Die 39 Stufen (The 39 Steps, GB 1935) #Filmfest 312 #Top250

Filmfest 312 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (25)

Prototyp, Schicksalsfrauen

So, das hätten wir nun geregelt. Anlässlich des ersten Artikels zu diesem Film, der erst wenige Monate zurückliegt (Filmfest 258 B), schrieb ich:

Dass ein Hitchcock-Film die Nr. 25 der „Top 250 aller Zeiten“ bekommt, ist schön. Weniger angenehm: Ich bin einigermaßen schockiert, dass ich diesen Agentenfilm, der als frühes Hitchcock-Meisterwerk gilt, offenbar noch nicht rezensiert habe. Dass ich ihn in den letzten Jahren gesehen habe, ist eindeutig. Also muss ich da nochmal ran. Nun ja, es gibt Schlimmeres. Vielleicht fange ich dann doch ganz von vorne an und arbeite mich von den 1920ern an vor – denn das ist auch sicher: Die meisten Stummfilme von Hitchcock kenne ich noch nicht und geschrieben habe ich bisher über keinen von ihnen.

Die 39 Stufen (Originaltitel: The 39 Steps) ist ein britischer Thriller von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1935 nach dem Roman Die neununddreißig Stufen (The Thirty-Nine Steps) von John Buchan. (1)

Mehr dazu steht in der -> Rezension

Handlung

Während eines Auftritts von „Mister Memory“, eines Mannes, der mit seinem unglaublichen Gedächtnis, das auf jede Frage eine Antwort findet, sich auf Jahrmärkten sein Geld verdient, fallen Schüsse. Panik bricht aus, die Menschen stürmen hinaus, und Annabelle Smith fällt buchstäblich in die Arme des Kanadiers Richard Hannay. Sie fühlt sich verfolgt und lädt sich zu Hannay nach Hause ein, wo sie ihm anvertraut, eine Spionin zu sein. Eine gewisse ausländische Macht habe geheime Dokumente gestohlen, alles drehe sich um die mysteriösen „39 Stufen“, vertraut sie Hannay an, der sich daraus jedoch keinen rechten Reim machen kann. Sie erwähnt einen Ort in Schottland und dass der Anführer der Spione einen verstümmelten kleinen Finger habe.

Nachts kommt Annabelle an Hannays Bett geeilt, wo sie nach wenigen Worten mit einem Messer im Rücken stirbt, in ihrer Hand eine Landkarte mit einem markierten Ort in Schottland. Verfolgt von der Polizei, die ihn für Annabelles Mörder hält, flüchtet Hannay und macht sich mit dem Zug auf die Reise in das schottische Hochmoor. Als der Zug von der Polizei durchsucht wird, küsst er eine ihm unbekannte junge Frau, Pamela, um so seine Verfolger zu täuschen. Er erklärt ihr die Situation und bittet sie ihn zu decken, was sie jedoch nicht tut, sondern ihn der Polizei gegenüber als den gesuchten Mann identifiziert. Hannay entkommt durch einen Sprung aus dem Zug und flieht zu Fuß. Er gelangt zu einem einsamen Haus in den Bergen, wo er um Unterkunft ersucht. Margaret, die junge Gattin des mürrischen, wesentlich älteren Pächters, erkennt Hannay wegen seiner ungeschickten Reaktion auf einen Bericht über ihn in der Zeitung. Sie verhilft ihm zur Flucht und überlässt ihm einen Mantel ihres Mannes.

Hannay trifft an dem gesuchten Ort auf Professor Jordan, einen offensichtlich angesehenen Bürger mit Frau und Kindern, den er in seine Geschichte einweiht. Der Professor entpuppt sich jedoch als eben der Spion mit dem verstümmelten kleinen Finger und schießt auf Hannay. Ein Gesangbuch in der Brusttasche des Mantels rettet Hannay das Leben. Er sucht nun Unterstützung bei der Polizei, die ihm nicht glaubt. Hannay muss erneut fliehen und landet in einer Wahlkampfveranstaltung, wo man ihn für den Hauptredner hält. Er improvisiert eine Ansprache, beantwortet sogar Fragen aus dem Publikum und wird zum Schluss bejubelt. In der Zwischenzeit ist jedoch ausgerechnet Pamela aufgetaucht, die ihn der „Polizei“ übergibt. Die „Polizisten“ (tatsächlich Mitarbeiter von Professor Jordan) nehmen auch Pamela mit (die ihn für schuldig hält) und ketten sie mit Handschellen an Hannay.

Hannay kann zwar fliehen, muss aber die unwillige Pamela mit sich ziehen. Mit Hilfe von Drohungen kann er sie zu einer gewissen Kooperation bewegen. Sie finden als angeblich frisch getrautes Ehepaar, dessen Auto eine Panne hat, Unterschlupf in einem Gasthaus. Nachts befreit sich Pamela dort aus den Handschellen und belauscht zufällig ein Telefongespräch der Verfolger und versteht nun, dass diese keine Polizisten sind. Nun endlich vertraut sie Hannay und versucht ihm bei der Aufklärung zu helfen, indem sie Scotland Yard die Geschichte erzählt. Scotland Yard weiß jedoch nichts von gestohlenen Dokumenten und lässt Pamela überwachen, um auf diese Weise Hannay ausfindig zu machen.

Bei einer Veranstaltung in London, auf der der Professor die geheimen Informationen erhalten soll, treffen Hannay und Pamela erneut auf „Mister Memory“. Nun wird Hannay klar, dass „Mister Memory“ den Inhalt der gestohlenen Dokumente auswendig gelernt hat und diese danach zurückgelegt wurden. Hannay fragt ihn vor dem gesamten Publikum nach den „39 Stufen“. Da „Mister Memory“ mit großem Berufsethos auf jede ihm während der Vorstellung gestellte Frage antwortet, rückt er mit der Wahrheit heraus: es handelt sich um eine ausländische Spionageorganisation. Professor Jordan, der sich in einer Loge versteckt hält, schießt auf ihn, woraufhin „Mister Memory“ zusammenbricht. Jordan wird von der Polizei gefasst. Mit letzter Kraft verrät „Mister Memory“ den Inhalt der gestohlenen Dokumente, die Formel für einen lautlosen Flugzeugmotor. In der Schlussszene deutet sich die Liebe zwischen Hannay und Pamela an.

Rezension und Kritiken

Die von mir gesehene Version ist wohl die erste deutsche, es fehlen etwa drei Minuten und die Synchronisation ist wohl so: „Halbwegs geschickte Konzeption, gute Bildeinfälle, mißglückte Synchronisation.“ – 6000 Filme, 1963 (bezog sich noch auf die erste Synchronfassung)[4]

Durch die fehlenden Minuten wirkt dieser Agententhriller natürlich noch etwas schneller und wer weiß, was man da weggelassen hat. Jedenfalls dürfte es keine horrible Gewaltszene gewesen sein, denn eines haben Hitchcocks Männer, die zufällig in eine gefährliche Situation gestoßen werden und sich darin auf verblüffende Weise bewähren, gemeinsam: Sie kriegen keine Schramme ab. Bei Cary Grant wird 1959 in „Der unsichtbare Dritte“ immerhin der Anzug staubig, das war schon eine ziemliche Konzession seitens eines Mannes, dessen Stilisierungen zum Teil auf Traumata und Obsessionen beruhten. Jedenfalls hat er damit das Genre geprägt, auch wenn James Bond dann doch in Maßen körperlicher wurde, er ist ja auch ein Profi mit der Lizenz zum Töten. „Der Film springt von einem Höhepunkt zum anderen. Ein Meisterwerk des englischen Vorkriegskinos.“ – Süddeutsche Zeitung

Das trifft unzweifelhaft zu. Viel schneller kann man einen Film, die Abfolge der Handlungselemente betreffend, kaum inszenieren. Man kann heute die Geschwindigkeit technischer Mittel höher ansetzen und viel mehr Action reintun, aber zu viel Action beschleunigt einen Plot ja nicht, sondern verlangsamt ihn. Das haben viele, die wirklich boring Gewaltorgien inszenieren, aus dem Blick verloren oder der heutige Medienrezipient will es so schlecht. Ich stelle mir vor, wie der Film, in dem es einige wirklich hektische Szenen gibt, vor allem in Theatersälen, auf das Publikum von damals gewirkt haben muss, wobei der englische Film zwar seinerzeit nicht sehr anspruchsvoll war, aber doch eher handlungsgetrieben.

„Mit einem unrealistischen, aber raffinierten Plot, intelligenten Dialogen und einer Regie, die alle filmischen Mittel virtuos verwendet, ist der Agententhriller eine glückliche Synthese von hoher Kriminalspannung und absurdem Witz. Beste Kinounterhaltung.“ Lexikon des internationalen Films[5]

Es gibt zu obiger Aussage sicher eine längere Kritik, aber was macht den Film so besonders und spannend? Er reicht nicht an einige spätere Thriller des Genres heran, vor allem nicht an Hitchcocks eigene Filme, was das Ausspielen grandioser Szenen angeht, aber, siehe oben – Geschwindigkeit sollte hier wirklich alles sein. Das bedeutet nicht, dass „Die 39 Stufen“ komplett arhythmisch im Sinne von permanent atemlos ist, aber etwas anderes finde ich frappierend: Wie Hitchcock hier sein ambivalentes Verhältnis zu Frauen bereits eingebracht hat. Nicht die Kriminalhandlung als solche treibt dieses Werk voran, sondern exakt der Umstand, wie sich die Frauen darin verhalten. Deshalb kann der Plot wohl auch nur so zusammengefasst werden:

„Die absurde Handlung, die um eine Kette unglaubwürdiger Zufälle gewoben wird, ließ Hitchcock freien Spielraum zur Entfaltung seiner Imaginationskraft. So entwickelt sich der Film in einer raschen Abfolge stetig wechselnder Schauplätze (…), hält aber einen durchgehend zügigen Rhythmus ein. Robert Donats Weltläufigkeit wird bewundernswert durch den kühlen Charme Madeleine Carrolls ergänzt, die Hitchcock hier zu ihrer besten Darstellung führte. Beider Leistungen und das so witzige wie spannende Drehbuch machen den Film zu einem Meisterwerk des humorvollen Thrillers.“ – rororo Filmlexikon, 1978[6]

Wenn nämlich ein Film sich aus dem Verhalten von Frauen speist, könnte er dann logisch und glaubwürdig wirken? Spaß, muss auch mal sein. Doch achten Sie mal bitte darauf: Eine Frau zieht unseren wackeren Kanadier aus der oberen Mittelschicht in diese Spionagesache hinein („Ich mag ‚Agentin‘ lieber“, sagt jene Person, die alles auslöst, womit der Agentenhriller geboren war). Dann wird jene Frau gleich umgebracht und man glaubt, es sei unser Mann gewesen. Dann tritt die blonde Geschlechtskollgin (vermehrt) auf, von der man ahnt, sie kann nur das Love Interest des Aliens in London werden und verhält sich abweisend und zickig, glaubt ihm nicht, denunziert ihn und sorgt dadurch dafür, dass die Lage unseres mittlerweile von der Polizei Verfolgten noch prekärer wird.

Damit es nicht noch schlimmer wird, läuft es dann anders herum: Gleich zwei Frauen im guten alten Schottland schützen ihn und er kann erst einmal entkommen. Die Frau des Bauern und die Wirtsfrau. Die eine verliebt sich ein wenig in ihn, die andere hat einfach ein gutes Herz. Und irgendwann fällt es auch der kühlen Blonden wie Schuppen von den Augen – aufgrund eines Beweises, weil sie zufällig (einer der vielen Zufälle) die Mitglieder des Spionagerings belauscht, von dem Hannay behauptet, es handele sich um die 39 Stufen und diese seien hinter ihm her, um ihn vielleicht eine Treppe runterzuschmeißen, die weit mehr als 39 Stufen hat. Wir erfahren übrigens nicht, woher der Name dieser Organisation stammt, was er bedeutet und haben es ein wenig mit einem Namens-Mc-Guffin zu tun. Aber den Chef des Rings lernen wir durchaus kennen, es ist der Mann mit den fehlenden Fingergliedern. Natürlich hätte die sterbende Agentin unserem Kanadier auch einfach den Namen verraten können, aber dann wäre es ja nicht so spannend geworden.

Ich habe nicht weniger als vier Frauen gezählt, die entscheidend Einfluss auf den Gang der Dinge nehmen. Durch deren Verhalten kann Hannay den Mann mit dem verkürzten rechten kleinen Finger überhaupt erst kennenlernen. Wir finden dieses Schema wieder in „Der unsichtbare Dritte“, in dem es allerdings schon viel romantischer und stylischer zugeht: Im entscheidenden Moment und ohne einen Beweis für Roger O. Thornhills Unschuld versteckt ihn Eve Kendall in ihrem Schlafwagenabteil. Hier siegt die weibliche Intuition. Ja, auch Hitchcock war inzwischen fast 25 Jahre älter geworden, aber auch gefährlicher, seine Blondinen-Obsession betreffend. Nach meiner Ansicht war aber Madelaine Carroll bereits die erste der brühmten Hitchcock-Blonden, nicht erst später Ingrid Bergman, wie ich kürzlich gelesen habe. Die letzte war Tippi Hedren („Die Vögel“, „Marnie“) und diese litt sehr unter der inneren Verwilderung des Meisters, wenn man ihren eigenen Aussagen glaubt.

Die Anlage von „Die 39 Stufen“ in der Tat prototypisch: Viel hängt vom anderen Geschlecht ab, ein Mann wird von gleich zwei Seiten gejagt: Einem Verbrechersyndikat und der bei Hitchcock immer zwischen borniert und komplett stupide schwankenden Polizei. In „Die 39 Stufen“ ist es noch nicht so schlimm mit ihr wie im einzigen Film, zu dem sich die rote Schnur komplett durchziehen lässt, „Der unsichtbare Dritte“. Letzterer ist länger, hat grandiose, ikonisch gewordene Szenen, ist viel flüssiger, wenn auch nicht frei von ebensolchen Unglaubwürdigkeiten, aber sie sind geschickter kaschiert. Man muss aber auch einen Film in seiner Zeit sehen, und da war „Die 39 Stufen“ durchaus etwas Besonders und kann heute immer noch mit seiner Dynamik und dem guten Spiel des Paares Robert Donat / Madelaine Carroll überzeugen. Dass er jedoch aus den „Top 250“ gefallen ist, kann ich nachvollziehen: Die Übergänge sind teilweise etwas grob, es gibt nicht nur Zufälle, sondern auch ein, zwei auffällig unlogische Stellen.

Der für mich gröbste Fehler liegt ausgerechnet in der herausgehobenen Szene, die es in jedem Hitchcock-Film gibt (oder es gibt mehrere davon). So, wie es in „Der unsichtbare Dritte“ zu der grandiosen Auktionssequenz kommt, ist es hier die Show von „Mr. Memory“. Ein Saal voller Menschen, die alles andere als nett sind, vor allem beim ersten Mal, und den Gedächtnismeister lächerlich machen wollen, beim zweiten Mal, in einem gehobeneren Theater, weicht der rüde Witz mehr der Spannung des Moments.

Was der Kanadier beim ersten Mal in einem solchen Schuppen zu suchen hatte, erfahren wir leider nicht, beim zweiten Mal ist es klar. Memory ist die Datenbank von „Die 39 Stufen“. Nur – warum sagt er nicht einfach, es gibt sie nicht „Die 39 Stufen“, als er von Hannay gefragt wird oder tut so, als ob er ihn nicht verstünde? Der Mann ist doch nicht unter Hypnose und unterliegt keinem Wahrheitszwang. Weil er zugeben müsste, dass er irgendetwas nicht weiß? Die Berufsehre ist wichtiger als die Tatsache, dass man ein Geheimnisträger ist? (2) Er hätte auch eine Ohnmacht oder einen Schwächeanfall vortäuschen können, für sein eigenes Leben wäre jedenfalls fast jede andere Reaktion besser gewesen, als der Ansatz, tatsächlich sein Wissen in aller Öffentlichkeit preisgeben zu wollen. Auch die Notwendigkeit, einen Mr. Memory verwenden zu müssen, ist im Grunde Unsinn. Auch 1935 konnte man schon Papiere entwenden und wieder unbemerkt zurückbringen, wenn das grundsätzlich, wie hier suggeriert, möglich ist – um sie zwischenzeitlich z. B. heimlich abzufotografieren.

Finale

Für mich war es sehr interessant, wie sich hier schon fast alle Stärken und Schwächen von Hitchcock in nahezu voller Ausprägung zeigen. Gute Ideen, viele überraschende Wendungen, Suspense dadurch, dass der Zuschauer immer auf der Höhe ist, auch wenn er den Mann mit dem verkürzten Finger erst kennenlernt, als auch Hannay auf ihn trifft, aber hier sind es vor allem die Momente, in denen man nicht weiß: Wie wird diese oder jene Person reagieren, und diese Person sind eben mehrheitlich Frauen. Wirklich konsequent verhält sich nur Hannay selbst: Er versucht, den Kopf aus der Schlinge zu bekommen und das reicht absolut, um sich mit ihm zu identifizieren, zumal er ein angenehmer Typ ist, der uns nie im Zweifel daran lässt, dass er eine saubere Weste hat. Er ist, als Vorgänger von Typen wie Cary Grant im Hitchcock-Universum derjenige, der so ist, wie Hitchcock gerne gewesen wäre, während man von den schattigen Männerfiguren, wie sie etwas später Joeph Cotton zweimal in Hitchcock-Filmen verkörpert hat, eher annimmt, dass sie Hitchcocks dunklke Seite spiegeln.

75/100

TH

(1) Wikipedia
(2) Nachtrag: So steht es auch interpretierend in der Handlungsbeschreibung, habe ich beim nachträglichen Durchlesen gesehen.

Regie Alfred Hitchcock
Drehbuch Charles Bennett
Produktion Michael Balcon
für Gaumont British Picture Corporation
Musik Louis Levy,
Hubert Bath
Kamera Bernard Knowles
Schnitt Derek N. Twist
Besetzung

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