Wie ist die Welt so stille – Polizeiruf 110 Episode 292 #Crimetime 911 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #München #Muenchen #Tauber #Obermaier #BR #Welt #still

Crimetime 911 - Titelfoto © BR, Marco Nagel

Von Stille kann keine Rede sein

Zwanzig Mal hat Edgar Selge den Kommissar Tauber gespielt. Vor einem Jahr wussten wir davon noch gar nichts, weil wir uns voll auf die Tatort-Reihe konzentriert hatten. Erst im März 2019 starteten wir mit den Polizeiruf-Rezensionen. Und es dauerte weitere Monate, bis wir erstmals über einen Tauber-Film schrieben, die ersten „Münchener“ waren solche mit einem Nachfolger von Meuffels (Matthias Brandt). Es hat einen Grund, warum wir den Kommissar schon in der Einleitung hervorheben. Erläuterungen folgen in der -> Rezension.

Handlung

Am Ortsrand von München wurden das Ehepaar Lilly und Werner Harms sowie ihr 26-jähriger Sohn Holger nachts in ihrem Einfamilienhaus auf grausame Art erschlagen. Der Mörder hat ein Schlachtfeld hinterlassen.
Am Tatort sind die beiden Kriminalhauptkommissare Jürgen Tauber und Jo Obermaier entsetzt über die Brutalität, mit der die Familie regelrecht hingerichtet wurde. Die 20-jährige Tochter Maren hat die Mordnacht nur deshalb überlebt, weil sie zur Tatzeit zufällig bei einer Freundin übernachtete. Sie erleidet einen Schock, als sie am Morgen ins Elternhaus zurückkehrt.

Tauber verspricht der verzweifelten Tochter, den Fall so rasch wie möglich aufzuklären. Er bittet ihren Verlobten Thomas Rösch, sich verstärkt um Maren zu kümmern. Tauber hat Sorge, dass sie möglicherweise in Lebensgefahr schwebt, solange der Täter nicht gefasst ist.
Sowohl Maren Harms als auch die Presse und Staatsanwalt Voss setzen die Kommissare fortan unter Druck. Aber schon nach den ersten Verhören muss sich Tauber eingestehen, dass er das Versprechen, das er Maren gab, nicht so zügig wie erhofft einlösen kann.

Der Kreis der möglichen Täter ist zwar groß, doch letztlich können er und Kollegin Obermaier keinem und keiner der Verdächtigen etwas nachweisen. Damit steigt der Druck auf die Kommissare und ihre Ermittlungsmethoden werden härter.
Zudem beobachtet Jo Obermaier besorgt, wie sehr diese Ermittlungen Tauber zusetzen. Als einer der Hauptverdächtigen Selbstmord begeht, bricht er schließlich zusammen und wird zur Kur geschickt. Der Fall wird zu den Akten gelegt.
Erst viel später, im Herbst beim Pflügen eines Ackers, entdeckt ein Bauer die Tatwaffe: einen Baseballschläger. Und an ihm haften noch immer die DNA-Spuren des Mörders.

Rezension

Die Headline, die wir am Ende des Films im Kopf hatten, war: Wie ein Tauber aus einem stino Whodunit ein persönliches Drama macht.

„Das Drehbuch dieses ‚Polizeirufes 110‘ ist schwach. Die unzureichende Dramaturgie krankt an zahlreichen Ecken, vieles ist nicht wirklich ausgearbeitet, Figuren werden nicht stimmig erzählt, und die Atmosphäre dieses kalten Films mutet oft sehr befremdend und artifiziell an. Der Fall berührt nicht, und so mag denn auch nur wenig bis gar keine Emotionalität aufkommen.“ (Tagesspiegel, zitiert nach Wikipedia)

Die Kritik am Plot teilen wir. Nur durch einen idiotischen Zufall, der den Täter mit einem Mal viel zu unterkomplex wirken lässt, in Relation zu seinem bisherigen Verhalten, kommen die Ermittlungen überhaupt wieder in Gang, nachdem es aussieht, als wenn die Kommissare Obermaier und Tauber scheitern würden, nachdem die Soko aufgelöst wurde und die bedauernswerte Tochter der Harms vermutlich nie erfahren wird, wer ihre Eltern und ihren Bruder umgebracht hat. Offenbar handelt es sich zum Zuzis, um Zugezogene, der Nachname Harms ist ja spezifisch norddeutsch. Dass Tauber und Obermaier sich nicht gleich auf den Freund der Tochter konzentrieren, nachdem er die einzige Figur ist, die kalt und berechnend genug wirkt, um drei Morde auf eine so brutale Weise auszuführen, ist ebenfalls nicht sehr glaubwürdig. Beide zeigen kaum Spürsinn für die Charaktere der Verdächtigen.

Herleiten kann man das bei Tauber vielleicht aus einem besonderen Umstand, der gerade das hauptsächliche Plus des Films darstellt: Er ist traumatisiert von den blutigen BIldern, verbeißt sich total, schläft nicht mehr, wird mehr und mehr zum Ermittlungs-Zombie, bricht schließlich zusammen und geht in Kur. Dann wird die Tatwaffe gefunden und er schaltet sich wieder in die Ermittlungen ein. Die Art, wie der Polizist aus dem Gleichgewicht gerät, ist sehr schwer darzustellen, zumal es so wirkt, als sei er schon zu Beginn angeschlagen, vielleicht aufgrund der Nachwirkung früherer Fälle. Aber Edgar Selge bekommt es hin, dem Film ein Zentrum, einiges an Dramatik und emotionaler Tiee zu verleihen. Auf seinen Schultern ruht ein Werk, das in der Tat keine herausragende Handlung zeigt. Er schafft es auch, die teilweise nicht sehr konsistenten Verhaltensweisen seines Umfelds, also von Obermaier und dem Staatswanwalt in den Hintergrund zu schieben. Wir haben uns beim Anschauen des Films ganz auf ihn konzentriert, die Spannung lag für uns in dieser einarmigen Polizistenfigur.

Wie Tauber mit sich und den Zeugen, dann Verdächtigen umgeht, ist übergriffig, daran besteht kein Zweifel, aber wir wissen, dass er nach „Wie ist die Welt so stille“ noch zwei Fälle lösen wird. Dabei wird er zwischenzeitlich eine Armprothese tragen, die im vorliegenden 18. Einsatz keine Erwähnung findet. Die Ordnung wird für einen Moment wieder denkbar, die volle Funktionsfähigkeit der Exekutive. Der Mangel an körperlicher Kraft bzw. Einsatzfähigkeit blitzt hingegen in „Wie ist die Welt so stille“ immer wieder durch.

Der Tagesspiegel kritisiert auch den Stil des Films als kalt. Da wir mit der Tauber-Figur genug emotionale Anbindung hatten, empfanden wir das nicht als so negativ, außerdem ist diese Kritik zeitgenössisch. Mittlerweile ist dieser „kalte Stil“ längst State of the Art und wird z. B. von den Magdeburg-Polizeirufen locker übertroffen, in manchen von ihnen gibt es überhaupt keine Möglichkeit, anzudocken, indem man sich mit einer Figur identifizieren kann. Das ist in „Wie ist die Welt so stille“ bei uns anders gewesen, mit Tauber konnten wir gehen und gut durch 90 Minuten Spielzeit kommen.

Den Konstrukteuren des Plots hätten wir zugetraut, dass sie am Ende eine*n weitere*n Verdächtige*n hervorzaubern, aber von den Personen, die während der ersten halben Stunde ins Rennen gingen, kam im Grunde nur der Yuppie infrage – die beste unter den Verdächtigenfiguren jedoch ist der Herr Laue, der Bruder von Frau Harms. Man soll über alkoholbedingte kognitive Ausfälle nicht witzeln, aber hier werden sie eben witzig dargestellt, weil Laue die unter Hochdruck arbeitenden Ermittler so aufhält, so ganz anders tickt als die leistungsoptimierte Welt da draußen.

Finale

Selbst wenn ein Film bezüglich seiner Qualitäten als Krimi mal nicht der Brüller ist – erstens kommt das sehr häufig vor, sodass die Leistung der Darsteller*innen und die Inszenierung zwangsläufig ein hohes Gewicht erhalten, außerdem ist das Leben oft ganz und gar unlogisch. Dass zum Beispiel ein Typ die Tatwaffe in einem Acker vergräbt, der Bauer im Märzen ebenjenen Acker umpflügt und der Baseballschläger ragt dekorativ aus der Krume, das ist krass doof. Daraufhin findet ein Parallelverhör des Verdächtigen und seiner Freundin Nr. 2 statt, die ihm ein Alibi gab und er redet so herablassend über sie, dass sie ihre Zweifel nun offenlegt und die ganze Wahrheit sagt: Dass er vermutlich für eine Zeit weg war. Schließlich gibt er selbst alles zu, bevor die 90 Minuten Film zu Ende sind. Da haben die Ermittler nochmal Glück gehabt.

Wir hingegen müssen noch einmal darauf zurückkommen, dass man dieses Paar viel zu wenig behelligt hatte, als der Fall noch „heiß“ war. Spätestens das „zweigleisig fahren“ und die Art, wie es abläuft, hätte Tauber und Obermaier hellhörig werden lassen müssen. Aber so ist das, wenn man zu viel von diesem schädlichen Koffeinzeug trinkt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem es besser für die Aufmerksamkeit gewesen wäre, mal eine Runde zu schlafen. Der kleine Nebenschauplatz mit Obermaier, eifersüchtig, war unnötig, weil zu sehr auf Klischee-Widerlegung ausgerichtet, dass Tauber kein Privatleben hat, erklärt er selbst auf eine viel zu vordergründige Weise, was ja wiederum hintersinnig ist.

Bemerkenswert ist, dass mit Annika Blendl und Janina Stopper zwei weibliche Nebenrollen ziemlich hochkarätig besetzt wurden, Letztere spielt in ihrer einzigen Szene auch recht einprägsam.

Wir haben ein wenig geschwankt. Nicht sehr stark, aber zwischen zwei Bewertungsstufen. Am Ende setzt sich wieder durch, dass wir die Leistung von Edgar Selge besonders würdigen wollen, daher noch

8/10.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

    
Stab
Regie Alain Gsponer
Drehbuch Alex Buresch,
Alain Gsponer
Produktion Uli Aselmann
Musik Marius Felix Lange
Kamera Matthias Fleischer
Schnitt Vera van Appeldorn
Besetzung

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