen Polizeirufen allerdings weitaus häufiger getan und die Nr. 59 beginnt mit dem Moment, in dem Heidemarie Göbel im Krankenhaus liegt – nach dem zweiten Überfall. Danach wird die Situation der Göbelschen Ehe erläutert und wir haben von Beginn an den Eindruck, dass beide Teile nicht ganz unschuldig an der negativen Entwicklung, dem Auseinanderleben, sind. Man sieht in DDR-Polizeirufen intressanterweise beides nicht selten: Eine Frau, die einem Beruf nachgeht, sogar Karriere macht, wird oft ebenso kritisch beleuchtet wie eine, die sich in die Rolle der Hausfrau hat drängen lassen oder sie freiwillig angenommen hat. Der Gesamteindruck, der sich immer mehr verfestigt: Wie man es als Frau auch gemacht hat, die Gefahr bestand immer, dass es falsch war. Es ergibt sich dadurch so etwas wie eine Abgrenzung: Arbeit ja, lieber als zuhause sitzen, aber allzu großer Ehrgeiz doch lieber eher nicht.

Das Wort Ehrgeiz war ohnehin in der DDR viel negativer konnotiert als im Westen, denn auch Dr. Göbel wird mit einem Hautgout als ehrgeizig bezeichnet. Wenn man das von heute aus betrachtet: Der Ansatz, dass jemand nicht so egoistisch sein sollte wie dieser Karriere-Wissenschaftler ist richtig, und Ehrgeiz und Egoismus müssen häufig miteinander gehen, damit das dritte E, der Erfolg, dabei herauskommt. Der materielle Erfolg vor allem. Und offenbar hatten die Erfolgreichen in der DDR einen Uhrentick. Dr. Göbel ist mindestens der vierte Uhrensammler, den wir vorgestellt bekamen und immer hatten diese Menschen, die sich toten Dingen verschrieben, die zweifelhafte Ehre, das vierte E, zu sehr sich selbst dienende, mithin unsozialistische Typen zu sein. Ähnliches galt auch für Gemäldesammler, die zweite Kategorie des Kollektonisten, die in der DDR offenbar vorkam.

Aber was hat es mit der Unehrlichkeit dem Zuschauer gegenüber auf sich? Es geht um den zweiten Überfall. Mindestens um den, vielleicht auch um den ersten. Es ist ganz deutlich zu sehen, dass der Mann, der in der Dachkammer herumfuhrwerkt, in der Heidemarie Göbel untergekkommen ist und die im Haus ihrer Mutter liegt, jemand zugange ist, mit Handschuhen, wie sie typischerweise bei Arbeiten getragen werden, wie sie in Göbels Institut ausgeführt werden – und mit genau der Jacke, wie Göbel sie trägt. Den Reimers hingegen sieht man nie mit einer solchen ockerfarbenen Wildlederjacke, sondern nur, wenn er nicht gerade als Komparse Wehrmachtsuniform trägt, mit einem beigeweißen Modell. Wir finden es etwas unanständig, den Zuschauer auf diese Weise so in die Irre zu führen, dass er glaubt, mehr zu wissen als der ermittelnde Oberleutnant Hübner und für ihn der Fall damit sich zu einem Howcatchem drehen würde – in Wirklichkeit ist das aber gar nicht so.

Wenn Michael Narloch auftritt, der ein Reimers spielt, ist zwar immer Vorsicht angesagt, aber er hatte auch Rollen, in denen er nicht Täter war. Letztere überwogen allerdings nach dem, was wir bisher gesehen haben, uns fehlen im Wesentlichen noch die Jahrgänge 1979 bis 1984 und ein paar Restanten aus den übrigen bis zur Wende sind ebenfalls noch auf dem Zettel.

Finale

Unspannend ist „Heidemarie Göbel“ nicht, weil das Aus-der-Ehe-Taumeln so dargestellt wird, dass man jederzeit damit rechnen muss, dass ihr etwas Furchtbares passiert und Hübner doch in einem Mord ermitteln muss. Unterstützt von Leutnant Berghoff, die offenbar testweise eingesetzt wird und sich nach gewissen Anfangsschwierigkeiten ausgesprochen gut mit dem netten Hübner versteht. Man hat ja immer wieder versucht, den vier Stammermittlern Fuchs, Hübner, Arndt und Subras neue Gesichter beizustellen, aber so richtig klappte das erst nach Arndts Ausstieg 1983 mit der „nächsten Generation“, Thomas Grawe und Lutz Zimmermann.

Die Sache, dass man als Zuschauer mit so vordergründiger Absicht auf eine falsche Fährte gesetzt wird, gib auf jeden Fall einen Abzug in der Bewertung. Schlüssig ist  der Grund des zweiten Überfalls: Dass man die Spur zum ersten auf Heidemarie lenken wollte. Das wäre aber auch plausibel gewesen, wenn ihr Mann den Einbruch bei sich selbst begangen bzw. vorgetäuscht hätte, weil sie nicht zu ihm zurückkehren möchte. In Zweifel gerät dieses Vorgehen wiederum am Ende etwas, während der Auseinandersetzung von Heidemarie und Reimers, die mit dessen Ergreifung durch die Polizei schließt.

Hätte sie nämlich nicht versucht, die Sache selbst gerade zu biegen und wäre vorher ihrerseits festgenommen worden, hätte man sie plangemäß des ersten Einbruchs verdächtigt – aber was hätte sie dann davon abhalten sollen, Reimers zu verpfeifen, denn wer außer ihm sollte die Ringe bei ihr abgelegt haben, um sie damit quasi zu denunzieren? Dass Reimers auch noch durch eine alte offene Rechnung motiviert ist, Dr. Göbel zu schaden – nun ja, konnte man so machen und dadurch wurde plausibler, dass er die Narkotika in seinem Besitz hatte. Es hätte aber auch ausgereicht, dass er im biologischen Institut mal gearbeitet hatte. Er kannte noch die früheren Kollegen und hat sie sich bei ihnen besorgt, genausogut aber hätte Dr. Göbel sie mitnehmen können.

Wir hätten außerdem gerne zehn Minuten mehr Spielzeit gehabt. Was wir schon vor längerer Zeit als einen Mangel der Polizeirufe beschrieben hatten, zeigt sich auch hier wieder. Die Dramaturgie kann nicht so gut geformt werden, wenn man die Handlung zu gepackt erzählen muss. Als wir das schrieben, war es auf die ersten Werke der Reihe aus den frühen 1970ern bezogen, die in der Regel ca. 15 Minuten kürzer waren als „Heidemarie Göbel“ und die Verwendung eines Namens als Titel deutet ja darauf hin, dass eine Person genauer untersucht werden soll, eine Persönlichkeit vielmehr. Eben aus dem Grund wäre etwas mehr dieses Mal besser gewesen.

Der Kriminalfall an sich ist sehr konventionell, eine Art Standardkonstruktion, bemerkenswert dabei aber die beiden Überfälle, bei der Heidemarie einmal geplant und einmal ungewollt in die Situation des Opfers kommt. Des scheinbaren, dann des echten Opfers.

7/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Hans Joachim Hildebrandt
Produktion Helga Lüdde
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Walter Laaß
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s