Duisburg-Ruhrort – Tatort 126 #Crimetime 195.1 + „Der Spalter der Nation“ #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Scheiße #DuisburgRuhrort

Crimetime 195 - Titelfoto © WDR

Der wildeste Postrevoluzzer von allen

1981, im elften Jahr ihres Bestehens, gab es eine Revolution in der Serie „Tatort“. Wir versetzen uns zurück in eine Epoche, in der gediegene Herren als Ermittler im Fernsehen tätig waren, vom Essener Ruhr-Vorgänger von Schimanski namens Haferkamp bis zu Serien wie „Der Kommissar“ oder „Derrick“. Wir versetzen uns in eine Zeit, als es in den meisten Familien noch ein Verbot für unflätige Ausdrücke gab und die älteren Generationen noch im Zucht-und Ordnung-System aufgewachsen waren und die meisten Deutschen noch nicht Ruhrgebiet waren, wie es durch die Erfolge des BVB Borussia Dortmund Mode geworden ist.

„Duisburg-Ruhrort“ war nicht der erste Tatort, in dem Götz George mitgespielt hat, sondern bereits der dritte. Zuvor hatte er Episodenrollen inne, unter anderem in einem der legendären Tatorte mit Kommissar Finke aus Kiel („Blechschaden“, der erste NDR-Tatort). Dort endet der spätere Schimanski als Leiche, aber zum Glück ist die physische Auferstehung im Film nicht so schwierig wie in der Realität. Gleiches gilt fürs neue Leben unter anderem Namen.

1981 also kam dann dieser Typ auf die in etwas abgerundeter Form aus dem Gehäuse ragenden Bildschirme und der Typ frisst ein rohes Ei oder zwei. Dann pöbelt, säuft und prügelt er sich durch einen 100minütigen Fall, dass es seine Art hat und am Ende löst sich ein Teil des Falls von selbst und nicht etwa durch scharfsinnige Ermittlung. Wie sowas kommt, ist in der -> Rezension nachzulesen.

Handlung

Im Binnenhafen von Duisburg wird die Leiche des Binnenschiffers Heinz Petschek gefunden. Er wurde verprügelt und mit einem Messer tödlich verletzt. Kommissar Schimanski muss mit seinem Kollegen Christian Thanner diesen Fall aufklären. Kriminaloberrat Königsberg legt ihm wegen seiner Milieunähe den Fall nahe. Schimanski ermittelt zuerst im Umfeld des Toten. Da Petschek bei der Familie Losse gemeldet war, befragt er Herrn Losse und erfährt, dass das Opfer mit seiner Gattin sowie Frau Poppinga, der Frau eines anderen Binnenschiffers, fremdging. Durch Frau Poppinga erfährt Schimanski, dass die Affäre mit Petschek ihrem Ehemann Jan Poppinga bekannt war. Schimanski sucht ihn in der Kneipe „Zum Anker“ auf und nimmt ihn fest, nachdem Poppinga zugegeben hat, das Opfer zur Tatzeit verprügelt zu haben.

Weitere Recherchen der Kommissare ergeben, dass Petschek seinen Arbeitgeber gewechselt hat. Es stellt sich heraus, dass Petschek sich für sozialistische und türkische Kultur interessierte und beim Binnenschiffer Wittinger anheuerte. Plötzlich taucht die Leiche eines Türken auf. Die Spur führt die Ermittler in einen Metallbetrieb, wo der Türke arbeitete. Schimanski kontaktiert über einen Freund die türkische Gewerkschaft, die ihm eröffnet, dass beide Opfer einem Waffenschieberring auf der Spur waren. Petschek hatte eine Anstellung bei Wittinger angenommen mit der Absicht, in das Netz einzudringen. Sein türkischer Kontaktmann sollte der Gewerkschaft dann die Beweise liefern. Doch dann wird das Lokal überfallen, und Schimanski erkennt Ali Engin, einen Kollegen des ermordeten Gewerkschafters aus dem Metallbetrieb und liefert sich eine Schießerei mit ihm. Bei Engin, der entflohen ist, findet Kollege Schubert auch Beweismaterial in Form von Pistolen der Marke FN.

Prompt ordnet Schimanski eine Durchsuchung bei Wittinger an und wird fündig. Das Labor entdeckt Blut und Stofffetzen der Jacke des Türken in dessen Auto. Wittinger gesteht, dass er durch Ali Engin im Nacken gezwungen war, sich des türkischen Gewerkschafters zu entledigen, als dieser auf seinem Schiff schnüffelte. Doch der Mord an Petschek ist Wittinger nicht nachzuweisen, denn es stellt sich heraus, dass Herr Losse im Affekt Heinz Petschek im Streit erstochen hat, nachdem dieser von Poppinga verletzt liegen gelassen wurde. 

Ergänzung im Rahmen von „50 Jahre Tatort“ (195.1, 2021)

„(…) aus heutiger Sicht ist kaum noch erklärlich, wie ein „Tatort“-Kommissar die Öffentlichkeit derart spalten konnte wie Horst Schimanski bei seinem Debüt am 28. Juni 1981: „Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!“, schrieb die „Neue Ruhr Zeitung“ entsetzt. „Der Ruhrpott kocht: Sind wir alle Mörder oder Trinker?“, titelte die „Bild am Sonntag“. Und den Lokalpolitikern missfiel das Bild, das „Duisburg-Ruhrort“ von ihrer Stadt zeichnete.“ (Stern vom 15.08.2020).

Das 50-Jährige der Tatort-Reihe näherte sich gerade und die Zeit für diverse Rückblicke und Analysen war gekommen. Dass ich nicht zu den dezidierten Fans von Schimanski rechne, ist kein Geheimnis, es äußert sich immer wieder in den Rezensionen. Nach meiner Ansicht hat Schimanski in den 1980ern bereits nichts mehr aufgebrochen oder etwas Progressives verkörpert – das wäre zehn Jahre zuvor oder vielleicht noch Mitte der 1970er der Fall gewesen. Vielmehr muss man ihn schon als ein Spätrevoluzzer gegen die „geistig-moralische Wende“ unter Kanzler Helmut Kohl sehen. Die war, als das Duisburg-Konzept erstellt wurde, noch kein Begriff, denn Kohl kam erst 1982 an die Macht, aber dass insbesondere nach dem „deutschen Herbst“ von 1977, der autoritären Kräften Auftrieb gab, ein konservativerer Wind durchs Land wehte, war kaum zu übersehen und der Wechsel von Willy Brandt zu Helmut Schmidt als Regierungschef im Jahr 1974 zielte bereits in diese Richtung.

Mit der Tatsache, dass Schimanski nicht mehr Avantgarde war, sondern zu Recht als Pöbelfigur empfunden wurde, ging ein weiteres Problem einher: Die 1980er waren tatortseitig – nicht unbedingt ein verlorenes Jahrzehnt, aber eines des überwiegenden Stillstands. Wenn es eine Kommissarsfigur gab, die politisch die Fahne hochhielten, dann war das eher der sehr dezidierte Stoever in Hamburg. Pöbeln hingegen hat noch nie eine Zivilisation vorangebracht. Allenfalls lässt sich sagen, der Niedergang des Ruhrpotts, gespiegelt durch Schimanskis Wohnung und Ausdrucksweise, ergibt im Tatort ein stimmiges, wenn auch in Teilen übertriebenes Bild.

Das Konzept war also durchaus kohärent – anders leider als die Handlungen. Denn zum Stillstand der Qualitätsentwicklung, wenn nicht zum Rückschritt, trug auch bei, dass Schimanski als Figur dermaßen die Filme dominierte, dass man glaubte, keine vernünftigen Handlungen mehr konstruieren zu müssen. Wenn man sich die herausragenden Filme anschaut, mit denen die Reihe in den 1970ern gestartet wurde, insbesondere die beiden NDR-Schienen Hamburg und Kiel, ist der Niedergang nicht nur im industriellen Verfall des Ruhrpotts zu finden, sondern auch im Format selbst. Interessanterweise hat Schimanskis Einsatz nach meiner Ansicht darüber hinaus bewirkt, dass man in anderen Tatortstädten strikt konservativ blieb, um nicht zu viele Zuschauer zu verlieren oder gegen sich aufzubringen, sinnbildlich der Übergang von Kommissar Konrad zu Kommissar Brinkmann in Frankfurt, ersterer wirkte, wenn auch in Maßen, als Typ moderner als sein Nachfolger. Eine vorsichtige Modernisierung war auf diese Weise kaum möglich und wurde erst 1989 durch den Einsatz von Lena Odenthal in Ludwigshafen eingeläutet – dann allerdings auch mit einem ziemlichen Sprung nach vorne. Das konnte man acht Jahre nach Schimanskis Start dann wieder wagen.

„Die Radikalität Schimanskis zeigte sich vor allem im Vergleich mit seinem Vorgänger, dem von Hansjörg Felmy gespielten braven Kommissar Heinz Haferkamp. Gleich in der ersten Folge macht Regisseur Gies klar, dass jetzt eine neue Zeit angebrochen ist: In einer Szene schnürt Schimmi seinen offenen Schuh an einer Plakatwand, auf der Felmys Konferfei zu sehen ist – der Schauspieler warb damals für einen Fotoapparat. Kurz bevor Schimanski weitergeht, dreht er sich noch einmal um und wirft ihm einen spöttischen Blick zu“, heißt es in dem Stern-Artikel weiter.

Ist Schimanski radikal, weil er mit der Vergangenheit brach? Und war Haferkamp deren Symbol? Heute sind die Haferkamp-Filme im Durchschnitt beliebter als die von Schimanski, wenn es nach der Rangliste des Tatort-Fundus geht – das liegt daran, dass man die Fälle für realistischer und besser – sic! – konstruiert hält. Schimanski hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, das ihm seine Drehbuchautoren verpasst haben, daran kann aus heutiger Sicht nichts hinwegtäuschen. Einige seiner Fälle waren richtigehender Bockmist, um es auf den Punkt zu bringen. Auf Duisburg-Ruhrort trifft das allerdings nicht zu, wie wir nachfolgend feststellen werden.

Rezension 2013

Wie man zum ersten Schimanski-Tatort steht, hängt stark von der Sichtweise ab, da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten der Herangehensweise.

Zum einen der Fall „Duisburg – Ruhrort“ als Krimi. Wenn wir alles andere ausblenden würden, den ganzen Schimmi-Hype, dann wäre dies einer der schlechtesten bisher rezensierten Tatorte, und das sind immerhin nun etwa 250. Der Plot ist wirr und ermittelt wird nur durch Befragung und jedweder Fortgang ist davon abhängig, ob der gerade Befragte Lust hatte, die Wahrheit zu erzählen. Nur einen intuitiven Moment gibt es, ziemlich am Ende – die Sache mit der Bleimennige. Ein zweiter Täter hingegen kommt aufs Revier, stellt sich und lächelt – vermutlich, weil der Druck von diesem kleinen Mann einfachster Art abgefallen ist. Dabei ist der Tod eine Milieufolge, nicht das Werk kruder Einzelpersönlichkeiten, das wird im 126. Tatort recht deutlich und ist, im Gegensatz zu anderen Elementen dieses Films, Tatort-Standard.

Man sieht Explosionen und mehrere Schlägereien, es wird geschossen, auch auf Schimanski.

Actionseitig kann „Duisburg-Ruhrort“ gut mit heutigen Tatorten mithalten. Hinsichtlich der Ruppigkeit, mit der ein Kommissar sich ins Geschehen schmeißt, ist der sehr körperlich agierende Götz George bis heute unübertroffen. Kein aktueller Schauspieler hat diese Kombination aus sprachlichem und körperlichem Timing zu bieten. Da wirken wohl die Gene der Familie – Vater Heinrich George war einer der renommiertesten deutschen Schauspieler bis zum Ende der NS-Zeit. So ist auf jeden Fall die Fähigkeit zu bewundern, ungeheuer emotional und dicht in ganz verschiedenen Rollen zu agieren, sicher auch Ergebnis der Dramatik der Familienbiografie.

Schimanski kann man nicht lernen, Schimanski muss man sein, muss man leben. Dass ein  Sohn unserer Wahlheimat Berlin einen Ruhrpott-Typ so grandios verkörpern konnte, wirkt nicht so seltsam, denn auch Berlin hat eine stark proletarische Seite und  zumindest das „alte Berlin“ ist dem Ruhrgebiet mental nicht so fern. Den etwas anderen Zungeschlag kann  man sich als guter Schauspieler bis zu einem gewissen Grad aneignen. Doch es geht ja mehr um die Verortung der Figur. So eindeutig ein Proll, so eindeutig ein Mensch aus dem Milieu, in dem er seine Fälle löst, aus der Gegend, zu der im Film ein bisher nie dagewesenes Bekenntnis abgegeben wird, das schafft Identifikationspotenzial.

Wenn eine schmuddelige Windjacke zum Kultobjekt wird und ein Kollege wie der distinguiertere Thanner zum ersten echten Buddy der deutschen Fernsehgeschichte, dann muss etwas dahinterstecken.

Gemäß einer im Umfeld der Wiederholung von „Duisburg-Ruhort“ erhobenen WDR-Zuschauerumfrage ist eine andere Rolle von Götz George dessen absolutes Highlight, noch vor den intensiven Darstellungen in „Zivilcourage“, „Mein Vater“, -„Bubi Scholz“, „Der Totmacher“, die alle neueren Datums sind als die Schimanski-Ära. Es ist seine Rolle als Zeitungsmann in „Schtonk“. Wir hatten dem Film seinerzeit im Kino gesehen und sind seitdem Fans von Götz George, auch wenn er vieles von seiner beeindruckenden Bandbreite erst danach gezeigt hat.  Die Figur war aber so überraschend anders angelegt als Schimanski, dass man sich denken konnte, welch ein Komödiant in George steckt und auch welch ein zu dramatischen Rollen fähiger Schauspieler. Underacting war und ist nie sein Ding gewesen, reduziertes Spiel gibt ihm nicht die Möglichkeiten zur Enwicklung von Präsenz, er kann auch seine zweifelsohne große Wirkung auf Frauen nicht weniger kargen Dialogen besser zum Vorschein kommen lassen.

Der Ermittler Schimanski ist sicher keine polizeiliche Leuchte, neigt zu persönlicher Herangehensweise, zu Drohungen gegenüber Verdächtigen, zu körperlichen Übergriffen und ist auch bezüglich seiner kriminalistischen Skills eher ein unterdurchschnittlicher Tatort-Kommissar, aber wir gehen ja nicht ausschließlich von der polizeilichen Seite an den Fall Schimanski heran.

Kino-Schimanskis („Zahn um Zahn“, „Zabou“), Spin-Offs und die ungeheuerliche Rückkehr ans Tatort-Set, die uns im 75. Lebensjahr Georges bevorsteht, belegen den ikonischen Status der Figur. Eine solche Wirkung gab es bis heute bei einem Charakter, der für den deutschen Premium-Krimi entwickelt wurde  nicht noch einmal. Eine so radikale Veränderung wie 1981 hat es ebenfalls nie wieder gegeben, auch wenn zum Beispiel der Start der ebenfalls vom WDR ins Rennen geschickten Münsteraner Thiel / Boerne im Jahr 2002 mittlerweile zu einem Kult von erheblichem Umfang geführt hat.

Nach den 1970er Jahren mit ihrem gesellschaftlichen Wandel und der gleichzeitig eher moderaten Filmsprache jener Zeit führte Schimanski zu einer heute noch gut nachvollziehbaren Kontroverse. Viele mochten die Figur damals absolut nicht und der traditionelle Krimifan liegt richtig, wenn er sagt, es hat weitaus bessere Tatorte gegeben.

Vermutlich dachte man sich die 80er Jahre auch, als Hajo Gies, der im ersten und in weiteren Schimanski-Filmen Regie geführt hat, als eine lineare Fortsetzung bisheriger Entwicklungen, hat sich aber wohl nicht ausgemalt, dass kurz darauf Helmut Kohl und eine neue konservative Ära in Deutschland Raum greifen und eine eine Wiederauferstehung des Bürgerlichen in Mode, Verhalten und Lebenseinstellungen mit sich bringen würde.

So kam es, dass Schimanski in den 80ern nicht wirklich auf der Welle des Zeitgeistes schwamm, sondern gegen den Strom. Dass die Sprache insgesamt freizügiger wurde, dass die rechtlichen und tatsächlichen Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland sich weiter in Maßen liberalisierten, steht dem anderen Zeitgefühl, das spätstens seit Mitte der 80er herrschte, steht dem Yuppieismus, den poppigen Klamotten und der anbrechenden Ära des designten Lifestyles nicht entgegen. Insofern war Schimanski kurz bereits eine nicht nur anarchische, sondern auch veraltete Figur, begleitet eher von Filmkommissars-Kollegen, deren SPD-nahe Einstellung die ARD immer betont hat.

Es gibt viele Anekdoten von Freundschaft und sozialem Verhalten auch am Drehort, jenseits der letztlich gefilmten Meter, sodass ein rührendes Zeitbild auch in diesem Off-Screen-Part vermittelt wird. Natürlich ist alles im Sinn einer lebenden Legende, aber es ist durchaus vorstellbar und von heute aus betrachtet, ergibt sich nochmals ein anderes Bild.

Selbstredend ist Schimanski heute nicht mehr revolutionär und hat viele Nachahmer gefunden, wobei es die Tatort-Macher vermieden haben, eine Figur zu schaffen, die ihm zu ähnlich ist. Sicher hätten sie das gerne, aber es blieb ihnen ein bestimmter, gleichermaßen erdnaher wie aktionsreicher Typus verwehrt, hätte er doch als Plagiat gegolten (man hat Lena Odenthal zuweilen als weiblichen Schimanski bezeichnet, wir sehen aber viele Unterschiede in den Charakterzügen).

Klar fragen wir uns heute, ob so prollig wirklich sein muss, ob etwas mehr Distanz zum und Logik im Geschehen nicht im Sinn der Polizeiarbeit und für den Zuschauer besser wären. Wir sind eben auf Effizienz getrimmt worden, über Jahrzehnte, und wir sehen mit großem Vergnügen, wie eine Polizistenfigur nicht einmal daran denkt, strukturiert und besonders  zielgerichtet zu agieren.  Da gibt es kein Neben-sich-Stehen. Keine Reflektion darüber, dass das eventuell Scheiße ist, sich immer zu prügeln und dass das Leben im Dienst kurz sein könnte, wenn man sich immer auf die Art reinhängt. Das Leben als Schimanski hat dann zehn Jahre gedauert. Nach heutigen Maßstäben keine überdurchschnittlich lange Tatortkarriere, aber doch das Ende einer Ära. Die Zeit der Wiedervereinigung war vielleicht der passende Moment zum Aufhören, denn Schimanski ist mit seiner intensiven Art keine Dauerwurst, sondern ein Feuerwerk, das verlöschen muss, will es seinen Eindruck auf uns nicht verfehlen.

Zu keiner Zeit aber waren die Schimanski-Tatorte realistisch, nur weil ein Übermaß an Einstieg ins Milieu mit ohne jede Verschönerung gefilmten Locations oder Menschen das suggeriert. Man darf nicht denken, die späten 70er, denen der Film geistig entspringt, waren so und vor allem: Die Polizeiarbeit sei jemals so gewesen. Wenn man so will, war Schimanski auch eine erste, deutliche Entfernung vom realistischen Polizisten, wie sie heute auf sehr facettenreiche Weise üblich geworden ist.

Finale

Wenn wir über Schimanski schreiben, dann hier nur so, wie er sich in seinem ersten Tatort darbietet. Entwicklungen als Polizist, die er in kommenden Folgen nehmen wird und möglicherweise bessere Plots lassen wir also außen vor, würdigen aber das echt wirkende und das Neue, das 1981 aufkam und den gewissen Mut, den sich ein großer Sender wie der WDR geleistet hat, als er die Nachfolge des Klassikers Haferkamp auf eine so abweichende Art und Weise organisierte.

Zwar ist dem Film die Sympathie für die kleinen Leute anzumerken und es gibt nicht nur die Ei-Frühstücks-Szene, sondern weitere ikonische Momente, wie denjenigen, als ein mit der Welt fertiger Bewohner des Duisburger Hafenviertels eine Einrichtung inklusive Fernseher aus dem Fenster schmeißt und damit zu verstehen gibt, dass er fertig hat, wie die Stadt, wie das niedergehende Ruhrgebiet, einst stolzer Ort der Schwerindustrie, Herz des Wideraufbaus und seiner vorgeblich mirakulösen Aspekte. Alles vorbei, im Jahr 1981, und in diesen Stillstand bricht einer hinein, der diese im Grunde trostlose Szenerie zum Leben erweckt. Damit hat er viel getan fürs Selbstverständnis einer gebeutelten Region und deren emotionale Anbindung an prosperierende Teile des Landes.

Die Menschen dort sind zwar nicht alle so, wie im Film gezeigt und es gibt nicht umsonst den Begriff „Gelsenkirchener Barock“ für eine bürgerlich-spießige Wohlanständigkeit, ausgedrückt in Möbelstücken, die sich im Film überhaupt nicht zeigt, aber die Menschlichkeit der Menschen zwischen Rhein, Ruhr und Emscher jenseits von Perfektionismus und Dünkel, die hat Schimanski verdichtet, er ist nicht totzukriegend, ganz und gar antidepressiv und steht im Wortsinn immer wieder auf, wenn er bei einer Schlägerei zu Boden ging. Und er hat alle Stunts, von denen es in seinem Filmen wohl mehr gibt als in anderen Tatorten, selbst gedreht. Figur und Schauspieler werden eins und wie sollte man ihn dafür nicht lieben?

Unter Berücksichtigung der historischen Stellung von „Duisburg-Ruhort“ als Aufbruch in eine neue Ära und für Schimanski als Ruhrpott-Projektionsfläche geben wir 8/10, als Kriminalfilm im Vergleich mit bisher ca. 250 Tatorten anderen wäre es weniger geworden.

© 2021, 2019, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissar Schimanski – Götz George
Hauptkommissar Thanner – Eberhard Feik
Schubert – Manfred Lesch
Kriminaloberrat Königsberg – Ulrich Matschoss
Frau Poppinga – Brigitte Janner
Jan Poppinga – Michael Rastl
Friedrich – Reinhold Olszewski
Frau Losse – Hannah Ruess
Lilo – Barbara Focke
Herr Losse – Heinz Gierke
Wittinger – Max Volkert Martens

Buch – Thomas Wittenburg
Buch – Horst Vocks
Kamera – Axel Block
Schnitt – Lizzi Lainer
Regie – Hajo Gies

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