Jesse James, Mann ohne Gesetz (Jesse James, USA 1939) #Filmfest 409

Filmfest 409 A

Jesse James, Mann ohne Gesetz (Originaltitel: Jesse James) ist ein US-amerikanischer Western von Regisseur Henry King aus dem Jahr 1939, der die Lebensgeschichte von Jesse James, einem der berühmtesten Outlaws des Wilden Westens, erzählt.

Was im Film vorkommt und verbürgt ist: Der Überfall auf eine bestimmte Bank im Jahr 1876, dass er zeitweilig unter dem Pseudonym Thomas Howard lebte und dies: Auf Jesse James’ Grabstein ist zu lesen: “…Murdered by a Traitor and Coward Whose Name is not Worthy to Appear Here[3]” (deutsch: „…Ermordet von einem Verräter und Feigling, dessen Name nicht wert ist, hier zu erscheinen.“) (1)

Und alles andere und wie war der Film? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (1)

Missouri nach dem Ende des Sezessionskriegs: Die Eisenbahngesellschaft St. Louis Midland R. R. plant ihre neue Strecke durch die Gegend der Kommune Liberty und hat zu diesem Zweck einen Vertreter namens Barshee losgeschickt, entsprechende Landaufkäufe vorzunehmen; offensichtlich zum eigenen Vorteil zwingt dieser die größtenteils armen Farmer der Region, zum Spottpreis von einem Dollar pro Acre zu verkaufen. Als er und seine Spießgesellen jedoch zum Anwesen von Mrs. Samuels und ihren beiden Söhnen Jesse und Frank James kommen, stoßen sie auf Widerstand. Als der verprügelte und von einer Kugel leicht verwundete Barshee nach Liberty zurückkehrt, erweckt das die Aufmerksamkeit des forschen Zeitungsherausgebers Cobb, der aus seinen Sympathien für die von vielerlei Obrigkeiten bedrängten einfachen Leute oftmals kein Hehl macht. Da Barshee einen Haftbefehl erwirkt, sind die sich gerade mit anderen Farmern auf einem schnell einberufenen Meeting solidarisierenden James-Brüder gezwungen, ein Höhlenversteck aufzusuchen; in ihrer Abwesenheit tötet der mit großem Gefolge anrückende Eisenbahnbeauftragte mittels einer anscheinend versehentlich explodierenden Rauchbombe die allein im Haus befindliche Mutter. Als die Söhne davon erfahren, beschließen sie trotz der Warnungen von Jesses Freundin – Cobbs in der Redaktion mitarbeitende Nichte Zerelda – sofortige Vergeltung: Kurz darauf wird Barshee im Dixie Belle Saloon von Liberty erschossen. Daraufhin wird ein 1000-Dollar-Kopfgeld auf den Jüngeren der Brüder ausgesetzt, das sich nach den ersten Überfällen auf Züge der Midland R. R. erhöht.

Geraume Zeit später erhält der ebenfalls – indes vergeblich – an Zerelda interessierte US-Marshal Wright ein Schreiben vom Eisenbahnchef McCoy, worin Jesse James für den Fall, dass er sich freiwillig stellt, eine milde Strafe von höchstens fünf Jahren Gefängnis zugesichert wird. Zerelda bringt die Nachricht in das Versteck ihres Geliebten, der aber erst unter Androhung der Trennung zur Aufgabe bereit ist; vorher heiraten die beiden in einer gerade den Gottesdienst abhaltenden Kirche. Kaum hinter Gittern, bricht McCoy sein Versprechen und stellt Jesse den Galgen in Aussicht. Zu diesem Zweck wird der ursprünglich vorgesehene Richter ausgetauscht und der mehrfach intervenierende Wright etwas später seines Amtes enthoben. Als Frank schriftlich ankündigt, den Bruder umgehend zu befreien, rekrutiert der schon mit Kavallerietruppen für Ordnung während des Prozesses sorgen wollende McCoy zusätzliche Deputys, doch darunter befinden sich mit Tom und Hank zwei Kumpels der Outlaws, und die Befreiung aus dem Gerichtsgewahrsam gelingt aus diesem Grund mühelos. (…)

 

Rezension

Es gibt weitere Anklänge an die Realität, etwa die Person Zerelda James (Susan), die aber in Wirklichkeit nicht die Tochter eines örtlichen Zeitungsherausgebers, sondern James‘ Kusine war, die er gleichwohl heiratete, einen Überfall auf das Haus der James-Brüder, bei dem deren Mutter verletzt wurde. Aber insgesamt liegt der Realitätsgehalt des Films bei vielleicht einem Drittel, selbst wenn man die historischen Figuren Frank und Jesse James hinzunimmt, um die sich der Film dreht. Aber auch die Art, wie an das Thema herangegangen wurde, ist verblüffend und wenn die Genres in der Hinsicht nicht strikt voneinander getrennt würden, könnte man auch von einem Film noir im Western-Gewand sprechen, allerdings schon 1939 in Farbe gefilmt (2) und mittlerweile sehr schön restauriert.

Dass Frank und Jesse James schon, bevor die Handlung des Films einsetzt, in einer höchst gewalttätigen Südstaaten-Guerilla gekämpft hatten und nicht einfach der Mutter auf der Farm zur Hand gingen, wie man aufgrund der Darstellung vermuten muss, wird einfach weggelassen, obwohl sich erst daraus die hohe Kampfkraft der James-Brüder und der Bande, mit der sie sich umgaben, erklärt: Diese Männer waren während des Bürgerkriegs allesamt Guerilleros. Aber dieser Hintergrund würde der Prämisse des Films entgegenstehen, denn die lautet: Der Kapitalismus macht ehrliche Farmer zu Verbrechern aus Notwehr, die Menschen in den Dörfern und auf den Farmen stehen überwiegend auf ihrer Seite und eine Umkehr zum Leben in Legalität ist noch sehr spät möglich, weil die Hintergründe des Verbrecherlebens berücksichtigt werden. Nicht. Denn die James-Brüder werden reingelegt und in einer wirklich humorvollen Szene sorgt Frank dafür, dass sein Bruder Jesse aus dem Gefängnis freikommt. Auch die Überfälle der beiden verlaufen in der Regel unblutig und kosten die Bahn und die Banken lediglich viel Geld. Die Wirklichkeit sah leider etwas anders aus, das will ich hier nicht verschweigen.

Mich aber auch gleichzeitig mit dem Hinweise davon freimachen, den Film wegen seines Mangels an historischer Authentizität zu bemängeln. Er ist für die Verhältnisse der Zeit erstklassig gefilmt, überwiegend sehr gut gespielt und der Kapitalismus wird so dargestellt, wie man es in komprimierter Form tun kann, auch wenn man dazu Legenden einsetzt, die in Wirklichkeit noch schattiger waren, als sie in „Jesse James“ dargestellt werden. Der rücksichtslose, hinterhältige, kleine und feige Chef der Bahngesellschaft, die Farmern ihr Land abpresst, um ihre Strecke bauen zu können, ist eine Symbolfigur für alles, was an dieser Wirtschaftsform unethisch ist. Selbst während der Zeit des New Deal wurden Film selten so dezidiert aus der Sicht der Outlaws und so gesellschaftskritisch gezeigt. Was man nicht ohnehin anhand des Geschehens eruieren kann, vermittelt uns der feurige Zeitungsverleger, der jeden Missstand benennt und in geradezu ritualisierter Form einen Brandartikel dagegen schreibt. Ein wenig Humor muss auch hier sein, z. B. wegen der Zahnärzte. Dadurch wirkt der Journalismus ein wenig unseriös und der Redakteur wie ein Kritikaster, aber trotzdem wird die Sympathie des Zuschauers so gelenkt, dass er, dass die James-Brüder und dass auch der im wörtlichen Sinne aufrechte Marshall sie erhalten und man über das Ende sehr traurig ist – auch wenn mehr oder weniger pflichtgemäß dargestellt wird, dass James sich mit der Zeit auch eine Verbrechermentalität zulegt. Am Ende, gerade, als er seiner Frau zu liebe, dennoch ehrlich und sesshaft werden will, wird er wieder Opfer eines Verrats, daher auch die Grabsteininschrift.

Das Drehbuch verdichtet die Legende auf eine sehr gekonnte Weise und die 20th Century Fox macht sich um eine sehr soziale Einstellung verdient, in der die staatliche Obrigkeit nicht gut wegkommt und tricky, korrupt und ebenfalls jenseits des Gesetzes operierend dargestellt wird. Die Tendenz, dass Menschen durch die Repression seitens der Wirtschaft und des Staates erst in die Gesetzlosigkeit gezwungen werden, ist so ungewöhnlich stark ausgeprägt, dass man unwillkürlich nach den Hintergründen fragt. In der IMDb steht zu lesen:

This film and „Höllenfahrt nach Santa Fé (1939)“ were both released in 1939 and became very influential westerns. That genre was considered to be box office poison at the time, but these two movies were so well received that westerns were again profitable to release.

Heute ist „Höllenfahrt“ der höher geschätzte Film, sicher auch wegen der Zusammenarbeit von John Ford und John Wayne und seiner prototypischen und erstklassigen Handlungsführung. Aber ich sehe die beiden Filme nicht so weit auseinander, wie die IMDb-Durchschnittswertungen es vermuten lassen (7/10 für „Jesse James“ und 7,8/10 für „Höllenfahrt nach Santa Fé). Dass „Jesse James“ nicht wegen seiner Tendenz, sondern deswegen in die Kritik geriet, weil bei dem spektakulären Sprung von einem Felsen in einen weit darunter vorbeifließenden Fluss zwei Pferde getötet wurden, ist bemerkenswert und führte zu neuen Standards beim Einsatz von Tieren, die unter anderem in dem Hinweis gipfelten, dass bei einem Dreh keine Tiere verletzt wurden, wenn dem so war.

Dass immer mal wieder Stuntmen und andere Filmmitarbeiter bei aufwendigen und gefährlichen Drehs ums Leben kamen, hat hingegen nie zu einem ähnlichen Zertifikat geführt, wenn dergleichen nicht vorkam. Sicher spielt dabei die Willentlichkeit oder die Kenntnis der Gefahr eine Rolle. Selbstgewählter Job gegen von Menschen, also fremdbestimmtes Schicksal der Kreatur. So unwichtig ist die Betrachtung nicht, denn die Gebrüder James werden ebenfalls als Geschöpfe dargestellt, die durch den ruchlosen Kapitalismus zu den Waffen getrieben werden, das einzige wirksame Mittel in dem Fall, um nicht abgezockt zu werden. Den miesen Agenten der Eisenbahngesellschaft, der die Farmer nötigt, ihr Land für einen Dollar pro Morgen zu verkaufen, wurde von Brian Donlevy so gut verkörpert, dass er in den 1940ern permanent solche schmierigen Typen zu geben hatte.

Hingegen wurde Tyrone Powers Image als junges „Matinee-Idol“ durch seine Darstellung des Jesse James nicht beschädigt, er spielte seine berühmtesten Rollen in „Mark of Zorro“ und „Blood and Sand“ erst in den folgenden Jahren. Gleiches lässt sich für Henry Fondas sagen, dessen Karriere durch die Verkörperung von dessen Bruder keinen Schaden erlitt, aber er ist ja auch der Vernünftigere der beiden James, der den Sprung in die Legalität schafft – insofern eine weitere Parallele zur Realität. Powers neue Stellung dokumentierte sich nicht zuletzt darin, dass er die Titelfigur verkörperteund first billed war, vor Fonda. Dieser hatte jedoch in „Trommeln am Mohawk“ im selben Jahr seinen eigenen großen Auftritt, den man zu den erfolgreichen Western hinzufügen kann – oder auch nicht, denn es handelt sich um einen Pionierfilm, der gegen Ende Ende des 18. Jahrhunderts spielt.

Finale

Henry Kings versierte Regie, der gute Rhythmus und die mitten in der historischen Ungenauigkeit beachtlich exakte und nachvollziehbare Handlung und natürlich die Spitzendarsteller Power, Fonda und die ebenfalls tadellos spielenden Nebenrollenschauspieler machen diesen Film ansehnlich. Er ist straightforward, wie damals noch üblich, zeigt aber ein hinreichendes Maß an Differenzierung der Figuren, um auch mit späteren Werken, die mehr in die psychologisierende Phase des US-Kinos fielen, mithalten zu können – ohne dass zu viel erklärt wird, hätte ich beinahe geschrieben. Die kleine Schwäche gibt es schon, dass stellenweise die Dialoge dominieren. Doch das Abwägen zwischen Handlungsmöglichkeiten hat andererseits den Vorteil, dass man als Zuschauer immer weiß: So hätte man es spielen können, aber jener andere Weg wurde gewählt. Im Verlauf des Films werden die James-Brüder somit immer mehr zu Menschen, die sich bewusst für den Kampf entscheiden. Während des Banküberfalls in Wisconsin tragen sie sogar lange, helle Staubmäntel, wie sie im Italowestern wiederbelebt und ikonische Kleidungsstücke der Otulaws wurden.

79/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) IMDb: One of 13 features released in 1939 filmed wholly or partly in the three-strip Technicolor process, the others being Herr des Wilden Westens (1939), Trommeln am Mohawk (1939), Vier Federn (1939), Vom Winde verweht (1939), Gullivers Reisen (1939), Damals in Hollywood (1939), Tanz auf dem Eis (1939), Die kleine Prinzessin (1939), The Mikado (1939), Günstling einer Königin (1939), Der Zauberer von Oz (1939), and Die Frauen (1939). A 14th feature, Land of Liberty (1939), utilized color footage from previously released films.

Regie Henry King
Drehbuch Nunnally Johnson
Produktion Nunnally Johnson,
Darryl F. Zanuck
Musik Louis Silvers
Kamera George Barnes,
W. Howard Greene
Schnitt Barbara McLean
Besetzung

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