Er wird töten – Tatort 876 #Crimetime 957 #Tatort #Bremen #Lürsen #Stedefreund #RB #töten #er #wird

Crimetime 957 – Titelfoto © RB, Jörg Landsberg

Aufdrehen oder durchdrehen

An Inga Lürsen haben wir uns manches Mal gerieben, wenn wir über Bremer Tatorte zu schreiben hatten. Dieses Mal gab es kaum Grund, das Anstrengende ist dem absoluten, über allem stehenden Drama gewichen.

Inga verliert ihren gerade gewonnen Lover und Polizeikollegen Uljanoff, verliert den Überblick über einen im Grunde simplen Fall, den sie bei dieser persönlichen Einbindung gar nicht bearbeiten dürfte, auch nicht als „Hilfe“ für den Chef, der die Ermittlungen leitet.

Stedefreund hingegen, aus Afghanistan zurückgekehrt, hat dort ein typisches Kriegstraume hinzugewonnen, das ihn nunmehr in die immer länger werdende Reihe der gebrochenen Tatort-Ermittler einreihen dürfte. Da fließt alles ineinander mit viel Blut und man muss wieder einmal feststellen, dass sie in der Hansestadt ganz schön ins tief Menschliche greifen und dies sehr melodramatisch inszenieren, um die Aufmerksamkeit hochzuhalten.

Dass der Fall an mehreren Stellen quietscht und ächzt, wenn es um die Logik geht, sollen wir das überhaupt noch in die Bewertung einfließen lassen, angesichts der Tatsache, dass Realitätsnähe bei modernen Tatorten immer mehr lästig ist und daher über Bord geworfen werden darf?

Handlung

Stedefreund ist aus Afghanistan zurück! Doch ehe sich Hauptkommissarin Inga Lürsen darüber freuen kann, muss sie sich im Präsidium mit einer bedrohten Frau auseinandersetzen, die immerzu “Er wird töten” sagt. Als Stedefreund Ingas neuen Kollegen Leo Uljanoff herbeiholen will, macht er eine grausame Entdeckung: Leo wurde im Präsidium ermordet. Die Suche nach dem Mörder beginnt.

Obwohl Inga eine Liebesbeziehung mit Leo hatte, will sie den Fall lösen. Wiedervereint beginnen Inga und Stedefreund mit den Ermittlungen. Sie finden heraus, dass es sich bei der Frau um die Ärztin Marie Schemer handelt. Sie bezichtigt ihren Exmann Joseph, sie zu verfolgen, zu bedrohen und die gemeinsame kleine Tochter und jetzt auch Leo umgebracht zu haben.

Tatsächlich gibt es eine Verbindung: Leo leitete vor acht Jahren einen Fall, in dem es um den Tod der Tochter von Joseph und Marie ging. Damals wurde Joseph verurteilt, das Kind getötet zu haben. Wurde Leo deshalb ermordet?

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Das größte Fragezeichen steht sicher hinter dem Tatbestand des Mordes an Kommissar Uljanoff. Woher sollte das lange, große Messer kommen, mit dem Maie Schemer erst den Kommissar und dann sich selbst verletzt hat? Weitere Auszüge aus dem Logikbruch-Strafregister: Wieso wurde diese riesige, allüberall im Haus der Schemers verbreitete Schrift nicht graphologisch mit der von Joseph Vegner, später mit der des Bruders und vielleicht auch mal mit der von Marie Schemer abgeglichen? Die Stimmen zweier Menschen sind auch niemals gleich, auch nicht bei Zwillingen, soviel zur Auswertung.

Ein eher weiches Problem ist hingegen, warum die sonst so intuitive Inga Lürsen so spät merkt, dass mit Marie Schemer etwas nicht stimmt. Bei Ärzten, bei denen alles überlebensgroß ist, insbesondere der eigene Job und die eigene Bedeutung, wird auch alles absolut und kann zu Kurzschlüssen führen. Nicht umsonst haben Ärztinnen im Realen meist wenig Humor, ihre Ernsthaftigkeit tendiert zuweilen ins Beängstigende.

Das wurde im Film ganz gut rübergebracht, wie ja Ärzte bei den Tatortmachern generell eine beinahe so schlechte Lobby haben wie Juristen. So gut die Figur der Marie gespielt und angelegt ist, wird sie leider in eine überzogene Gesamthandlung hineingedrückt, die natürlich dafür sorgt, dass nicht wirklich über psychologische Details und deren Stimmigkeit nachgedacht werden muss.

Schon bei den ersten Ermittlungen unter der Leitung von Uljanoff  hätte da etwas auffallen müssen. Ansonsten wäre der Geliebte der blonden Spürnase und Wächterin über die gute Gesinnung kein sehr guter Polizist gewesen. Gut, man hat damals ein falsches Gutachten zur Todesursache des Kindes abgegeben, an das die Polizei sich natürlich gehalten hat. Insofern halb entschuldigt. Nur halb, weil ja schon damals offenbar der begutachtende Gerichtsmediziner mit Marie Schemer verbandelt war. Das hat die ermittelnde Mordkommission übersehen.

Nicht klar wird, warum Marie Schemer nun wirklich ihre Tochter umgebracht hat. Aus Versehen, aus Karrieredenken? Schuld an dem Wirrwar ist unter anderem eine Bremer Besonderheit, die uns mittlerweile so richtig auf den Zeiger geht: Dass die Dialoge bewusst genuschelt und von Hintergrundgeräuschen überlagert werden. Das ist nicht avantgardistisch, vielmehr könnte man unterstellen, dass die unsaubere Spreche dazu dient, Unsauberkeiten im Plot zu übertünchen. Wir haben dieses Mal darauf verzichtet, den Tatort jedes Mal anzuhalten, wenn ein Satz oder Begriff schwer verständlich war, sonst hätten wir um Mitternacht noch dagesessen, was vor einer Arbeitswoche nicht einmal als Opfer fürs Schreiben über einen Bremer Tatort möglich ist.

Unsauber gearbeitet, Bremen. Da sind wir beinahe so streng mit der Welt und dem Format und dem Film wie z. B. eine veritable Ärztin.

Ein weiterer Mangel des Films, der in Richtung weist, dass Effekte wichtiger sind als Stringenz, ist die Story des nun Afghanistan-Antihelden Nils Stedefreund, von seiner ihm gegenüber noch immer etwas herablassenden Kollegin Lürsen stets und ausschließlich mit Nachnamen bedacht. Woher wir dessen Vornamen haben, wissen wir gerade selbst nicht, vermutlich aus einer Besetzungsliste, in der man sich verplappert hat. Das Trauma von Nils S. ist eines  zu viel im Film, die vielleicht als Spiegelung gemeinte Situation, in welcher er einen von einem Heckenschützen getroffenen Kameraden mit dem Gnadenschuss ins weniger schmerzbehaftete Jenseits befördert, ist zwar für ihn selbst und die Veränderung seiner Figur wichtig, aber sie lässt dieses „too much“-Gefühl entstehen, das wir bis zum Ende des Films nicht mehr loswurden.

Aber er ist zurück und das ist vermutlich besser, als das Verhältnis zwischen den sehr ungleichen Figuren Lürsen und Uljanoff bis zur gemeinsamen Wohnung weiterzuspinnen. So sehr es durchschaubar ist, warum Polizisten und Polizistinnen immer nach kurzer Zeit die Partner verlieren, so wahr es manchmal sein mag, dass die betreffenden Schauspieler nicht mehr mitmachen wollen, so sehr atmen wir dieses Mal auf. Vielleicht, weil wir aus unserer Erziehung heraus so eine gewisses Empfinden für Ästhetik und Peinlichkeit mit uns herumtragen. Früher haben wir bei besonders schlimmen Szenen auch mal vom Bildschirm weggeguckt oder sogar kurz abgeschaltet.

Klar, wenn alles ironisch gemeint ist, dann ist das was anderes, wir können über die schrägsten britischen Gags lachen. Aber hier ist die Romantik stellenweise am Rand der Lächerlichkeit, und wir sind zu romantisch veranlagt, um so etwas witzig zu finden. Wenigstens war Uljanoff echt knuffig, das hat uns noch gerade davon abgehalten, an vermutlich nicht erwünschten Stellen zu grienen. Schwamm drüber, ein Messer aus dem Nichts hat den im Grunde sehr sympathischen Typ hinweggerafft.

Finale

Etwas ist falsch in diesem Tatort, dieses Gefühl hat uns die ganze Zeit begleitet. Nicht nur, dass wir früh ahnten, wer die kleine Christine auf dem Gewissen hat und den Verdacht hegten, dass die Macher von „Er wird töten“ wohl der Ansicht waren, schon durch den Titel eine voll gute falsche Spur gelegt zu haben, sodass das geneigte Publikum bis kurz vor Schluss aber auch gar nicht auf das „sie“ schwenken kann (im Grunde eine Frechheit, einen bewusst irreführenden Titel zu wählen, so etwas gehört sich im guten Krimihandwerk nicht) – nein, das Gefühl brach sich auf einer weiteren Ebene Bahn. Wohl auf der psychologischen. Hier wird zu plakativ gegen Klischees gearbeitet. Wir sind zwar auch der Ansicht, dass es Menschen gibt, denen ohne größeres Eigenverschulden immer das Pech an den Stiefeln klebt und ahnen daher früh, dass Joeph Vegner nicht seine Tochter umgebracht hat.

Aber wenn man Überflüssiges weggelassen hätte, wie z. B. Stedefreunds Afghanistan-Geschichte, dann hätte noch so viel Zeit in eine glaubwürdigere Feinzeichnung der Figuren fließen können, wie man es aus guten Tatorten, insbesondere älteren Folgen, kennt. Wir drücken damit nicht aus, dass wir Altfilme generell für besser halten, sondern nur, dass die sogenannten Seelenstriptease-Krimis, die es schon seit langem gibt, damals ernsthafter und tiefer angegangen wurden. Neuere, eher actionorientiertere Varianten haben daneben durchaus ihren Platz, wenn die Action gut ist.

Angesichts der teilweise grimmigen Aussetzer, die wir in diesjährigen Tatorten schon gesehen haben, ist die Bewertung von 6,5/10 aber kein Drama. Und vor allem halten wir, das, was wir hier tun, nicht für so groß, dass es kaum ohne Stocken und Staunen vor der eigenen Wichtigkeit an unserer Leser weitergegeben werden darf.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Oliver Mommsen als Hauptkommissar Stedefreund
Sabine Postel als Hauptkommissarin Inga Lürsen
Annika Kuhl als Marie Schemer
Antoine Monot, Jr. als Leo Uljanoff
Matthias Brenner als Dr. Katzmann
Winfried Hammelmann als Karlsen
Heinz Lieven als Prof. Max Schemer
Camilla Renschke als Helen
Peter Schneider als Joseph und Robert Vegener
Werner Wölbern als Joost Brauer
Michael Abendroth als Theo Kiempolz
Jeannette Arndt als Helga Vegener
Irene Kugler als Leo’s Mutter
Jurij Schrader als Petric
Laina Schwarz als Uniformierte Polizistin
Aaron Thiesse als Kommissar Bollmann
Helge Tramsen als Hundeführer 1
u.a.

Drehbuch – Christian Jeltsch
Regie – Florian Baxmeyer
Kamera – Marcus Kanter
Musik – Jakob Grunert

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s