Fantomas (Fantômas, FR / IT 1964) #Filmfest 319 #Fantomas

Filmfest 319 A "Mini-Special Fantomas-Filme der 1960er Jahre" (1/3)

Wiederkehr im Stil der Zeit

Fantomas ist eine französisch-italienische Kriminalkomödie des Regisseurs André Hunebelle aus dem Jahr 1964. Der Film verwendet Motive aus dem gleichnamigen Roman der französischen Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain. Weil der Film sehr erfolgreich war, folgten 1965 Fantomas gegen Interpol und 1967 Fantomas bedroht die Welt.

Das Jahr 1964 muss für Louis de Funès ein außergewöhnliches gewesen sein. Mit großem Erfolg spielte er sowohl den Kommissar Juve in „Fantômas“ und den Gendarm von Saint Tropez im gleichnamigen Film. Der cholerische französische Polizist als Typus wurde zu einer Paraderolle für de Funès, auch wenn sie in „Fantômas“ nicht ganz so exzentrisch ausgelebt wird wie in der Gendarmen-Parodie, die ebenfalls zu einer sehr erfolgreichen Reihe wurde – zu einer erfolgreicheren, wenn man die Zahl der Filme und die Zeitspanne, die jene Produktionen umfasst, mit den vier Jahren vergleicht, in denen die drei „Fantômas-Filme“ gedreht wurden. Was aber ist deren Erfolgsmerkmal? Darüber schreiben wir mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Fantomas – so nennt sich ein ebenso cleverer wie brutaler Verbrecher, der Frankreich schon seit geraumer Zeit beunruhigt. Wie er aussieht, weiß niemand, da er sich mittels lebensecht wirkender Latexmasken für jeden Coup eine andere Identität zulegt. Dass man es mit Fantomas zu tun hatte, schließen Betroffene und Polizei eigentlich nur aus den Visitenkarten, die er zu hinterlassen pflegt. Kommissar Juve, ohnehin ein ausgemachtes Nervenbündel, gerät zunehmend unter Druck, zumal ihm auch die Presse im Nacken sitzt. Der Journalist Fandor behauptet sogar, dass Fantomas nur ein von der Polizei erfundener Popanz sei, auf den alle möglichen ungelösten Fälle abgewälzt werden. Unterstützt von seiner hübschen Verlobten, der Pressefotografin Hélène, veröffentlicht Fandor deshalb ein fiktives Interview mit Fantomas, in dem er ihn als klischeehaftes Schreckgespenst karikiert.

Ein fataler Irrtum! Der Verbrecher lässt nämlich nicht mit sich spaßen, und bald steht Fandor ihm unfreiwillig persönlich gegenüber. Das Aussehen, das Fantomas für seine eigentliche Identität auserkoren hat, ist zwar wiederum nur eine Maske, übertrifft Fandors Phantasiegebilde aber bei weitem. Es ist wirklich furchterregend – ein kahler Kopf von gespenstisch graublauer Farbe mit starrem Antlitz, in dem lediglich die Augen lebendig scheinen. Seltsam unnatürlich muten auch die Stimme und die Bewegungen des Unholdes an. Dass er eine gefährliche Intelligenz und schier unbegrenzte Mittel besitzt, lässt sein ausgedehntes unterirdisches Domizil erahnen, das luxuriös und mit modernster Technik ausgestattet ist. Bei Bedarf stehen ihm außerdem einige schlagkräftige Handlanger zur Seite. Widerstand erweist sich als zwecklos. Fandor erhält eine Frist von 48 Stunden, um seinen spöttischen Artikel zu revidieren, anderenfalls droht ihm der Tod. (…)

Rezension

Wieso schreiben immer alle von einem graublauen Schädel? Oder: Was ist mit unserem Fernseher los? Ich sehe immer giftgrün, wenn Fantomas auftritt (2). Da ich vor mehreren Jahren bereits die Kritik zum Nachfolgefilm „Fantomas gegen Interpol“ geschrieben hatte, dachte ich, vielleicht im „Original“ … aber nein, auch hier. Hm. Da sonst alle Farben in diesem und in vielen anderen Filmen recht natürlich wirken, habe ich mich entschlossen, bei den Einstellungen des Geräts und beim grünen Fantomas zu bleiben. Einen Teil der Rezension des Nachfolgefilme übernehme ich hierher, weil sie eigentlich zum ersten Werk der Reihe gehört, das sich ganz eindeutig Vorbilder gesucht hatte, denen selbstverständlich auch die beiden weiteren Filme folgten:

„Natürlich sind die Filme eine Reminiszenz an die Zeit, als der französische Film schon einmal führend war, schließlich wurde das Kino in Frankreich erfunden. Neben Fantômas zeichnet Louis Feuillade, der in der IMDb eine gigantische Filmographie von 672 Titeln vorzuweisen hat, auch für die berühmte „Judex“-Serie und für „Vampire“ (1915) verantwortlich, die zu den Höhepunkten des Weltkinos vor dem Ende des Ersten Weltkrieges zählen.

Aber die 1960er waren eine ganz andere Zeit und an die hat Regie-Routinier André Hunebelle seine Interpretation des Stoffs so angepasst, dass man nicht nur den Ursprung erkennt, sondern auch einige viel neuere Einflüsse und Zitate. Zunächst muss gesagt werden – so übermütig und quirlig war das Kino seitdem nie weder, und wir sehen vereint und persifliert in den drei Fantômas-Filmen:

  • Zunächst die gerade mit großem Erfolg gestartete James Bond-Reihe. Der Superverbrecher und seine weitläufigen Wohnlandschaften und die ganzen technischen Gags nehmen die ersten Bonds aufs Korn, auch wenn es keine überragende Agentenfigur in der Fantômas-Reihe gibt.
  • Weiterhin eine Anlehnung an „The Pink Panther“, der ein Jahr vor dem ersten Fantômas entstand; hier ist Peter Sellers‘ Inspektor Clouseau deutliches Vorbild für den im Grunde unfähigen, aber doch irgendwie mindestens am Rand des Erfolgs operierenden Juve, den Louis de Funès gibt – auch wenn die Art des Witzes, den die beiden großen Komiker oder Komödianten versprühen, verschieden ist. Der Film von Blake Edwards entstand ein Jahre vor „Fantômas“.
  • Der Kostümball in „The Pink Panther“ ist jedoch bereits ein Zitat, nämlich des Höhepunktes aus „Über den Dächern von Nizza“ von Alfred Hitchcock, der im Jahr 1955 entstand und ebenfalls einen komödiantischen Einschlag hatte.“

Es versteht sich, dass ich mich nicht mehr an jedes Detail eines Films erinnere, der vor sieben Jahren gelaufen ist, vielmehr hätte ich damals alle drei Fantomas-Agentenkomödien anschauen müssen, denn sicher wurden sie auch damals, ähnlich wie jetzt, vom selben Sender in kurzer Abfolge gezeigt.

Ich bin oft irritiert, wenn Schauspieler nicht von ihren üblichen Synchronsprechern ins Deutsche übertragen werden, überhaupt hat die Synchronisierung auf die Wahrnehmung von Filmen einen so enormen Einfluss, dass man ihr bei Kritiken mehr Aufmerksamkeit widmen und bei wichtigen Filmen immer mindestens eine OmU-, besser eine OoU-Version, wenn man die Ausgangssprache beherrscht, (zusätzlich) anschauen sollte. Vorhin, bei der Nachrecherche, war ich sehr erstaunt, dass de Funès hier von Stammsprecher Gerd Martienzen interpretiert wurde, kann man es nennen. Möglicherweise hat Martienzen in der Folge seine Art, de Funès zu sprechen, noch ein wenig angepasst. So weit, so am Ende gut.

Der Film selbst hat mich weder mitgerissen noch sehr amüsiert. Dem Nachfolger hatte ich im Jahr 2013 70/100 gegeben, exakt wie die Nutzer*innen der IMDb im Durchschnitt, diese vergeben für den ersten Film 7,2/10. Vielleicht sind Veränderungen an meiner eher mäßigen Begeisterung schuld, die gar nichts mit dem Film oder den Filmen zu tun haben: Unsere gegenwärtige Weltlage macht’s mir möglicherweise schwerer, über fluffigen 60er-Jahre-Spaß zu lachen, vor allem, wenn er die Gags nicht so ausreizt, und das ist bei „Fantomas“ der Fall: Das Absurde ist nicht absurd genug, Fantomas‘ Eitelkeit hingegen etwas sehr übertrieben und es kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Für das „Special Edgar Wallace“ habe ich gefühlt 100 Gruselkrimis angeschaut und rezensiert und diese haben eindeutig Ähnlichkeiten mit Fantomas, auch wenn die Polizei in ihnen kompetenter ist, es gibt z. B. den maskierten Verbrecher oder das „Superhirn“, das seine eigenen Pläne hat, um mehr oder minder viele Menschen zu manipulieren und sich dabei der absonderlichsten Methoden und Mittel zu bedienen.

Auch die extreme Künstlichkeit der mehrere Minuten lang dauernden Autojagd fand ich nicht unbedingt urkomisch, nur, weil die beiden vorgeblich in einem rasenden Wagen sitzenden Personen sich exaltiert hin- und herwarfen. Etwas langsamer, weniger hektisch, aber mit präziserem Timing und authentischer wirkend, wäre wesentlich spannender gewesen. Für mich kommt hinzu, dass Jean Marais alles Mögliche sein mag, aber ein Komödiant ist er nicht. In diesem Film kann er seine Stärken, seine Körperlichkeit und seine Präsenz als Leading Man, trotz der Doppelrolle oder gerade wegen dieser aber nur begrenzt ausspielen und trotz weniger Spielzeit kommt Louis de Funès besser zur Geltung, weil er weitgehend so ist, wie man ihn kennt. Geplant war es wohl nicht so, dass es mehr ein Film für de Funès als für Marais wurde, immerhin ist Marais als einer der führenden französischen Stars seiner Zeit „first billed“.

Dummerweise gibt es, wenn man auf jener Zeit großen Zeit des französischen Starkinos zurückblickt, stets Wahlmöglichkeiten. Die Rolle des Journalisten wäre perfekt für Jean-Paul Belmondo gewesen, der sie viel komödiantischer hätte interpretieren können und die seiner Freundin Helène für seine Partnerin in „Abenteuer von Rio“, Francoise Dorléac, die etwas spritziger und humorvoller war als Mylène Domengeot hier in ihrer unterstützenden Rolle wirkt – und die man handlungstragend einsetzen konnte. Auch den Fantomas hätte Belmondo geben können, er hatte zu dem Zeitpunkt bereits ein paar ernstere Rollen gespielt – oder man hätte Fantomas tatsächlich von einem anderen Schauspieler darstellen lassen müssen, warum nicht Jean Marais?

Finale

Das ist natürlich alles hypothetisch, aber wenn man über Verbesserungen nachdenkt, wird das wohl bedeuten, dass man mit dem, was man hat oder sieht, nicht ganz zufrieden ist. Sicher, die Kranszene ist für einen echten Stunt recht anspruchsvoll, besonders wenn sie vom Hauptdarsteller selbst ausgeführt wird und interessanterweise hat der erwähnte Jean-Paul Belmondo sie später gecovert, eine ähnliche Szene gab es aber im selben Jahr schon im ebenfalls erwähnten „Abenteuer von Rio“. Die Schmuckausstellung als Lockangebot ist im Grunde Quatsch, denn selbst, wenn man sagt, okay Fantomas kann echten von falschem Schmuck sofort unterscheiden, es hätte nichts gebracht, ihn mit Imitaten anzulocken – wie will er dieses exorbitante echten Geschmeide denn verhehlen? Dafür müssten sie aufwendig umgearbeitet werden.

Was ebenfalls nicht klar ist: Seine Motivation. Nachdem er sich düpiert gefühlt hat, schon, aber nicht zuvor. In diesem Bereich sind die Bond-Filme eindeutig besser: Man weiß immer, was das Superhirn vorhat, zumindest nach einiger Zeit, und die krude Logik der Größenwahnsinnigen wird meist sehr stimmig präsentiert. Ich kann jetzt nicht so optieren: Zu dieser und jener Zeit, z. B. 2013, als ich den mittleren Fantomas-Film gesichtet habe, hätte ich wohl diese oder jene Punktzahl vergeben und so verfahre ich jetzt näherungsweise, denn mir fehlt auch der zeitnahe Vergleich. So kommt es, dass ich, anders als die IMDb-Nutzer, den ersten Film etwas niedriger bewerte, als das beim zweiten der Fall war.

66/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) In den beiden späteren Filmen wirkt die Maske in der Tat etwas dunkler und mehr ins Graublau tendierend.

Regie André Hunebelle
Drehbuch Jean Halain,
Pierre Foucaud
Produktion Cyril Grize
Musik Michel Magne
Kamera Marcel Grignon
Schnitt Jean Feyte
Besetzung

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