Vorhang auf! (The Band Wagon, USA 1953) #Filmfest 365

Filmfest 365 Cinema

Noch nicht der letzte Vorhang

Vorhang auf! ist ein US-amerikanisches Filmmusical von Vincente Minnelli aus dem Jahr 1953 (1), heißt es knapp im Einführungstext der Wikipedia. Gestaltet wird es vor allem von Fred Astaire und Cyd Charisse und die Regie von Vincente Minelli bedeutet, dass der musikalische Teil und die Sets wundervoll sind. Dass die Handlung durchaus Bezüge zur Realität aufweist und eine Reflektion darstellt auf die großen und manchmal doch wackeligen Karrieren der Stars in Hollywood, gibt dem Film eine gewisse Tiefe und Ansätze von Melancholie, die typisch für Vincente Minellis Arbeiten ist. Im Knüller des Vorjahres, „Singin‘ in the Rain“, gibt es zwar Einblicke in die Filmwirtschaft und in die Vergänglichkeit von Starruhm, wenn sich die Zeiten ändern, aber der Film hat insgesamt einen äußerst positiven Tenor. Allerdings hat das auch mit den Hauptdarstellern zu tun – Fred Astaires zuweilen selbstironische Eleganz in mittleren Jahren vs. Gene Kellys noch recht jugendlich-energetische Dynamik prägen Filme nun einmal nicht zum geringsten Teil, in denen sie die an fast allen Tanznummern beteiligt sind und auch den Plot als Hauptdarsteller tragen.

Handlung (1)

Schon seit Jahren hat Tänzer und Entertainer Tony Hunter keinen Revueerfolg mehr gehabt. In der Branche gilt sein Tanzstil als veraltet und seine Interpretation von Unterhaltung als überholt. Nur seine Freunde Lester und Lily glauben weiterhin an ihn und schreiben ihm eine Revue auf den Leib. Inszenieren soll sie der aktuelle Shootingstar der Bühnen Jeffrey Cordova, der jedoch eher auf ernste, tragische Stoffe wie Oedipus Rex spezialisiert ist. Zwar gelingt es Cordova mit einem Trick, den Ballettstar Gabrielle Gerard für die Revue zu engagieren, doch lässt er die leichte Revue zu einer schweren Tanzadaption des Fauststoffes umschreiben. Die Premiere in einer Kleinstadt wird ein grandioser Flop.

Nach ersten Animositäten haben sich Tony und Gabrielle so weit zusammengefunden, dass Gabrielle ihren Mentor und Trainer Paul verlässt, um Tony zu helfen. Der will nach der ernüchternden Premiere zwar am geplanten Tourneeprogramm des Stücks festhalten, den Faust-Stoff jedoch wieder in die Revue umzuschreiben, die ursprünglich inszeniert werden sollte. Von Aufführungsort zu Aufführungsort verändert sich nun das Stück, wird unterhaltsamer und bunter und ist schließlich zur Aufführung in New York City komplett umgeschrieben.

Gabrielles Ex-Freund plant zur New Yorker Aufführung zu kommen. Tony, dem schon lange klar ist, dass er Gabrielle liebt, fragt sie indirekt nach ihren Gefühlen für ihn, doch kann sie ihm vor der Aufführung keine Antwort geben. Es folgt die Aufführung in New York, unter anderem mit einer langen Kriminalszene mit Tony als Detektiv. Das Stück wird ein großer Erfolg, doch wundert sich Tony nach der Aufführung, dass niemand in seiner Garderobe erscheint. Gabrielle glaubt er mit Paul zusammen. Als er schon den Abend allein in einer Bar verbringen will und die Garderobe verlässt, haben sich davor alle Mitwirkenden des Stücks versammelt und gratulieren Tony zum Erfolg. Gabrielle gesteht Tony, dass sie ihn liebt und es kommt zum Happy End.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Vorhang auf! Diese Überschrift passt besonders gut zu einem Film, der die Bühne, das Musical, den Broadway zum Thema hat. Wenn man sehr jung ist, über das Medium Film wenig weiß, aber Musik und Tanz ganz elementar auffasst, muss man „The Band Wagon“, wie der Film im Original heißt, sehr mögen. Da gibt es überhaupt nur wenige Unterschiede zwischen den großen MGM-Musicals, die alle exzellent ausgestattet, getanzt, gesungen und choreografiert sind. Mit der Zeit lernt man, Details herauszulesen und die Filme überdies in den Kontext ihrer Entstehung zu stellen. Wer nun herauslesen möchte, dass nach unserer Ansicht werkimmanente Interpretation eine Herangehensweise für Anfänger ist, die niemals einen Film, einen Roman, ein Stück im Ganzen erfassen kann, der liegt nicht ganz daneben.

Weil wir das nicht mehr tun, schreiben wir heute, „The Band Wagon“ war ein Wendepunkt in der Geschichte des Filmmusicals. Er steht zeitlich an einer Scheidelinie, und das macht er inhaltlich auch sehr deutlich. Vergleicht man ihn mit „Singin‘ in the Rain“, der im Vorjahr entstand, ist er vom selben Studio, vom selben Produzenten, mit Fred Astaire, dem größten Filmtänzer aller Zeiten, und doch, da liegt ein Hauch von Abschied drin, und den konnte man in „Singin‘ in the Rain“ mit dem 13 Jahre jüngeren Gene Kelly in der männlichen Hauptrolle keinesfalls erkennen.

In manchen Szenen wirkt „The Band Wagon“ geradezu melancholisch. Vielleicht muss man aber selbst ein gewisses Alter erreicht haben, in dem man nachempfinden kann, wie es ist, wenn jemand nach großen Erfolgen seiner selbst unsicher geworden ist, so wie Tony Hunter in diesem Film, der anfangs mit zwei Herren im Zug nach New York sitzt, hinter einer Zeitung verborgen, und diese unterhalten sich über Stars und auch über ihn als einen Mann der Vergangenheit. Auch die chaotische Art, wie das ursprüngliche Musical im Film konzipiert und umgesetzt wird, dadurch die Wünsche des Publikums verfehlt und die Streitigkeiten zwischen Hunter und Gabrielle, die auf Unsicherheiten beiderseits fußen, wirken sehr lebensnah – und waren es wohl auch, wenn man kundigen Stimmen Glauben schenkt.

Was aber war der angesprochene Wendepunkt, der den Film heute in ein besonderes Licht stellt? Ein zeitgenössischer Kritiker hätte ihn wohl nicht beschreiben können, denn es zeigte sich erst in in den beiden Folgejahren, dass sich etwas verändert hatte im amerikanischen Kino. 1953 war wohl das Jahr, in dem die klassischen Filmmusicals, die MGM über viele Jahre so erfolgreich produziert hatte, zu einem absteigendes Genre wurden. „Singin‘ in the Rain“ aus dem Vorjahr gilt nicht umsonst als das letzte ganz große und vielleicht das beste, ausgereifteste all dieser Musicals. Es ist bereits retrospektiv, referiert über die Anfänge des Tonfilms und durch die Darsteller und die Art, wie der erst 28jährige Stanley Donen Regie geführt hat, wirkt es frisch und man konnte sich gar nicht vorstellen, dass es bald zu Ende sein sollte mit der Musikfilm-Herrlichkeit. Aber auch „Singin‘ in the Rain“ verwendet schon beinahe ausschließlich Gesangs- und Tanznummern, die viel älter waren als der Film selbst, dazu gehörte auch die bekannteste Musicalszene überhaupt, der Song „Singin‘ in the Rain“, von Gene Kelly im strömenden Regen gesungen und getanzt, der für die Hollywood Revue von 1929 geschrieben wurde. Das passt selbstverständlich zu der Zeit, in welcher die Handlung angesiedelt ist.

So, wie „Singin‘ in the Rain“ über den Beginn des Tonfilms und damit die Möglichkeit, überhaupt erst Musikfilme zu machen spricht, tut es „The Band Wagon“ bezüglich der Bühne. Das sollte im Grunde zeitloser sein, ist es aber nicht. Denn der 54jährige Fred Astaire an der Seite seiner fast 20 Jahre jüngeren Tanzpartnerin Cyd Charisse und Vincente Minelli als Regisseur haben dem Film eine ganz andere Aura gegeben als Gene Kelly und das Donen-Team dem leicht satirischen, jedenfalls liebevoll-ironischen „Singin‘ in the Rain“. Obwohl „The Band Wagon“ eine Satire auf übersteigerte Kunstansprüche oder die Übertragung von Kunst ins Unterhaltungsgenre sein soll, funktioniert sie nur bedingt.

Allzu offensichtlich ist, dass der sensible Regisseur Vincente Minelli, der privat in Schwierigkeiten steckte und überhaupt viel ernster war als manch anderer Musicalregisseur, was ihn für romantische Stoffe prädestinierte, auch für die Dramen, die er nach der Musical-Ära inszenierte, dass Minelli also als Sprachrohr von MGM sichtbar wird, und das Studio hatte ebenfalls Probleme: Damit, die neuen Trends aufzunehmen, mit denen 20th Century Fox, Universal oder Warner, auch der ehemalige Hauptkonkurrent Paramount, besser zurechtkamen. Die großen Erfolge machen scheu vor Riskio, man will irgendwann mehr bewahren als sich Neuem zuwenden. Das ist jedenfalls die Regel und dieses Verhalten ist verständlich.

Deshalb wird in „The Band Wagon“ die Idee, dem Musical einen mehr künstlerischen Anstrich zu geben, die Regisseur Cordova hat, quasi verhohnepiepelt. Die Crux ist aber, dass das Musical in der Folge tatsächlich diesen Weg ging, nur meist ohne MGM: Nicht in der extremen Form, dass Faust in einen Revuefilm übersetzt werden sollte, aber wenn man sich anschaut, wie „Oklahoma!“ und vor allem „West Side Story“ gestrickt sind, merkt man, dass es sehr wohl eine Einheit zwischen mehr dramatischer Wirksamkeit, reduziertem Pomp und unterhaltendem, dynamischen Musik- und Tanzfilm geben konnte.

Im Grunde wollen die Macher und das Studio, das den Film produziert, die Zuschauer darauf einschwören, ihr Rezeptionsverhalten nicht zu verändern und das gute, alte Entertainment weiterhin zu bevorzugen: „That’s Entertainment“ ist denn auch das einzige wesentliche Stück, das für den Film neu komponiert wurde – und der mehr als 20 Jahre später erschienen MGM-Workshow „That’s Entertainment“ den Titel gab. In diesem Sampler wird, bereits mit nostalgischem Duktus, noch einmal alles gezeigt, was dieses einst große und mächtige Studio hervorgebracht hat – so viele Entertainer und Allrounddarsteller, umfassend in Gesang und Tanz ausgebildete Künstler wie kein anderes. Doch was würden deren Fähigkeiten wert sein, wenn die Zuschauer eine andere Art Filme sehen wollten? In den 50ern kam vor allem das Melodram auf, immer mehr auch mit zeitnahen, sozialkritischen Untertönen. Nicht, dass MGM solche Filme nicht konnte, aber es ging ums Business, und die Musicals waren Flagschiffe, die trotz hoher Produktionskosten lange Zeit ihr Geld eingespielt hatten. Sie waren MGM’s  Signatur.

Gut nachvollziehbar, dass man sich also mit einer negativen Einstellung gegenüber der höheren Kunst Luft verschaffen wollte und wohl hoffte, die Neuorientierung des Publikums sei nur ein kurzlebiger Trend. Ob es gewollt war oder nicht, „The Band Wagon“ war bereits nostalgisch, als er herauskam. Wie man eine Halle der Grand Central Station im Studio nachgebaut hat und überhaupt diese großen Sets und Dekorationen, das war noch einmal ein Aufbäumen gegen die ausstattungstechnisch einfacheren, aber inhaltlich tieferen Filme ohne Musik. MGM gab sich auch keineswegs geschlagen, als im Jahr darauf der ansehnliche „Brigadoon“ nicht den erhofften Erfolg hatte, trotz Gene Kelly und Cyd Charisse, sondern legte in Breitwand nach, mit „Always Fair Weather“, der bereits kritische Untertöne hatte und doch ein typisches MGM-Musical war. Kein schlechter Film, aber auch kein Erfolg mehr, wie er noch wenige Jahre zuvor üblich war. 1955 erschien mit „Seven Brides for Seven Brothers“ noch einmal ein Film, der das Publikum auf seiner Seite hatte und Fred Astaire lieferte mit seinen Stepptanz-Abschiedsnummern „Daddy Long Legs“ (1955), mit „Funny Face“ und „Silk Stockings“ immer noch ansehnliche Vorstellungen, doch wenn man bedenkt, dass er sich bereits 1946-47 zurückziehen wollte, weil er dachte, es sei genug getanzt und man solle die Jüngeren ranlassen, merkt man, dass alles vielleicht ein wenig überdehnt war.

Astaires Rückkehr kam im Grunde nur dadurch zustande, dass sich Gene Kelly verletzt hatte und Astaire für ihn in „Easter Parade“ (1948) einsprang. Zum Glück, denn dies war die charmante Art von Film, in welcher er am besten war. Und da wirkte er noch ganz bei sich selbst.

In „The Band Wagon“ hingegen singt er das Lied „All by myself“ zu Beginn, wo er so tut, als ob es ihm egal sei, ob er noch einmal Erfolg haben wird. Er singt es wieder, als er glaubt, Gabrielle wende sich einem anderen zu, und natürlich wirkt das anders und viel melancholischer, als wenn Gene Kelly verliebt im Regen singt oder im Trio „Guten Morgen!“ schmettert.

Selbstverständlich, möchte man schreiben, hat auch „The Band Wagon“ wieder einen sehr hohen Standard, was die Musicalnummern angeht. Die Tanzszene Astaire / Carisse im fingierten  New Yorker Central Park ist so wunderbar fließend und harmonisch, wie es nur zwei absolute Profis hinbekommen, auch wenn sie einander nicht so grün sind, dass die im Realleben nach diesem Moment Händchen haltend im Pferdewagen sitzen würden. Gut gelungen ist auch „Shoeshine“, der noch einmal alles zeigt, was Astaire kann. Minutiöses Timing, erstklassige Bewegungstechnik und die Fähigkeit, Requisiten in seine Nummern einzubauen, die bei keinem anderen Tänzer zu beobachten war.

An der Stelle müssen wir leider erwähnen, dass, wenn auch in HD, die vollsynchronisierte Variante des Films Grundlage unserer Besprechung ist. Das heißt, auch die Lieder sind übersetzt worden. Leider. Wir verstehen, warum man den Inhalt teilweise verflacht hat, um den Sprachklang zu erhalten und das Ganze sinnvoll ins Deutsche übertragen zu können – nach den Maßgaben der 1950er. Aber wenn man die Lieder im Original kennt, wird man noch ein Stück melancholischer, wenn man sie nicht so hören darf und bedauern muss, dass sie übersetzt erheblich an textlichem Schwung verlieren. Wenn wir uns richtig erinnern, wurden mittlerweile Versionen ausgestrahlt, die nur Untertitel hatten – oder die Songs auf Englisch beinhalteten, ohne Kommentar auf Deutsch.

Finale

Wenn man den gesamten Subtext weglässt, in den man auch noch die Auftritte von Oscar Levant und von Nanette Fabray einbeziehen müsste, wenn nicht derzeit der Druck durch aufgezeichnter und noch nicht Filme so hoch wäre, sich einigermaßen kurz zu fassen, wenn man also den Film frei von allen Hinterströmungen sieht, dann ist er mindestens in einigen Musiknummern so schwungvoll wie eh und je, aber jenseits der Nummern kommt man auch ohne diesen Background zu dem Ergebnis, der Film hat etwas mehr Herbstliches als viele andere MGM-Musicals.

Selbstverständlich gehört er zu den wichtigen Produktionen, in denen Fred Astaire seine Kunst zeigen konnte und wie auch immer der Film in eine  Zeitschiene gestellt ist, was die Musical-Werdung und das Vergehen der Pracht betrifft, Fred Asitaire und Tony Hunter hatte keinen Grund, auf Cyd Charisse eifersüchtig zu sein, auch nicht wegen der Körpergröße, was anfangs eine Rolle spielt. Sicher, sie war höher gewachsen als die meisten seiner früheren Tanzpartnerinnen , aber so sehr hätte man das nicht thematisieren müssen, denn die vier Zentimeter Unterschied zugunsten von Astaire reichen aus, um ihn zu einem immer noch sehr adäquaten Tanzpartner für die jüngere Kollegin zu machen. Es gibt eben schon Stellen, die ein wenig einfallslos wirken – trotzdem ist „The Band Wagon“ immer noch geschätzt und auf der IMDb-Plattform votieren die Nutzer*innen derzeit exakt gleich wie wir.

75/100

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Vincente Minnelli
Drehbuch Betty Comden,
Adolph Green
Produktion Arthur Freed
für Metro-Goldwyn-Mayer
Musik Adolph Deutsch
Kamera Harry Jackson
Schnitt Albert Akst
Besetzung

 

 

 

 

 

 

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