Morgengrauen – Polizeiruf 110 Episode 344 #Crimetime 897 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Meuffels #BR #Morgen #Grauen

Crimetime 897 - Titelfoto © BR, Erika Hauri

Achterbahn der Gefühle

Zugegeben, der Begriff klingt ein wenig abgedroschen, aber auf diesen Film trifft er unumwunden zu. Im Mittelpunkt steht nicht das Verbrechen, sondern wie die Guten oder auch nicht so guten miteinander agieren. Dabei werden Liebe und Einsamkeit, Manipulation und Zweifel, Vertrauen, Enttäuschung erzählt, auf jene Art, die für den bayerischen Polizeiruf typisch geworden ist und sich von der Ära Tauber in die Epoche von Meuffels zog. Mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

Hauptkommissar von Meuffels soll im Gefängnis einen besonders heimtückischen Mörder vernehmen. Womit von Meuffels nicht rechnet: Ausgerechnet in der Justizvollzugsanstalt trifft er auf die junge Abteilungsleiterin Karen Wagner, die ihm fortan nicht mehr aus dem Kopf geht. Und da von Meuffels alles über Mord und Totschlag weiß, in Gefühlsdingen aber eher zurückhaltend ist, könnte man das, was folgt, als Romanze zweier schüchterner und ziemlich einsamer Menschen bezeichnen.

Gäbe es da nicht eine kuriose Selbstmordserie und erwachte nicht langsam in von Meuffels das unangenehme Gefühl, seine neue Freundin wüsste darüber viel mehr als ihm lieb ist. Gegen den eigenen Willen beginnt er, mehr über die Frau herauszufinden. Und wären da nicht ein alter Schulfreund, der es gut meint und ein Polizeikollege mit einem Gewaltproblem – wer weiß, ob die Dinge sich so grauenhaft entwickelt hätten, wie sie es am Ende tun.

Rezension

Dass wir fasziniert sind von der Münchener Polizeiruf-Schiene, ist nun nicht mehr neu, aber „Morgengrauen“ setzt auf alle anderen Filme mit Kommissar Hanns von Meuffels nochmal eins drauf. Mit Matthias Brandt in der Rolle des Ermittler, Sandra Hüller als seinem Love Interest, Axel Milberg in einer sehr schlau angelegten Rolle als Gefängnispsychiater und Andreas Lust als Polzist der Marke“der Einfache mit Gewaltproblem“ ist der Film von Alexander Adolph (Regie und Drehbuch) einer der am besten gespielten aller Polizeirufe und Tatorte. Sandra Hüller ragt aus dem Ensemble für uns noch einmal heraus, aber natürlich liegt das auch daran, dass wir die Art, wie sie die JVA-Abteilungsleiterin spielt, schlicht bezaubernd fanden. Das ist auh eine Frage des Rollenprofils, nicht nur des Könnens. In ihrer Darstellung findet sich vieles von dem, was man zwei Jahre später auch in „Toni Erdmann“ sehen sollte.

Es hätte uns ziemilch gekränkt, wenn die Beamtin wirklich eine manipulative Schlange gewesen wäre, wie der Kollege behauptet, der von Axel Milberg gespielt wird, behauptet. Sein Part ist genial, aus einem einfachen Grund: Man traut dem Mann, der als Kieler Kommissar Borowski so aufrichtig ist, das Böse nicht zu, bis es sich eindeutig und spät zeigt. Trotzdem durchschaut ihn von Meuffels recht bald, das ging uns ein wenig zu schnell, ist aber wohl der Tatsache geschuldet, dass Tatorte und Polizeirufe nun einmal auf 90 Minuten begrenzt sind. Dieser Film hätte locker zehn mehr haben dürfen.

Ein weiterer Coup ist die Spannung am Ende: Da Fau Wagner eine Episodenrolle ist, weiß man nicht, ob sie draufgeht oder nicht, als sie in große Gefahr gerät. Die Lösung ist eigentlich nicht viel besser: von Meuffels kann sie zusammen mit dem prolligen Oberpriller noch retten, in der JVA werden die Dinge in ihrem Sinne geklärt – aber der Zauber der jungen Liebe ist weg, weil von Meuffels an dieser hochsensiblen Person gezweifelt hat. Trotzdem, deshalb: Der wohl schönste Liebes-Krim im deutschen Fernsehen, den wir bisher gesehen haben. Dass der Film nicht prämiert wurde, verstehen wir eher nicht. Diese Annäherung zwischen von Meuffels und Frau Wagner ist ein Meisterstück, der abrupte Wechsel zwischen Unsicherheit, Begehren, Erfüllung und Versagung ist nicht einmal unrealistisch, nur vielleicht etwas komprimiert und leicht stilisiert dargestellt. Für uns ist Frau Wagner auch etwas wie ein Mischung aus mehreren Personen, an die wir uns erinnern und in der Zusammenschau mehr als ein Spiegel. Sonst dominiert Matthias Brandt als von Meuffels seine Polizeiruf-Einsätze doch recht deutlich, das kann man von „Morgengrauen“ nicht sagen. Die übrigen drei Hauptdarsteller sind mindestens auf Augenhöhe.

Hinter diesen Leistungen und worum es geht, wenn diese Typen sich austauschen, tritt der Fall etwas zurück. Damit er vernünftig aufgelöst werden kann, ist er sehr einfach gehalten und Oberpriller, nicht von Meuffels, hat den richtigen Riecher: Ja, die Morde werden „von drinnen“ gesteuert, aus der JVA heraus, vom bösen Max, der auf seine Weise einen Feldzug gegen das Böse führt. Das ist nicht überkonstruiert, aber auch nicht glaubwürdig und sicher die Hauptschwäche des Films: Dass ein Gefängnis psychologe quasi Auftragmorde vergibt und sogar seine Vorgesetzte durch eine gezielte Tötung loswerden will. Niemand hätte dem Alexander D. so ohne Weiteres eine Notwehrlage durch einen Angriff von Frau Wagner abgenommen, zumal, wenn er noch zwei Freunde dabei hat – die als Zeugen für ihn aussagen sollen. Dieser Part ist inhaltlich schwach, außerdem würde er bei Notwehr auch nicht, wie Max sagt, ein halbes Jahr einsitzen. Entweder ist eine Gewalttat durch Notwehrlage gerechtfertigt und es erfolgt keine Sanktionierung, oder eben nicht, dann kann es immer noch Entschuldigungs- und Schuldausschließungsgründe geben (wie etwa Unzurechnungsfähigkeit).

Vielleich ist es diese Kombination aus ein paar Schwächen und Fehlern im Plot, die dem Film die höheren Weihen verwehrt hat, die er aufgrund der Darstellerleistungen und der sehr hochwertigen Schau verschiedener Emotionen verdient hätte. Bezüglich des Lebens in einer JVA, besonders in einer, in der so häufig Suizide passieren, hätten wir weitere Fragen, aber diese wird uns jetzt niemand beantworten und wir wollen  unsere Zweifel nicht überbewerten. So schlimm es auch ist, dass der junge Scharl nicht vor der Ermordung durch Alex bewahrt wird, das eigentliche Geschehen spielt sich nicht in dieser Zelle ab.

Finale

Ein weiterer Kniff ist, dass man anfangs glaubt, es könne Zweifel an der Täterschaft von Scharl geben, weil genau der Moment, in dem die Attacke auf den anderen Rolltreppenfahrer stattfindet, die Überwachungskameras einen toten Winkel aufweisen. Auch das wirkt nicht sehr realistisch, hält aber erst einmal die Möglichkeit offen, dass von Meuffels im Fundus seiner berühmten Verhörtaktiken kramen und als einziger eine Verbindung zu Scharl herstellen kann. Man sollte immer ein Pausenbrot mitnehmen, wenn man ins Psychoduell mit Delinquenten geht.

Hervorheben wollen wir auch das Visuelle. Das ist ohnehin heute bei den Polizeirufen und Tatorten gut, beim Münchener Polizeiruf sicher noch einmal überdurchschnittlich, aber wie präzise in „Morgengrauen“ emotionale Momente und Sprünge in der Stimmungslage mit entsprechenden Schnitten unterstrichen wurden, ist beeindruckend. Die Verständlichkeit leidet gar nicht, vielmehr hat man das Gefühl, dass von einer Einstellung zur nächsten die Erzählung auch dadurch vorangetrieben wird, dass man für einen Moment in der Luft schwebt, weil man sich nicht rasch genug umstellen kann – als hätten die Wagen der emotionalen Achterbahn sich von den Schienen gehoben, weil das Gefälle falsch berechnet wurde, weil es zu steil ist, weil menschliche Gefühle nicht beherrschbar sind. Deshalb unsere Lieblingsszenen. Frau Wagner zertrümmert ihr Wohnzimmer, Oberpriller zertritt eine CD mit einem Ballerspiel.

Am Ende gibt es eine feinsinnigen sozialen Kommentar: Der überlegen wirkende von Meuffels sitzt auf der Couch bei Oberpriller und hat eine Vision von Frau Wagner, die ihn zum Heulen bringt.

In den folgenden Jahren wird von Meuffels noch einmal eine Liebesbeziehung zu einer Kollegin haben, diese fanden wir bisher auch ungewöhnlich, aber sie hat nicht diese Wucht wie die vorausgehende in jenem „Morgengrauen“, das auf den Zauber der Nacht folgt und im zweiten Teil – sie zieht sich über zwei Filme – ist sie zu dialoglastig.

Ohne ein paar Macken, die vermeidbar gewesen wären, hätten wir vielleicht erstmals bei einem Polizeiruf die 10 gezückt oder doch 9,5 vergeben – so, wie er ist, liegt „Morgengrauen“ mit 9/10 trotzdem an der Obergrenze.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alexander Adolph
Drehbuch Alexander Adolph
Produktion Ronald Mühlfellner
Musik Christoph M. Kaiser,
Julian Maas
Kamera Jutta Pohlmann
Schnitt Dirk Göhler
Besetzung

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