Kressin und der Laster nach Lüttich – Tatort 5 #Crimetime 908 #Tatort #Köln #Kessin #WDR #Laster #Lüttich

Crimetime 908 - Titelfoto © WDR

Als die Tatortgeschichte begann, war das Leben süß

Zollfahnder Kressin spürt einem Lastwagen nach, der, aus dem Osten kommend, Destination Lüttich, mit Alkohol anstatt Firnis unterwegs ist, Kressin klaut den Laster, wird selbst geklaut, aber der internationale Schmugglerring fliegt auf, nur dessen Chef entkommt, weil er von Ivan Desny gespielt wird zum Ausgeich erhält Kressin eine blonde Freundin. Dieser Film war der erste Tatort mit Kressin, das ist das eine. Alles andere steht in der -> Rezension.

Handlung

Zolloberinspektor Kressin beobachtet auf dem Bahnhof den Edelgauner Sievers beim Einsteigen in einen Zug. Auf dem Rückweg spricht Kressin eine fremde Frau auf dem Bahnsteig an. Obwohl sie einen schweren Koffer trägt, lehnt sie seine Hilfe zunächst ab. Trotzdem schafft er es mit seinem Charme, bei Elisabeth, so lautet ihr Name, zu landen und bringt sie nach Hause.

Ein voll beladener Laster fährt beim Zoll an der innerdeutschen Grenze vor und wird nur oberflächlich kontrolliert, was bei Transitlieferungen üblich ist. So kann der Sattelzug ungehindert seine Fahrt fortsetzen. Der Fahrer, Vondracek, telefoniert von einer Raststätte aus mit seinem Auftraggeber, dass er jetzt am vereinbarten Punkt sei. Er nimmt sich ein Zimmer für die Nacht und beobachtet zwei Männer, die den Lkw zur Entladung abholen. Unbemerkt fährt er mit und sieht zu, wie die beiden Männer Fässer vom Lkw abladen. Dabei wird er allerdings entdeckt und zu Strauss, dem offensichtlichen Chef der Bande, gebracht und zur Rede gestellt. Vondracek fordert mehr Geld für das Risiko, das er bei jeder Fahrt trägt. Da Strauss aber nur Statthalter von Sievers ist, kann er sich keine aufsässigen Leute leisten. Deshalb wird Vondracek kurzerhand gewaltsam zum Schweigen gebracht, indem man ihn vor einen anfahrenden Lkw wirft.

Rezension

Wir war die Stimmung nach dem Film? Schmunzelnd. Wir fanden Kressin und sein Ding cool und witzig. Wir haben generell keine Vorurteile gegen alte Filme, sonst müssten wir die meisten Klassiker, die Film erst definiert haben und zum Teil bis heute unübertroffen sind, nur wegen des Alters abwerten – und weil sie anders sind als das, was heute auf die Leinwand oder auf den Bildschirm gebracht wird.

Eine gewisse Toleranz muss man haben, für alte Machozeiten, für die unübersehbaren Einflüsse sowohl von James Bond als auch des französischen Krimis jener Jahre, die eher lässig eingestreut sind; ebenso für eine Handlung, bei der sogar die Continuity nicht immer passt, nebst anderen Details, also auch für das Experimentieren mit dem Format, das damals zu sehr verschiedenen Ergebnissen führte (1). Grundsätzlich ist die Umstellung nicht atemberaubend, denn gerade in den 2010er Jahren ist der Tatort wieder ein richtiges Experimentierfeld geworden. Gut so, denn Erstarrung ist nie mit Perfektion zu rechtfertigen. Außerdem hat der Film eine unübersehbar lockere, rheinische Ader, die man heute in Köln nicht mehr findet. Das ist okay, aber es gibt eben viele Varianten, einen Tatort zu machen. Wobei dies kein klassischer Tatort ist.

Warum ist der fünfte Fall der Reihe kein klassischer Tatort? Zwar ist „Kressin und der Laster nach Lüttich“ nur einer von vielen Tatorten, in denen nicht zu Beginn schon die erste Leiche vorliegt, aber der Undercover-Kollege von Kressin, der nach etwa einem Drittel des Films stirbt und den ersten Todesfall in „Kressin und der Laster nach Lüttich“ darstellt, ist nicht Gegenstand der Ermittlungen von Kressin, dafür ist die Kripo zuständig, die der Inspektor eher als lästige und nachgeordnete Einheit ansieht. Ein Zollfahnder ist eine Ausnahme, als Tatort-Ermittler, und natürlich nicht mehr mit so hübschen Fällen betraut wie hier, seit dem in Kraft treten des Schengen-Abkommens (Kressin ist mit genauer Bezeichnung Oberinspektor beim Zoll, also im gleichen Rang, wie Derrick es bei der Kripo war). Was nicht heißt, dass der Zoll nicht heute noch Fahndungsaufgaben hat und sich zudem als Inkassounternehmen betätigt.

Sollte man den Film vergleichend betrachten und wie drücken sich die angesprochenen Einflüsse aus anderen Ländern aus? Wir fangen mal mit den deutschen Einflüssen an. Die Vorgängerserie des Tatorts war „Stahlnetz“, das darf man nicht vergessen, und die wiederum entsprach im Wesentlichen den US-Mustern der 1950er, in der Art, wie Kriminalfälle dokumentationsnah und oft aufgrund wahrer Fälle angelegt wurden.

Man bemerkt diese Einflüsse, aber auch eine Weiterentwicklung, die aus dem schlichten Stil herrührt, wie er sicht seit den 1960ern von den Nachrichten bis hin zu den Autorenfilmen etabliert hatte – nicht nur beim WDR, sondern auch bei anderen Sendern, die auf klassische Ermittler wie Trimmel, Finke, Lutz setzten. Die pompfreie Geradlinigkeit der Inszenierungen und manch hintergründig Parodistisches hinter dieser heute manchmal plump wirkenden Art zu filmen und Figuren zu zeigen, die man nicht anders denn als rudimentär bezeichnen kann, sind sehr vergnüglich anzuschauen.

Denn die Nüchternheit wird garniert mit quietschenden Reifen, englischen Sportwagen, französischen Gangsterlimousinen, andererseits sieht man die Nordsee und einen Tschibo-Shop, in dem man Kaffee trinken kann und wo gerade die Preise für ebenjenen Kaffee gesenkt werden, man sieht eine coole Dachgeschosswohnung, die Kressins neuer Flamme gehört, aber auch, wie Kressin sich in die Geschäfte von deren Spielzeugladen einmischt.

Ein Macho, ein kleiner James Bond, ein Gangsterjäger im französischen Stil, ein Typ, der in Gefahr gerät, aber alles nur mit einem Augenzwinkern, mit der klaren Maßgabe, dass es Abstriche geben muss, sonst wird es unfreiwillig komisch – so ist es wohl gedacht, und da wirkt auch der gut verständliche rheinische Einschlag von Kressins Sprache wie eine Art Verniedlichung und ist gleichzeitig lässig auf eine Art, die man heute nicht mehr findet. Hat der Österreicher Sieghardt Rupp gut hinbekommen, den Rheinländer.

Dass die Action, der Umgang mit dem Automobil, die Gegner, an die Agentenfilme der Zeit angelehnt sind, und nicht an die Vorgänger-Reihe „Stahlnetz“ oder an andere Serien wie „Der Kommissar“, ist wohl offensichtlich. Die Hommage an den französischen Film ist etwas weniger leicht zu erkennen, am besten aber in der DS oder ID 19, die damals das französische Gangstermobil war, in allen Farben, auch in strahlendem Weiß, wie hier gezeigt – mit schwarzem Dach allerdings. Wenn man es auf die Spitze treiben will, wird hier augenzwinkernd angedeutet, dass es nicht um differenzierte Psychogramme, sondern um kräftige Schwarzweiß-Malerei geht, in kräftigen Farben gefilmt. Der Wagen hat übrigens ein Pariser Kennzeichen, nicht etwa ein deutsches oder belgisches, das ist wohl eine ganz sichtbare Verbeugung vor französischen Filmen wie „Der eiskalte Engel“, die nur wenige Jahre vor diesem Tatort entstanden sind und denen ein(e) DS zum Einsatz kam.

Die OK in Sachen Alkoholschmuggel, der Kressin gegenübersteht, ist ebenfalls so, wie wir sie aus dem gallischen Kino kennen. Rücksichtslos, lakonisch, international – sie reicht erst einmal nur nach Belgien, denn dummerweise hat NRW keine Grenze mit Frankreich. Auch Cops oder deren Gegner wie Alain Delon und Jean-Paul Belmondo haben durchaus ihre Wirkung auf die Gestaltung der Figur Kressin und ihrer Filme nicht verfehlt. Aber, Achtung: Immer mit Ironie! Denn zum Beispiel die Macho-Sprüche von Kressin und wie er zu seiner neuen Freundin kommt, die waren wohl damals schon nicht so ernst gemeint, auch wenn das Rollenverständnis traditioneller und die Sprache im Film weniger politisch korrekt war als heute.

Vorhin gab es eine Andeutung zu den technischen Fehlern des Films. Wir mussten wirklich schmunzeln, als Kressins Freundin Elisabeth, am Ende wieder die langen Haare vom Beginn hat, während sie zwischenzeitlich auf für damalige Verhältnisse moderne Art umfrisiert wurde, die heute viel zeitgebundener wirkt als das vorherige offene Haar. Klar, dass Anfangs- und Schlussszene aus ökonomischen Gründen hintereinander aufgenommen wurden, weil beide da im roten Triumph von Kressin unterwegs sind, während Elisabeth sonst nur in ihrem Laden und ihrer Wohnung gezeigt wird. Das ist ein klassischer Continuity-Goof. So etwas gibt es heute auch noch, aber meist nicht so auffällig.

Andere Seltsamkeiten, wie die, dass Fässer mit einer Leiter steilwegs vom Lkw gerollt werden, anstatt, dass man einfach mal die Ladeklappe runterlässt, um die Sache zu vereinfachen, die Tatsache, dass man sich höchstens hinzudenken kann, wie die Polizei jetzt das Hauptlager der Bande gefunden hat, Details der Verfolgungsjagd zwischen mehreren Lkw, das sind unterschiedliche Ungereimtheiten, die wir dann doch gnädiger bewerten möchten als bei neueren Tatorten. Nicht, weil der Film an sich damals noch so rudimentäre gewesen wäre, dass man da nicht hätte genauer arbeiten können, aber die Reihe Tatort hatte noch eine große Varianz und man kann nicht den alten Kressin für offen zutage tretende Fehlerchen mehr abwerten als heutige Tatorte für ihre oft ungenauen Drehbuchverläufe, die man gerne hinter bombastischen Inszenierungen versteckt.

Welche Szene war die schönste in diesem Tatort? Doch die Lkw-Verfolgung. Ein Augenschmaus, nicht nur wegen des fast leeren Autobahn-Bandes, das eine solche Art von Verfolgung ja erst ermöglicht. Wir haben außerdem nachgesehen: Steven Spielberg hat von Wolfgang Menge und Tom Toelle, dem Regisseur, geklaut, nicht etwas umgekehrt, als der „Duell“ gefilmt hat. Die Idee mit der Truck-Rempelei, die ist ihm gekommen, als er sich genau diesen Kressin angeschaut hat.

Doch, der fünfte Tatort kam im März 1971 auf die Bildschirme, Spielbergs epochaler Erstling wurde im November desselben Jahres im TV ausgestrahlt. Scherz! Nett, wie diese alten Mercedes-Laster gegen den viel größeren neuen mit dem damals aktuellen Fahrerhaus antreten und ihn abdrängen wollen – wir dachten an einem bestimmten Punkt, Mensch Kressin, du coole Sau, du hast doch die viel dickere Karre, fahr einfach weiter. Hat er dann ja auch getan, wobei die Gegner in den Gräben landeten und die warum auch immer geladenen, aber leeren Fässer so schön polterten.

Ansonsten haben uns fast alle Dialoge gefallen und wir fanden es toll, dass es davon nicht so viele überflüssige gab wie in manchen postmodernen Tatorten. Das ist gute Schule, Redundanzen zu vermeiden und mehr zu zeigen als zu erklären. Zum Ende hin wurde dann manches etwas sehr knapp abgeahndelt, aber das hätte man bei heutiger Spielzeit („Kressin und der Laster nach Lüttich“ ist mehr als 10 Minuten kürzer als ein üblicher Tatort) locker hinbekommen, ohne riesige sprechende Wasserköpfe zu generieren.

Wie lautet das Fazit? Hat insgesamt Spaß gemacht, das Siebziger-Feeling ist toll. Die Wohnung im DG mit dem eingezogenen Dachbalkon, auf den leider nie jemand tritt, war das Coolste, was es damals zum Wohnen für junge, einigermaßen verdienende Singles oder Paare gab, als Lofts mangels abgewrackter Industriebauten noch keine Alternative waren. Auch die Ausstattung ist sehr liebevoll und detailliert, wirkt auffällig gestylt-ungestylt, im Gegensatz zu heutigen Tatort-Wohnlichkeiten, die ebenso bewusst wie diese Ansammlung zeitgeistiger Einrichtungselemente in Elisabeths Wohnung. das genaue Gegenteil ausstrahlen, nämlich eine unpersönliche, oft eisig wirkende Eleganz.

Finale

Kultig fanden wir, dass Kressin „Das Haus“ in der Jackentasche stecken hat und die Zeitschrift später auf einem Glastisch liegt. Die lasen damals alle, die Wohnungen einrichten und Häuser bauen wollten. Da ist wieder dieses Augenzwinkern, denn natürlich war da auch was Spießiges dran, etwas Konfektioniertes – im Stil der neuen, bunten 70er, versteht sich.

Wenn man will, kann man in diesem Film eine Menge entdecken, aber dass Tatorte auch Kultur- und Sozialgeschichte sind, manchmal sogar Zeitgeschichte, ist ja nicht neu und ein Grund, warum wir uns mit der Reihe so gerne befassen, die einen Blick in die Seele der Bundesrepublik bietet wie kein anderes Format, mit allem, was typisch war, mit allen Brechungen, die darauf fußten und dadurch auch – typisch waren.

Den Film selbst können wir nicht mit einer Top-Bewertung versehen, das wäre modernen oder ausgefeilteren Konzepten gegenüber nicht gerecht. Und, ja, jetzt sehen wir’s doch zeitbezogen: Da ist ein gewisser Kult-Zuschlag dabei.

7/10

(1) Die Rezension wurde ursprünglich im Apri 2014 verfasst, aber erst 2015 veröffentlicht, mittlerweile kennen wir dank der Austrahlungen zum 50. Jubiläum von BR3 den ersten bayerischen Tatort ebenso wie dank der gegenwärtigen Traditionspflege des SWR den ersten Saarbrücker Fall, den zweiten Tatort überhaupt sowie die frühen Südfunk Stuttgart-Filme, die für die Reihe mit Kommissar Lutz produziert wurden, ebenso Filme mit Marianne Buchmüller, der ersten weiblichen Ermittlerin, die für den Südwestfunk tätig war. 

© 2021, 2015, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Zollfahnder Kressin – Sieghardt Rupp
Zollrat – Hermann Lenschau
Vondracek – Manfred Seipold
Desroches – Jean-Pierre Zola
Elisabeth – Katrin Schaake
Strauss – Friedrich Schütter
u.a.

Drehbuch – Wolfgang Menge
Regie – Tom Toelle
Kamera – Jan Kalis
Musik – Klaus Doldinger

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