Kalte Herzen – Tatort 440 #Crimetime 951 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Herz #kalt

Crimetime 951 - Titelfoto © SWR

Die gewisse Künstlichkeit des Mordens

Die Handlung in einem Satz: Ein Model wird ermordet und zwecks Aufklärung folgt Lena Odenthal dem Ehemann, einem deutschen Schauspieler mit Hollywood-Ambitionen und dessen Tross bis – genau, nach Hollywood, dort kommt es zu einer Art von Doppel-Finale à la Hollywood.

Nachdem wir gerade den neuen Odenthal „Blackout“ anlässlich seiner Premiere rezensiert haben und zu der deprimierenden Feststellung gelangt sind, dass die Odenthal-Kurve weiter und weiter sinken wird, wenn es so weitergeht, betrachten wir die Zeit um die Jahrtausendwende und stellen fest – Abwärtsentwicklungen gab es bei Lena häufiger, bevor man in den Jahren zwischen 2001/2002 und 2010 offenbar recht konsequent an der Qualität gearbeitet hat. Nun sind wir aber im Jahr 2000 und was wir dort gefunden haben, steht in der -> Rezension.

Handlung

Amy Bell, Topmodel aus den USA, wird in Ludwigshafen nach einem Fotoshooting Opfer eines brutalen Mordes. Alle Spuren weisen darauf hin, dass das Opfer seinen Mörder gekannt hat. Lena Odenthal und Mario Kopper beginnen, im Umkreis des Models zu ermitteln. Sie stellen fest, dass der Fotograf Marlo Trekkers, mit dem Amy Bell ein Verhältnis hatte, seit der Mordnacht verschwunden ist. Unter Verdacht gerät aber auch Amys Ehemann, der Hollywood-Star Tom Soengen. Presse und Fans überschlagen sich, als Soengen in Deutschland eintrifft. Mühsam wird der US-Star von seinem Privatsekretär Romano und Agentin Frenzy Soutter abgeschirmt. Frenzy fürchtet den Skandal. Kalt weist sie die Kommissarin in ihre Schranken.

Unerwartet bekommen Lena und Kopper Amtshilfe aus den USA. Gemeinsam mit L.A.-Sergeant Lou Browster machen sie eine grausige Entdeckung. Marlo Trekkers ist in die Pathologie eingedrungen und hat Fotos von der toten Amy Bell gemacht, bevor er in die USA abgereist ist. Als das Schauspieler-Trio zurück nach Amerika fährt, steht für Lena fest: Sie muss hinterher. Zusammen mit Lou Browster macht sie sich auf die Reise über den großen Teich, um in Los Angeles die Hintergründe des Falls zu ermitteln. In Hollywood erwartet sie bereits das nächste Mordopfer: Romano wurde ebenso bestialisch ermordet wie Amy Bell. Kopper, der zu seinem Verdruss in Ludwigshafen die Stellung halten muss, übermittelt Lena eine sensationelle Neuigkeit: Tom Soengen ist homosexuell, die Ehe mit Amy Bell war schöner Schein zur Ablenkung von Soengens Beziehung zu Romano. In der Filmbranche wäre die Wahrheit das Ende von Soengens Karriere als Leinwand-Star. Der Schauspieler flüchtet vor den Fragen der Polizei in ein Sanatorium. Lena will das Redeverbot nicht akzeptieren und dringt „undercover“ zu Soengen vor. Während Kopper und Browster nach ihr suchen, gerät Lena hoch über Los Angeles auf dem Wahrzeichen Hollywoods in tödliche Gefahr.

Rezension

Die Frage ist nun, ob die schlechten Bewertungen, die „Kalte Herzen“ in der Rangliste des Tatort-Funduserhalten hat, verdient sind. Der Titel ist schonmal Quatsch, es sei denn, man bezieht ihn auf die unbestreitbare Tatsache, dass das Herz gewaltsam getöteter Personen mit dem Ableben erkaltet, was bedeutet, als dass dieser Titel für jeden Tatort geeignet wäre.

Niemand, der lebendig ist, hat aber in diesem Film ein kaltes Herz. Warme Brüder, eifersüchtige Weiber, fliehende Fotografen, verrückte Autofahrer, infarktgfährdete Kriminalräte, verschwitzte Joggerinnen, die sich als Putzfrauen ausgeben, US-Ermittler, die als Sarottis und Fälle, die als Kacke bezeichnet werden – da kocht und dampft es emotional allerorten und gerät in verbale Schieflage.

In letzter Zeit gibt es unter anderem eine Tendenz zum skurrilen Tatort, aber um 2000 herum war das noch nicht abzusehen, deshalb hat „Kalte Herzen“ eine Sonderstellung. Nach Meinung vieler Fans also eine negative, und die ARD sieht’s wohl ähnlich, denn sie hat den Film in 13 Jahren erst viermal wiederholt. Bis zum ersten Mal hat es glatt fünf Jahre gedauert – bei heutigen Tatorten beinahe unvorstellbar.

Wir fanden „Kalte Herzen“ nicht so schlecht, sondern amüsant, und es wurde im Verlauf immer besser – nachdem klar war, dass man den Film nicht ernst nehmen darf und dass man das Chargieren der Akteure als gewollt einzuordnen hat. Es gibt zwar peinliche Abweichungen von der damals gerade Raum greifenden Political Correctness wie die Bezeichnung „Sarotti“ für einen afroamerikanischen Ermittler oder die Sache mit dem Schwarzen für 200 Euro, die erkennen lassen, dass die PC nicht zu persiflieren ist, schon gar nicht auf diesem Niveau. Und dass man am besten die Sprache nicht anrühert, die nicht umsonst von rassistischen Ausdrücken befreit wurde, auch wenn einzelne der in bester Absicht eingeführten Wort-Neuschöpfungen überspannt wirken mögen.

Diskriminierung ist in dem Film auch in anderer Hinsicht ein Thema. Ein Schauspieler geht eine Scheinehe ein, um das Gesicht zu wahren, denn in Wirkichkeit ist er homosexuell, fürchtet aber dadurch erhebliche Karrierenachteile – insbesondere seinen Eintritt ins US-Kino wird als gefährdet angesehen. Wenn man bedenkt, dass heute noch das Outing von Sportlern mehr oder weniger ein Tabu ist, weil man befürchtet, das Publikum könne negativ reagieren, kann man sich vorstellen, dass das beim Film nicht viel anders ist.

Unseres Wissens gibt es keinen Topstar in Hollywood, der sich offen zur Homosexualität bekennt. Gerüchte gibt es schon seit Generationen, manchmal kommt ein Outing am Karriere-Ende und in Verbindung mit anderen Themen wie AIDS, wie es z. B. bei Rock Hudson der Fall war. Aber gerade dieser Fall belegt, dass ein attraktiver Frauenschwarm sich gar nicht outen kann, ohne diesen Status zu verlieren, und dem ist eine unumstößliche Logik immanent.

Auch wenn „Tom Soengen“ gar nicht wie ein typischer Hollywood-Schauspieler wirkt und die Initialen „T. S.“ auf einen anderen deutschen Schauspieler hinweisen, der immer wieder in Hollywood gearbeitet hat und nach allem, was man weiß, nicht homosexuell ist, die Thematik hat Relevanz.

Dass sie aber in einer so verschrobenen Inszenierung untergebracht wird wie dieser, ist schade. Durch die vielen Seltsamkeiten des Films, durch seine satirischen Elemente, die sich insbesondere auf die USA beziehen, wird dieser Art von Diskriminierung der Stachel genommen. Es hätte sich auf jeden Fall empfohlen, über deutsche Stars zu schreiben und zu filmen und das Hollywood-Ding in einem anderen Werk unterzubringen, wenn es denn schon sein musste, die USA noch vor der Wahl von George W. Bush und vor 9/11 als Hampelmann-Country zu zeigen. Dass dieser Film während der Clinton-Ära entstand, die in Europa doch als eine insgesamt positive wahrgenommen wurde, verwundert. Aber vielleicht wollte man generell mal über die Auswüchse in diesem Land abledern, die unabhängig von der aktuellen politischen Konstellation vorhanden sind und sich weiterentwickeln.

Szenen wie die, als ein fetter Polizist Lena ans Gesäß greift und sie sich nicht wehren kann, weil sie gerade inkognito ist, sind grob. In ihnen fällt aber auch auf, wie unamerikanisch im positiven Sinn Lena als Typ ist. Ein echter Charakter, ein interessantes Gesicht, neben dem auch die realen amerikanischen Stars sehr konfektioniert wirken – bis auf einige Top-Schauspielerinnen, die wir deshalb auch als solche und nicht als Stars bezeichnen, obwohl sie beides sind.

Das erste Finale auf den weltberühmten Hollywood-Buchstaben ist wunderschön ironisch und theatralisch, Letzteres trifft auch auf Soengens Abgang mit „My Way“ zu, das auf eine so wenig Sinatra-hafte Weise gesungen wird, das darin ein Gag eigener Art liegt.

Finale

Dass der Film so künstlich wirkt wie mancher Hollywood-Busen, ist sicher kein Zufall. Man kann den Ludwigshafenern nicht unterstellen, sie hätten sich um die Jahrtausendwende herum nichts (zu-) getraut. Dass man nicht immer genau ermitteln kann, was absichtlich persiflierend gemeint ist und was einfach nur schlecht gemacht ist, wirft zwar einen Schatten auf das Werk, aber wir meinen schon, es ist ein respektabler Versuch in Sachen Satire.

Wenn ein solcher Versuch als gelungen bezeichnet werden soll, setzt dies allerdings voraus, dass die Mehrheit des Zielpublikums den Witz und die Absicht erkennen kann. Das war bisher bei „Kalte Herzen“ leider nicht der Fall. Die Wiederholung im Oktober 2013, die Anlass unserer Rezension war, hat übrigens dafür gesorgt, dass der Film noch einmal Bewertungspunkte verloren hat. Es ist also nicht so, dass im Abstand von bald 15 Jahren der Kultstatus für diesen Film ausgerufen ist, trotz seiner schrägen Art und der heutigen Bereitschaft, schräg zu akzeptieren. Selbstverständlich darf unsere persönliche Meinung abweichen.

Sie tut es in Maßen: Wir geben 6,5/10, das sind fast 1,4 Punkte mehr als gemäß angesprochener Rangliste, Stand heute.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Alexander Platz 

Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Kriminalrat Friedrichs – Hans-Günter Martens
Tom Soengen – Max Tidof
Frenzy Soutter – Gila von Weitershausen
Romano – Diego Wallraff
Marlo Trekkers – Thomas Bohn
Direktor Schmiedle – Ottfried Fischer
Lou Browster – Jaymes E. Butler
Amy Bell – Giulia Siegel

Regie – Thomas Bohn
Buchh – Thomas Bohn
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Musik – Hans Franek

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