Die Weihnachtsklempner (DDR 1986) #Filmfest 318 #Weihnachtsfilm

Filmfest 318 C

Den Weg und die neue Liebe finden an Weihnachten

Die Wendung, die das Geschehen für den Klempner Martin nimmt, hatte uns ein wenig überrascht, dabei war doch alles klar, als er die Spirale in das verstopfte Abflussrohr bei der süßen Rita steckte. Aber die subtile Symbolik in DDR-Filmen muss man gelernt haben. Die verstärkte Befassung mit dem Fernsehen der DDR seit März 2019, als wir die Rubrik „Crimetime“ um Filme aus der Reihe Polizeiruf 110 erweitert haben, hat zwar dazu geführt, dass ich nun einige Filme von Regisseur Helmut Krätzig kenne, aber eben nicht jeden Twist anhand von kleinen visuellen Ankündigungen prognostizieren kann. Gibt es noch mehr davon und wie war’s insgesamt so, im Frühsommer einen Weihnachtsfilm anzsuchauen? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die Berliner Klempner Frank und Martin haben Heiligabend Bereitschaft beim Reparatur-Schnelldienst der KWV Berlin-Mitte. Der 45-jährige Martin ist seit einem Autounfall durch einen Betrunkenen Witwer und hat sich mit seinem erwachsenen Sohn und dessen Familie sowie den Schwiegereltern auseinandergelebt. Er übernimmt deshalb freiwillig den Bereitschaftsdienst, da er Heiligabend nicht allein zu Hause verbringen will. Der jüngere Frank tut dies nur aus Verbundenheit zu seinem Gespannsmann und „weil ja Weihnachten normalerweise sowieso nichts los ist“. Das sorgt dafür, dass es mit seiner hochschwangeren Lebensgefährtin Regina Streit gibt.

Als die beiden Handwerker dann doch zum Einsatz gerufen werden, verabschiedet sich Frank nur höchst widerwillig von Regina. Gemeinsam verbringen die Klempner nun eine turbulente Nacht mit den verschiedensten Situationen. Dabei fahren sie mit ihrem Barkas quer durch das weihnachtliche Berlin. Begleitet werden sie dabei über Funk vom Schichtleiter Albert, der beide zu den Einsätzen ruft. Auf dem Weg zum ersten Einsatz bei Familie Schieler, wo man zum Ärger der Klempner lediglich einen seit Wochen defekten Spülkasten reparieren soll, überfährt man dann auch schon fast einen plötzlich auf der Straße stehenden Weihnachtsmann.

Während Frank und Martin schon wieder auf dem Weg nach Hause sind, fährt Regina mit einsetzenden Wehen bereits mit dem Taxi ins Krankenhaus, wo der hinterhereilende Frank von einer resoluten Krankenschwester nicht eingelassen wird. Darüber völlig frustriert wartet er mit Martin im Einsatzwagen vor dem Krankenhaus. Beide werden von Albert schließlich zur Familie Bartsch in den dritten Stock geschickt, einem älteren Ehepaar, das schon seit 37 Jahren verheiratet ist. Die beiden Handwerker reparieren den Rohrbruch und neben Kaffee und Stollen bekommt der sich nicht fest binden wollende Frank von Frau Bartsch auch ein Paar Lebensweisheiten über das Eheleben mit auf den Weg. Martin springt unterdessen bei der Nachbarfamilie als Weihnachtsmann ein und Frank erfährt per Telefon von Albert, dass er inzwischen Vater geworden ist. (…)

2020-05-30 Filmfest C TVRezension

Dass Rita nach dem ersten Wischen übers Gesicht mit der vom Briketts Verräumen geschwärzten Hand ein Hitlerbärtchen zu tragen scheint, ist vermutlich auch kein Zufall. Der Humor im anderen deutschen Staat war schon manchmal etwa schräg, besonders zum Ende hin. Und der Film wurde knapp drei Jahre vor dem Ende erstmals gezeigt. Auch bezüglich der zeitlichen Zuordnung unterlag ich einer Täuschung.

Die Vorschaubilder waren in Schwarz-Weiß, deshalb ging ich von einem Werk aus den 1960ern aus – und beim Anschauen dann von den 1970ern. Die Frisuren, die Mode, auch der Inszenierungsstil, mir kam das sehr Seventies vor. Ist es aber nicht und aus dem Film ergibt sich auch kein Hinweis darauf, dass er ein „Period Picture“ sein könnte. Die Gegend um den Alexanderplatz herum wirkte zwar schon „fertiggestellt“, aber das war ja ab ca. Mitte der 1970er im Wesentlichen der Fall und die ausschließlichen Nachtaufnahmen lassen auch nicht jedes Detail erkennen.

Whatever, „Die Weihnachtsklempner“ ist ein sehr nettes Weihnachtsgeschenk für die DDR-Bürger*innen geworden. Sehr nett gespielt und sehr anheimelnd die Botschaft, recht witzig, aber nie übertrieben. Der junge Frank, der eigentlich keinen Bock hat, an Weihnachten zu arbeiten und die Kunden, die wegen Kinkerlitzchen den Notdienst anrufen, das auch wissen lässt und der gute ältere Kollege, der nicht umsonst Martin heißt und versucht, die Wogen zu glätten. So ein guter Mensch, obwohl Handwerker.

Fünf Jahre nach dem Tod seiner geliebten Frau widerfährt ihm etwas, wovon viele Männer träumen: Eine Jüngere sucht sich ausgerechnet ihn aus, obwohl er nur ein Arbeiter ist, nicht schön, nicht reich, nur einfach nett. Vielleicht sind die meisten von uns einfach nicht nett genug, um erwählt zu werden, wenn sie nicht mehr aufweisen können, was sie materiell und optisch als guten Fang ausweist.

Von dem, was er sieht, ist der jüngere Kollege Frank so gerührt, dass er sich entschließt, seine Freundin, die ihn gerade zum Vater gemacht hat, nun doch zu heiraten. In der späten DDR hatte man wohl gemerkt, dass Zweisamkeit in Unverbindlichkeit auch nicht immer die Lösung ist, deswegen darf Frank sie auch argumentativ möglichst egoistisch darstellen. Trotzdem hält die Tendenz „Bindung ohne Ehe“ bis heute an.

Obwohl Ulrich Thein für die Interpretation von Martin sehr gelobt wurde und einen Filmpreis erhielt, waren meine Stars die Frauen Rita und Regina, gespielt von Ruth Blossey, die später 25 Jahre lang in der RTL-Daily Soap „Unter uns“ aushielt und Janina Hartwig, die wir schon in einigen Polizeirufen gesehen haben und die in „Die Weihnachtsklempner“ einen gewissen Meg-Ryan-Appeal hat. Den müssen sich Männer eigentlich erst verdienen, aber Frank braucht eine Zeit, bis er checkt, wer sein Glück ist und dass er’s festhalten muss.

Das Einfache schick machen, das konnte man bei der DEFA und auch im Fernsehen der DDR gut, und zwar auf emotionaler Ebene. Dadurch wirken die Komödien immer ein wenig tiefgründiger und mehr aufs Wesentliche konzentriert als westdeutsche Produkte, in denen Schabernack und Firlefanz und Berufskomiker eine wesentlich größere Rolle spielten.

Finale

Die Botschaft des Films ist von überwältigender Schlichtheit: Wer sich um die Aufrechterhaltung des Wasserleitungssystems in der Hauptstadt der DDR so hingebungsvoll kümmert wie Martin, hat mehr zu erwarten, als seiner toten Frau für den Rest seines Lebens Briefe schreiben zu müssen. Oder, ins Universelle gehoben: So ein lieber Mann wird zum zweiten Mal eine große Liebe finden. Es ist eben eine Weihnachtsgeschichte und sie ist zum Schmunzeln und auch rührend, selbst im Sommer angeschaut.

72/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Peter Graetz
Produktion Fernsehen der DDR
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Winfried Kleist
Schnitt Renate Müller
Besetzung

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