Heile Welt – Tatort 1157 #Crimetime Vorschau #Dortmund #Faber #Bönisch #Pawlak #Herzog #WDR #Welt #heil

Crimetime Vorschau - Titelfoto © WDR / Bavaria Fiction GmbH, Martin Menke

Heile Welt – wo?

Doch nicht etwa in Dortmund, in jenem Team, das von einem Typ namens Faber geleitet wird, dessen persönliche Welt alles andere als heil ist? Immerhin gibt es eine neue Kollegin. Nora Dalay (Aylin Tezel) ist gegangen, hinzu kam Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger). Stefanie Reinsperger habe ich in Berlin in einem Solostück gesehen und kann nur schreiben: à la bonheur. Die Redaktion von Tatort-Fans schreibt:

„Die Neue ist da! Die Österreicherin Stefanie Reinsperger nimmt in ihrer Rolle als Tatort-Hauptkommissarin Rosa Herzog ab sofort auf dem Bürostuhl von Ermittlerin Nora Dalay (Aylin Tezel) Platz. Bei ihrem Einstand „Heile Welt“ ermittelt sie erstmals gemeinsam mit Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Jan Pawlak (Rick Okon) – und es geht heiß her! Der Dortmund-Tatort dreht sich um Rassismus, Fake News und Gewalt durch die Polizei.“ Die Redaktion ist überwiegend angetan vom neuen Dortmund-Tatort, vergibt 3/5 bzw. empfiehlt den Film unbedingt, man hofft jedoch, ein bestimmtes Problem bei der neuen Kommissarin, ihr Verhalten in gefährlichen Situationen betreffend, wird sich nicht zu einem dauerhaften Tatbestand entwickeln.

Etwas skeptisch klingt die Einleitung beim SWR3-Tatortcheck: Straßenmob und Verschwörungstheorien, Neonazis und Antifa: Die Dortmunder versuchen, das alles so in 90 Minuten zu quetschen, dass irgendwo auch noch ein Krimi zustande kommt. Funktioniert das? Im Verlauf heißt es dann: „Der Dortmunder Tatort bleibt sich treu. Mit martialischen Bildern auf Ruhrpott-Niveau werden wir mit reingezogen in das rechts-links-Social-Media-Schlamassel.“ Tut mir leid, aber es gibt kein Rechts-Links-Dings à la Hufeisentheorie. Es gibt Rechte, die auch morden, es gibt Linke, die versuchen, dieser Welle des Rassismus und der rechten Gewalt etwas entgegenzusetzen. In den sozialen Medien sind sie bei Weitem nicht so präsent, aggressiv und übergriffig, argumentieren auch viel seltener „ad hominem“ als die Rechten. Wer die sozialen Medien so analysiert, wie wir das tun müssen, wegen unserer politischen Texte, der weiß das auch und ich hoffe, dass der Tatort „Heile Welt“ nicht den fatalen Fehler begeht, eine Gleichsetzung linker und rechter Aktionen und schon gar nicht linker, auf Solidarität basierender Ethik und rechter Abwesenheit von Ethik vorzunehmen. Und das Fazit? Immerhin vier von fünf Elchen.

Rainer Tittelbach schreibt in Tittelbach.TV: „Nach einem Mord in einer Dortmunder Hochhaussiedlung dauert es gerade mal zwei Tage, bis das absolute Chaos ausbricht. Rechte und linke Gruppen stehen sich gegenüber, der Mob marschiert, Brandbomben fliegen – und mittendrin die Kommissare, vorneweg Bönisch, die unter Rassismusverdacht gerät. „Heile Welt“ (WDR / Bavaria Fiction), der achtzehnte „Tatort“ mit dem Team aus Dortmund, gehört zu den Höhepunkten dieses bislang stets sehenswerten „Tatort“-Ablegers.“ Es stimmt schon, langweilig sind die Faber-Bönisch-&.Co.-Tatorte nie, sodass konsequent 5/6 vergeben werden. Und wo sind Kritikpunkte auszumachen? „Selten gelingt einem TV-Krimi die Verbindung von Genre und Gesellschaftsanalyse so überzeugend wie diesem „Tatort“. Es ist ein Krimi, der deutlich macht, dass es Wichtigeres gibt als Krimis und der diese These durch seine (empathische) Spannung wirkungsvoll unterstreicht.“ Keine Kritik bis hierher. Und eine erschreckende Erkenntnis, denn wenn dem so ist, müssten wir überdenken, ob wir uns dem Thema fürderhin widmen sollten. Es gibt aber schon eine Veränderung. Sie macht sich nur noch nicht in der Bestückung es Wahlberliners mit neuen Texten bemerkbar, weil wir immer noch viel aus dem Archiv ziehen und erstmals oder im „neuen Wahlberliner“ wiederholt publizieren können: Nachdem wir auch die Reihe Polizeiruf 110 im Zeitraum seit März 2019 überwiegend „aufgearbeitet“ haben, verlangsamt sich die Frequenz neuer Texte, die wir fürs Genre Krimi verfassen, deutlich. Etwa 3/4 aller Tatorte und ca. 85 Prozent aller Polizeirufe, darunter fast alle erhaltenen Produktionen aus der DDR-Zeit, habe ich bereits gesehen und rezensiert.

Was wir in diesem Tatort erstmals sehen: Menschenansammlungen mit corona-bedingten Masken über dem Antlitz. Schrittweise hält die neue Realität in die Filme Einzug. 

Mit „Ein Virus namens Hass“ hat Christian Buß vom Spiegel mal wieder die passende Überschrift zu diesem bedrückenden Szenario gefunden, in dem sich das Ungute dieser Realität vereint und zu einer lange nicht mehr gekannten Eskalation der Auseinandersetzungen und zur weiteren Vertiefung der Spaltung in der Gesellschaft führt. Sehr interessant finde ich diese Bemerkung von Buß: „Bislang achtete man in den ARD-Redaktionen darauf, die Pandemie aus den Plots herauszuhalten, allein schon deshalb, weil »Tatorte« auch Jahre später bei der Wiederholung noch Quote garantieren. Und wer, so die Rechnung der Verantwortlichen, will in fünf Jahren beim Wiedersehen mit einem alten Fall an den Frust und die Beklemmungen der Pandemie erinnert werden?“

Viele Tatorte, die während der Pandemie gedreht wurden, sind bisher noch nicht ausgestrahlt worden, aber ob die Verantwortlichen da richtig liegen? Wir sehen heute in alten Filmen viele Dinge, die einfach zur Geschichte zählen und die nicht angenehm sind, zum Beispiel den Gegenstand „Terror“. So muss das aber, wenn man stets aktuelle Themen behandeln und weiterhin Krimis produzieren will, die auch Zeitdokumente sind. Vielleicht ist es ja gerade umgekehrt. In zwölf Jahren, wenn die Pandemie vorbei ist, können wir unseren Kindern und in 30 Jahren unseren Enkeln erzählen: Genau so war das damals. Inklusive dem ganzen Hass und ganz vielen Covidioten. Könnt ihr euch das heute noch vorstellen, wo wir endlich die Heile-Welt-Formel für ein friedliches, diskriminierungsfreies und ökologisch verantwortungsvolles Miteinander gefunden haben?

Man wird ja noch träumen dürfen und ohne Zuversicht ist eh alles nix.

Auch unsere Sorge bezüglich des Hufeisenmodells hat Christian Buß gut antizipiert: „Um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, ihr »Tatort« relativiere politisch motivierte Gewalt und setze links und rechts gleich, lassen seine Schöpfer ihre Kommissarin Bönisch bei einem brutal aus dem Ruder laufenden Aufmarsch besorgter Bürger eine etwas zu staatstragende Ansprache gegen die gesellschaftliche Spaltung halten: »Leute, lasst euch nicht anstecken!« Hilft aber nichts, am Ende gibt es Randale.“

Tja, wir bleiben also weiterhin im Unklaren und ich kann keine politische Vorab-Bewertung vornehmen. Das wäre auch nicht korrekt. So richtig glücklich ist Buß mit dem Film nicht, 6/10 ist bzw. sind halt nur mittelplusgut. Ich hingegen finde auch den Zwischentitel „Apokalypse in Zeitlupe“ sehr gelungen und bilde meine eigenen Assoziationen dazu. Genau so fühlt es sich nämlich derzeit an. Selbst dann, wenn ich das aktuelle Geschehen in eine Tendenz zur Dystopie einordne, die spätestens seit der Bankenkrise jedem offenbar geworden sein sollte. Aber ohne Zuversicht, etwa in der Form, dass die Menschen irgendwann durch massive weitere Verwerfungen zur Besinnung kommen – siehe oben.

Auch bei Filmrezensionen.de ist man der Ansicht, der Film versucht etwas viel auf einmal zu zeigen, aber daran haben wir uns bei Tatorten ja eigentlich schon gewöhnt und kaum ein anderes Team ist so gut in der Lage, diese Vielfalt auch zu spielen, ohne dass das Ganze wie ein einziger, sich unendlich ziehender Talking Head wirkt. Das ist eben der Vorteil der Vierer-Aufstellung, dass jede*r Cop nochmal eigene Akzente setzen kann, die quasi mit dem Hauptthema mitlaufen, ohne ihm in die Quere zu kommen. Die sehr kurze Handlungsbeschreibung der ARD wirkt jedenfalls auf den ersten Blick kontrastierend. Aber wirklich nur auf den ersten Blick. Ob es dieses Mal doch zu viel ist und ob ich politisch und persönlich mitgehen kann, werden wir am Sonntag, den 21.02.2021, um 20:15 sehen.

Handlung

Nach einem Brand im Keller des Gerberzentrums, einer Hochhaussiedlung in Dortmund, wird die verkohlte Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Neue in der Dortmunder Mordkommission, Rosa Herzog, erkennt schnell, dass das Opfer erschlagen wurde. Auch finden sich Hinweise auf eine versuchte Vergewaltigung. Bei den Ermittlungen wird das Team mit Rassismus, Polizeigewalt und Fake News konfrontiert.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Hauptkommissar Jan Pawlak – Rick Okon
Hauptkommissarin Rosa Herzog – Stefanie Reinsperger
Gerichtsmedizinerin Dr. Greta Leitner – Sybille J. Schedwill
Politiker Nils Jacob – Franz Pätzold
Manuel Gärtner, Ex-Freund des Opfers – Nikolay Sidorenko
Hakim Kahled – Shadi Eck
sein Vater Abdul Azim Khaled – Ferhat Keskin
die Mutter Rana Khaled – Meryem Moutaukkil
Ex-Inhaber des PC-Geschäfts Thomas Janowski – Jürg Plüss
Publizistin Annika Freytag – Jaëla Probst
Nachbarin Nathalie Köhler – Sotiria Loucopoulos
Henrike Berndt, Mutter vom Spielplatz – Karen Dahmen
KTU-Leiter Sebastian Haller, Affäre von Bönisch – Tilman Strauß
Ratsmitglied – Michael Kamp
Florian Zerrer – Sven Gey
Erika Glenski – Natalia Bobyleva
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Sebastian Ko
Kamera – Philipp Kirsamer
Szenenbild – Oliver Hoese
Schnitt – Dora Vajda
Ton – Hank Trede
Musik – Olaf Didolff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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