Du lebst noch 105 Minuten (Sorry, Wrong Number, USA 1948) #Filmfest 381

Filmfest 381 Cinema

Du lebst noch 105 Minuten ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm aus dem Jahre 1948 von Anatole Litvak. Das Drehbuch des Film noir entstand nach einem Hörspiel der Drehbuchautorin Lucille Fletcher, das fünf Jahre zuvor ausgestrahlt wurde. Die Uraufführung des Films fand am 1. September 1948 statt. In Deutschland erschien er erstmals am 12. Juni 1951 im Kino.

Der wieder mal reißerische deutsche Titel ist dieses Mal ziemlich treffsicher, das Ergebnis betreffend, das er allerdings blöderweise schon verrät. Allerdings dauert der Film keine 105 Minuten, sondern ist 17 Minuten kürzer, damit passt er exakt ins Fernseh-Primetime-Format und es ist leicht zu beurteilen, ob er im Vergleich zu heutigen Krimis spannend ist. Dies tun wir und schreiben mehr zu diesem Film noir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Leona Cotterell und Sally Hunt sind Schulfreundinnen, die ihren Collegeabschluss feiern. Bei der Feier ist auch Sallys Freund Henry Stevenson anwesend, in den sich Leona verliebt. Obwohl Henry als einfacher Verkäufer keine besonders gute Partie ist, will Leona ihn heiraten. Auch ihr Vater James kann sie nicht umstimmen. Das Paar wird nach der Hochzeit jedoch nicht glücklich. Zwar hat Henry von seinem Schwiegervater einen gut bezahlten Job bekommen, doch ist er nicht zufrieden damit, weil er sich lieber selbstständig machen will. Der Stress führt bei Leona zu einer Herzkrankheit, die sie ans Bett fesselt.

Eines Abends erscheint Henry nicht zu Hause. Voller Sorge ruft Leona in Henrys Büro an. Dabei kommt es in der Vermittlungszentrale zu einer Fehlschaltung. Leona wird Zeugin eines Gespräches zweier Männer. Einer der beiden soll in 105 Minuten, um 23.15 Uhr, eine Frau ermorden, die alleine zu Hause ist. Leona berichtet der Störungsstelle von dem belauschten Gespräch, doch sie wird an die Polizei verwiesen. Dort nimmt sich Sergeant Duffy des Falles an, doch er kann mit den vagen Angaben nicht viel anfangen. Ihr Vater, der jeden Abend aus Chicago anruft, hält das Ganze für einen Scherz. Leona ruft Henrys Sekretärin Elizabeth Jennings an. Von ihr erfährt sie, dass ihr Mann vormittags von einer Mrs. Lord Besuch bekommen hat, mit ihr zum Essen gegangen und seitdem nicht mehr ins Büro zurückgekommen ist.

Leona ruft Mrs. Lord an, die bei dem Telefongespräch sehr vage ist, damit ihr Mann Frederick nichts bemerkt. Sie ruft Leona aus einer Telefonzelle zurück. Es stellt sich heraus, dass Mrs. Lord Leonas Freundin Sally ist. Sie ist mit Frederick, einem Staatsanwalt, verheiratet und hat einen Sohn. Sally wollte Henry warnen, denn ihr Mann ermittelt zusammen mit einem Detective Robertson gegen ihn. Den Grund der Ermittlung kennt Sally allerdings nicht. Die verzweifelte Leona ruft ihren Arzt Dr. Alexander an. Der ist zurzeit auf einer Party und weigert sich, sie zu besuchen. Er erinnert sie an einen Brief, den er ihr geschrieben hat. Allerdings hat Leona keine Post bekommen, was den Arzt erstaunt. Er erklärt ihr, dass Henry vor zehn Tagen bei ihm war und die Untersuchungsergebnisse erfahren hat. Leona ist körperlich gesund, ihr Herzleiden sei ein neurotisches Problem. Henry hat ihn zum Verfassen des Briefes überredet, damit seine Frau nicht extra in die Praxis kommen muss.

Mehrere Male wird Leona von einem Waldo Evans angerufen, der dringend mit Henry sprechen will. Leona kann ihn überreden, ihr zu sagen, was los ist. Evans ist ein Chemieprofessor, der für Leonas Vater arbeitet. Er hat Drogerieprodukte variiert und davon geheime Formeln erstellt. Henry hat sich vor einem Jahr an Evans gewandt. Evans sollte Rezepturen und Formeln an Henry abgeben. Henry hat einen Abnehmer, den Verbrecher Morano. Henry hat sich von Morano dann getrennt, um alleine zu verdienen. Als Lager hat Evans ein Haus auf Staten Island gekauft. Das Haus heißt „Dunstan Terrace“. Morano erpresste jedoch Evans und Henry. Das Geld sollte Henry mit Leonas Lebensversicherung aufbringen. Evans wollte heute Henry mitteilen, dass Morano festgenommen wurde, jedoch nichts verraten habe. Außerdem hat Evans das Lagerhaus niedergebrannt.

Um 23 Uhr hört Leona, dass sich jemand ins Haus geschlichen hat. Im gleichen Moment ruft Henry aus New Haven an. Sie entschuldigt sich bei Henry, dass sie ihn nicht genug unterstützt hat, als er sich ein neues Leben aufbauen wollte. Sie informiert ihn über ihr Gespräch mit Evans, woraufhin er den Diebstahl an ihrem Vater gesteht. Dann fordert er sie auf, ans Fenster zu gehen und um Hilfe zu rufen. Doch Leona ist zu schwach, um aufzustehen. Sie hört Schritte auf der Treppe, die Telefonverbindung bricht ab. Henry ruft noch einmal an. Eine Männerstimme meldet sich und sagt: „Bedaure, falsch verbunden.“ (Im Original: “Sorry, wrong number.”) Noch vor der Telefonzelle wird Henry von der Polizei festgenommen.

 

Rezension

Jeder Film noir, den ich zum ersten Mal sehe, ist schon deshalb spannend, weil es ein Film noir ist. Es kommt dabei nicht so sehr darauf an, ob er wirklich alle Elemente zeigt, die ein Film noir haben sollte. Manche Autor*innen nehmen die Eingrenzung des Genres sehr weit vor, darüber kann man streiten. Die Reflektion über die Zuordnung fällt aber bei „Du lebst noch 105 Minuten“ weg. Keine Frage, er ist einer der düstersten Vertreter des Genres unter allen, die ich bisher anschauen und über die ich schreiben konnte. Wenn das so weitergegangen wäre, dann hätte Burt Lancaster wohl nie einen Film gemacht, in dem er überlebt, und es ging mit „Criss Cross“ („Gewagtes Alibi“) 1949 so weiter. Nicht ganz. Am Ende von „Du lebst noch 105 Minuten“ lebt er noch, aber irgendwann vorher wird gesagt, der Mordauftrag könnte ihn auf den elektrischen Stuhl bringen.

Zwei Interpretationen eines Kritikers möchte ich vorstellen, die mich beeindruckt haben, als ich sie las: Der Originaltitel sei auch deshalb so subtil, weil er sich nicht nur auf den Schluss des Films bezieht, sondern auch auf das Verhältnis der Eheleute Cotterell, das unter falschen Voraussetzungen geschlossen wurde. Es hätte noch alles gut werden können, aber die beiden haben zu spät gemerkt, dass sie für ihre Ehe nicht den richtigen Anschluss, also nicht die richtige Basis hatten (2). Die andere Anmerkung bezog sich auf das Verhältnis von Leona zu ihrem Vater und es handelt sich für mich ein typisches: Jetzt, wo Sie’s sagen! Selbstverständlich durfte zu der Zeit, als der Film entstand, unter der Ägide des Hays Code, Kindesmissbrauch nicht offen besprochen werden (2a) Das Verhältnis Mutter-Vater wirkt so verschoben und unwirklich, dass ich zunächst dachte, was haben die sich bloß bei diesen Dialogen gedacht? Das ist ja furchtbar, im Vergleich zu den oft geschliffenen, manchmal statuarischen Sätzen in Films noirs. Aber klar, alles ist verschoben und – man beachte das Bild von Leona, vor dem sie in einer Szene auch steht. Ein kleines Mädchen mit einem Cockerspaniel auf dem Schoß. Da aber alle Dialoge in diesem Film recht hart und manchmal ungelenkt wirken und die Synchronisation dies auch aufgegriffen hat, ein seltenes Zusammentreffen, in den 1950ern, fiel mir der Subtext in der Sprache von Vater und Tochter nicht auf.

Möglicherweise ist die gesamte Sprache so gewählt worden, um deutlich zu machen, dass niemand innerlich oder äußerlich elegant ist. Der Selfmade-Millionär ist ein rüder Typ, der sowohl seine Tochter als auch deren Mann unter der Knute halten will, wenn’s geht, für immer, die Mutter, das darf man nach dem Film so interpretieren, verstarb schon im Kindbett, weil ihre Nerven die Ehe nicht aushielten und dann noch die Verantwortung für das Kind Leona, vielleicht war die Frau auch in der Ehe vergewaltigt worden. Die Tochter sagt über den Vater, dass dieser keinen Wert auf Bildung lege, Geld könne man auch mit abgebrochener Schule machen. Das wiederum triggert die Person ihres Mannes Henry, der einen Minderwertigkeitskomplex hat, weil er ein Landei mit ebenfalls geringem Bildungsgrad ist. Die Annäherung von Leona und Henry hat nichts Romantisches, sie will ihn haben, weil sie es so gelernt hat, sich mit Geld durchzusetzen und er lässt sich verführen vom Glanz, obwohl er eine andere liebt und ist nachher unzufrieden mit seiner rein formalen Position in den Cotterell-Werken.

Leider hat Drehbuchautorin Louise Fletcher keinen Eintrag in der deutschen Wikipedia, vermutlich, weil sie nur wenige Filmdrehbücher schrieb. Dasjenige zu „Du lebst noch 105 Minuten“ hat sie aus einem nur halbstündigen Hörspiel heraus selbst verfasst, ich kann den Film also nicht mit anderen vergleichen, zu denen sie ebenfalls das Skript beigesteuert haben könnte, um Machart und Sprache übergreifend zu analysieren. Aber unter dem ziemlich simplen Duktus verbirgt sich eine Menge Subtext, und der hat es in sich.

Eine andere Sache ist die Handlung. Diese ist wirklich radiomäßig. Fast die ganze Zeit muss gesprochen werden, teilweise in Form von Telefonaten. Obwohl das zum Setting und zum Mord, der per Telefon beauftragt wird, gut passt, ist das Erzählen sehr dominant und begleitet die Bilder nicht, wie bei vielen anderen Noirs, sondern dominiert über sie. Auch deswegen kann dem Betrachter manch wichtiges visuelles Detail entgehen, wie etwa die Gestaltung des Jugendbildes von Leona, als wenn das Visuelle stärker hervorgehoben wäre. Oder etwa, dass die Hörmuschel des weißen oder beigen Telefons, das sie neben dem Bett stehen hat, ein paar Macken aufweist. Angesichts der sonst makellosen Einrichtung der Appartementwohnung, zu der es die Eheleute immerhin gebracht haben, trotz des Widerstandes des Vaters und auch des Zögerns von Leona, muss man diesem Detail Beachtung schenken.

Das Telefon wirkt dadurch wie häufig benutzt und die Stellen, an denen der Lack abgeblättert ist und an denen schwarzes Bakelit hervorscheint, weisen auf Leonas Seelenflecke hin. Auch bei den Anziehsachen der Eheleute ist sicher nichts dem Zufall überlassen worden, denn für sie war die vielleicht beste Kostümschneiderin das klassischen Hollywood, Edith Head verantwortlich. So kann man sich zu den neuen Businessklamotten von Henry, die nicht billig, aber auch für damalige Verhältnisse nicht sehr harmonisch zusammengestellt wirken, seinen Reim machen, und er trägt sie, obwohl ihm seine Frau Stilsicherheit hätte beibringen können.

Die Leistung von Barbara Stanwyck als mehr und mehr verzweifelte Leona ist vielfach gerühmt worden und sie gilt vielen als eine der besten Schauspielerinnen Hollywoods, die keinen Oscar gewinnen konnten, die Bemerkung hat immer den Unterton: Sie hätte es mehr verdient gehabt als einige andere, die eben einfach „in“ waren oder von berühmten Regisseuren z. B. in Literaturverfilmungen eingesetzt wurden.

Trotz der schauspielerischen Qualitäten, die Stanwyck, aber auch Burt Lancaster und Ed Begley als Leonas Vater zeigen, leidet der Film etwas unter seiner Überkonstruktion. Mögen die Dialoge auch der psychologischen Aufstellung der Figuren geschuldet sein, so hätte man für die Filmadaption einiges ändern oder anders schreiben dürfen, was das Verhalten aller Figuren etwas strange wirken lässt und einige Handlungselemente hätten etwas glaubwürdiger sein dürfen. Der Genosse Zufall wird hier schon sehr stark eingespannt und das Handeln etwa von Henrys Jugendliebe Sally, die sich als Gelegenheitesdetektivin betätigt, weist darauf hin, dass es nicht so einfach war, den Plot im Griff zu behalten und dass man nicht aus dem Schema des starken Akzents auf die Sprache, das aus einem anderen Medium stammt, ausbrechen konnte – auch dort nicht, wo es besser gewesen wäre. Regisseur Anatole Litvak hat das dann so umgesetzt, obwohl er sicher in der Lage war, so kenntnisreich und dramatisch zu filmen wie andere Film-noir-Regisseure, wie sein Oeuvre beweist, in dem sich einige bekannte Kinostücke finden. Trotzdem gilt „Du lebst noch 105 Minuten“ auch unter seinen Arbeiten als Höhepunkt.

Finale

In diesem Fall hebe ich die Punktzahl trotz einiger Schwachpunkte des Films, besonders bei der Handlungsführung, aufgrund einer Rezension an, die ich nach der Sichtung des Films gefunden habe und deren interpretatorische Ansätze ich als einleuchtend und auf sehr guter Beobachtung beruhend empfinde. Außerdem widme ich den vorliegenden Text allen Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben, besonders jenen, welche diese Erfahrung, ebenso wie Leona, nicht öffentlich machen und keine Hilfe organisieren konnten, weil es ihnen aus persönlichen oder gesellschaftlichen Gründen nicht möglich war und schließe mit einem eigenen Gedankengang: Das Schicksal Leonas steht für die Hilflosigkeit, die Menschen in einer bedrohlichen, gar in einer lebensbedrohlichen Lage dann verspüren, wenn sie traumatisiert sind.

Dafür steht ihre Unfähigkeit, sich schnell zu bewegen und der Situation zu entkommen. Henry ist durch seine vermutlich raue Kindheit in einfachen Verhältnissen und das frühe Ableben der Eltern nicht empathisch genug, um Leonas Trauma zu entschlüsseln oder ihr zu helfen, damit sie sich öffnen und sich richtig behandeln lassen kann. Er ist mit seinen eigenen Dämonen beschäftigt und bringt sich in eine Lage, in welcher er sich sogar verleiten lässt, seine Frau umbringen zu lassen. Die Empfehlung eines Psychiaters als Helfer für Leona seitens ihres bisher behandelnden Arztes kommt zu spät und wird von Henry auch noch hintertrieben, wohingegen sein Verständnis oder auch seine Erkenntnis am Schluss sehr abrupt kommt – ein Flash unter starker Adrenalinausschüttung, wie man an seinen aufgelösten, verschwitzten Gesichtszügen erkennt.

78/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) Zitiert nach Wikipedia: (a) Armin Jäger analysiert die Darstellung des Vaters, bei der die „unheilvollen Assoziationen“ eine Missbrauchsbeziehung suggerieren würden, „so deutlich, wie es im damaligen US-Kino unter der Zensur nur möglich war“.[5] / (b) Doch gerade als Leona und ihr Mann endlich am Telefon zueinander finden, zahlen sie den Preis dafür, dass sie in ihrem Eheleben so lange ‚falsch verbunden‘ waren.“[6]

Regie Anatole Litvak
Drehbuch Lucille Fletcher
Produktion Anatole Litvak
Hal B. Wallis
Musik Franz Waxman
Kamera Sol Polito
Schnitt Warren Low
Besetzung

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