Der Wahrheit verpflichtet – Polizeiruf 110 Episode 132 #Crimetime 902 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Ostsee #Rostock #Hiddensee #Beck #DDR #Wahrheit #Verpflichtung

Crimetime 902 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Mehr als ein Zweifelschatten

„Der Wahrheit verpflichtet“ war der vorletzte Polizeiruf, der vor dem Mauerfall Premiere feierte, den letzten, „Katharina“, haben wir bereits rezensiert, weil der RBB ihn zu „30 Jahre Mauerfall“ im Herbst 2019 vorgezogen hatte. Gedreht wurde er von Januar bis April 1989, also kurz vor den Sommer-Unruhen in der DDR, die letztlich zum Ende des zweiten deutschen Staates führten. Merkt man dem Film schon eine Vorahnung der Wendezeit an? Darüber und über einiges mehr schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Bei Aushubarbeiten im Achterwasser an der Ostsee wird ein menschliches Skelett entdeckt. Oma Kramer weiß sofort, dass die Knochen die Überreste ihres vor 15 Jahren verschwundenen Sohnes Max sind. Er wurde ihrer Meinung nach von dessen Ehefrau Lucie ermordet. Die Ermittlungen vor 15 Jahren brachten jedoch keine Hinweise, zumal die Leiche fehlte. Nun wird der Fall Hauptmann Günter Beck und der jungen Leutnant Ikser übertragen. Beide waren an den damaligen Ermittlungen nicht beteiligt und sollen den Fall daher unbefangen untersuchen.

Die damaligen Fakten sind schnell festgestellt. Lucie und Max waren Trinker, die Fürsorge schaute oft bei der Familie vorbei, doch kümmerte sich Lucie um ihren achtjährigen Sohn und die vierjährige Tochter. Der Mann war gewalttätig, schlug Frau und Kinder und konnte am Ende seinen Beruf als Fernfahrer nicht mehr ausüben. Eine enge Bindung bestand zwischen Mutter und Sohn. Lucie galt im Dorf als leicht zu haben, zahlreiche Affären wurden ihr nachgesagt. Kurz vor dem Verschwinden von Max gab es einen Streit mit Lucie, Max kam für mehrere Tage bei der Mutter unter und wurde schließlich zuletzt von seinem Saufkumpan Pieske in der Kreisstadt gesehen.

Bei den Ermittlungen treffen Beck und Ikser eine vollkommen veränderte Lucie vor. Sie führt ein solides Leben, hat einen verantwortungsvollen Beruf im Fischereibetrieb, verdient gut und wohnt in einem liebevoll ausgebauten Haus. Sie lebt seit längerer Zeit in einer Beziehung zu Kurt Schüßler. Dem Alkohol hat sie schon lange abgeschworen. Vor allem Tochter Ilka reagiert aggressiv, als die Ermittler Lucie befragen. Die neuen Ermittlungen bringen das neu aufgebaute Leben in Gefahr, auch wenn sich die Familie an den nie versiegenden Dorfklatsch gewöhnt hat. Aggressiv reagiert auch Oma Kramer, die ihre Schwiegertochter lieber heute als morgen im Gefängnis sehen will. Nur ihr Mann stellt sich, wie schon vor 15 Jahren, rigoros vor seine Schwiegertochter. Er hatte schon damals erkannt, dass sein Sohn zu einem gewalttätigen Säufer verkommen war.

Die Befragungen ergeben kaum Neues. Die immer noch alkoholabhängige Familie Pieske sagt aus, dass Max kurz vor seinem Verschwinden im Lotto gewonnen hatte und mit 6.000 Mark in der Tasche zu ihnen kam. Das Geld wäre ein Mordmotiv. Ikser erfährt von Lucie, dass sie gerade mit Kurt Schüßler schlief, als Max damals zufällig nach Hause gekommen sei. Dies war der Auslöser für den letzten Streit, bevor Max zu seinen Eltern gegangen sei. Es erscheint nun auch möglich, dass Kurt Schüßler mit Lucie die Tat beging.

Aus dem Achterwasser wird ein Schleifstein geborgen. Er diente möglicherweise zur Beschwerung der Leiche. Lucies Sohn Jens erkennt, dass dieser Schleifstein einst der Familie gehörte. Auch Günter Beck sieht den Stein auf einem alten Foto vom Hof. Schon eine Weile hat er sich Gedanken gemacht, wem eine Aufklärung des Falls noch nützen würde. Er beginnt, Lucie zu decken. Als er in einem Verhör deutlich macht, dass er nicht glaubt, dass sie ihren Mann wegen 6.000 Mark ermordet haben kann, bricht Lucie in Tränen aus. Sie will ein Geständnis ablegen, doch unterbricht Günter Beck sie und lässt sich stattdessen ein Foto geben, das das glückliche Ehepaar Lucie und Max zeigt. Ikser wird von ihm unterdessen zur Ermittlung nicht relevanter Fakten für den Fall abgestellt. Ihren Zwischenbericht liest er nicht und vertröstet sie mehrfach. Erst, als sie sich bei ihrem Vorgesetzten über Günter Becks Verhalten beschwert, stellt er sich seinen Bedenken. Er erwägt, den Fall wegen Befangenheit abzugeben und gesteht Ikser schließlich, Lucie gedeckt zu haben. Nun hat er erkannt, dass eine Lösung auch für den Täter eine Erleichterung sein kann. Wenn Lucie zudem in Notwehr gehandelt hätte, wäre die Strafe verjährt.

Auf Nachfrage gibt Lucie ihrem Sohn gegenüber zu, damals den Vater erschlagen zu haben. Kurz darauf treffen die Ermittler ein und Lucie erzählt den Tathergang. Nach dem Saufgelage bei seinen Freunden sei Max zurück zu Lucie gekommen. Er hatte ein Schriftstück bei sich, in dem Lucie zugeben sollte, dass die Kinder nicht von Max seien. Zudem sollte sie dem Schriftstück gemäß die Kinder in ein Heim geben. Lucie weigerte sich, zu unterschreiben, und Max schlug sie heftig auf die Tischplatte, sodass ihre Nase blutete. Er versuchte, sie in einem Wassereimer zu ertränken und Lucie erschlug ihn in Notwehr mit einem Beil. Anschließend versenkte sie die Leiche im Achterwasser. Das Schriftstück lag auf dem Tisch, fehlte jedoch, als sie in die Wohnung zurückkehrte. Er wäre ein Beweis für Lucies Ausführungen. Mit einem Verdacht begeben sich die Ermittler zu Opa Kramer, der gesteht, Max damals nachgegangen zu sein. Er hatte vorher beobachtet, wie Oma Kramer Max den Text diktierte. Als Opa Kramer zu Lucies Haus kam, brannte zwar Licht, Lucie selbst war jedoch auf dem Wasser. Er fand das Schriftstück und nahm es an sich. Nun übergibt er es den Ermittlern: Er hat es 15 Jahre lang sicher verwahrt. Blutflecken auf dem Papier sind der letzte Beweis für Lucies Bericht.

Rezension

Schwer zu sagen, ob die Dialektik, die in „Der Wahrheit verpflichtet“ gezeigt wird, schon mit dem einsetzenden Zerfall der DDR zu tun hat. Auf eine indirekte Weise vermutlich schon: Beck und seine junge Kollegin diskutieren darüber, ob in einem Fall wie dem Tod des Max Kramer die Wahrheit tatsächlich wichtiger ist als das Schicksal der Menschen, das vom plötzlichen Auffinden der Leiche (heißt es im Film, es ist aber nur noch ein Skelett) 15 Jahre nach dem Todesfall durchgerüttelt wird und das Unglück, das die Ermittlungen heraufbeschwören könnten. Glück, gepaart mit Hartnäckigkeit, führt zu einem guten Ende: Ein wichtiges Schriftstück ist noch vorhanden und kann als Entlastungsbeweis für Lucie dienen.

Einige Stereotypen der DDR-Polizeirufe gibt es auch in diesem Film zu bestaunen: Die überragende Rolle des Alkohols als Anlasse für desolate Verhältnisse und auch für Gewalttaten, sogar darüber wird diskutiert: Als Leutnant Ikser ihren Chef fragt, warum man Alkohol nicht verbietet, verweist dieser auf die Prohibition in den USA, die auch nichts gebracht habe. Die Frage, die wir uns dann gestellt haben: Hätte in der DDR wirklich ein so schwungvoller Schwarzhandel entstehen können wir in den Vereinigten Staaten von 1920 bis 1933? Vielleicht nicht in der Form, dass dadurch mächtige Unterweltorganisationen entstanden wären, aber da in Polizeirufen häufig Materialklau von Baustellen und aus Produktionsbetrieben thematisiert wird, den es nach uns bekannten Aussagen auch wirklich gab – so aufgestellt war der Staat nicht, dass er einen Schwarzmarkt hätte unterbinden können. Aus diesem Grund plädieren wir auch für die Legalisierung aller Drogen – entweder gibt es eine Gesellschaft, in der kein Bedarf für sie besteht oder eben nicht.

Freilich ist das nur ein Nebenaspekt, der aber immerhin kurz diskutiert wird. Die Hauptsache ist das Dilemma, in dem die Ermittler zwischenzeitlich stecken. Was, wenn sie nicht hätten nachweisen können, dass Lucie in einer Notwehrlage gehandelt hätte? Ganz sicher bewiesen ist das am Ende übrigens nicht, das Schriftstück und Maxens Blut darauf sind lediglich starke Indizien für eine solche Lage. Hätte diese Lage nicht bestanden, hätte man aber ersatzweise auf Totschlag zurückgreifen können. Nach dem westdeutschen und heutigen StGB vielleicht in einem minder schweren Fall. Die Systematik des StGB-DDR war etwas anders, § 112 (Mord) ist  zwar dem § 211 in Teilen ähnlich, § 113 (Totschlag) umfasst aber auch minder schwere Fälle:

§ 113. Totschlag. (1) Die vorsätzliche Tötung eines Menschen wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren bestraft, wenn
1. der Täter ohne eigene Schuld durch eine ihm oder seinen Angehörigen von dem Getöteten zugefügte Mißhandlung, schwere Bedrohung oder schwere Kränkung in einen Zustand hochgradiger Erregung (Affekt) versetzt und dadurch zur Tötung hingerissen oder bestimmt worden ist;
2. eine Frau ihr Kind in oder gleich nach der Geburt tötet;
3. besondere Tatumstände vorliegen, die die strafrechtliche Verantwortlichkeit mindern.

Das Strafmaß von höchstens zehn Jahren bedingt die Verjährung nach 15 Jahren (§ 82 I Nr. 4 StGB-DDR), die hier passgenau vorbei war. Das wirkt ein wenig arg auf Ziel konstruiert – man hätte 16 oder 17 Jahre nehmen sollen. Jedenfalls sind alle, die Lucie straffrei stellen wollen, nun auf der sicheren Seite – auch der Zuschauer fühlt sich erleichtert, zumindest war das bei uns so.

Die Polizeirufe der letzten Vorwende-Jahre waren vor allem intensive Familiendramen und hatten häufig Kammerspielcharakter, auch in „Der Wahrheit verpflichtet“ sind die Charaktere sehr gut entwickelt und zumindest die wichtigsten davon recht differenziert ausgestaltet. Allerdings gibt es in diesem Film, anders als in einigen, die Mitte der 1980er entstanden sind, wieder eine Leitlinie in Form einer bösartigen Person, die mit ihrer starken Wirkung auf andere viel Leid auslöst. Es ist die Mutter von Max, eine alte Frau mit Kopftuch, bei der uns schon nach kurzer Zeit das Gefühl beschlich, man habe sich diese Figur bei Else Kling aus der westdeutschen Lindenstraße abgeschaut. Es fällt aber auch unabhängig davon auf, dass Mütter in Polizeirufen oft eine sehr zwielichtige Rolle spielen, wenn sie Söhne haben. Wir müssten das bei Gelegenheit mehr analysieren, was so augenfällig ist: Die Anklage, die dahinter steht, als hätten die Mütter die Söhne nicht vor den Unbilden der Geschichte geschützt, welche die Väter und Großväter anrichteten.

In der Spätzeit der DDR gibt es in den Polizeirufen viele Mütter, die den Ermittlern das Leben schwer machen, weil sie sich vor delinquente Söhne stellen und dabei helfen, Taten zu vertuschen. Allerdings sind sie in der Regel nicht so fies wie die alte Frau Kramer, sondern eher zu naiv und in ihrer Liebe zu „äffisch“, hätte man es früher genannt – und symbolisieren damit die Naivität auch der Frauen gegenüber dem Faschismus als dem Verbrechen, das niemals hätte passieren dürfen.

Das ist sehr verkürzt, selbstverständlich, aber es wirft ein Schlaglicht darauf, könnte einer von vielen Gründen sein, warum in der DDR Frauen letztlich nicht so gleichberechtigt waren, vor allem im Sinne von Wertschätzung ihrer Arbeit und bei der Erlangung von Führungspositionen, wie die Nostalgiker es noch heute gerne verkaufen. Auch, dass Lucie Hausfrau wurde, nachdem sie den gut verdienenden Max geheiratet hatte, wird thematisiert und hier sehen wir die Gegenbewegung: Es wurde nicht gerne gesehen, wenn Frauen „privatisierten“, man kann fast sagen, es galt als dekadent, wenn sie dann aber doch Karriere machten, wird das in Polizeirufen hin und wieder als Konfliktstoff für die Ehe thematisiert. Über diese Darstellungen muss man wiederum einen Filter legen, denn gerade die Filmgestaltung war in der DDR vor allem eines, kaum anders als im Westen: männlich. Es gab kaum Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen.

Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass keine guten Frauenfiguren möglich waren, wie man an Lucie in „Der Wahrheit verpflichtet“ sehen kann. Ihr bringt das Drehbuch von Ulrich Waldner große Sympathie entgegen und im Ganzen ist die Konstruktion ihrer Befreiung von der Vergangenheit gelungen. Sehr interessant ist der Regiestil von Hans-Joachim Kasprzik, dessen Tochter Anne die junge Offizieren Ikser spielt. Anfangs wirkt er sehr knackig, fast wie ein Rückgriff auf die ideologische Festigkeit vergangener Zeiten, dann wird er weicher und gibt Raum fürs Hinterfragen und für die Diskussionen zwischen Hauptmann Beck (Günter Naumann in seinem zweiten Einsatz) und der Kollegin, die er sogar von wichtigen Ermittlungen fernhält, weil er befürchtet, sie könnten Lucie ins Gefängnis bringen. Gut gemacht ist auch, dass Lucie tatsächlich schon vor Maxens Tod einen Liebhaber hat, man ihr das aber nicht als Flatterhaftigkeit anrechnet, sondern als Folge des Verhaltens ihres Ehemannes – womit dessen Mutter wiederum genau das provoziert, was sie ihrer Schwiegertochter vorwirft.

Finale

Die Dialoge sind zwar, wie häufig bei den Polizeirufen, die nicht mit Humor versetzt sind, etwas statisch, aber die Plotkonstruktion ist versiert, man hat sich viele gute Gedanken gemacht, wie ein solcher Fall sachlich und psychologisch stimmig aufgebaut werden könnte. Auch die Bildsprache ist gelungen: Immer, wenn Beck und Ikser im Dienstwagen über die Brücke fahren, wird auch eine Grenze überschritten, werden neue Kapitel das Falls aufgeschlagen und neue Sichtweisen präsentiert – und am Ende sitzt die Vertreterin der Nachfolgegeneration sogar am Steuer.

Ein weiteres Plus des Films ist die Idee, die Tochter von Lucie auch Lucie als junge Frau spielen zu lassen, die beiden Darstellerinnen sehen einander recht ähnlich, was die Authentizitätsvermutung stärkt – bei Max war es noch einfacher, denn er muss nicht mehr als Mann mittleren Alters dargestellt werden. Der Darsteller seines Wohnes bekommt eine Perücke und einen schwarzen Schnurrbart und kann die Rückblenden spielen, vor allem diejenige, in der es zum Tötungsdelikt kommt. Ein kleines Plothole gibt es aber: Beck sagt an einer Stelle, es sei für Lucie unmöglich gewesen, den schweren Max wegzuschleppen und in ein Boot zu verbringen, deshalb schließt er sie als Täterin sofort aus. Es stellt sich aber heraus, dass sie das doch ohne Hilfe konnte und in der Tat kann man jemanden ziehen, wenn auch langsam, der um einiges schwerer ist als man selbst, sofern die Beschaffenheit des Bodens es zulässt. Entweder ist Beck schon früh innerlich dabei, Lucie zu exkulpieren, er hat sich sogar ein wenig in sie verguckt, könnte man sagen, oder der Zuschauer soll mit einem etwas billigen Trick in die Irre geführt werden oder beides geht gut zusammen. Was auch immer die Wahrheit dahinter sein mag, „Der Wahrheit verpflichtet“ ist eine ansehnliche Mischung aus Krimi und Drama, die man immer noch gut anschauen kann – sofern man nicht auf den Effekten und der künstlich erhöhten Geschwindigkeit der meisten heutigen Tatorte und Polizeirufe besteht.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Joachim Kasprzik
Drehbuch Ulrich Waldner
Produktion Harald Andreas
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Hans-Jürgen Sasse
Schnitt Thea Richter
Besetzung

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