Mado (FR 1976) #Filmfest 289

Filmfest 289 A

2020-08-14 Filmfest ANicht ganz die Dinge des Lebens und nicht ganz die große Freundschaft

Mado ist ein französischer Film von 1976 nach einer Novelle von Gilberte Chatton, der von Claude Sautet realisiert wurde. Die Rezension veröffentlichen wir heute auch ein wenig „für jene, die wir lieben“, denn Claude Sautet hat uns so wundervolle Momente über die Liebe und auch die Freundschaft, über alles, was zählt, geschenkt. Es ist sicher ein wenig schade, dass ich „Mado“ nicht für den besten Film von ihm halte, aber die Rezension bezieht sich eben auf etwas Aktuelles.

Handlung

Der Bauunternehmer Simon Léotard wird damit konfrontiert, dass sein Partner Julien sich bankrott gemacht hat und ungedeckte Wechsel begibt und nimmt die Konfrontation mit dem Gläubiger auf, nachdem die Prostituierte Mado ihn erst darauf aufmerksam gemacht hat, dass man den Typ nicht einfach bezahlen muss, weil sich immer etwas gegen ihn findet, womit man ihn und sein Umfeld erpressen kann. Derweil entwickelt sich zwischen Simon und Mado eine Fast-Beziehung, die am Ende aber damit endet, dass Mado in den Armen des jüngeren  Freundes davongeht, der mittlerweile auch für Simon als Buchhalter arbeitet, während Simon seine Exfreundin Hélène in eine Suchtklinik begleitet.

Rezension

Der Eindruck nach dem Film? Endlich mal einer der 1970er-Filme von Sautet mit großen Stars wie Michel Piccoli und Romy Schneider, den wir noch nie gesehen haben (1). Und leider eine Enttäuschung. Er hat weder die Stärke in Beziehungsdingen und Emotionen wie „Die Dinge des Lebens“ noch die wuchtige Männerfreundschaft zwischen großen Stars wie in „Vicent, Paul, Francois und die anderen“. Er hat auch nicht die am Ende ebenfalls etwas ins Schlingern geratende Obsession von „Der Kommissar und das Mädchen“. Vielmehr will  „Mado“ vorherige Werke Sautets kombinieren und erweitern und scheitert dabei, und das nicht einmal in Würde, wenn man an die ewige Matschszene kurz vor Ende denkt, wo das reale soziale Netzwerk in drei Autos sich festfährt, während der Informant schutzlos der Rache des oben erwähnten, mittlerweile gelinkten Gläubigers ausgeliefert ist.

Die NV-Filmer und Krimiplots, die mit Beziehungsthemen verwoben werden, das geht oft nicht gut aus. Obwohl das Baugeschäft präzise recherchiert scheint, wirkt alles ein wenig künstlich und übertrieben und dass ein erfahrener Geschäftsmann im Bauwesen sich von einer vielleicht 20jährigen manipulieren lässt, nun auch den ungeraden Weg zu gehen, um sich zu wehren, den seine Gegner seit langem beschreiten, ist angesichs der Zustände im Baugeschäft Mumpitz. Wenn jemand dort nach oben kommen will, muss er das Spiel von der Pike auf lernen und das Gelernte auch anwenden können. Genau da ist auch ein Unterschied zwischen Léotard in „Mado“ und dem ebenfalls im Bauwesen tätigen Pierre Bérard aus „Die Dinge des Lebens“. Der war Architekt, also eher Künstler, aber Léotard ist ein Unternehmer, der in einem ganzen Konglomerat von Firmen die Finger hat. Diese Entwicklung ist durchaus symbolisch. Die Filme Sautets aus den frühen 1970ern waren konzentriert, recht kurz, nicht immer komplett stimmig, aber stets packend wegen der großartigen Figuren.

Piccoli spielt den Léotard gut, aber da ist auch schon so etwas wie eine saturierte Abnutzung zu erkennen – in manchen Szenen jedenfalls wirkt es so, als seien Piccoli und Sautet jetzt ein älteres Ehepaar. Zwar regt sich Piccoli vordergründig häufiger auf als in den früheren Filmen, aber in den ruhigeren Momenten wirkt er auch abgeschotteter als jemand, der nicht aus eigenem Antrieb, sondern, so scheint es, um einem jungen Mädchen zu imponieren, gegen seinen Charakter eine Erpressung und damit ein hoch riskantes Ding gegen einen Mann durchzieht, der in der Politik so gut vernetzt ist, dass jeder kleinste Fehler Léotard und alle, die von ihm abhängen und mit ihm zusammenarbeiten, den Kopf oder doch die Existenz kosten kann.

Vieles, was wir in den anderen Filmen von Sautet mit der Garde Piccoli &  Co. Nur bebildert sehen, wird hier schon explizit erklärt. Mado ist dafür zuständig, in ihrer jugendlich-ausdrücklichen Art dem Unternehmer mittleren Alters den Spiegel vorzuhalten und ihn als einen Mann zu beschreiben, der keine Gefühle für Dritte empfinden kann, sondern nur sich selbst liebt – auch in dem, wie er sich zur Wehr setzt, sie unterstellt ihm, er will alles haben, dabei hat sie ihn ja dazu angestachelt, sich so zu verhalten. Da wir Letzteres nicht recht glaubwürdig fanden, können wir aber mit der Meinung Mados gehen, Léotard sei ein Narzisst. Wie in „Die Dinge des Lebens“ oder in „Der Kommissar und das Mächen“, wo er am Ende aber vor den Bruchstücken seiner eigenen Maske steht. In „Mado“ gibt es keine Maske, der Mann ist durch und durch, wie er scheint und kann sich wieder mal nicht gänzlich einlassen und einbringen. Auch wenn er am Ende Hélène hilft.

Romy Schneiders Figur heißt sicher nicht von ungefähr genauso wie in „Die Dinge des Lebens“, wo sie eine so schöne Hauptrolle hatte. Hier entflieht sie dem Zuschauer schon fast, wird nur noch als Überbleibsel gezeigt, wird von Sautet beinahe verabschiedet in eine lange, entbehrungsreiche Suchttherapie. Er hat sie aber noch nicht verabschiedet, sondern zwei Jahre nach „Mado“ noch „Eine einfache Geschichte“ mit ihr gedreht, den wir nicht mehr zu diesem großen Zyklus rechnen, der mit „Mado“ einen etwas mittelmäßigen Abschluss findet – wie das bei vielen Filmzyklen ist, wenn Manches, was auf dem Höhepunkt des Schaffens kraftvoll und intensiv wirkt, langsam zur Routine und zur Attitüde wird.

Keines der Handlungselemente und keines der Verhältnisse in „Mado“ ist wirklich gut ausgeleuchtet, und der Film hat auch nicht Mado im Zentrum, sondern Simon. Vielleicht heißt er „Mado“, weil sich Simon in Mado spiegelt und sich anhand des Verhältnisses mit ihr, das auf käuflicher Liebe basiert, seine Art zu denken zeigt. Dann will er sie aber doch für sich und diese Entwicklung ähnelt sehr der in „Der Kommissar und das Mädchen“ – wird allerdings mehr als dort überlagert von diesem großen Szenario von einer Menge jüngerer und älterer Leute. In „Der Kommissar und das Mädchen“ hatten wir zwar ein wenig Probleme mit der Art, wie Max alles perfekt manipulieren kann, bis die jungen Leute das Verbrechen begehen, mit dem er sie nageln will, aber in „Mado“ bleibt ein komplexer Plot buchtstäblich im Morast stecken, der vermutlich eine Metapher dafür ist, dass alle sich bei der Aktion Grundstückskauf mehr als nur die Finger dreckig gemacht haben. Damit man sieht, wer sich am meisten korrumpiert hat, ist es Simon, der bei dem Versuch, seinen Citroen DS aus dem Schlamm zu schieben, am meisten aufspritzenden Dreck abbekommt. Er verliert in dieser Sequenz letztlich Mado, weil er nichts unternimmt, so scheint es, und nicht, weil der junge Buchhalter so ein unwiderstehlicher Konkurrent ist.

Dabei ist Piccolis erotische Ausstrahlung, wie wir sie als Wirkung Frauen gegenüber zumindest im Film ausmachen können, höchstens noch von Alain Delon zu toppen. Jener ist schön und gefährlich und auch geheimnisvoll, Piccoli ist männlich, fest, nicht verführerisch, sondern gerade durch die gewisse Hermetik seiner Figuren so reizvoll. Frauen sind neugierig, wie Mado, und wollen durchaus wissen, ob etwas hinter der Fassade steckt und wenn, was es ist. Aber Piccolis Figur in „Mado“ ist durch die verbale Interaktion der beiden mehr ein offenes Buch als in anderen Sautet-Filmen.

Schon in „Vincent, Francois, Paul und die anderen“ ist eine wachsende Neigung zum Parlieren zu erkennen, doch wir meinen, sie dient dort noch dem Konzept und die Dialoge haben fast alle einen besonderen Sinn. In „Mado“ ist hingegen das eine oder andere schon recht trivial und der Film hat nicht die Dynamik der vorhergehenden Sautets. Anfangs wird gezielt, aber ein wenig zweckfrei dafür gesorgt, dass die Welten getrennt bleiben, deren Zusammenwachsen zu einem ziemlich üppigen realen Netzwerk wir im Verlauf sehen werden. Da kann man beinahe neidisch werden, wenn man sieht, wie extrem eingebunden selbst Sonderlinge wie Simon sind, strukturelle Einzelgänger, die dennoch einen ganzen Kosmos um sich herum aufgebaut haben, der im Ernstfall hilft. Er ist im Grunde auf seine Weise genauso vernetzt wie sein Gegner, nur mehr auf einer gleichen Ebene. Es sind mehr Freundschaften als Seilschaften, die Männer dazu bewegen, Léotard zu Hilfe zu eilen, als es brenzlig wird.

Finale

Was wir bisher geschrieben haben, heißt nicht, dass „Mado“ ein schlechter Film ist, er ist eben nur nicht so eindeutig wie die etwas älteren von Sautet, nicht so fokussiert wie die Werke aus 1970, 1971, nicht so gekonnt beim Zeigen von Männerfreundschaften wie derjenige von 1974. Und Ottavia Piccolo, die Mado spielt, ist nicht Romy Schneider, die einer  Hure etwas Tiefes und Edles geben konnte, während man sich bei Mado hin und wieder denkt, was hat der Simon mit all seinen Möglichkeiten gerade an ihr und was ficht sie wiederum an, einen etwas jüngeren Niemand diesem Mann vorzuziehen? Okay, wir haben schon geschrieben, dass er sich hätte mehr ins Zeug legen können, ähnlich, wie er das auf eindrucksvollere Weise nicht tat in „Die Dinge des Lebens“, bis es zu spät war. In gewisser Weise ist das Verfliegen der Chance im Bauschlamm eine Reminiszenz an den Autounfall in „Die Dinge des Lebens“ – ohne dass das Ereignis Rückblenden auslösen würde. „Mado“ ist konventionell-chronologisch, was ihn nicht schnörkelloser macht als die erwähnten anderen Sautet-Filme.

Wir waren ein wenig hin- und hergerissen,  ob wir in den 60ern verbleiben oder in die 70er-Bewertungen vorstoßen, denn da ist noch etwas von dem Glanz übrig, den das französische Kino zur Hochzeit der Nouvelle Vague ausgestrahlt hat. Auch die Bewertung ist eine Reminiszenz an diejenigen Sautet-Filme, die wir sehr genossen haben.

71/100

© 2020, (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Aus dieser Epoche fehlt uns nur noch „César und Rosalie“ mit der Schneider und Yves Montand, gespannt sind wir auch auf Sautets letzten Film „Nelly und Monsieur Arnaud“, der bereits zwecks Rezension aufgezeichnet ist.
Regie Claude Sautet
Drehbuch Claude Sautet
Claude Néron
Produktion André Génovès
Musik Philippe Sarde
Kamera Jean Boffety
Schnitt Jacqueline Thiédot
Besetzung

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