Trapez (Trapeze, USA 1956) #Filmfest 425

Filmfest 425 Cinema

Trapez (Originaltitel: Trapeze) ist ein US-amerikanisches Filmdrama des britischen Regisseurs Carol Reed aus dem Jahr 1956. Das Zirkusmelodram, das auf dem 1950 erschienenen Roman Unwiderruflich (The Killing Frost) von Max Catto basiert, stellt zwei befreundete Artisten mit Fliegendem Trapez (gespielt von Burt Lancaster und Tony Curtis) in den Mittelpunkt. Zwischen sie drängt sich eine ehrgeizige Frau (Gina Lollobrigida). Der Film wurde von Harold Hechts, Lancasters und James Hills gegründetem Produktionsunternehmen Hecht-Hill-Lancaster produziert und am 30. Mai 1956 in den Vereinigten Staaten uraufgeführt.[2]

Die Frage, was ein Filmklassiker ist, lässt sich, nicht sehr überraschend, unterschiedlich beantworten. Es gibt eine puristische Sichtweise, die sehr eng mit dem Begriff verfährt und die ist nicht die Schlechteste, weil sie der Inflation aller Super- Mega- und Gigalomalismen vorbeugt und zum Beispiel darauf abstellt, dass Klassiker nur Filme sind, die echte Meilensteine des Kinos darstellen. So weit, so gut. Aber noch nicht abgeschlossen, denn mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung

In Paris sucht Tino Orsini, Sohn eines verunglückten Kollegen, den früheren Weltklasse-Artisten Mike Ribble auf. Ribble hat seit einem gescheiterten Versuch, den dreifachen Salto am Zirkustrapez zu demonstrieren, seine Karriere vor Jahren aufgegeben. Dem Alkohol zugetan und eine bleibende Verletzung am Bein davon tragend, arbeitet er nur noch als Takelmeister. Der Zirkusbesitzer und Ribbles frühere Geliebte Rosa, eine Kunstreiterin, überreden ihn dazu, den forschen Amerikaner zu trainieren und auf eine gemeinsame Trapez-Nummer und den dreifachen Salto hinzuarbeiten. Ribble gibt das Trinken auf und dient Orsini in den folgenden Wochen als Lehrmeister und Fänger.

Die attraktive Trampolinspringerin Lola möchte ebenfalls in die Trapez-Nummer aufgenommen werden. Von Ribble nicht akzeptiert, vermag Lola während eines Zwischenfalls in der Manege durch einige Tricks am Seil zu überzeugen. Noch immer von Ribble ignoriert, beginnt sie, den jungen Tino zu verführen, was zu Missstimmung zwischen ihm und seinem Mentor führt. Lola wird daraufhin Bestandteil von Mikes und Tinos Tapez-Nummer, der seine Konzentration und alte Selbstsicherheit zurückgewinnt. Bei Erfolg haben sie die Chance, vom bekannten Unternehmer Ringling North für den US-amerikanischen Markt unter Vertrag genommen zu werden.

Lola muss in der folgenden Zeit erkennen, dass sie in Wirklichkeit in Mike Ribble verliebt ist. Auch Ribble gesteht sich seine Gefühle für die Italienerin ein, nachdem er während eines Zwischenfalls mit einem entlaufenen Löwen beinahe getötet worden wäre. Noch bevor sie Tino über die aufkommende Beziehung informieren können, entdeckt dieser die beiden beim vertrauten Stelldichein. Tino erklärt daraufhin ihre Partnerschaft für beendet. Während der folgenden Abendvorstellung, bei der auch Ringling North anwesend ist, gelingt es dem mittlerweile gefeuerten Ribble seinen alten Platz als Fänger am Trapez zurückzugewinnen. Obwohl Bouglione das sichernde Netz abbauen und eine Tanznummer in der Manege auftreten lässt, überredet Ribble Tino den dreifachen Salto zu versuchen, der ihm schließlich auch gelingt. Auf Ribble und Tino wartet daraufhin ein Vertrag in New York, doch Ribble überlässt seinen Platz einem anderen. Lola und er verlassen daraufhin gemeinsam den Zirkus.

Rezension

Der Sender, der „Trapez“ jetzt wieder ausgestrahlt hat, labelt eine ganze Serie von Vorführungen genau so: Als Meilensteine der Filmgeschichte. Darunter auch diesen, und darin liegt das übliche Problem. Neben den Geschenken echter Wunder wie „The Magnificent Ambersons“ (zeitweilig ohne Köpfe und Füße ins 16:9 Format gepresst) von Orson Welles auch ein Zirkusmelodram wie „Trapez“, auf umgekehrte Weise im falschen Format gezeigt, nämlich unter 16:9-Verengung des Cinemascope-Verfahrens, damit ohne den Hauptteil der optischen Wirkung des Originals, dazu undeutlich im Bild und verwaschen in den Farben, sodass die Ausstrahlung in HD eher einen Witz darstellt und unnötig Platz auf dem Aufzeichnungsgerät wegnimmt. Dass der Film ursprünglich in 2,35:1 gefilmt wurde, sieht man nur in dem kurzen Moment, in dem der Titel eingeblendet ist. Wohl deshalb, weil er rechts und links abgeschnitten gewesen wäre, hätte man auch in diesem Moment den zu engen Bildausschnitt gewählt, anstatt doch die schwarzen Streifen oben und unten zuzulassen.

Dies ist keine Rezension des Abspielmediums, sonst könnten wir auf die mittlerweile erhältliche Blue-Ray verweisen, in der gewiss alles richtig ist, technisch betrachtet. Aber es beleuchtet den nonchalanten Umgang mit alten Filmen, während öffentlich-rechtliche Sender mittlerweile restaurierte Varianten alten Materials zeigen, die auch wieder ein kleines Problem aufweisen: Einige davon sind bezüglich der Schärfe, der Belichtungskonstanz und der Bildkontraste so brillant, wie das Original angesichts zeitgenössischer technischer Grenzen nie gewesen sein kann.

Andererseits – Filme wie „Trapez“ werden nicht alle Tage gezeigt und wenn man sich nicht die Mühe oder Ausgabe machen will, ihn auf Datenträger oder per Download auszuleihen, muss man mit den genannten Beschränkungen Vorlieb nehmen. Und die beinhalten, dass der Alt-Eindruck des Films steigt, aber auch die Konzentration, die durch das enge Bild hervorgerufen wird, die Dramatik des Geschehens, legen zu. Fairerweise muss man sagen, die Trapezkunststücke sind trotzdem noch weitgehend vollständig im Bild und die Höhepunkte, in denen Fänger und Flieger einander treffen, wirken sehr knackig, in diesem intimen Bildformat.

Auf dem Weg zum Klassiker kann ein Film es sich leichter machen, wenn er von eine hochkarätigen Team gestaltet wurde. Dass „Trapez“ ein solches bieten kann, steht außer Frage. Der gerade geadelte Sir Carol Reed, Regisseur von „Der dritte Mann“ (1949), war einer der Regiestars seiner Zeit. Burt Lancaster brachte nicht nur erhebliche Starpower mit, sondern begann sein Berufleben tatsächlich als Hochseilkünstler, bevor er zum Film kam und war der physisch präsenteste Hollywoodschauspieler, bis Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger kamen. Dazu der aufstrebende Tony Curtis, der in jenen Jahren und vor allem nach „Prince Valiant“ (1954) von jedem genannt wurde, der eine kleine Liste besonders aufstrebender Jungschauspieler erstellen sollte.

Obwohl ein erster Hinweis auf die Stellung des Films schon die Tatsache ist, dass Burt Lancaster ihn nicht zu seinen Lieblingen zählte, wenngleich er unbedingt eine Reminiszenz an sein früheres Leben verfilmen wollte, nachdem er reich und berühmt genug war, sich mit als Teilhaber an einer der ersten unabhängigen Produktionsfirmen Hollywoods (Hecht-Hill-Lancaster) die Stoffe aussuchen zu können. An der Kollaboration mit Curtis kann es nicht gelegen haben, die beiden hatten im Jahr darauf den heute zweifelsfrei als Klassiker anerkannten „Sweet Smell of Success“ miteinander gedreht, der Lancasters bis dahin vielleicht beste Schauspielleistung zeigte.

Die Frage, was Gina Lollobrigida in ihrer ersten US-Produktion hier tut, ist berechtigt, aber ganz offensichtlich wird es, wenn man sie weglassen und durch eine US-Schauspielerin damaliger Zeit und von einiger Prominenz ersetzt hätte: Das Schmierenkomödiantenhafte, das man dem Zirkusleben gerne zurechnet, wäre vielleicht nicht so authentisch geworden. Als kleines Miststück, das sich um der eigenen Karriere wegen zwischen den ebenfalls karrierewilligen Jungartisten Curtis und den versehrten Ex-Zirkusstar Lancaster drängt, ist sie Teil eines Dramas, das atmosphärisch sehr dicht geworden ist – sicher auch dank der Regie von Carol Reed, dessen Gespür für Menschen und Stimmungen zu seinen größten Talenten zählt und der eine starke Beziehung zu Außenseiterfiguren aufbauen kann. Und wenn man von dem hin und wieder auftretenden US-Zirkusdirektor in diesem Film absieht, der eher wie ein Hollywoodmogul daherkommt, sind alle gezeigten Figuren im Realleben Außenseiter. Seine visuellen Fähigkeiten konnte Reed in „Trapez“ darauf konzentrieren, die Zirkusnummern, vor allem bei den Proben, konzentriert zu filmen, manche Einstellungen wirken trotz Farbe und Cinemascope (hinzugedacht, siehe oben) durchaus expressionistisch, ohne natürlich die Thrilleratmosphäre eines in Schwarz-Weiß gedrehten Film noir zu evozieren.

Alles ist auch persönlich, daran führt nichts vorbei, auch nicht bei der Filmkritik. Bei uns hat diese Konstellation von zwei Männern, deren Arbeitsbeziehung durch eine Frau gestört wird, etwas ins Schwingen gebracht, obwohl wir uns nach dem Anschauen des Films beim besten Willen nicht daran erinnern konnten, einmal eine solche Situation erlebt zu haben. Manchmal reicht schon das Spielen mit insofern eher abstrakten Ängsten, um Emotionen zu erzeugen. Wenn man einige Tage später, wie jetzt, davon Abstand nimmt und die intellektuelle Distanzbrille aufgesetzt hat, ist es leicht, dieses Artisten-Dreiecksverhältnis als schwülstig zu bezeichnen. Es ist aber, ohne dass die Lollobrigida sich schauspielerisch besonders anstrengen muss, kraftvoll und sogar in weiten Teilen plausibel dargestellt.

Weiterhin muss man dem Film zugute halten, dass er beinahe keinerlei dramaturgische Schwächen aufweist und auch nicht der Gefahr erliegt, allzu viel Zirkus um den Zirkus zu machen – die Konzentration aufs Wesentliche, allerdings nicht unter Einbeziehung von Clownnummern, wie es Charles Chaplin in seinem Zirkusfilm „Circus“ von 1928 tat, ist einer der Pluspunkte von „Trapez“. Das Ende ist insofern interessant, als es ein „Dazwischen“ ist und die Figur Lola eine Wandlung erfährt. Sie verzichtet tatsächlich für Mike Ribble aufs Intrigieren und verlässt mit ihm den Zirkus ins Irgendwo, während im Hier und Jetzt der junge Orsini mit Ribbles ehemaligem Fänger Otto ein neues Trapezkünstler-Duo formen kann.

Finale

Wegen der Stars und der Atmosphäre ist der Film doch immer noch ansehnlich. Wenn man ihn als Klassiker bezeichnen will, dann allerdings wohl eher, indem man ein eigenes Genre namens „Zirkusfilm“ herausbildet und alle bekannteren Filme dieses Genres in diesen Status erhebt. Die eigenartige Melancholie, die man im Zirkus so gut Film werden lassen kann (wir haben sie gerade in „Der Himmel über Berlin“ sozusagen mitrezensiert), weicht hier einer dampfenden Eifersuchts-Hexenküche, in der gar kein Platz für Tristesse ist. Sie wird durch Ribbles Verwundung, durch Lolas Verrat an ihren früheren Partnern und dem herzlosen Verhalten des Zirkusdirektors durchaus beabsichtigt,  aber da Ribble von Lancaster gespielt wird und selbst als Invalide noch vitaler wirkt als die meisten Schauspieler ohne Verletzung, hält sich das Bedauern über die glanzvolle Vergangenheit, der eine weniger erfreuliche Gegenwart gegenübersteht, die auch nicht in ein echtes und dauerhaftes Comeback münden darf, in Grenzen.

69/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Sir Carol Reed
Drehbuch Liam O’Brien
James R. Webb
Ben Hecht
Wolf Mankowitz
Produktion Harold Hecht
James Hill
Burt Lancaster
Musik Malcolm Arnold
Kamera Robert Krasker
Schnitt Bert Bates
Besetzung

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