Rettung so nah – Tatort 1155 und #actout #Crimetime Vorschau 07.02.2021 Das Erste 20:15 Uhr #Dresden #Gorniak #Winkler #Schnabel #MDR #Rettung #nah

Crimetime Vorschau - Titelfoto © MDR / MadeFor, Daniela Incoronato

Der Dresden-Tatort und das Berufliche – Sanitäter*innen und #actout

„Rettung so nah“ ist Tatort-Einsatz Nummer elf für Oberkommissarin Karin Gorniak, seit 2016 von Karin Hanczewski verkörpert, und der fünfte gemeinsam Fall mit der jüngeren Kollegin Leonie Winkler, dargestellt von Cornelia Gröschel. Die zwei Ermittlerinnen bekommen es mit einem Attentäter zu tun, der es auf die Sanitäter einer bestimmten Rettungswache in Dresden abgesehen hat. Hat der Mord an dem Syrer Tarik einen fremdenfeindlichen Hintergrund oder gibt es persönliche Motive für die grausame Hinrichtung? So leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihre Beschreibung zum 1155. Tatort ein, der in mindestens zweierlei Hinsicht eine Premiere und eine Zäsur darstellt. Es war der erste Film der Reihe, der nun Premiere feiert und bereits unter Corona-Bedingungen gedreht wurde – und sein Hauptstar, Karin Hancezwski, war eine führende Initiatorin von #actout, das derzeit die gesellschaftspolitischen Schlagzeilen beherrscht. Rettung vor Diskriminierung und dem Versteckspielen ist also nah.

Auf „Actout“ gehe ich an späterer Stelle noch einmal ein, zunächst unsere übliche Vorschau mit „Stimmen“. In der oben zitierten Redaktion von „Tatort-Fans“ gibt es unterschiedliche Ansichten dazu, ob die Art, wie man Corona in den Film integriert hat, gelungen ist und insgesamt eher verhaltene Begeisterung, man vergibt 2/5 und 3/5 Sternen.

Die Corona-Situation erwähnt auch der SWR3-Tatortcheck, doch „(…) ansonsten ist das ein klassischer „Wer war’s Fall“, bei dem die Lösung irgendwann erahnbar ist, aber nicht sofort auf der Hand liegt. Das dürfte eine Wohltat für die sein, denen es in den vergangenen Wochen zu oft, zu experimentell zu ging. Für mich war’s völlig okay, aber weder ein Ausreißer nach oben, noch nach unten. Deshalb gibt’s von mir gute 3 von 5 Elchen.“ Ob drei gut sind, angesichts der Tatsache, dass zuletzt häufiger vier vergeben wurden oder gar fünf, ist eine andere Frage, auf jeden Fall ist es rein formal mittelplusgut. Es wirkt schon jetzt auf mich ein wenig, als könnte dies ein richtiger Zuschauer-Tatort werden, weniger ein Film, den die Kritiker*innen super finden.

Das medizinische Personal militarisiert sich“, titelt Christian Buß im Spiegel und fährt fort: Bespuckt, verprügelt und manchmal sogar ermordet: Der Dresdner »Tatort« zeigt den brutalen Alltag von Sanitätern – mit Parallelen zur Corona-Gegenwart.“ Das allgemein und in diesen Zeiten besonders harte Alltagsleben der Rettungssanitäter*innen wird im Film offenbar sehr herausgestellt und das ist, finde ich zumindest, ein Berufsfeld, das bisher deutlich zu kurz gekommen ist, wenn es um die Erschaffung von Tatort-Milieus geht, während Ärzt*innen von vorne bish hinten x-mal aus allen Perspektiven und nicht selten ziemlich kritisch beleuchtet wurden – wohl auch, um sich von der Vergötterung der Personen in Weiß zu distanzieren. Sie sind eben auch nur Menschen, auch wenn ihre ethische Ausstattung, insbesondere nach eigener Meinung, die beste aller Berufsfelder und Stände ist.

Buß erkennt ein paar Albernheiten in diesem Film – offenbar sind die aus den Dresden-Krimis nicht ganz herauszukriegen oder Weimar färbt immer wieder mal ab -, sieht ansonsten aber einen beachtenswerten Gegenwartskrimi und vergibt 7/10.

Rainer Tittelbach schreibt in Tittelbach-TV: „Der fünfte Dresden-„Tatort“ mit dem Trio Hanczewski, Gröschel & Brambach ist kein Wow-Genreschocker wie zuletzt. Das Geheimnis hinter den Morden wird in dem MDR-„Tatort – Rettung so nah“ (MadeFor Film) von Isabel Braak nach dem Drehbuch von Christoph Busche zwar erst am Ende gelüftet, Krimi-erfahrene Zuschauer können allerdings sehr viel früher den Ausgang erahnen.“ Warum man einen Whodunit gemacht hat, der außerdem möglicherweise schon zu entschlüsseln ist, wenn man sich die Besetzungsliste anschaut, wie Tittelbach meint, erklärt sich so: Da sich eine von Anfang an den Täter offen geführte Handlung häufig zu einem Duell auswächst, es dem Autor aber darum ging, „die verschiedenen Facetten der Welt der Rettungssanitäter“ zu beleuchten, hat sich Busche für diese (Rätselkrimi-, Anm. TH) Dramaturgie entschieden.“ 4/6 sind für Tittelbach TV nicht gerade sehr hoch. Neben den unnötig komplizierten Mordmethoden ist Tittelbach nicht begeistert von „Beziehungsmätzchen“, die im Besonderen weiblichen Teams oder solchen, an denen Frauen beteiligt sind, untergeschoben werden. Die verhalten positive Einstellung zu dem Film zieht sich bisher durch alle gesichteten Kritiken. Offenbar gibt man dem Werk wegen der erstmals in einem Tatort gezeigten Welt der Rettungssanitäter*innen einiges für gut.

Bei Prisma-Online heißt es in einer Kurzkritik: „Wenn Christoph Busche das Drehbuch für diesen Tatort wirklich nah dran an der Realität geschrieben hat, dann wird diese Folge für Aufsehen sorgen. Kaum vorstellbar, dass Rettungssanitäter Todesangst haben, wenn sie ausrücken.“ Und das im schönen Dresden! Ist das nicht die Gegend, in der auch Feuerwehrleute behindert werden, wenn sie ein von Nazis angestecktes Heim für Geflüchtete löschen wollen? Und damit zu den gesellschaftlichen Verwerfungen. Dass gerade jene Schauspielerin, die in der Dresden-Schiene die führende Rolle innehat, auch #actout mit angeschoben hat, ist vielleicht kein Zufall. In Berlin-Kreuzberg, wo sie lebt, könnte zumindest der Alltag bzw. das Privatleben für LGBTI*-Personen vergleichsweise erträglich sein. Eine andere Sache ist wiederum das Berufliche, und damit zu „Actout“:

185 Schauspieler*innen haben im SZ-Magazin ihr Outing als Angehörige der LGBTI*-Community bekanntgegeben und damit ein Statement gegen das Sich-verstecken-müssen wegen der sexuellen Orientierung abgegeben. Drei Tatort-Stars sind dabei – gemeint sind jene Darsteller*innen, die eine Dauerrolle als Polizist*in innehaben: Mark Waschke (Robert Karow, Tatortschiene Berlin), Ulrike Folkerts (Lena Odenthal, Tatort Ludwigshafen) und eben Karin Hanczewsk vom Einsatzort Dresden.

Bei Ulrike Folkerts kann man nicht von einem Outing sprechen, sondern von einer Unterstützungleistung für andere, die den Schritt noch nicht gewagt haben und einem Statement für bessere Rollen, denn ihre lesbische Orientierung ist seit Langem bekannt. Bei Waschke / Karow war man dicht daran, bei seiner Karow-Rolle näher an seine Person heranzurücken, denn in einem der Berlin-Tatorte der aktuellen Generation wird deutlich gemacht, dass er zumindest bisexuell ist. Dann aber hat man sich beim RBB doch anders entschieden und seitdem ist Karow noch mürrischer geworden als zuvor. Nein, das hat natürlich mit dem Rollenprofil zu tun. Ich schrieb damals, es wäre doch an der Zeit für einen schwulen Kommissar. Wo, wenn nicht in Berlin könnte man die Darstellung von Diversität recht unverkrampft angehen und damit eine Schneise für weitere Darsteller*innen schlagen, die ihre tatsächliche sexuelle Orientierung z. B. in ihren Rollen gespiegelt sehen wollen. Bei Karin Hanczewski kann ich es kurz machen: Ich wusste nicht, dass sie lesbisch ist, aber ich bin nicht überrascht. Sie wäre, wie Ulrike Folkerts, sehr gut geeignet, ihre sexuelle Orientierung in die Charakterisierung der taffen Polizistin einfließen zu lassen, die sie spielt und sich in einer immer noch überwiegend männlich geprägten Welt behaupten kann, ohne sich andienen oder verstricken zu müssen.

Allerdings geht es auch um etwas anderes: So, wie mittlerweile heterosexuelle Personen Charaktere darstellen, die anders orientiert sind, ist es selbstverständlich, dass dies auch umgekehrt gelten muss. Und es funktioniert ja auch, denn man kauft den Schauspieler*innen die immer noch ganz überwiegend heterosexuellen Frauen und Männer ab, die sie in Film und Fernsehen darstellen. In einem Interview mit MDR Kultur sagt Hanczewski u. a.:

Und obwohl man in der Branche sehr wohl geouted sein kann, wurde uns von verschiedenen Seiten her angetragen, dass wir das nicht öffentlich machen sollen.Und auch die Verantwortung über diese Angst wurde immer weitergegeben. Also es sagen Leute: „Ich habe damit überhaupt kein Problem, aber wenn du es tust, kann ich dich nicht mehr besetzen. Denk an den Zuschauer!“ Es gibt ein Problem, wenn ich meinen Beruf nicht mehr ausüben darf, weil ich diesen privaten Aspekt von mir normal und offen lebe, wie es auch andere tun. Und in dem Sinne ist das Private politisch.

Einen wichtigen Aspekt hat sie erwähnt, der noch über die LGBTI*-Personen hinausweist, den finde ich ebenfalls wichtig: Dass auch Behinderte in Filmen nicht entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung repräsentiert sind und #actout dazu beitragen möchte, das zu ändern.

Handlung

Während eines Einsatzes am Dresdner Elbufer wird der Rettungssanitäter Tarik Wasir im Fahrzeug mit einer Plastiktüte erstickt. Seine junge Kollegin Greta Blaschke kann ihm nicht mehr helfen. Die Ermittlerinnen Karin Gorniak und Leonie Winkler sowie Kommissariatsleiter Schnabel ermitteln in alle Richtungen. Der randalierende Patient Arnold Liebig, dem die Krankenkasse Leistungen gestrichen hat, ist genauso verdächtig wie Gretas Kollege Hagen Rigmers, der etwas zu verbergen scheint und seine Kollegen bedroht. Kurze Zeit später wird ein zweiter Anschlag auf einen Rettungswagen der gleichen Einsatzstelle verübt. Die Sanitäterin Elena Jancowicz wird schwer verletzt, für einen Kollegen kommt jede Hilfe zu spät. Auf der Rettungswache von Einsatzstellenleiter Peter Fritsche steigt die Angst vor weiteren Angriffen.

Greta Blaschke ist durch den Mord an ihrem Kollegen und den anstrengenden Beruf mit den Kräften am Ende. Ablenkung erhofft sich die alleinerziehende Mutter von einer abendlichen Verabredung mit Jens Schlüter, den sie im Kindergarten ihrer Tochter kennengelernt hat. Sie ahnt nicht, dass sie auf diesem Weg mit einer traumatischen Erfahrung aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird und sich in höchste Gefahr begibt.

Besetzung und Stab

Oberkommissarin Karin Gorniak – Karin Hanczewski
Oberkommissarin Leonie „Leo“ Winkler – Cornelia Gröschel
Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel – Martin Brambach
Rechtsmediziner Falko Lammert – Peter Trabner
Kriminaltechniker Ingo Mommsen – Leon Ullrich
Sanitäter Tarik Wasir – Zejhun Demirov
seine Ehefrau Salima Wasir – Sabrina Amali
Sanitäterin Greta Blaschke – Luise Aschenbrenner
ihre Tochter Emily Blaschke – Maxi Nike Hutzel
Einsatzstellenleiter Peter Fritsche – Torsten Ranft
Sanitäterin Elena Jancowicz – Mieke Schymura
Sanitäter Hagen Rigmers – Matthias Kelle
Sanitäter Lutz Koller – Moritz Leu
obdachlose Zeugin Anna Bode – Susanne Bredehöft
Gretas Nachbar Jens Schlüter/“Jakob“ – Golo Euler
seine Ehefrau Johanna Schlüter – Annika Blendl
Ex-Soldat Arnold Liebig – Jochen Strodthoff
verletzter Hooligan – Jannis Roth
u.a.

Drehbuch – Christoph Busche
Regie – Isabel Braak
Kamera – Lars R. Liebold
Szenenbild – Anette Reuther
Schnitt – Matti Falkenberg, Andreas Baltschun
Ton – Erich Lutz, Antje Volkmann
Musik – Dürbeck & Dohmen

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