Lauf oder stirb – Polizeiruf 110 Episode 180 #Crimetime 890 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Laufen #Sterben

Crimetime 890 - Titelfoto © MDR, Reibke

Sport ist eben doch Mord

Wird dieses Malmot nicht Winston Churchill zugeschrieben? Wenn man sieht, wie es in der Profi-Läuferszene anno 1996 zuging, muss man leider festhalten: Da ist etwas dran. Aber warum nicht mal Leichtathletik, Abteilung Langlauf? So viele Sportarten wurden schon als Hintergrund für Krimis verwendet, in denen speziell Eifersucht und Konkurrenzdenken eine Rolle spielen, warum also nicht das, was uns Menschen von der Natur mitgegeben wurde, was so natürlich ist und uns im Ernstfall vor schweren Schäden bewahren kann? Wie der zweite Schmücke-Schneider-Fall gelaufen ist, erklären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Kommissare Schmücke und Schneider werden spät abends zu einem Leichenfund gerufen. Der Tote kann schnell identifiziert werden und es stellt sich heraus, dass es sich um den Läufer Andrej Naumow handelt. Seine Schwester Olga, die ebenfalls eine bekannte City-Läuferin ist, hatte ihn bereits als vermisst gemeldet und ist geschockt, als die Kommissare ihr die Nachricht übermitteln. Ein Auto hat ihren Bruder überfahren, ohne dass der Fahrer angehalten hatte. Schmücke vermutet, dass es kein zufälliger Unfall war, sondern dass eine Absicht dahinter steckt. Möglicherweise sollte der Mann als Konkurrent ausgeschaltet werden, doch die Veranstalterin wiegelt ab, da die Siegprämien sich in Grenzen halten würden.

Schmücke und Schneider sehen sich noch einmal bei Tageslicht an der Unfallstelle um und sie sind sich sicher, dass Andrej Naumow aus dem Wald kommend die Straße überqueren wollte und dabei sehr schnell gelaufen sein muss. So, als ob er verfolgt würde. Schon bald können sie den Unfallfahrer ausfindig machen. Frank Hellmann gibt an, dass er einfach nicht mehr hätte bremsen können. Auch er hatte den Eindruck, dass der Mann verfolgt wurde.

Olga muss inzwischen erkennen, dass ihr Trainer und Ehemann, Jan Köppel, Siegabsprachen trifft. So soll sie beim bevorstehenden Citylauf in Halle nur den dritten Platz belegen und auf keinen Fall auf Sieg laufen. Obwohl ihr das missfällt, schließlich will sie für ihren toten Bruder laufen und alles geben, hält sie sich an die Anweisung. Sie lässt zwei Konkurrentinnen an sich vorüber. Noch in der Nacht wird auf Jan Köppel geschossen. Er wird verletzt ins Krankenhaus gebracht und Schmücke vermutet, dass es nur Warnschüsse sein sollten. Trainer Hofmann wird daraufhin festgenommen, da in seinem Wohnwagen die Pistole gefunden wird, mit der vermutlich auf Köppel geschossen wurde. Er leugnet etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben und meint, dass ihn da jemand „fertig machen“ will.

Die Attacken gehen weiter und kurze Zeit später wird Marie, eine neue Läuferin im Team Köppel, angegriffen und verletzt. Schmücke vermutet eine Eifersuchtstat, da er herausgefunden hat, dass Jan Köppel mit Maria ein Verhältnis hat. Trotz ihrer Verletzung will Maria beim bevorstehenden Citylauf in Wernigerode an den Start gehen. Die Ermittler sind mit vor Ort und Schneider befürchtet ein erneutes Attentat auf die Spitzenläuferin. Er stellt die Trinkflasche sicher, die Maria während des Laufes gereicht wurde, doch die Schnellanalyse ergibt keinerlei giftige Substanzen. Die Kommissare bleiben aber weiter achtsam und so beobachtet Schmücke, wie Manager Georg Stoll kurz nach dem Zieleinlauf seinen Schäferhund auf Maria hetzt, der daraufhin von Schneider mit einem gezielten Schuss niedergestreckt wird. Schmücke ist klar, dass Stoll den Hund genau so auch auf Andrej Naumow gehetzt hatte. Allerdings konnte Stoll nicht ahnen, dass dieser in seiner Angst vor ein Auto läuft und stirbt. Der Manager gibt seine Taten zu, die als Denkzettel geplant waren, da beide Läufer ihr Team verlassen hatten um zu Köppel zu wechseln.

Hinter den Anschlägen auf Maria und Jan Köppel steckte Olga, die aus Eifersucht beiden einen Schrecken einjagen wollte.

Rezension

Wenn neue Teams eingeführt werden, erhalten sie nicht selten zwei Filme direkt hintereinander, damit das Publikum an sich gewöhnt und die Macher ausgiebige Rückmeldungen erhalten. So war es auch bei Schmücke und Schneider, als diese 1996 ihre Tätigkeit als Kommissare in Halle begannen, die eine Erfolgsgeschichte wurde und 17 Jahre dauerte. Wie schon den ersten Film hat Matti Geschonnek, der Sohn des großen Erwin Geschonnek, auch den zweiten Fall des Duos inszeniert.

Mit sicherer Hand, daran besteht kein Zweifel. Das Milieu kundig darzustellen, ist sicher nicht so einfach. Uns hat es fasziniert, weil wir „Cityläufe“ nie so reicht als Sportevents auf dem Schirm hatten. Nur die Stadtmarthons, allen voran natürlich den in Berlin. Sie verbinden aber den Volkslauf mit dem Auftritt von Spitzensportler*innen, wie man sie in „Lauf oder stirb“ sieht:

Ein Stadtlauf ist eine Laufsportveranstaltung, deren Laufstrecke überwiegend durch städtisches Gebiet führt. Von Stadt zu Stadt können die Teilnahmebedingungen und Distanzen sehr unterschiedlich ausfallen, gelaufen werden jedoch fast ausschließlich Distanzen zwischen Mittelstrecke (3000 m) und Marathondistanz. Ein Stadtlauf kann als VolkslaufStraßenlauf oder kombinierter Straßen-/Volkslauf ausgeführt werden. Durch den umgangssprachlichen Gebrauch ist eine klare und eindeutige Definition schwierig.

Einer der ersten Stadtläufe Deutschlands fand am 21. September 1919 in Halle unter dem Namen „Quer durch Halle“ statt.[1]

Seit den 1980er Jahren sind die Stadtläufe sehr populär geworden und haben teilweise Volksfestcharakter, bedingt zum einen durch hohe Teilnehmerzahlen (mittlerweile sind die meisten Stadtläufe auch oder nur Volksläufe ohne Teilnahmebeschränkungen und offen für alle Altersklassen) und zum anderen durch ihre hohe Attraktivität für die Zuschauer, die Teilnehmer aus ihrem Umfeld mit Leistungssportlern in ein und demselben Wettbewerb zusehen können, ohne dafür eine weite Anreise in Kauf nehmen oder Eintritt zahlen zu müssen.

Der derzeit nach Teilnehmerzahlen weltweit größte Stadtlauf ist der JPMorgan Chase in Frankfurt, der 5,6 km quer durch Frankfurt führt und mit 73.719 Läuferinnen und Läufern aus 2.589 Firmen im Jahr 2008 wiederum einen neuen Rekord aufstellte.[2]

In Berlin ist bekanntlich alles etwas größer, daher geht auch der Berliner Citylauf „S 25 über 25 Kilometer“, ist also ein Ereignis, das nicht identisch ist mit dem Berlin-Marathon, der auch durch unseren Kiez führt.

Die Strecke startet auf dem Olympischen Platz, führt in Form einer Acht über die Straße des 17. Juni an der Siegessäule vorbei durchs Brandenburger Tor und über den Potsdamer Platz, den KurfürstendammKantstraße und die Reichsstraße zurück zum Olympiastadion, in dem sich das Ziel befindet.

Der Lauf wurde ursprünglich von den französischen Besatzern West-Berlins organisiert und wird deshalb noch heute umgangssprachlich als Franzosenlauf bezeichnet. Da der Berlin-Marathon erst im Herbst 1981 in die Innenstadt verlegt wurde, waren die 25 km de Berlin der erste City-Lauf in Berlin.

Seit 1991 wurde der Lauf vom Berliner Leichtathletik-Verband (BLV) weitergeführt, der die Verantwortung im Jahr 2007 an Gerhard Janetzky (geschäftsführender Gesellschafter des ISTAF) und Christoph Kopp (ehemaliger BLV-Präsident) weitergab.

Im Laufe der Jahre wurde, je nach Hauptsponsor, immer wieder der Name geändert. Unter anderem firmierte die Veranstaltung bis 2017 als BIG 25 Berlin, von Ende 2007 bis 2008 BERLIN LÄUFT… 25 km, zuvor Run Berlin. Durch den Einstieg der Berliner Sparkasse ist die offizielle Bezeichnung seit September 2017 S 25 Berlin.[1]

Was wir leider nicht beurteilen können: Ob der Hintergrund mit dem „Dreamteam“ und dem Team Köppel realistisch ist, der Unterschied wird auch erst im Lauf der Spielzeit herausgearbeitet. Das sichere Gespür von Matti Geschonnek fürs menschliche Drama und die damals noch frischen Schmücke und Schneider sind große Pluspunkte des Films, sie haben sich bekanntlich gerade erst in Halle vereint, nachdem Schmücke den Pferdemörder in einer ländlichen Gegend zu suchen hatte und dabei seinen alten Freund und Kollegen Winkler wiedertraf. Auch das Verhältnis zur exzentrischen Kunstdame Marita Böhme, das Schmücke mehr erleidet als gleichberechtigt mitgestaltet, darf sich weiterentwickeln. Wir wissen schon, dass sie ihn Mitte der 2000er vor die Tür setzen wird.

Stellenweise ist der Film etwas melodramatisch, besonders das Dreiecksverhältnis Maria-Jan-Olga betreffend, aber die Art, wie es gezeigt wird, lässt großes Mitleid zunächst mit Olga, dann auch mit Maria, den beiden Läuferinnen, aufkommen, die von Jan Köppel manipuliert und ausgenutzt werden. Olga wird von Susanna Simon gespielt, der Schwester von Maria Simon, die derzeit noch als Olga Lenski im Polizeiruf Brandenburg tätig ist. Die beiden sehen einander nicht sehr ähnlich, daher wären wir nicht auf eine Verwandtschaft gekommen.

Dass hier nicht Sportlerinnen geschauspielert haben, sondern Schauspielerinnen Sportlerinnen darstellen, sieht man allerdings deutlich, vor allem Olga läuft nicht wie eine Spitzen-Langstrecklerin und diesen Stil kann man auch nicht kurzfristig antrainieren. Bei Maria, die immerhin von der ausgebildeten Tänzerin und heute u. a. Yoga-Lehrerin Carol Campbell gespielt wird, wirkt das Laufen etwas authentischer, unterstützt durch ihre zu einer Langstrecklerin passende Figur. Beide wirken widerum mit den ihnen zugeschriebenen Nationalitäten (Russland, Äthopien) stimmig.

Dass der Film ziemlich vorhersehbar ist, hat uns nicht besonders gestört. Es gibt nicht so viele Verdächtige und dass die taffe Veranstalterin in der Sache drinsteckt und den Laufevent-Manager als ausführendes Werkzeug verwendet, dieser wiederum seinen Schäferhund Rex einsetzt, wirkt logischer als irgendeine andere Lösung. Dass Olga sich als Nebentäterin hervortut, ist psychologisch ebenfalls stimmig und hat uns nicht vor Staunen vom Sofa kippen lassen. Jan Köppel hingegen hat zwar den Charakter, um über Leichen zu gehen, aber kein Motiv.

Dafür haben Schmücke und Schneider viel Glück – zum Beispiel damit, dass sie, wenn sie sich am Rande einer für die Läufe gesperrten Zone festfahren, problemlos wieder zurückstoßen können und hinter ihnen kein weiteres Auto steht, das die Sache erschwert hatte oder damit, dass sie am Ende live dazukommen, als der Hund Rex Maria angreifen will und Olga ein Geständnis ablegt, anstatt die Kommissare noch lang mit Verweigerungshaltung zu nerven. Denn von sicherer Beweislage sind sie weit entfernt, weil sie sich an der Veranstalterin die Zähne ausbeißen – und da der Film viel Wert auf das Milieu legt, sind die 90 Minuten bald vorbei und die Auflösung muss ohne viel weitere Ermittlungsarbeit erfolgen.

Das passt auch irgendwie dazu, dass Schmücke den Fall und das Szenario schauderhaft findet und ständig über den Sport meckert. Winkler ist etwas gelassener, aber beide tapsen in dem Fall eher herum, als dass sie maximalen Spürsinn zeigen. Auch das fanden wir nicht so schlimm, denn die Realität dürfte oft genau so aussehen und warum sollten die beiden zu Beginn ihrer Zusammenarbeit schon die Sicherheit haben, die in späteren Jahren zeigt und oft mit etwas stereotypen Plots einhergeht?

Finale

„Lauf oder stirb“ ist ein interessanter, lebendig gestalteter Halle-Krimi, der illustriert, wie Schmücke und Schneider zu Publikumslieblingen wurden. Sehr menschlich, bei Schmücke mit mehr Privatleben als damals in Tatorten oder Polizeirufen üblich, am meisten an Bienzle aus Stuttgart angenähert, dessen Verhältnis zur Lebenspartnerin ebenfalls nicht immer konfliktfrei verläuft, beide sind ja auch Künstlerinnen. Da Bienzle schon am Werk war, als Schmücke und Schneider begannen, kann man vermerken: Das haben sie sich in Halle von den Schwaben abgeschaut.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Matti Geschonneck
Drehbuch Peter Probst
Produktion Hans-Werner Honert
Musik Klaus Doldinger
Kamera Jürgen Heimlich
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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