Unbestechlich – Tatort 713 #Crimetime 880 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #unbestechlich

Titelfoto © MDR, Junghans

Ein Déjavu und noch eins und noch viele

Einen Tatort zu rezensieren, den man schon einmal gesehen hat, bevor die Anthologie für den Wahlberliner gestartet wurde, ist so eine Sache. Klar, dass man ihn dann vorhersehbar findet. Aber das ist doch schon eine ganze Zeit her, dazwischen waren mindestens 200 andere Tatorte und haben wir ihn damals überhaupt komplett geschaut?

Mittlerweile gibt es weitere Erkenntnisse. Zum Beispiel, wenn einer vom Rauschgiftdezernat auftaucht, heißt das nichts Gutes. Wir haben über mindestens drei Tatorte geschrieben, in denen die Mordkommission in Berührung mit den Drogenfahnder*innen kam und immer war etwas faul, mit diesen Kolleg*innen. Die konnten einfach nicht die Finger vom Mitverdienen am Stoff der  Träume lassen – und was sich dann alles an Verwicklungen ergab! Ob das im 713. Tatort auch so ist und wie wir darüber denken und natürlich mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Die attraktive Kellnerin Ellen Krüger wurde in ihrer Wohnung ermordet. Es stellt sich heraus, dass die junge Frau drogenabhängig war. Ins Zentrum der Ermittlungen der Hauptkommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler rückt überraschend Matthias Krupp, ein Kollege. Er ist auf der Suche nach seiner 17-jährigen Tochter Amelie, die von zu Hause weggelaufen ist. Hat Krupp herausgefunden, dass Ellen Krüger seiner Tochter Drogen verkaufte und sie deshalb getötet? Zwar taucht Amelie wieder auf, doch zur gleichen Zeit wird Matthias Krupp erschossen aufgefunden.

Eine Spur führt zu einem weiteren Kollegen der Kommissare. Stefan Dirks ist Drogenfahnder – handelt er mit Rauschgift? War Matthias Krupp durch die Suche nach Amelie zu einer Gefahr für Dirks geworden und musste deshalb sterben? Doch Dirks hat für die Tatzeit ein Alibi.

Für Eva Saalfeld und Andreas Keppler ist es ein besonderer Fall, denn sie waren mit Matthias Krupp und Berit, seiner Frau, seit langem befreundet. Die Staatsanwältin Lucke wirft den Kommissaren Befangenheit vor und drängt auf einen raschen Abschluss der Ermittlungen.

Rezension

Aber gut gespielt hat der Harald Schrott, den wir zuletzt in „Das Lächeln der Madonna“ als männlichen Teil eines Ganovenpärchens sehen konnten, diesen Polizisten. In „Das Lächeln“ ist er ganz anders rüberkommen, das spricht für seine Wandlungsfähigkeit. In „Unbestechlch“ haben wir ihn geradezu gehasst und konnten die Gefühle von Kommissar Keppler (Martin Wuttke) gut nachvollziehen, wie er gegenüber diesem Hundling tätlich werden wollte.

Außerdem dachten wir uns, wenn wir schon dabei sind und wegen der obligaten Erstausstrahlungs-Rezensionen gar nicht mehr an Keppler und Saalfeld vorbeikommen, können wir auch gleich am dritten Tag hintereinander weitermachen und unsere Leipzig-Sammlung mit dem aktuellen Team komplettieren. Damit wir irgendwann auch mal den Kopf für die historischen Filme mit Kain und Ehrlicher frei bekommen. Von denen wird ja auch viel wiederholt, aber wir wollen derzeit nicht ein weiteres inaktives Team besprechen (wir tun das bereits mit Stoever und Brockmöller (HH) und manchmal mit Flemming (K) und manchmal rutscht uns auch noch ein anderer Ermittler rein).

„Unbestechlich“ ist der dritte Saalfeld-Keppler-Fall und besticht vor allem durch seine straffe, weitgehend schnörkellose Handlung. Die Ermittlungsarbeit ist nicht schlecht, auch wenn, man muss es leider schon wieder schreiben, die Vielzweckwaffe Einbruch angewendet werden muss, damit es zu einer Lösung kommt, die bezüglich der Motivation der Figuren nicht jeder vorhersehen konnte. Dass der Drogencop die Finger im Spiel hatte und am Abzug, als es um den Mord am Polizisten Matthias Krupp (Thorsten Nindel) ging, war hingegen klar. Das haben wir aber oben schon erwähnt.

 

Perfekt ist unser Gedächtnis in der Tat nicht, zwischendurch dachten wir, der Wirt, der könnte auch was mit der Sache zu tun haben. Also doch nicht zu Ende geschaut, vor ein bis zwei Jahren? Dass die Frau Arweladse, die Mitbewohnerin der getöteten Kellnerin & Dealerin Ellen Krüger, nur dabei ist, und nicht mittendrin, war jedoch vorhersehbar, sie hat schließlich einen Migrationshintergrund. Die Verhältnisse sind genau die, wie wir sie aus Berlin kennen.

Noch etwas gelästert. Ein Jurastudent, der Taxi fährt und das Examen wenige Tage nach der Zwischenprüfung angeht, der hätte nach unserer Ansicht mit stählerner Miene im Vernehmungsraum sitzen müssen und schweigen wie ein Grab. Zu unserer Zeit, da gab es die Zwischenprüfung in Form von einer Art kleinem Examen noch gar nicht, und trotz dieses bedenklichen Mangels an Prüfungsdruck ist damals kaum ein Jura-Student Taxi gefahren.

Erstens, weil diese Kommilitonen, vor allem, wenn sie Kinder von Juristen waren, wie in „Unbestechlich“ der junge Oliver Bender (Volker Bruch)  der Sohn der Staatsanwältin ist – wie sich am Ende vollkommen überraschend herausstellt – finanziell von ihren Eltern so gestellt wurden, dass sie das nicht nötig hatten. Zweitens war es kaum möglich, dieses Paukstudium in einer einigermaßen vernünftigen Zeit und mit vernünftigen Zensuren durchzuziehen, wenn man so viel nebenher jobbte, wie der junge Mann mit der Leipziger Taxi-Konzessionsnummer 1327. Heute, mit dieser verflixten Zwischenprüfung nach vier Semestern, wird das kaum anders sein.

Zwischenresummee: Es ist davon auszugehen, die Drehbuchautoren von „Unbestechlich“ sind keine Juristen. Ob sie als Studenten Taxi gefahren sind? Wer weiß es. Unser Gefühl sagt uns: eher nicht.

Wenn man sich so ausgiebig mit einem Einzeltatbestand oder zweien innerhalb eines Tatortes beschäftigt, wie wir das oben getan haben, merkt man erst, wie sehr man sehr, sehr viele Dinge zerpflücken könnte, wenn man wollte. Aber das hieße auch, den Bogen überspannen. Es gibt außerdem neben der Wahrscheinlichkeitsvermutung auch den Gedanken, dass es immerhin möglich ist. Es ist also immerhin möglich, dass eine Staatsanwältin in einen Mord verstrickt wird und am Ende eine Aussage machen muss oder sich doch dazu verpflichtet fühlt.

Es ist auch möglich, dass ein Drogenpolizist tatsächlich so ein Arsch ist wie dieser grrrrr … Stefan Dirks!

Wir gehen sogar noch weiter. Theoretisch ist es möglich, dass ein Ex-Ehepaar sich dienstlich wieder zusammenraufen muss, wie  hier Keppler und Saalfeld. Wie ein Typ wie Keppler eine Frau wie Saalfeld heiraten konnte? Ein Irrtum, wie viele Menschen sie im Lauf ihres Lebens begehen? Wo die beiden wirklich sind wie Tag und Nacht bzw. umgekehrt. Gegensätze, die sich anziehen? Man stellt fest, Gegensätze können sich tatsächlich anziehen. Ob sie dann auch gut füreinander sind, ist eine andere Frage. Wir verstehen Keppler aber mit jeder Folge besser, während Eva Saalfeld sowieso leichter zu verstehen ist.

Wir merken, dass er an allem schuld ist. Er hat eine dunkle Seite wie kaum ein anderer aktueller Tatort-Ermittler (Stand 2012-13, gerade bei den Ermittlercharakteren hat sich inzwischen einiges verschoben). Es ist Kepplers dunkle Seite, die den Leipziger Tatorten Drama gibt, sonst ist diesbezüglich wenig zu vermelden. Er lässt sich dorthin versetzen, wo Saalfeld schon ist und bleibt dabei. Er wohnt in einer Pension, die tatsächlich „13“ heißt, und das nicht nur am Freitag, den 13., sondern toujours, seit fünf Jahren. Eigentlich keine Schmeichelei für Eva, dass der Typ so ist und nach fünf Jahren aber überhaupt nicht wieder bei ihr und in Leipzig ankommt.

Im dritten Fall der beiden namens „Unbestechlich“ wirkte das aber immerhin noch möglich, zumal es dort den einzigen echten Sachsen gibt, einen Nachtportier, der Schach spielt und die typische Pseudo-Menschenkenntnis besitzt, die wir alle haben und von der wir meinen, sie sei echt und echt etwas wert. Keppler hingegen hat wirklich ein Gespür, vor allem für Kränkungen aller Art, eine Mimose, die neuerdings im Kollegen Max Ballauf aus Köln ein echt kongeniales Gegenstück gefunden hat („Kinderland“ und „Ihr Kinderlein kommet“). Die beiden wären ein symmetrisches Duo, endlich mal wieder!

Eva hingegen ist als trotz aller schweren Schicksalsschläge, die sie erlebt hat – hier wird etwas angedeutet, etwas anderes in „Nasse Sachen“ ausgespielt – so easy going, dass man sie schon dafür eigentlich auch wieder mögen muss. Nix bei ihr von Anspruch und Moral wie eine Monstranz vor sich hertragen, wie die norddeutschen Kommissarinnen. Ein wenig Betroffenheit  hier und da, zumeist mit einem Schmollmund in der nächsten Szene trefflich relativiert, und depressiv ist abgehakt.

Als unkomplizierter Kumpel ist sie treu und glaubwürdig und als Kumpel fänden wir sie weitaus kapabler, wenn wir unter den Tatortermittlern einen Kumpel zu suchen hätten, als die meisten Kollegen. Das bedeutet aber auch: Wir würden ihr, vor ihr im Vernehmungszimmer sitzend, mehr vertrauen und uns ihr mehr öffnen als den aggressiven Maniacs, wie zum Beispiel dem Keppler. Doch nicht jeder weiß eine beinahe vollkommene Abwesenheit von Präpotenz wohl so zu schätzen wie wir. Es ist uns in dem Moment wurscht, ob diese Absenz von Arroganz möglicherweise auf einem Mangel an schauspielerischer Ausdrucksfähigkeit fußt.

Ein Milieufall ohne Milieu. „Unbestechlich“ handelt vom Drogenhandel und von Drogenabhängigkeit, ohne dass dies so dominant und eindrücklich rüberkommt wie bei Filmen, die sich zentral damit befassen. Vielleicht ist das auch okay, schließlich geht es nicht in erster Linie darum, das Schicksal eines jungen Mädchens namens Amelie (Carolyn Genzkow) zu  zeigen, sondern darum, einen und dann noch einen Mord aufzuklären. Dennoch verknüpft sich das Schicksal der Heroinabhängigen mit einer Aussage, die sehr humanistisch ist.

Eltern, deren Kinder drogenabhängig wurden, werden partiell entlastet. In der Tat deutet nichts darauf hin, dass das Ehepaar Krupp bei seinem einzigen Kind etwas versäumt hätte. Sie leben ein ganz normales Leben, neuerdings in einer ganz normalen Neubausiedlung, übernehmen sich ein wenig mit dem Haus, der Mann bleibt unbestechlich, es ist alles im Rahmen. Dass Druck aus solchen Prolbmen auf das Kind übertragen wurde, ist auch nicht ersichtlich, vor allem die Mutter wirkt ja sehr nett und empathisch. Um unsere Abschichtung des Möglichen wieder aufzugreifen: Genau das ist möglich. Dass Eltern nichts ersichtlich falsch gemacht haben und dass dennoch ein Kind „aus dem Ruder laufen“ kann.

Das lässt sich auch auf andere Fälle übertragen, wenn Kinder irgendwie nicht ganz so geraten sind, wie Eltern sich das dereinst in ihren vermessenen, von jugendlicher Selbstüberschätzung bestimmten Träumen vorgestellt haben. Man muss nichts dramatisch falsch machen, damit es zu Fehlentwicklungen kommt. Manchmal geschieht es und es wird leichter, damit umzugehen, wenn man nicht auch noch Schuldvorwürfe gegen sich und andere in die Sache hineinbringt, sondern sich darauf konzentriert zu retten, was zu retten ist und dabei zusammensteht. Selbstverständlich gilt auch der Umkehrschluss: Wenn es bei Kindern besonders gut läuft, sollten die Eltern sich das nicht zu sehr auf ihre Fahnen schreiben. Man kann nicht alles programmieren und manchmal ist auch Glück dabei. Gute Voraussetzungen sind besser als schlechte, das versteht sich von selbst. Doch Standardabweichungen nach oben oder unten sind jederzeit möglich, ohne dass der Erfolg viele genau bestimmbare und sehr stolze Väter und der Misserfolg eine durch Schuld und Gram gebeugte Mutter haben muss.

Finale

Man kann „Unbestechlich“ als einen Durchschnittstatort betrachten, der relativ schnell abgehakt ist, ihn im eher flachen Wasser ansiedeln. Man kann aber auch ein wenig über ihn reflektieren, wie wir es in unserer heutigen Kritik getan haben, und dann kann es passieren, dass man zu allgemeineren Überlegungen wechselt.

Manchmal ist es auch eine Frage der Stimmung, ob man das gerade tut. Wie man einen Film bewertet, hängt neben objektiven Bestandteilen, auch von der Tagesform ab. Mag man sich gerade an diesem Tag auf das, was man sieht, einlassen? Eigentlich hatten wir heute nicht Lust darauf, den dritten Tag in Folge eine Tatortrezension zu schreiben, aber uns dann doch durchgerungen. Es hat Spaß gemacht.

Wie nun diesen dritten Fall des heutigen Leipzig-Ermittlerteams bewerten? Wir finden ihn einen Tick schwächer als den gestrigen „Ihr Kinderlein kommet„. Das heißt, er müsste etwa bei 7/10 landen.

7/10

© 2020, 2015, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Stefan Dirks – Harald Schrott
Karin Lucke – Petra Zieser
Inge Saalfeld – Swetlana Schönfeld
Berit Krupp – Jule Ronstedt
Matthias Krupp – Thorsten Nindel
Rechtsmediziner Johannes Striesow – André Röhner
Amelie Krupp – Carolyn Genzkow
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Oliver Bendler – Volker Bruch
Ellen Krüger – Lisa Ivana Brühlmann
Roza Arweladse – Margarita Beitkreiz
Tim Rische – Milan Peschel
Wirt Brunner – Tom Jahn

Drehbuch – Andreas Pflüger
Regie – Nils Wilbrandt
Kamera – Markus Fraunholz
Musik – Stefan Will, Timo Blunck

 

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