Kulenkampffs Schuhe (DE 2018) #Filmfest 304 DGR

Filmfest 304 D "Die große Rezension" - Titelfoto © SWF, Kurt Bethge

2020-04-18-filmfest-d-documentary-2020Showtime für Traumata

„The documentary, which consists entirely of archive material, shows post-war history in a surprising, unusual and touching way.“ (1)

Essay zu einer Dokumentation

Ich könnte ich nicken und es dabei belassen. Oder ich muss doch einiges mehr schreiben. Meine Eltern waren sind zwar eine halbe Generation später geboren, aber meine Großmutter mütterlicherseits war Jahrgang 1922 und passt damit gut ins Zeitschema:

„Kulenkampffs Schuhe ist ein Dokumentarfilm von Regina Schilling aus dem Jahr 2018. Er wurde am 8. August 2018 um 22:30 Uhr im Ersten erstmals ausgestrahlt.

Wie Regina Schillings Mutter war sie zwölf Jahre jünger als mein Großvater. Aber wodurch war er geprägt? Durch die Kindheitserfahrungen und durch Geschichten wie diese: „Ich war einmal mit meinem Bruder einkaufen, unsere Mutter gab uns viel Geld mit, zumindest sah es nach viel Geld aus und wir sollten Brot kaufen. Mein Bruder trödelte und guckte Schaufenster in der Stadt und als wir zum Bäcker kamen, hat unser Geld nicht mehr für das Brot ausgereicht.“

Die Rede ist von der Hyperinflation des Jahres 1923. Der erste Weltkrieg und die äußerst ruckige deutsche Geschichte seitdem werden auf in einem eingeblendeten Interview mit Konrad Adenauer aud dem auch für mich wichtigen Jahr 1965 thematisiert: Warum die Deutschen nicht so einfach zu ihrer Mitte finden können, nach alldem. Nach meiner Ansicht haben sie das bis heute nicht geschafft, sonst würde sich die in der Gefahr der Prekarisierung stehende Mehrheit endlich in klassenkämpferischer Solidarität vereinen, anstatt sich vollkommen belanglosen Dingen zu widmen. Auch politische Memes unserer Zeit sind eine Form von Eskapismus, denn auch meine Generation und die nachfolgende hat noch Aufgaben zu erledigen, die Vergangenheitsbewältigung betreffend.

Was tat mein Großvater? Er arbeitete sich zum Werkmeister in einem jüdischen Industrieunternehmen hoch, war voll des Lobes über seinen Arbeitgeber, zumindest mir gegenüber – und als 1935 auch bei uns die Naziherrschaft begann, ging er für ein geringeres Gehalt zur Reichsbahn und wurde Beamter. Meine Großmutter, zwölf Jahre jünger eben, war deutlich von Nazi-Gedankengut indoktriniert, obwohl eigentlich „rot“, wie mein Großvater. Einige Unterlagen von ihr habe ich digitalisiert, aus denen klar hervorgeht, wie damals Kinder und junge Frauen schon in der Schule bearbeitet und in den Dienst der Ideologie gestellt wurden. Trotz der guten Stellung meines Großvaters in einem jüdischen Unternehmen, die allerdings zu Ende gegangen war, als beide sich kennenlernten, hatte sie aus ihrer ideologischen Prägung heraus einen antisemitischen Schlag behalten. Wie viel mein Großvater als Reichsbahnmitarbeiter z. B. von den Deportationszügen wusste, kann ich nur schwer einschätzen, das wurde nie exakt thematisiert und ich habe danach auch nicht gefragt, sondern mich mehr auf die allgemeine Schuld jener Generation bezogen, wenn wir uns unterhielten. Immerhin war das schon möglich, das große Schweigen war zu der Zeit  zumindest bei uns vorbei und mein Großvater ein sehr kommunikativer Mensch.

Aber zurück zum Lauf der Dinge und den Traumata. Es kam der nächste Krieg. Meine Großeltern und dann auch meine Mutter als Kleinkind wurden zweimal evakuiert, beim zweiten Mal aus gutem Grund, denn auch das Haus meiner Großeltern wurde beschädigt. Mein Großvater jedoch hatte es gut getroffen. Aufgrund seiner Arbeit bei der Reichsbahn war er „UK“ (oder „uk“, also unabkömmlich, weil in einer für die Versorgung wichtigen Position) gestellt und musste nicht an die Front. Da er einer der wenigen nicht nur intelligenten, sondern auch lebensklugen Menschen war, die ich in meiner Kindheit kennengelernt hatte, traue ich ihm durchaus zu, dass er alles rechtzeitig hatte kommen sehen.

Nach dem Krieg ging es so weiter: Die Familie war besser versorgt als die meisten, besonders im Hungerwinter 1946/47, da mein Großvater mit den zunächst amerikanischen, dann den französischen Besatzern zusammenarbeitete, immer „Quellen“ hatte und unbelastet war. Auf einem Foto meiner Mutter von ihrer Einschulung im Jahr 1947 sieht man, dass sie beinahe das einzige „normal“ gekleidete und ernährte Kind war, optisch ähnelte sie auch ein wenig der Autorin von „Kulenkampffs Schuhe“, Regina Schilling.

Sie blickte nach meiner Ansicht auch selbstbewusster und optimistischer in die Kamera als die anderen Kinder auf dem Foto. Aber hatte die Familie deswegen keine Traumata? Doch, ganz sicher. Außerdem gibt es noch den väterlichen Teil, und in dieser Großfamilie, kann man sagen, wurde nie auch nur ein einziges Wort über den Krieg gesprochen, zumindest nicht mit meiner Generation. Anders als meinen Großvater mütterlicherseits konnte ich den Vater meines Vaters auch nicht befragen, er starb bereits zehn Jahre vor meiner Geburt und die Stellung des Familienoberhaupts ging viel zu früh an meinen Vater als dem ältesten Sohn über. Von meinem Vater weiß ich vor allem, dass dieser Teil der Familie nach Bayern evakuiert wurde, wir haben das Dorf auch einmal besucht und er muss diese Zeit auf dem Land als sehr schön empfunden haben. Auch mein Großvater väterlicherseits war im Staatsdienst, ohl nicht in einer Stellung, in welcher er über das Schicksal anderer hätte entscheiden können. Oh ja, das fällt mir ein, weil es ähnlich war wie bei Familie Schilling: Mein Vater bestand darauf, man habe immer „Zentrum“ gewählt, als es noch möglich war, man war gut katholisch und die älteren Kinder konnten sogar vor dem Eintritt ins „Jungvolk“ bewahrt werden. Meine mütterliche Seite ist, wie ich selbst, protestantisch.

Es klingt alles sehr viel idyllischer als in der Frontberichterstattung jener Männer und über jene Männer, denen Regina Schilling in ihrer Dokumentation nachspürt, vor allem natürlich ihrem eigenen Vater. Aber ich empfinde es nicht so, als gäbe es bei uns nichts aufzuarbeiten. Den Rest darf meine Generation und vielleicht auch die nachfolgende erledigen und was immer bleiben wird, ist die Verantwortung für die Verbrechen der Nazizeit, für das „Nie wieder“.

„Kulenkampffs Schuhe besteht vollständig aus Archivaufnahmen. Anhand von Fotos, privaten Super-8-Filmen ihres Vaters und Ausschnitten aus Unterhaltungsshows – vor allem Einer wird gewinnen (1964–1969 und 1979–1987) und Dalli Dalli (1971–1986) – schildert die Regisseurin die junge Bundesrepublik zunächst aus ihrer eigenen Sicht, da das gemeinsame Fernsehen zu den geliebten Ritualen ihrer Kindheit gehörte (…).“ (2)

„Am Samstagabend aber war alles gut: friedlich vereint vor dem Fernseher, wir Kinder frisch gebadet und im Schlafanzug, hinter uns der Vater, rauchend, mit einem Bier, die Mutter mit einem süßen Mosel.“

An Sonntagabenden saß ich, frisch gebadet und im Bademantel, auf dem Sofa,  mein Vater links davon im Sessel und wir schauten zusammen „Weltspiegel“. Das war etwas früher am Abend. Danach kam die Tagesschau. Dann der Tatort. Schauten meine Eltern den eigentlich? Ich beschäftige mich mit der Krimireihe, mir sind auch einige Momente erinnerlich, in denen mein Vater das tat – aber später, schon in den 1990ern oder gar nach dem Tod meiner Mutter. Und die Shows? Meine Großeltern und Kulenkampff ganz sicher, das passte zusammen. Bei uns so? Ich war kein aktiver Teilnehmer, glaube ich, obwohl ich in der zweiten Epoche von „EWG“ (1979 bis 1987) eigentlich hätte etwas davon mitbekommen müssen, wenn diese Art von Sendungen bei uns ein Dauerevent gewesen wäre. „Wetten dass …“, ja, schon eher. Von Peter Alexander hatten meine Eltern eine Doppel-LP mit goldfarbenem Cover und mit vielen sehr wienerisch klingenden Liedern. Sie waren also keine Gegner jener Unterhaltungsmusik. Ich habe mir in der späten Phase der Quizsendung manchmal auch „Dalli Dalli“ von Hans Rosenthal alleine angeschaut.

Welch eine Idee der Autorin: Rosenthal lässt seine Kandidat*innen zerbrochenes Porzellan in eine Maschine kippen und es kommt „Wildrose“ von Villeroy und Boch heraus, in den blumigen 1970ern ein herausragend beliebtes, leicht rustikales, aber dem Namen gemäß freundliches, helles Geschirr. Und Regina Schilling deutet den Vorgang als Symbol dafür, wie man versuchte, die kaputte Vergangenheit zu kitten. Wir hatten „Geranium“, das wunderbar zu dem großen Garten des neuen Hauses passte und den Blumen auf dem Balkon an der Vorderseite. Die Aufstiegsstory war bei den meisten Menschen damals ähnlich, und so hat man sie als Kind erlebt, es wurde immer besser, besser, besser, nur, dass meine Mutter nicht selbstständig, sondern Bankangestellte war und sich im Laufe der Zeit eine Führungsposition erarbeitete. Ich erkenne heute vieles von meinem Großvater in ihrem Werdegang, aber so robust wie er war sie nicht. Super-8-Filme wurden bei uns auch gefertigt.

„Es geht besser, besser, besser“ stammt aus dem Musikfilm „Bonjour Kathrin“ aus dem  Jahr 1956, in dem Catherina Valente und Peter Alexander zusammen auftraten. Das Lied hat noch mehr Text: „Es geht runter, runter, runter“, heißt es eine oder zwei Strophen später – auch während des Wirtschaftswunders hatte man nicht vergessen, dass es mal wieder andere Zeiten geben könnte. Die Unsicherheit mitten im Kaufrausch wurde sehr oberflächlich verdrängt, aber sie war vorhanden – wie auch anders, der Zweite Weltkrieg lag erst 10, 15 Jahre zurück. Die bräsige Arroganz kam später und war ein typisches Merkmal der Wohlstandskinder meiner Generation. Viel gebessert hat sich seitdem nicht, wie mir Eltern mit Kindern im Abituralter glaubhaft versichert. Er ist auch eine Ausprägung von Ungleichgewichtstatbeständen der Vergangenheit, dieser sich selbst und anderen gegenüber erbarmungslose Materialismus, von dem ich mir immer wieder erzählen lasse. Freilich muss man mit einer linearen Herleitung vorsichtig sein, denn in Ländern mit anderer Geschichte gibt es dieses Phänomen des gedankenlosen und hochgradig umweltschädlichen Konsumismus ebenfalls.

„Bonjour Cathrin“ ist einer der gelungeneren jener Musikkomödien aus den 1950ern und reflektiert diesen schwindelerrgend raschen Aufstieg auf seine unterhaltsam-humoristische Weise. Hinauf geht’s eine steile Treppe, aber zur späteren Strophe dann eine Rutschbahn. Ja, es geht runter selbst dann, wenn es zuvor rasch aufwärts gegangen ist, viel schneller. Dies wiederum spiegelt sich in den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Einzelhandels ab Mitte der 1960er, als immer mehr Ketten und Konzerne aufkamen und den kleinen Selbstständigen, den angeblichen Pets der Politik, den Garaus machten. Der Überlebenskampf der (verbliebenen) kleinen Geschäfte ist ja auch aktuell wieder ein großes Thema. Erst der Angriff durch die hoch kapitalisierte Plattformökonomie, jetzt Corona, dadurch noch mehr Vorteile für Amazon & Co. Es ist nicht das Hauptthema das Films, aber das Narrativ, alles schaffen zu können, funktioniert auch für die Fleißgsten nur solange, wie die äußeren Umstände günstig bleiben.

So kam es Ende der 1960er, nach dem ersten Konjunktureinbruch (1966-67) zu einer enormen Zunahme von Herzinfarkten und viele starben früh daran, auch Regina Schillings Vater, mit nur 47 Jahren. Meine Mutter, die wusste, was beruflicher und familiärer Stress bedeutet, wurde 58 Jahre alt, obwohl sie nicht geraucht und auch sonst nicht sehr über die Stränge geschlagen hat.

Immerhin konnten meine Eltern eine tolle Partyzeit in den 1970ern genießen und einen wirklich mit viel Aufwand selbst erarbeiteten bescheidenen Wohlstand, mit dem sie, ich sage heute: zum Glück!, nicht in die Position kamen, andere auszubeuten. Das war von jeher und bleibt bis heute dem Kapital, dem Großkapital vorbehalten und diejenigen kleinen Leute, die sich selbst einreden wollten, sie seien dabei, zahlten oft einen hohen Preis dafür, vor allem gesundheitlich. Deswegen finde ich es auch richtig, dass Menschen heutzutage schneller bereit sind, aus mörderischen Jobs auszusteigen und Grenzen zu setzen, wenn sie nur als Verwertungsobjekte des Kapitals zu funktionieren haben. 

Die Schwierigkeiten beim Betrieb der elterlichen Drogerieläden in Köln werden versinnbildlicht durch Auszüge aus dem Film Industrielandschaft mit Einzelhändlern von 1970, der vom Niedergang eines Hamburger Drogisten handelt – gespielt von Horst Tappert, der ebenfalls zur Generation der Protagonisten gehörte. Die Lebensläufe von Tappert und Martin Jente, der als Fernsehbutler ‚Herr Martin‘ in Kulenkampffs Show Einer wird gewinnen mitgewirkt hatte, dienen als weitere Beispiele für das Verschweigen und Verdrängen der Nachkriegszeit.

So war Tappert Mitglied der Waffen-SS und Jente seit 1933 Mitglied der SS und Adjutant im Führerhauptquartier gewesen. Beides wurde erst nach dem Tod der beiden Fernsehgrößen bekannt. Robert Lembke wiederum, Moderator der Quizsendung Was bin ich? (1955–1958 und 1961–1989), hatte einen Vater jüdischer Herkunft und „versteckte sich im letzten Kriegsjahr auf einem Bauernhof in Bayern“ (Zitat aus dem Film). Der Kommentar zu diesen lange verschwiegenen Tatsachen: „Kein Wunder, dass niemand über die NS-Zeit und den Krieg sprechen wollte. Hätte man miteinander arbeiten können, wenn man alles vom andern gewusst hätte?“

Hans Rosenthal hingegen hat in einem Interview mit Joachim Fuchsberger viel aus seiner Kindheit erzählt – wie er von mutigen Deutschen versteckt wurde und sich freute, wenn Bombenalarm war, weil er dann mal an die frische Luft konnte und kleine, findige Anekdoten. Das Publikum in der Talkshow war sichtlich konsterniert und so berührt wie ich während solcher Schilderungen und am Ende des Films. Trotzdem hat er den Humor nicht verloren, das merkte man auch in dieser „Heut‘ Abend“-Sendung von Fuchsberger, die wenige Jahre vor Rosenthals Tod ausgestrahlt worden sein muss. Was hat Rosenthal zum Beispiel über seinen Host gedacht?

„Joachim Fuchsberger wuchs in Heidelberg und Düsseldorf mit zwei jüngeren Brüdern auf und besuchte nach verschiedenen Volksschulen die Realschule und das Gymnasium. Als Kind war Fuchsberger Mitglied der Hitlerjugend.[2] Bei Kriegsbeginn war er zwölf Jahre alt; noch als Schüler wurde er zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet. Er erlangte nie einen Schulabschluss.[2]

Gegen Kriegsende wurde Fuchsberger an der Springerschule in Wittstock zum Fallschirmjäger ausgebildet. Wegen seiner Kenntnisse in Judo (Fuchsberger war Träger des 1. Dan) wurde der damals 16-Jährige bereits nach einem halben Jahr zum Nahkampfausbilder ernannt. Er wurde an der Ostfront eingesetzt, kam in Stralsund ins Lazarett und geriet zunächst in sowjetische, anschließend in US-amerikanische und zuletzt in britische Kriegsgefangenschaft.“ (1)

In unserem Filmfest lief kürzlich das „Special Edgar Wallace“. Fuchsberger war einer der wichtigsten Darsteller dieser Gruselkrimi-Reihe und zum Ende hin wurde auch Horst Tappert dort eingesetzt. In dem Drogisten-Fernsehspiel mag ich Tapperts Spielweise, nicht hingegen in den Wallace-Filmen, dort ist er mir zu ruppig, man kann das heute auch als übergriffig bezeichnen. Auch Fuchsberger war eher ein Vertreter der Kriegsgeneration und auch privat konservativ, das merkt man seinen Rollenauslegungen, seinem Habitus an. Aber berühmt wurde er mit den drei 08/15 Filmen Mitte der 1950er, die in „Kulenkampffs Schuhe“ erwähnt werden und in denen man sich erstmals in Spielfilmform an eine kritische Auseinandersetzung mit dem Krieg wagte; vielleicht kann man auch „Des Teufels General“ von 1954 einbeziehen, der bei uns in der Schule gezeigt wurde, als wir im Deutschunterricht das gleichnamige Drama von Carl Zuckmayr besprachen.

Es sollte aber noch bis zu „Die Brücke“ (1959) dauern, bis hochkarätiger und eindeutiger Antikriegsfilm aus Deutschland kommen sollte. Dazwischen gab es Streifen, die mehr oder weniger zwiespältig waren oder sogar entschuldigenden Charakter aufwiesen, wie etwa „Stern von Afrika“, den ich mir vor einiger Zeit angesehen habe. Wenn die da oben nicht so bescheuert wären – wir an der Front müssen es ausbaden, irgendwann geht uns auch das Material aus, dabei wollen wir doch nur einen ehrlichen, tapferen Krieg führen, auf fremdem Terrain natürlich und mit überlegener Technik, wenn’s geht. Mit Nuancen wiesen einige Filme aus der zweiten Hälfte der 1950er, als in Deutschland überraschend viel aus heimischer Produktion über den zweiten Weltkrieg ins Kino wurde, diesen Tenor auf.

Als Talkshow-Host hat Fuchsberger dann für meine Begriff eine gute Figur gemacht, aber auch er, 1927 geboren, war natürlich exakt ein Vertreter der Generation, die schon jung in die Gliederungen der NSDAP eintraten und die meisten, das immerhin muss man doch entschuldigend sagen, hatten keine andere Chance, als sich täglich der Nazi-Propaganda auszusetzen. Deswegen gab es schon wenige Jahre nach dem Krieg einen Schlusstrich in der Form, dass Menschen, die nach 1918 geboren waren, nicht mehr unter die Entnazifierungsbestimmungen fielen und somit auch beruflich durchstarten konnten – ich wusste das gar nicht, aber es wird in „Kulenkampffs Schuhe“ erwähnt. Woher aber hat die Dokumentation ihren Titel?

„Die titelgebenden Schuhe Kulenkampffs geraten in einer Einstellung in den Fokus, in der er leicht humpelt. Den Grund dafür: Kulenkampff hatte sich während der Kesselschlacht von Demjansk eigenhändig vier erfrorene Zehen amputiert – seine in der Sendung getragenen Lederschuhe bilden für die Regisseurin ‚eine Metapher für diese Wirtschaftswunderzeit, wo hinter der glänzenden Fassade eine Versehrtheit des Krieges verborgen wurde‘.[2]

Waren die Promis damals eine große Familie, weil sie ein ähnliches Schicksal teilten? Hielten alle zusammen dicht? Offensichtlich nicht, denn Kulenkampff, das sieht man im Film, macht immer wieder ironische Bemerkungen über seine Kriegszeit. Gleichwohl waren die Meinungen zu ihm gespalten: Viele hielten ihn auch für arrogant und überheblich den Kandidaten gegenüber. Retrosendungen, in denen Ausschnitte aus seinen Show gezeigt werden, bestätigen das. Mich hat verblüfft, wie er eine angeblich paneuropäische oder völkerverbindende Show wie „Einer wird gewinnen“, die auch deshalb „EWG“ abgekürzt wurde, weil in ihr Kandidat*innen aus allen damaligen Mitgliedsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft auftraten, dazu nutzte, patriarchalisch und von oben herab mit diesen meist jungen und sehr netten Menschen umzugehen, die sich natürlich auch nie gewehrt, nie gekontert haben. Das Publikum damals mochte es und das sagt einiges darüber aus, wie viel alter Geist in dieser Generation steckte, ideologisch und pädagogisch. Nicht nur Nazi-Ideologie übrigens. Seit der Reichseinigung von 1871 waren die Deutschen im spätgeborenen Nationalstaat auch an vorderster Front nicht nur bei der wirtschaftlichen und territorialen Expansion, sondern auch in Sachen Nationalismus.

Heute gäbe es angesichts von Kulenkampffs Umgang mit den ihm anvertrauten Menschen sicherlich mehr Protest – zumindest bei offensichtlichen Diskriminierungen und Klischeeverstärkungen, die er manchmal geradezu hingebungsvoll betrieb, heute würde er das aber auch nicht mehr so spielen.

Er war, wie die Autorin der Dokumentation sagt, sicher der lässigste unter den damaligen Showmastern, aber auch derjenige, der sich am meisten erlaubte und Lässigkeit, die zu einem guten Teil auf Überheblichkeit beruht, ist zumindest für mich und viele Menschen meiner und der nachfolgenden Generation(en) – hoffentlich – keine Option mehr. Dabei muss es nicht erst zu Entgleisungen wie jener Ende der 1950er kommen, in der ein Bürger, der in seiner Sendung auftritt und so falsch singt, dass der Kandidat leicht erraten konnte, wer aus dem Frankfurter Männerchor stammt und wer ein Amateuer ist „Ich habe bei Juden gelernt“. Da springt Kulenkampff auf ihn zu und ruft: „Zensur!“. Allein über diesen Moment könnte man lange nachdenken, denn was wollte Kulenkampff damit genau ausdrücken? Angesichts des oben Ewähnten ist der Verdacht nicht auszuschließen, dass er nicht etwa über die Aussage erschrocken war, sondern darüber, dass die Fernsehmacher oder wer auch immer in der BRD eine moralische Position hatte, sich darüber aufregen würden. Ein Grund übrigens, solche Aussetzer, warum Livesendungen so spannend und manchmal auch entlarvend sind. Regina Schilling musste gewiss einiges an Material sichten, um so gute Beispiele für die Risse im neuen System zeigen zu können.

„Ein zentraler Punkt des Films ist die Rede Adolf Hitlers vor Kreisleitern im sudetendeutschen Reichenberg im Dezember 1938, in der er die planmäßige Vereinnahmung der deutschen Jugend in die NS-Organisationen von klein auf beschreibt: ins Jungvolk, in die Hitlerjugend, die Arbeitsfront, die SA, die SS, das NSKK, den Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht.[1] Das Hitler-Zitat endet mit den Worten: „… und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ Mit der Wiederholung dieses Satzes, einer Art Motto, endet die Dokumentation.“ (1)

Einige der Anwesenden, die Hitler zuhörten, haben übrigens bei der Vorstellung, dass alle nie wieder frei sein werden, gelacht.

So war das und ich bin mir sehr sicher, die Nachwirkungen betreffen uns alle noch, denn die Neigung zu absolutem und unausgeglichenem Denken, zur Aspaltung und zu einem erratischen Hin und Her bei den ethischen Grundsätzen unter sträflicher Vernachlässigung seelischer Fremd- und Selbstfürsorge, die ist den Deutschen bis heute eigen. Es fehlt erheblich an Empathie.

Deswegen entseht bei mir nicht selten der Eindruck, sie können nur besonders grausam oder besonders naiv sein, sie integrieren alles, was mal schlecht war und wollen trotzig so weitermachen, oder sie negieren jedwede der 50 Grauschattierungen des menschlichen Wesens und versuchen auf egoistische Weise herausragend altruistisch zu sein. Die Demokratie in Deutschland ist heute wieder in Gefahr, weil so viele keinen Zugang zu den „bare Necessities“ des menschlichen Daseins und der Möglichkeit haben, sich mit sich selbst und anderen freundschaftlich, aber auch realistisch zu verständigen. Ich war von manchem, was ich in dem Film gesehen habe, durchaus peinlich berührt, aber ich kann meiner Trauer über diese schreckliche, Generationen prägende Geschichte aus Ausdruck verleihen und ahne zumindest, woher manches kommt.

Wer seine Eltern oder Großeltern, mittlerweile auch Urgroßeltern, die vielleicht selbst nicht mehr Zeugnis geben können, noch nicht versteht, ihnen nachspüren will, ohne zu verurteilen und ohne zu beschönigen (falls sie nicht bereits Sozialpädagogen waren), der sollte sich den mehrfach preisgekrönten „Kulenkampffs Schuhe“ anschauen, der in der IMDb 8/10 erhält, ein für deutsche Produktionen jedweder Art sehr guter Wert, auch die recht kritische Moviepilot-Community in Deutschland vergibt für ihre Verhältnisse sehr gute 7,7/10.

Ich hatte vor dem Anschauen nicht recherchiert und mir eher etwas wie die Nachbetrachtungen in Form der langen Schlagernächte der 1960er oder 1970er vorgestellt, die manchmal in den Dritten gezeigt werden, aus einer persönlichen Sicht. So etwas finde ich auch nett, besonders, wenn es meine Kindheitserinnerungen wachruft, aber die sehr einfühlsame und synthetische Sicht dieser Dokumentation erreicht eine tiefere Schicht unterhalb des Bewusstseins und hebt sie in ebenjenes Bewusstsein. Von Zeit zu Zeit ist das wichtig, denn irgendwann werden wir uns mit uns selbst versöhnen müssen, wenn das mit der Zukunft noch was werden soll.

Als Sprecherin fungiert in dem Film übrigens nicht die Autorin, sondern die Schauspielerin Maria Schrader.

9/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Originaltitel Kulenkampffs Schuhe
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2018
Länge 92 Minuten
Stab
Regie Regina Schilling
Drehbuch Regina Schilling
Produktion Thomas Kufus
Musik Wolfgang Böhmer
Schnitt Jamin Benazzouz

 

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