Sternenkinder – Tatort 627 #Filmfest 936 #Tatort #Kiel #Borowski #Jung #NDR #Sterne #Kinder

Crimetime 936 - Titelfoto © NDR, Malte Splittgerber

Alles eins oder alles nichts

Wir fahren fort mit unserer kleinen Borowski-Aufarbeitung. Nach „Borowski und das Mädchen im Moor“„Borowski in der Unterwelt“„Stirb und werde“ und dem Erstling „Väter“ nun der Tatort 627 „Sternenkinder“. Unterbrochen haben wir diese kleine Serie nur für aktuelle Tatort-Premieren.

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein Baby wird von Unbekannt aus dem Leib einer Mutter geschnitten und Klaus Borowski hat die Aufgabe, die Täterin zu finden, nebenbei muss er miterleben, wie sein Assistent Zainalow in den Verdacht gerät, eine islamistische Terror-Organisation zu unterstützen und drittens, wie seine Tochter Klara ihn plötzlich gar nicht mehr cool findet.

Immer am Ball bleiben erhöht die Kompetenz bzw. die Expertise. Wir wissen zum Beispiel jetzt, wie und warum dem Borowski sein Zainalow abhandengekommen ist. Da war’s anstatt des Quartetts (KHK Borowski, Zainalow, Psychologin Frieda Jung und Kriminalrat Roland Schladitz) nur noch ein Trio. Schade einerseits, von heute aus betrachtet haben die neueren Borowskis durch den Abgang wenig verloren und andere Qualitäten hinzugewonnen – das gilt auch für die Zeit nach dem Wechsel von Frieda Jung zu Sarah Brandt, also von Psychologin und Love Interest zu einer jungen Kollegin. Und wie steht es um die Qualitäten des Tatorts Nr. 627? Dazu lesen Sie bitte mehr in der -> Rezension.

Handlung

Was Kommissar Borowski diesmal am Tatort zu hören und sehen bekommt übersteigt auch seine Vorstellungskraft: der schwangeren Stefanie Brückner wurde kurz vor der Geburt das Baby aus dem Leib geschnitten. Die Mutter schwebt in Lebensgefahr, von dem Kind fehlt jede Spur. Frieda Jung überrascht Borowski mit der Annahme, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine Täterin handelt.

Vermutlich eine Frau, die keine eigenen Kinder haben kann, Sozial isoliert und unverheiratet. Eine kluge Analyse, doch in einem wichtigen Detail irrt Frieda Jung. Der vermeintliche Vater, Seemann und seit fünf Monaten nicht mehr zu Hause gewesen, wartet inzwischen sehnlichst darauf, dass sein Schiff in den Hafen einläuft, damit er seine kleine Familie in die Arme schließen kann. Von Dr. Sonneborn, einem Star-Gynäkologen und Experten auf dem Gebiet der Pränatalmedizin, erfährt die Polizei, dass das entführte Kind im Mutterleib behandelt wurde und ohne ärztliche Versorgung nur zwei bis drei Tage überleben wird. Sonneborn ist Borowski nicht geheuer. A

lst Sonneborn das inzwischen nach Zeugenaussagen angefertigte Phantombild der Täterin gezeigt bekommt, ist sich Borowski sicher, dass der Gynäkologe die Frau auf dem Bild erkannt hat. Doch der Arzt leugnet. Auch Dr. Fehlau, Assistentin von Sonneborn, scheint mehr zu wissen als sie zugibt. Die vorschnelle Erstürmung der Wohnung einer Verdächtigen, die sich als unschuldig herausstellt, bring Borowski Ärger ein. Aber er lässt sich nicht beeindrucken. Alles was zählt ist das Leben des Babys. Das Phantombild wird im Fernsehen ausgestrahlt.

Wo ist plötzlich ein Baby aufgetaucht? Wer hat ungewöhnliche Beobachtungen gemacht? Borowski hat die Dimension des Falls unterschätzt, denn zwei Tage später liegt Prof. Sonneborn tot in seinem Büro in der Klinik. 

Rezension

Im Wesentlichen geht es in „Sternenkinder“ um Stammzellenforschung in einer Form, wie sie in Deutschland ganz eindeutig und bis heute nicht erlaubt ist – nämlich ohne Import, direkt aus abgetriebenen Föten in derselben Klinik gewonnen, in der erbkranke Kinder nach einer noch sehr experimentellen Therapie mit jenen gesunden Stammzellen versorgt werden. Ein heikles Thema, zumindest in Mitteleuropa, bei dem verschiedene ethische Prinzipien schwer zu versöhnen sind.

Nachdem wir gerade einen Organspende-Tatort rezensiert haben (Batus „Leben gegen Leben“), der im Grunde mit demselben Thema dealt und neulich auch einen Wien-Tatort mit ähnlichem Hintergrund, wissen wir einigermaßen Bescheid über den Stand der Dinge – auf Laienebene, versteht sich. Sollte es der Stammzellenforschung gelingen, Stammzellen so zu implantieren, dass sie beschädigtes Organgewebe durch gesundes ersetzen können und damit den Stau auflösen, der sich im Organspendewesen gebildet hat, dann wäre das einer der größten medizinischen Fortschritte des jungen Jahrtausends. Selbstverständlich kann man die Stammzellenforschung missbrauchen,w ie jeden wissenschaftlichen Fortschritt und deswegen sollte sie nicht, wie im wildgewordenen Großbritannien, vollkommen freigegeben werden. Aber unter bestimmten Auflagen und Heilungszwecke schon. Helfen und Heilen sollte über religiös-weltanschauliche Bedenken gestellt werden, sofern keine Embryonen getötet werden müssen, um die Stammzellenweitergabe zu ermöglichen.

Schon der Titel von „Sternenkinder“ und die Unmöglichkeit, ihn zu entschlüsseln oder zur Handlung in Bezug zu setzen, lässt ahnen, dass Realismus nicht die Geschäftsgrundlage für diesen Borowski-Fall darstellt. Zudem werden quasi zwei Fälle hintereinander abgewickelt, die quasi miteinander verknüpft sind, wobei es zunächst um das geraubte Baby geht und als dieser Fall bereits aufgeklärt ist, um den Mord an einem Spezialisten für pränatale Gynäkologie. Die Ärzte haben’s in Tatorten insgesamt schwer, das zeigt sich auch hier wieder. Wo ein Arzt, da ist das Verbrechen nicht weit, insofern ist die Serie stark im Entmystifizierungsbusiness engagiert.

Die beiden Fälle sind , jeder für sich, ziemlich seltsam und nicht sehr wahrscheinlich, die Figuren können nur grob skizziert werden und dann passiert noch dies:

Vollkommen unvermittelt bekommt Borowskis Assistent Zainalow („Arschloch an  Hasenfuß“, siehe den Vorgänger-Tatort „Borowski in der Unterwelt“) erhebliche Schwierigkeiten dadurch, dass er ab und zu  in die Moschee zum Beten geht. Er bzw. sein Online-Ego werden von bösen Mächten dazu benutzt, einer in Frankreich ansässigen islamistischen Terror-Organisation finanzielle Mittel zukommen zu lassen und da läuft natürlich die interne Ermittlung auf Hochtouren.

Während Kriminalrat Schladitz unbesehen von Zainalows Unschuld ausgeht, ist Borowski sich aufgrund der ihm bekannten Indizienlage nicht so sicher und am Ende hat er sich geirrt und muss den jungen Kollegen ziehen lassen.

Auch wenn es Verbindungen zwischen den Handlungsteilen gibt, die auf große Werte und Fragen zielen, wirkt dieser Abgang doch fremd, wie Stammzellen, von denen man nicht sicher sein kann, ob sie wirklich für das Organ, dem sie zugeführt werden, gesundes Gewebe produzieren.

Die Regie verlässt sich sehr darauf, dass wir erkennen oder es so interpretieren, dass Borowskis Verhältnis zu Wissen und Glauben insgesamt eine starke Rolle spielt: Er verwehrt seiner U14-Tochter die Unterschrift für den Konfirmationsunterricht, weil er selbst nicht gläubig ist, er vertraut seinem Assistenten nicht, den er für einen Glaubensfanatiker hält, er hat allerdings keine erkennbare Meinung zur Stammzellenproblematik – oder äußert diese nicht. Es geht aber um Liebe, Freundschaft, Vertrauen, das meinen wir verstanden zu haben und um Borowski herum verknüpft sich das natürlich auch mit den Hauptfällen, in denen es um die Annahme genetisch vorbelasteter Kinder geht, um Abtreibung, um Seelenschäden, die durch Kindesverlust entstehen.

Das Ende ist düster, vor allem für Borowski, der innerhalb weniger Minuten seinen treuen Gefährten Zainalow verliert und seine Tochter Carla, die zurück zur Mutter geht. Die Stimmung ist so angelegt, dass er mehr als zuvor in Richtung Wallander gedrängt wird, wie ja dieser Film überhaupt eher humorlos und nordisch-düster ist. Die feine Ironie, die wir aus anderen Borowskis kennen, ist demnach kaum zu spüren.

Grundsätzlich ist diese Konzeption so in Ordnung wie jede andere, aber dieser Riss, der immer dann entstand, wenn ein Wechsel von der Haupt- zur Nebenhandlung und zurück entstand, hat dem Kinder-Mütter-Ärztedrama viel an Kraft genommen. Es wird einen Grund haben, warum Topfilme meist sehr konzentriert gefilmt sind und sich nicht verschiedene Stränge erlauben, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben.

Finale

Zwar ist „Sternenkinder“ kein schlechter Tatort, aber gerade von den Borowski-Fällen sind wir mehr Einheitlichkeit und Stringenz gewöhnt. Es fiel uns schwer, uns mit irgendwelchen Figuren zu identifizieren, trotz der emotionalen Wirkung, die Handlungen um Kinder und speziell um Babys herum stets entfalten. Auch Männersachen wie die Freundschaft zwischen Kollegen, Kumpels, können sehr anrührend gefilmt werden, aber alles kommt in „Sternenkinder“ ein wenig zu kurz,  wird zu oberflächlich behandelt, um wirklich unter die Haut zu gehen.

Man fragt sich angesichts der sehr einfach dargestellten Ermittlungen zwar, woher ohne die Nebenhandlung der Stoff für 90 Minuten hätte herkommen sollen, aber man kann sich die Antwort rasch geben: Das Auffinden der Babyräuberin hätte man erschweren können, indem z. B. kein kleines Mädchen die Frau beim Verlassen des Hauses beobachtet und eine so famose Beschreibung geliefert hätte, dass ein nahezu perfektes Phantombild entsteht. Auch den Mord an dem Arzt hätte man in ein etwas dichteres Netz an Möglichkeiten einspinnen können. 

7/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Liane Marquardt – Claudia Geisler
Wolfgang Marquardt – Hans-Jochen Wagner
Psychologin Frieda Jung – Maren Eggert
Roland Schladitz – Thomas Kügel
Dr. Fehlau – Cornelia Schmaus
Olaf Brückner – Oliver Stritzel
KD Beamtin (Kerstin) – Caroline Scholze
Prof. Sonneborn – Michael Hanemann
Alim Zainalow – Mehdi Moinzadeh
Carla Borowski – Neelam Schlemminger
u.a.

Drehbuch – Orkun Ertener
Kamera – Andreas Doub
Musik – Karim Elias
Regie – Hannu Salonen

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