Königskinder – Tatort 756 #Crimetime 887 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #Königskinder

Crimetime 887 - Titelfoto © Radio Bremen

Madame Maigret stellt eine Falle

Nachdem wir gerade den recht ansprechenden BremenTatort „Schiffe versenken“ für den Wahlberliner betrachtet haben, der von Bermerhaven seinen Ausgang nahm – kommen wir zu einer weiteren Folge mit Inga Lürsen und Nils Stedefreund. Die spielt aber komplett an Land, auch wenn zu Anfang ein Teil der Bremerhavener Hafenanlage zu sehen ist – auch im Verlauf kommt es noch einmal zu einer kleinen Verfolungsjagd zwischen Containern. Ein ebensolcher besiegelt auch das Schicksal zweier Einbrecher. Und wie weiter? Das erfahren Sie in der -> Rezension.

Handlung

Eine Einbruchserie erschüttert das Land Bremen. Jetzt hat es in Bremerhaven zum ersten Mal ein Todesopfer gegeben. Für die Hauptkommissare Inga Lürsen und Stedefreund ist es ein besonders heikler Fall, denn Stedefreund ist persönlich betroffen: Bei der Toten handelt es sich um seine Ex-Freundin. Auch mit ihrem Bruder war Stedefreund einst auf der Polizeischule eng befreundet. Zu Stedefreunds Entsetzen versucht dieser nun, den Fall auf eigene Faust zu lösen, und blockiert dadurch die Ermittlungen.

Während Stedefreund den Einbrechern auf die Spur kommt, findet Inga heraus, dass die Tote im Unternehmen ihres Mannes nicht sonderlich beliebt gewesen ist. In Inga wächst der Verdacht, dass eine Bande zwar die Einbrüche begangen haben kann, nicht aber die Frau getötet hat.

Rezension

Der dritte Einbrecher ist schon tot, wie auch Sonja Messenburg. Nach ganz wenigten Minuten hatten wir so einen Verdacht, dass ihr Mann selbst hinter dem Einbruch im eigenen Haus stecken könnte – und folglich auch hinter der Tötung seiner eigenen Frau. Als dann die Sekretärin / Assistentin Edith Siemers auftauchte, dachten wir in erster Linie an sie als Täterin … als Mittäterin, die nicht an der Tatausführung beteiligt ist. Da haben wir uns ein wenig foppen lassen, weil sie so intensiv gucken kann wie jemand mit Absichten, die Mut und Konsequenz und Skrupellosigkeit erfordern. Und weil wir sie in einem Münchener Tatort, der in der Single-Szene spielt, als wirklich überzeugende Täterin gesehen haben.
Abgesehen von einigen Szenegesichtern wie Horst Frank anno dazumal, ist eigentlich klar, dass man an einer Besetzung nicht schon gleich den Täter ablesen kann. Es stimmt nicht, was dazu manchmal in Tatortforen geschrieben wird. Zumindest heute nicht mehr.

Beruhigenderweise kam Ina Lürsen nicht schneller voran, nachdem wir von Messenburg abgekommen waren. Sie sich bis zum Schluss durch alle Wirrungen kämpfen, obwohl es so wenige Verdächtige gab wie selten in einem Tatort, der als Whodunnit gestrickt wurde. Das bewerkstelligt sie mit großer Gelassenheit; so groß ist die innere Ruhe, dass sie nebenbei noch eine Affäre mit einem Arzt beginnen kann und am Ende eine Falle stellt, die man schon in vielen klassischen Krimis gesehen hat. Der Mörder wird durch eine Lüge dazu gebracht, sich zu outen. Hinter dem Paravent steht nicht halb Scotland Yard, sondern nur Stedefreund, um rechtzeitig einzugreifen, was ihm auch gelingt. Der hat in „Königskinder“ seine eigenen Sachen abzuarbeiten.

Wie ist es möglich, dass der sonst eher ruhige Nils Stedefreund dieses Mal so aufgewühlt daherkommt? Und umgekehrt, wie hat Inga Lürsen nur zu dieser Ruhe gefunden, die so untypisch für sie ist wie Schnee in der Sahara.

Direkt durch einen Schlag auf den Kopf oder durch einen Aufschlag des Kopfes auf einem harten Gegenstand wäre noch witziger gewesen. Jedoch mindestens aus der Erkenntnis, dass das Leben kurz sein kann, welche sich nach einem Treppensturz einstellt, gewinnt die lauteste Tatortkommissarin aller bisherigen Zeiten neue Einsichten und geht beinahe somnambul durch den Tatort „Königskinder“. Vielleicht sieht sie den Messenburg mehrmals so scharf an und hat doch überhaupt keine Intuition, weil diese ihr abhanden gekommen ist. Vielleicht gehört zu ihrer Polizeiarbeit dieses ständige upset sein einfach dazu. So haben wir’s bisher nie betrachtet, aber es gab ja auch noch keine ruhige Inga Lürsen. Nebenbei – wir hatten jetzt auch nichts mehr zum Aufregen, weil wir uns über sie nicht aufregen konnten. Und plötzlich war’s bissl fad. Manchmal war’s sogar bissl viel fad.

Wäre da nicht Nils Stedefreund gewesen, der beinahe genau mittendrin in dem Figurentableau zum Sitzen kommt, das entweder Täter- oder Opferseite repräsentieren muss, dann wär’s sogar ziemlich viel fad gewesen. Ja, ja. Der Realismus ist mal wieder in die Tonne getreten worden, zugunsten einer der schmalzigsten Involvierungen, die wir bisher gesehen haben. Der arme Nils. Unsere Emotionen haben wir in einem Tatort, der so gar keinen emotionalen Appeal hat, ganz und gar dafür verwenden müssen, Nils zu bedauern. Und natürlich den Schauspieler Oliver Mommsen, der diese Tortur glaubwürdig rüberbringen musste – was er mit seinem präsenten, aber nicht übertriebenen Spiel auch ganz gut hinbekommen hat. Alle Achtung. Was die Drehbuchautoren und Regisseure manchmal den Schauspielern zu verdanken haben, kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Der Regisseur von „Königskinder“ ist Thorsten Näter, und der macht uns langsam zu schaffen, weil die Qualität seiner Drehbücher so unterschiedlich ist. Die Inszenierungen sind durchweg okay, das zunächst zum Guten. Fünf von ihm erschaffene Folgen haben wir schon für den Wahlberliner rezenisert. Erst vor wenigen Tagen den guten Kölner Krimi „Spätschicht“, den mittelplusguten „Schwelbrand“ aus Bremen, ebenfalls dort spielt „Schatten“, der Lürsen-Tatort, den wir bisher mit 8/10 am höchsten angesetzt haben. Von ihm stammt aber auch die unsägliche Folge „Requiem“, die von uns eine der bisher schwächsten Bewertungen abbekam. Nachdem die letzten seiner Arbeiten alle unsere Zustimmung gefunden haben, muss jetzt mal wieder eine schwache Folge sein, das ist auch okay, man hat nicht nur gute Tage.
An den schlechten Tagen sieht man, wie es aussieht, wenn Drehbuchautoren nicht mehr viel Originelles einfällt. Dann sind sie immer noch so routiniert, dass sie in die Kiste greifen, in der ganz viele Bausteine herumliegen, die man, sagen wir mal, als Handlungselemente, Plansequenzen oder sonstwas bezeichen kann. Man nimmt einige dieser Bauklötze aus der Kiste, hat nach einigen Minuten herausgefunden, wie man mit aller gelernten Routine diese zu einer Art Plotgebäude zusammensetzen kann – dann wir gefeilt. Solange, bis die Logik einigermaßen passt und bis die Dialoge so rund geschliffen sind, dass sie kaum noch Aussagekraft besitzen sind.

Kein einziges Handlungslement in „Königskinder“ ist neu – allenfalls die Tatsache, dass wir auch nach heftigem Nachdenken nicht auf den Sinn des Titels gekommen sind. Wer ist da nicht zueinander gekommen? Nils und Sonja? Edith und ihr Chef? Lürsen und ihr Arzt? Doch, zum Glück hat man ihn nicht sterben lassen, als er sich vor sie warf, dieser Getreue einer Nacht und vermutlich auch nur eines Tatortes. Wenn Lürsen wieder drauf ist wie üblich (und das wir kommen, alte Muster lassen sich nicht so leicht wegkippen wie eine Tüte mit Biomüll und verrotten wie selbiger zur Unkenntlichkeit, ohne je wieder Ärger zu machen), also, wenn sie wieder ihr aufgeregteres Ich sein wird, dann wird dieser eher sanfte Typ sich wohl vom Acker machen.

Jetzt aber mal ernsthaft. In vielen Krimis ist kein einziges Handlungselement wirklich neu, aber der Mix, das Abschmecken und gute Variieren kann das Baukastensystem vergessen machen – oder eben nicht, wie in der Folge 754. Zudem haben wir ein Problem mit der psychologischen Glaubwürdigkeit von Messenburg. Überall ist er geschätzt, so ein sanfter Kerl auch er, der Unternehmenslenker. Seine Assistintin liebt ihn abgöttisch und zumindest einmal, das hat sie gestanden, war’s auch hingebungsvoll. Seine Frau ist hingegen ein Biest. Früher war sie ganz nett, dann hat sie sich verändert. Ja, manche Leute werden unversehens und ohne, dass man wirklich dahinterkommt warum, zu Monstern.

Da seine Frau das drauf hatte, dachte sich Messenburg, bevor die Handlung von „Königskinder“ einsetzt, warum nicht ich? Warum soll ich nicht auch mal unquälbar werden durch einen einzigen guten Plan. Und ich leite ein exportorientiertes Maschinenbauunternehmen, ich kann planen. Aber ich bin nicht so blöd wie meine Angetraute und mache aller Welt offenkundig, dass ich dort, wo die Straße der Moral geradeaus geht, ganz scharf links um die Kurve gebogen bin. Viel schärfer, als sie es je tat und von mir ahnen konnte. Nicht mal Edith – oder weiß sie es doch, das haben wir nicht erfahren. Im Grunde hätte Lürsen noch nachgucken müssen, ob sie den Plan mitentwickelt hat. Nein, wir trauen dieser Edith nicht mehr über den Weg, seit wir wissen, was die für ein intensiver Mensch ist. Von dem Messenburg hätte das niemand gedacht, wirklich niemand dass der eine ganze Einbruchserie inzsenieren lässt, um den Mord an seiner Frau als Folge eines Einbruchdiebstahls, § 243 StGB, erscheinen zu lassen.

Wir nehmen ihm das auch nicht so recht ab. Dazu schläft er auch noch mit seiner Frau, um die Einbrechergeräusche zu übertönen. Hm. Aber, wie wir schon festgestellt haben, Menschen verändern sich unter dem Einfluss und dem Druck der Umstände. Was beim Stedefreund-Part so melodramatisch wirkt, diese Kiste mit dem Polizeikollegen, mit Sonja, mit Edith, was waren wir für ne steile Clique, dereinst!, das muss natürlich ganz zurückgenommen werden, wenn Messenburg auftritt. Er ist auch ein guter Schauspieler geworden, im Zuge seiner Wandlung, denn er wirkt echt angeschlagen, nach dem Tod seiner Frau. Aber sonst – alles ganz heimlich. Trotzdem waren wir nach ein paar Minuten schon dicht dran. Doch die Edith, wir geben es zu, die hätten wir gerne als Mörderin gehabt, wenigstens als mittelbare Täterin. Wir haben nunmal eine Schwäche für Frauen, die nicht nur schmachten, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Finale

Insgesamt ist „Königskinder“ ziemlich flach geraten, selbst die schönen Thesen, die viele Tatorte mit sich herumschleppen, bis eine Gelegenheit kommt, sie bei uns Zuschauern abzuladen, sind nicht zu vermelden. Vielleicht ist da so ein Echo. Das Echo kündet davon, dass man leicht zu Tode kommen kann, wenn man nur materialistisch denkt und einen Unternehmer mit Glatze einem Polizisten mit Haaren oben vorzieht. Wenn man sich dann noch unbeliebt macht und den Gatten fortwährend kränkt, kann das leicht dazu führen, dass bei diesem eine Sicherung durchschmort und keiner merkt’s. Er funktioniert ganz normal weiter, bis sein böser Plan gereift ist und lebensvernichtende Früchte zeitigt. Ein klassisches Rachedrama.

Man kann so etwas Traditionelles machen, aber dann sollte man das nicht mit modernistischen Aspekten wie der Totaleinbindung der Ermittler mischen, sondern schön und wirklich in Ruhe und konsequent ermitteln. Wir sind schon gespannt, wann der erste Tatort-Kommissar so stark in sein Privatleben eingebunden sein wird, dass er gar nicht mehr dazu kommt, den Fall zu klären. Oder wie lange es noch dauert, bis eine Kommissarin von der besten Freundin getötet wird, bei so vielen Tatverdächtigen im persönlichen Umfeld. Das wäre mal ein Serienabgang.

6/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Hauptkommissar Nils Stedefreund – Oliver Mommsen
Sonja Messenburg – Christine Kutschera
Markus Messenburg – Oliver Stokowski
Edith Siemers – Bibiana Beglau
Bernd Petermann – Dirk Borchard
Udo Bolz – Frank Jacobsen
Rüdiger Wilke – Lars Rudolph
Jelena Tiburski – Julia Gorr
Adrian Plöger – Peter Kremer
Ratko Jacopec – Ivan Shvedoff
Karlsen [Kriminalassistent] – Winfried Hammelmann
u.a.

Kamera – Achim Hasse
Filmgeschäftsführung – Hanne Krenz
Innenrequisite – Britta Debring
Maske/Maskenbildner – Elisabeth Harlan
Kostüme/Kostümbild – Astrid Karras
Regie und Buch – Thorsten Näter
Produktionsleitung – Olaf Kalvelage
Producer – Seth Hollinderbäumer
Szenenbild – Dietmar Linke

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