Tribes of Europa | 5 Empfehlungen | #Filmfest 379

Filmfest 379 Empfehlungen - Titelfoto © Netflix

Tribes of Europa ist eine sechsteilige deutsche Fernsehserie mit Henriette Confurius, Emilio Sakraya und David Ali Rashed. Regie führten in jeweils drei Folgen Philip Koch und Florian Baxmeyer nach einem Drehbuch von Philip Koch, Jana Burbach und Benjamin Seiler. Die Serie wurde am 19. Februar 2021 auf Netflix veröffentlicht.[1][2][3] (1)

Bereits am 21.02.2021 erreichte „Tribes of Europa“ die Spitze der hiesigen Netzflix-Charts: Video Daily – „Tribes of Europa“ erobern die Netflix-Charts | MEEDIA. Am Tag darauf konnte dieser Erfolg fortgesetzt werden.

Aus diesem Anlass ist auf jeden Fall ein Empfehlungsbeitrag auf unserem Filmfest angesagt, denn Netflix und die anderen Streamingdienste sind mittlerweile ein wichtiger Bestandteil der TV-Landschaft – auch wenn sie vorerst nicht die Spitzenzeiten und Produkte des linearen Fernsehens toppen werden. Schon deswegen nicht, weil Formate wie der „Tatort“ an eine exakte Premierenzeit gebunden sind und immer noch mehrheitlich genau dann von ca. 9 bis 10 Millionen Menschen in Deutschland angeschaut werden – und nicht vorrangig in der ARD-Mediathek, obwohl das mittlerweile zum selben Zeitpunkt möglich ist.

„Tribes of Europa“, man merkt es vielleicht an dieser Einleitung, ist das erste „Netflix-Original“, das wir auf dem Filmfest besprechen, nachdem wir das bei „Amazon Prime“ kürzlich mit „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gemacht haben.

Handlung (1)

Die dystopische Serie spielt im Jahr 2074. Europa ist nach einer Katastrophe und einem globalen Blackout in zahlreiche Zwergstaaten zerfallen, in denen einzelne Stämme (Tribes) um die Vorherrschaft kämpfen. Im Zentrum der Handlung stehen die drei Geschwister Liv, Kiano und Elja vom Stamm der Origines.

Die Origines führen ein naturverbundenes, zurückgezogenes und friedliches Leben. Nach deren Meinung ist die Technologie für den Untergang der alten Welt verantwortlich. Ein weiterer Stamm sind die technologisch fortgeschrittenen Atlantier, die den globalen Blackout unbeschadet überstanden haben. Der Stamm der Crows lebt in einem diktatorischen System, sie möchten die Herrschaft über alle anderen Stämme erlangen. Aus der Armee des Eurokorps wurde die Crimson Republic gebildet, die aus Militärbasen agiert, die Tribes beschützen und die menschliche Zivilisation aufrechterhalten möchte.

Nachdem ein Pilot der Atlantier mit seinem Raumschiff in der Nähe eines Dorfes von Liv, Kiano und Elja abstürzt, beginnt ein Krieg um einen Würfel, den Cube. Die drei Geschwister geraten damit mitten in diesen Konflikt der vier Zivilisationen.[3][4]

Anmerkungen, Teil 1

2074? Warum gerade 2074? Egal. Die Serie ist noch vor Corona konzipiert und gefilmt worden, daher muss man den Machern nachsehen, dass man mittlerweile das Geschehen glaubwürdig auch im Jahr 2030 hätte ansiedeln können. Das hätte den großen Vorteil gehabt, dass man keine SF-Elemente einbringen hätte einbringen müssen, denn die Technik wäre im Wesentlichen die heutige gewesen. Leider ist, unabhängig von Corona, der Zerfall Europas, der EU, der Demokratie, alles andere als ein komplett unwahrscheinliches Szenario. Auch dies hat Corona gezeigt. Nicht, dass uns die undemokratische Einstellung vieler Zeitgenoss*innen nicht zuvor bekannt gewesen wäre, aber die Art, wie diese Menschen nun auftreten und als Minderheit „das Volk“ zu sein für sich beanspruchen, erinnert an das Werden vieler Diktaturen. Nicht zuletzt an die NS-Diktatur, die trotz der großen Straßenpräsenz der braunen Horden zunächst nicht von einer Mehrheit getragen wurde. Doch die Mehrheit hatte sich nicht gewehrt und nicht für die Demokratie gekämpft und das war’s.

Kritiken, zitiert nach (1)

Matthias Halbig (RedaktionsNetzwerk Deutschland) bezeichnete die Serie als „deutsche Standardpostapokalypse“, in die man anders als in andere Geschichten um Endzeit und Modelle eines Neubeginns wie The 100 oder The Walking Dead nur widerstrebend eintauche. Zu viel sei ungelenk und standardmäßig. Der „überwiegend gut fotografierten 08/15-Story mit Standarddialogen“ fehle es an Tiefe, Komplexität und Originalität. Zuweilen sei Logik auch ein Problem, gelegentlich habe die Serie aber Witz.[13]

Astrid Ebenführer schrieb auf derStandard.at, dass nicht alle Handlungen frei von Klischees seien und in manchen Teilen recht schablonenhaft konstruiert wirkten, vieles bliebe an der Oberfläche. Trotzdem würde Tribes of Europa gute Unterhaltung liefern. Freunde der postapokalyptischen Welt im Stil von Mad Max würden auch diese Serie mögen.[14]

Daniel Gerhardt meinte auf Zeit Online, dass schon eine Zusammenfassung der Rahmenhandlung nach wildem Ritt klinge. Auf Fernsehbildschirmen und Laptopdisplays sehe die Serie allerdings noch viel konfuser aus. Jedes der drei Geschwisterschicksale scheine verschiedenen Vorbildern der Sci-Fi-, Western- und Fantasy-Geschichte zu folgen. Einen eigenen Stil fände die Serie zwischen all diesen Referenzen nicht.[15]

Eric Leimann befand im Weser Kurier, dass die Serie am meisten Spaß mache, wenn die Crows ins Spiel kommen. Melika Foroutan und Sebastian Blomberg böten faszinierend schillerndes Schauspiel, während die Serie ansonsten vor allem mit tollen Set Desigs und atemberaubenden Tempo im Wechsel der aufwendigen Schauplätze überzeuge und mit unzähligen, pittoresk zerfallenen Industrie-Denkmälern aus unserer Gegenwart zu gefallen wisse.[12]

Anmerkungen, Teil 2

Es ist kaum noch möglich, Dystopien komplett neu zu erfinden. Die Mad-Max-Reihe, Planet der Affen, diverse Filme der 1970er als Vorreiter des Subgenres „Dystopischer SF“ und was es seitdem alles an Varianten gab, haben Archetypen und Stereotypen geschaffen, die sich unauslöschlich in das Gedächtnis aller eingeprät haben, die das Genre mögen. Der Unterschied zum Beginn: Man war sich damals schon der Tatsache bewusst, dass das alles passieren könnte, der Auslöser war vor allem die Atombombe. Der erste Film, der eine durch einen Atomkrieg geschaffene Dystopie zeigt, war denn auch „Die Zeitmaschine“ aus dem Jahr 1960, der bis heute eines der gelungensten Werke seiner Art und mit einer ganz eigenartigen Atmosphäre und Philosophie augestattet ist. Heimlich oder offen haben sich viele neuere Produktionen an diesem Vorbild orientiert, nicht zuletzt die Star-Wars-Saga und alles, was die Zukunft als Kampf der Freiheit gegen die Diktatur deutet, begleitet von einer zwischenzeitlichen Zivilisationszerstörung oder auch nicht. Im Grunde ist das keine Zukunftsvision, wir sind mittendrin, deswegen haben wir 2020 beim Wahlberliner das Feature „Gefahr (für die) Demokratie“ begründet, mit der Startserie „Dikursverschiebung nach rechts“.

Aber kann ein Fernsehspektakel den sehr ernsten Problemen gerecht werden, die unsere Zivilisation und unsere Freiheit bedrohen? Bisher war das nie so. Die Menschen sind noch nicht durch das Anschauen von Filmen zur Besinnung gekommen – nicht einmal von solchen, die wirklich gut gemacht sind und mittlerweile als Klassiker gelten. Die IMDb-Community bewertet „Tribes of Europa“ derzeit mit durchschnittlich 6,7/10. Wenn man bedenkt, wie herausragend manche Streaming-Serien rezipiert werden, so gut, dass man den Eindruck hat, das Fernsehen sei beinahe neu erfunden worden, ist das nicht sehr viel.

Aufwändiger dystopischer SF war auch bisher nicht gerade eine deutsche Stärke. Alles, was aus der Ecke kam, stammt aus den USA und der Verdacht, es handele sich bei „Tribes of Europa“ um eine reine Nachahmungstat, liegt auf der Hand. Dass sich deutsche Produzenten an größere Dinge wagen würden, war hingegen lange absehbar. Sie sind vielfach an US-Blockbustern als Coproduzenten beteiligt und spätestens seit der in der Vergangenheit spielenden Serie „Babylon Berlin“, die wir ausführlich rezensiert haben, wissen wir, die alte Ufa-Traditition ist nicht tot, die immerhin Werke wie „Metropolis“ hervorgebracht hat. Im Grunde ist dieses Monument von Fritz Lang die Urmutter aller Filme, die eine Zweispaltung der Gesellschaft in eine verarmte und versklavte Arbeiterklasse und eine dünne Oberschicht thematisieren, die keine echte Demokratie mehr zulässt und viel wirksamer kann man das alles, auch in der optischen Umsetzung, heute noch nicht beschreiben. Und kann man es hierzulande so wirksam beschreiben, wie es zuletzt in der Tribute-Quattrologie getan wurde?

Ein ziemlicher Verriss („Tribes of Europa” auf Netflix: 5 Gründe, warum die deutsche Sci-Fi-Serie ein Reinfall ist (musikexpress.de)) bezieht sich denn auch auf die mangelhafte Originalität und darauf, dass die anderen, sprich die Amerikaner, eh alles besser können. Schon gar in Genres, die vor allem Ausstattungskino darstellen. Aber hier wird sowohl ebenjener Ausstattung wie der Kamera, dem Layout der Hauptfiguren und sogar, was wir immer besonders schrecklich finden, den Dialogen die Qualität abgesprochen.

Eines aber zur Blindverteidigung: Die meisten Genres und Handlungsmuster sind uralt und werden nur in Varianten immer neu erzählt. Es geht also um die Erzählkunst. Ist die Handlung stringent, gefallen uns die Figuren, ist es spannend und, natürlich, heute ganz wichtig, entspricht alles dem Stand der CGI-Technik? Deswegen würde ich mich als Kritiker auch nicht so sehr darauf stellen, ob es das, was in „Tribes of Europa“ zu sehen ist, schon einmal gab und ob man alle Versatzstücke des Genres ausgebeutet hat, sondern, wie die Serie als solche gemacht ist. In unserem Fall: Hat sie etwas zu sagen und wird das gut rübergebracht? Und wie viel Identifikationspotenzial entwickeln die Figuren? Interessant übrigens, dass man als Titel nicht „Europe“ gewählt hat, sondern die deutsche, damit auch die ursprüngliche griechisch-lateinische Schreibweise beibehalten und damit im Titel einen Sprachmix kreiert hat.

Regisseur Florian Baxmeyer und auch Hauptdarstellerin Henriette Confurius sind allen, die sich mit dem „Tatort“ beschäftigen, bereits seit einigen Jahren ein Begriff. Das trifft auch auf die Produzenten Wiedemann & Berg zu, die zu den größeren und erfahrenen Produktionsfirmen im deutschen TV-Business zählen.

TH

Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch, Englisch
Jahr 2021
Produktions-
unternehmen
W&B Television
Länge 45 Minuten
Episoden 6 in 1 Staffel
Genre Science-Fiction
Idee Philip Koch
Regie Philip Koch
Florian Baxmeyer
Drehbuch Philip Koch,
Jana Burbach,
Benjamin Seiler
Produktion Quirin Berg,
Max Wiedemann,
Maximilian Vetter
Musik Clinton Shorter
Kamera Christian Rein
Schnitt Alexander Berner,
Denis Bachter
Erstveröffentlichung 19. Februar 2021 auf Netflix
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s