Tödliche Häppchen – Tatort 822 #Crimetime 895 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Häppchen #tödlich

Crimetime 895 - Titelfoto © SWR, Dirk Guldner

Wirtschaftsstandort vs. Beziehungslage

Vorwort anlässlich der Wiederveröffentlichung 2020: Wir präsentieren die Rezension nicht am 24.12., weil wir auf die Gefahren des Weihnachtsessens mit Verwandten hinweisen wollen, sondern, weil der Tatort Nr. 822 bei der Republikation von Kritiken aus dem Jahr 2012 „dran“ ist, damals hatten wir anlässlich der Premiere geschrieben, aktuell wird kein Tatort ausgestrahlt, zu dem wir noch keine Rezension im „neuen“ Wahlberliner veröffentlicht haben, also geht es in der Chronologie weiter. Trotzdem und trotz aller Umstände unserer Zeit: Ein frohes Fest wünschen wir Ihnen!

***

Dieser Typ, dieser Mega-Unsympath namens Holger Herrmanns (Johannes Zirner), der wirkt doch ein wenig wie Stromberg, oder? Und der soll nichts mit dem Tod von Steffi zu tun haben, seiner Angestellten in der Fleischfabrik „Metropol“? Das können wir uns wirklich  nicht vorstellen, obwohl er nur mal kurz erklärt, wie Schwein zu Paniertem wird und dann beinahe 60 Minuten lang vor dem Zuschauer versteckt wird. Nein, einmal steht er mit kritischem Blick hinter einem Vorhang hinter einem Bürofenster, während Elke, die Arbeitskollegin und Freundin der toten Steffi, von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) wieder einmal abgepasst wird. Ob der Film als Tatort passt, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Die Leiche der jungen Steffi Pietsch liegt schon einige Stunde neben der Straße und eigentlich sieht es nach einem Selbstmord aus. Aber die zerschnittenen Kleider sprechen eine andere Sprache. Besonders bedrückend für Lena Odenthal und Mario Kopper ist, dass sie die Tochter der Toten in der Nacht aufgegriffen haben, als sie auf der Suche nach ihrer Mutter war.

Schnell wird klar, dass es sich um einen Mord handelt, der als Selbstmord getarnt wurde. Es muss jemand gewesen sein, der sie gut kannte. Damit geraten sowohl Steffis Ex-Ehemann und seine Freundin Claudia in den Fokus der Ermittlungen. Um einen besseren Kontakt zu Claudia aufzubauen, nimmt Mario Kopper sogar Tanzunterricht in ihrer Tanzschule. Ein besonders lobenswerter Einsatz.

Gemeinsam ermitteln Lena Odenthal und Mario Kopper auch bei Steffis Arbeitgeber „Metropol“, einem Schlachthof mit angeschlossener Großküche. Sie erfahren, dass die Tote bei den Kolleginnen nicht besonders beliebt war. Eine Aufrührerin sei sie gewesen, die nahezu an Verfolgungswahn litt, weil sie überall Beklagenswertes sah. Feinde hatte die Ermordete also genug. Fragt sich nur, wem sie derart zu nahe getreten ist, dass es zum Mord führte.

Rezension

Es war nicht der Ex. Es war nicht die jetzige Freundin vom Ex. Es war keiner der seltsamen Ärzte, die im Film vorkommen. Es war zunächst ein Unfall, den Elke verursacht hat. Den hat sich der Stromberg mit dem fülligeren Haar zunutze gemacht. Ein Selbstmord wurde vorgetäuscht. Ein Computerventilator hat Katzenhaare eingesaugt. Offenbar haben alle Menschen und auch Firmen denselben Typ von EDV-Tower, sonst wäre da schon früher ein Unterschied aufgefallen. Warum bloß stellt ein Typ wie Herrmann, der sicher auch eine eigene Wohnung oder gar ein  Haus hat, den ominösen Computer mit dem belastenden Material über seine Schweineabfallverwertung schön ins Büro, mit vielen anderen zusammen? Und die fürsorgliche Elke ist sogar so fürsorglich, dass sie dieses Teil mitgehen lässt. Und sie weint, als sie von Steffis Tod erfährt, dabei weiß sie genau Bescheid und war an der Sache beteiligt, indem sie Herrmanns half, Steffi über die Brücke zu werfen, nachdem diese zuvor noch eine Zeit im Kühlraum der Fabrik.

Es ist nicht leicht, sich immer wieder neue, halbwegs vernünftige Plots auszudenken. Wir leiden deshalb mit den Tatortmachern aller Städte, wenn es wieder mal nicht geklappt hat. Originell hatten wir zuletzt öfter, richtig guten Krimi eher selten.

Man kann traditionell arbeiten und man darf auch Klischees ansprechen und vielleicht sogar mit ihnen hausieren gehen, aber es sagt einiges, wenn der beste Moment eines Tatortes derjenige ist, in dem der beleibte Mario Kopper den Rumba, den Tango, die Befragung tanzt. Ansonsten sind Drehbuch und Schauspielerführung mehr als konventionell, sie sind steif. Selbst als Elke Schmitz (Bernadette Heerwagen) im Präsidium quasi zusammenbricht unter ihrer Schuldlast, kommen wir emotional nicht in die Gänge und denken nur: Sie hat’s wirklich versucht. Sie macht ihr Sache so gut, wie das bei diesem Drehbuch nur irgend möglich ist.

Ansonsten wird hier wirklich uralte Suppe aufgekocht, selbst das Filmische ist konservativ angelegt und weist nicht hierhin oder dorthin. Ein uraltes Muster wird in aller Deutlichkeit abgearbeitet. Wenn in einem Tatort eine Firma vorkommt und die Charaktere gleichzeitig Beziehungsprobleme haben, dann führt entweder das Beziehungsleben zu einem Todesfall und damit zu einem Tatort – oder die Vorgänge in der Firma sind es. Selten, dass beides einmal geschickt kombiniert wird oder dass es eine überraschende und doch in Maßen glaubwürdige Wendung gibt.

Art. 5 GG u. a. Hier war es die Firma, die sich in Person ihres Chefs höchstpersönlich der insistierenden Gutmenschin Steffie Pietsch (Idil Üner) entledigt, die in ihrer Wohnung eine Menge Gutmenschenplakate hängen hat, inklusive einer Abschrift des Artikels 5 GG (Meinungsfreiheit). Schon als Odenthal und Kopper diese Wohnung betreten, nachdem Steffie unter der Brücke gefunden wurde, fängt das Geholze mit den Kischees an, die Leidensfähigkeit des  Zuschauers zu prüfen. Wie, das ist nicht die typische Wohnung einer Fleischfabrikarbeiterin? Weil es keine Computerspiele gibt? So ein Quatsch! Es ist schon deshalb keine, weil es hier ganze Wände mit weißen Regalen gibt, diese vollgestellt mit CDs – und sogar Büchern! Die vielen Poster mit politischen Statements haben wir schon erwähnt. Hier lebt eindeutig eine Intellektuelle mit einer Ansicht, was sucht ein solcher Mensch in einer Fleischfabrik, und sei es nur der Arbeit wegen?

Ja, solche Fälle mag es geben, in denen auch höher qualifizierte Menschen (Steffie ist Versicherungsexpertin) zwischenzeitlich rein des Geldes wegen prekäre Jobs oder eben solche wie in der Fabrik von Hern Herrmanns annehmen. Auf solchen Geschichten basiert ein guter Teil des so genannten Jobwunders, das sich in Deutschland seit der Bankenkrise auf unfassbare (eben wunderbare) Weise zuträgt. Immerhin, hier herrscht noch Produktion. Und wer will da den Spielverderber geben und Skandal machen? Als Motivverstärker dient die Tatsache, dass Steffies Tochter Lotte vom Schulessen schlecht wurde, das von der Metropol des Herrn Herrmanns gestellt wird. Trotz solch deutlicher Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, kaschiert der von dieser Firma gesponserte Lehrbetrieb das aber. Und alle Eltern außer der Mutter von Lotte finden das offenbar ganz in Ordnung so.

Aber mit der Meinungsfreiheit ist so eine Sache. Eine Gratwanderung nämlich. Enthüllungsjournalismus via Facebook zu betreiben (im Film heißt es Nogbook – allmählich nerven die Richtlinien gegen die Schleichwerbung wirklich), das ist nicht nur eine Frage der Meinungsfreiheit. Gerade darum geht es nicht, um eine Meinung. Der Artikel, den Sie gerade lesen, der stellt eine Meinung dar und ist gemäß Art. 5 GG geschützt. Er enthält keine Tatsachenbehauptungen und diskriminiert niemanden (der nicht diskriminiert werden darf, gemäß den vielen Einschränkungen, die für Art. 5 GG längst gelten).

Was Steffie Pietsch betreiben will, ist etwas anderes (btw: warum lässt man eine türkischstämmige Schauspielerin nicht auch eine Türkin spielen? Weil’s undenkbar ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund über den äußeren oder inneren Schleier hinaus denken und sich, wenn auch etwas prätentiös, für die Schweine und die ganze Welt engagieren?). Es kommt darauf an, ob sie Enthüllungen ankündigt und schon Namen nennt – dann muss sie es auch belegen, und zwar lückenlos, sonst hat sie eine Verleumdungsklage am Hals und muss das Video wieder entfernen. Was natürlich keine größere Wirkung entfaltet, wenn jeweils 300 Freunde von knapp 1000 Freunden es möglicherweise schon geteilt haben.

Eine Lore, die mit Abfällen drin, im Kühlhaus stehend, gefilmt wird, dürfte wohl kaum ausreichen, um die gesetzwidrige (Weiter-) Verwendung derselben zu dokumentieren. Das ist dilettantisch und der zynische Veterinär Dr. Rudolf (Ole Puppe, der zweite Schauspieler im Film, der in etwa Normalniveau erreicht) macht nicht den Eindruck, als ob er einer so einfachen Beweisführung nicht gewachsen wäre. Soll aber angedeutet werden, dass er von Herrmanns geschmiert wird, ist das so geschickt verdeckt, dass man nur spekulieren kann. Da hat es schon mutigere Angriffe gegen die Ärzteschaft in Tatorten gegeben – falls man die Verunglimpfung eines im Ganzen sehr honorigen Standes durch Klischeeverwurstung mutig nennen kann. Ist eben auch Meinungsfreiheit, und man kann sich hier, im Gegensatz zu nicht wasserdichten Tatsachenbehauptungen, immer darauf berufen, dass die Personen fiktional sind und es Einzelfälle wie den gezeigten vielleicht sogar gegeben hat.

Lena, aufpassen! Ein Hauptmangel von „Tödliche Häppchen“ ist die Inkonsequenz, das nicht Ausgespielte. Nicht nur Katzen verschwinden auf immer, nein, da kann man sich nicht damit herausreden, dass das ja in der Realität auch vorkommt, wenn man einem solchen Detail so viel Aufmerksamkeit widmet, als habe es damit etwas Besonderes auf sich. Da ist noch mehr schiefgelaufen.

Der ganze Tatort Nr. 822 wirkt ein wenig alibimäßig. Woanders wird wild mit Retro-Elementen experimentiert, besonders in Hessen, werden Thriller mit James-Bond-Touch (in Hamburg) und mal mehr, mal weniger gelungene Slapstick-Krimikomödien erzeugt (in Münster), in Ludwigshafen geht alles seinen Gang. Denken wir an Lena Odenthal, die gestandene Ermittlerin, denken wir auch an „Tod im All“, den letzten Tatort mit ihr innerhalb unserer Anthologie. Das waren Zeiten, als der SWR, noch als SWF, sich solche Filme (zu-) getraut hat. Nein, so muss nicht jeder Tatort sein, bewahre.

Aber etwas mehr Verve, etwas mehr Plotqualität und Dramatik könnten nicht schaden, sonst nimmt Lena Odenthal doch bald ein unverschuldetes Ende im Quotenkeller. Sie ist jetzt so gestanden, wirkt so in sich ruhend wie nie zuvor, könnte souverän eine Ermittlungsbrigade dirigieren und müsste sich nicht so –  sorry: dämlich – in einem Kühlraum einsperren. Was machte eigentlich Kopper neben dem Fiat 130, auf der Wiese in der Waagerechten? Plötzlich war er jedenfalls da, um die Kollegin zu befreien. Nein, spannend war das nicht, obwohl es das hätte sein können, rein vom Szenario gesehen.

Finale

Wir entschuldigen uns bei Lena. Wir haben nichts gegen sie. Das, denken wir, haben wir zuletzt bewiesen, indem wir „Tod im All“ kultig fanden. Nicht zuerst wegen ihrer Schauspielleistung. Es ist auch nicht ihre Darstellung, welche dafür sorgt, dass wir „Tödliche Häppchen“ alles andere als tödlich spannend oder auch nur sehr interessant finden. Wirtschaftskrimis erfordern eine Portion Mut und Geschick, man sollte in ihnen die Hintergründe erläutern und den bösen Weg zu Ende beschreiben, sonst verfehlen sie ihren sozial- und kapitalismuskritischen Effekt. Es gibt zwar einige Bilder in „Tödliche Häppchen“, die nicht unbedingt dazu anregen, während des Films zu essen (vor allem kein Schwein), aber es gibt nicht den kritisch-einheitlichen Wurf (es gibt auch keine pfundige Dialektik à la Köln, wie sie Falk Schreiber für den Blog „Bandschublade“ exemplarisch anhand der „Thesenkrimis“ beschrieben hat, zu denen eigentlich auch „Tödliche Häppchen“ zählen sollte).

Der böse Chef ist überführt, weil Lena ahnt, nicht etwa ermittelt hat, was passiert ist und weil Elke es gesteht, weil Lena es ihr so nett vorsagt. Ansonsten wäre gar nichts bewiesen, es gibt nicht einmal eine umfassende DNA-Auswertung. So, wie es ist, ist viel zu wenig geschehen. Ja, es wird angedeutet, dass viele Arbeitsplätze dadurch geschaffen wurden, dass der Betrieb von Herrmanns durch unerlaubte Methoden besonders profitabel wirtschaftet. Im Unerlaubten liegt der meiste Profit, die Risikoprämie ist inbegriffen. Aber wie das Ganze, das hier nur rudimentär dargestellt oder angedeutet wird, durch alle Kontrollinstanzen kommt, wie die Fleischmafia-Zahnräder ineinander greifen müssen, damit das funktionieren kann, wenn es denn so funktionieren kann, das bleibt außen vor. Man wird den Verdacht nicht los, die Mühe, das alles zu recherchieren und zu konstruieren, die hat man sich nicht angetan.

Wirtshaftskriminalität ist bezüglich ihrer Ausführung langweilig und kompliziert. Keine wild schäumenden Emotionen, keine außer Kontrolle geratenen Triebe – Bürokratie und Technokratie, Organisationstalent, kriminelle Energie, die in schwierig zu filmenden, langen und manchmal verzweigten Handlungsketten mündet; eher Stoff für ein Dokudrama in vier Teilen als für einen 90-Minuten-Tatort, wenn man sich ernsthaft damit beschäftigen will. Es erfordert eine Menge Filmverstand und Mut zur Verdichtung und Verkürzung, solche Fälle dennoch in diesem Format darzustellen. Daran fehlt es in „Tödliche Häppchen“ leider. Seit 2011 kommen Lena Odenthals neue Tatortfolgen punktemäßig nicht voran.

6/10

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Hauptkommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Frau Keller – Annalena Schmidt
Richard Pietsch – Kai Scheve
Kriminaltechniker Peter Becker – Peter Espeloer
Gerichtsmedizinerin – Brigitte Zeh
Dr. Rudolph [Veterinär] – Ole Puppe
Elke Schmitz – Bernadette Heerwagen
Claudia Kröger – Kathrin Kühnel
Steffi Pietsch – Idil Üner
Holger Hermanns – Johannes Zirner
Johanna Steinhäuser – Floriane Daniel
Lademann – Jochen Stern
Dr. Schmitz-Gräter – Felix Vörtler
Palaske – Ulrich Cyran
Lotte Pietsch – Isabella Roland
Richard Pietsch – Kai Schieve
u.a.

Buch – Josh Broecker, Frauke Hunfeld
Regie – Josh Broecker

Maik, Januar 2012 Lehrreicher Blogpost. Interessant, wenn man sowas auch mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann.

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