Schwindelfrei – Tatort 889 #Crimetime 970 #Tatort #LKA #Murot #HR #Schwindel #frei

Tatort 970 – Titelfoto © HR Katrin Denkewitz

Schluss mit dem Schwindel, doch je älter man wird, desto mehr stellt sich die Sinnfrage

Die Handlung in einem Satz: Als Felix Murot, Sonderermittler des LKA Wiesbaden, erfährt, dass Lilly, der Tumor, sich von ihm verabschiedet hat, kommt zum Ausgleich ein Zirkus in die Stadt Fulda und aus dem Zelt und während der Vorstellung und zwischen den Vorstellungen verschwinden Menschen und dadurch erhält Murot die Gelegenheit, undercover als Zirkuspianist zu arbeiten und wir sehen, so viel hat sich nun nach Lillys Abgang auch nicht verändert, denn nach wie vor fliegen und stehen Frauen auf dieses Multitalent. 

Es gibt so viele schöne Zirkusfilme. Oft ist da etwas Melancholisches, Trauriges drin. Das hat man auch in „Schwindelfrei“ nicht vergessen, schließlich verliebt sich ja die  Zirkusartistin Caja in Murot, der so schön Klavier spielen kann. Die Artisten spielen auf und der Fall wird mehr nebenbei gelöst, damit die Atmosphäre nicht wesentlich durch dröge Ermittlungsarbeit gestört wird. Und sonst? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

„Wächter, es gibt etwas zu feiern! Mein Tumor ist weg! Kommen Sie zu mir nach Fulda, ich lade Sie in den Zirkus ein.“ Magda Wächter, noch etwas skeptisch, folgt der Einladung ihres LKA-Chefs Felix Murot, und gemeinsam besuchen sie eine Vorstellung im Zirkus „Raxon“. Mitten in der Vorstellung erhebt sich eine Frau im Publikum und deutet hysterisch schreiend auf jemanden in der Manege: „Das ist er! Lasst ihn nicht entkommen!“ Das Licht geht aus, die Frau ist weg, und der Pianist der Zirkuskapelle verletzt sich im Dunkeln die Hand.

Am nächsten Morgen erfahren Wächter und Murot, dass die Frau seit dem gestrigen Abend vermisst wird. Murot wittert Unbill, stattet dem Zirkus einen erneuten Besuch ab und schafft es – undercover als Pianist – in der Zirkuskapelle anzuheuern. Doch seine Anwesenheit wird nicht von allen Zirkusleuten gut geheißen.

Nachdem der verletzte Pianist in einem Gespräch andeutet, er habe interessante Beobachtung gemacht, verschwindet auch er kurz darauf spurlos. Nach und nach stößt Murot auf ein tödliches Geheimnis aus der Vergangenheit eines Artisten. 

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Die gute Botschaft: Auch ohne Tumor bleibt Murot ein besonderer Typ für besondere Filme. Die schlechte Botschaft: So besonders war der Film auch wieder nicht, denn über allem liegt etwas von verfehltem Kern. Oft hat man das Gefühl, es wird haarscharf an einer Klasse-Vorstellung vorbeigezielt. Vielleicht soll das ja so sein, schließlich haben wir hier einen bewusst auf klein getrimmten Wanderzirkus vor uns, der wie ein armes Brüderchen aus dem  Zirkus Busch herausgeschält wurde, der sich für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt hat.

Murot steht so im Vordergrund, dass viele wunderbare Schauspieler höchstens ihr Können andeuten, aber nicht ausspielen können. Es gibt ziemlich zwanghaft herbeigewitzelte Szenen zwischen Murot und seiner Assistentin, bei denen wir stellenweise dachten, es könnte auch besonders hintergründiger Humor sein, wie etwa die Splitscreen-Szene Boutique / Imbiss; es gab wunderschöne Momente im Zirkus mit Romantik und Melancholie und Typen – aber etwas Magisches hat der Film in seiner Gesamtheit nicht. Positiv für die Stimmungswahrnehmung immerhin: Er wurde im Spätherbst gedreht und das passt ganz gut zu seinem Grundton und zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung.

Der 889. Tatort hat uns interessiert, aber nicht verzaubert. Er hat uns professionell wachbleiben lassen, aber uns nicht tief berührt. Es wurde uns im Wege des Überraschungsgags am Anfang, als Murot den Tatort-Vorspann ausschaltet, gesagt, dies ist kein Tatort, und dem können wir letztendlich zustimmen, auch wenn der Plot als klassischer Whodunnit daherkommt.

Der Hessische Rundfunk berichtet auf dieser Seite ausführlich über die Dreharbeiten und man spürt den Stolz, die Begeisterung und den Hang zum Extravaganten, der dem Film seitens der Beteiligten unterstellt wird. In Ermangelung eines Tumors, der zu verfremdeten Bildern der Wirklichkeit führt, wie sie besonders in „Das Dorf“ zu bewundern waren, wird eine bunte Welt gezeigt, die hin und wieder kaum realer wirkt als die Halos, die jener Tumor verursacht hat, die aber nicht so konsequent subjektiv sind.

Es gibt ein Lied aus einem Musical namens Lili (mit nur einem „l“ und mit „i“ am Ende), da spaziert ein Mädchen über einen Jahrmarkt, daran mussten wir für einen Moment denken, als wir Lilly, den weiblichen Tumor, dann doch vermisst haben. Wie wären Wirklichkeit und Fiktion, echtes Reden und Bauchreden des Nachbarn ineinander verschmolzen? Wie hätte man die Auflösung inszenieren können, vom Wahn gesteuert?

So wirkt das Ende mit diesem gefälschten Geständnis peinlich. Man kann’s leider nicht anders beschreiben. Und da hilft auch nicht die Fahndung nach einem schlau versteckten Subtext, das Finale ist nicht famos. Der Mörder ist derjenige, den wir von dem Moment an in Verdacht hatten, als er zum ersten Mal auftrat und besonders in Verdacht hatten, nachdem wir erfahren haben, dass der Messerwerfer der einzige Deutsche in diesem multinationalen Zirkusteam ist.

Nein, wir sind nicht gegen PC, man hätte es auch so lösen können, dass es mehrere Deutsche gegeben hätte und einer davon wär’s halt gewesen. Aber so war der Schluss zu offensichtlich und die Worte, die man dem Ex-Soldaten am Ende als schäbigen Rechtfertigungsversuch in den Mund gelegt hat, zu – ja, zu schäbig. Seufz. Doppel- und Dreifachseufz. Kein Wunder, dass dieses Land nie aus der latenten oder akuten Depression kommt, wenn es immer wieder so darauf gestoßen wird, dass die von Geburt an darin lebenden Menschen grundsätzlich böse und moralisch minderwertig sind und irgendwie auch ein wenig dämlich.

Da kann es zu selbsterfüllenden Prophezeiungen kommen, wie schon einmal vor ziemlich genau 80 Jahren. Vor 20 Jahren die Bundis im Kosovo. Gestern wieder die Dresdner Fußballnazis. Man könnte den Kopf in beide Hände nehmen, ihn so fest pressen wie möglich und sich eine Lilly wünschen, die dafür sorgt, dass die Welt einen Sinn bekommt oder wenigstens die Wahrnehmung so verändert, dass das Leben wieder spannend und weniger vorhersehbar wird.

Ihre Raison d’être,  die hat Murots Welt ohne Lilly zunächst verloren. Das erklärt uns Felix Murot in einer Szene nach dem eigentlichen Schluss, die auch ziemlich nachgeschoben wirkt, als könnten die Macher nicht loslassen und es mit dem kleinzirkusmäßig inszenierten, aber doch einprägsamen Kracher mit dem Pascha, dem Clown und der Bauchredner-Maske gut sein lassen. Als es Lilly noch gab, bestand der Sinn für Murot wohl darin, mit ihr zu leben und zu kämpfen, sie zu hassen und zu lieben – und seine Arbeit trotzdem irgendwie zu verrichten. Nicht realistisch, aber unterschwellig heroisch und außerdem dazu geschaffen, Bilderstürme wie „Das Dorf“ zu rechtfertigen. Den Tatort fanden wir gut, an den kommt „Schwindelfrei“ nicht heran obwohl wir mittlerweile hinter den Titel gestiegen sind.

Gemeint sind nicht die Artisten unter der Zirkuskuppel, Hochseilakrobatik sieht man leider nur übungsweise, knapp über dem Boden, ebenso dürfen wir leider keine schillernden Trapezkünstler bewundern. Es ist ja auch ein kleiner, intimer Zirkus, gefühlt 20 bis 25 Menschen, von denen fünf oder sechs eine Rolle im Fall spielen – oder zu spielen scheinen.

Ins  Zelt passen nur 250 bis 300 Zuschauer, aber das Zelt ist voll. Kein Wunder, denn Ulrich Tukur singt als Felix Murot eines der schönsten Zirkuslieder überhaupt: „Oh mein Papa“, das wir als Original von Lys Assia kennen und das in dieser Version von ca. 1948 natürlich noch sentimentaler  und bezaubernder ist. Trotzdem gut gemacht, wie auch das vermutlich eigenhändige Klavierspiel Tukurs. Diese Vielseitigkeit hat etwas Amerikanisches, da steckt ein Entertainer im LKA-Beamten, und damit auch ein Frauenschwarm.

Rentnerinnen im Café, Assistentinnen und eine reizende Zirkusprinzessin, die mehr als die Inszenierung ein Gefühl von dieser Welt aufkommen lässt, auch wenn sie zu wenig Raum bekommt, sich zu entfalten. Murot taucht nicht in die Zirkuswelt ein, wirkt auch nicht wie ein Beobachter, vielmehr dominiert er sie von dem Moment an, als er ein Billet erwirbt und dann als Gastteilnehmer in die Manege gerufen wird. In der Folge spürt er nicht Strömungen und Ereignissen nach, sondern setzt sie durch seine Anwesenheit in Gang oder bestimmt ihren Lauf – er befragt nicht die Menschen und ihre Schicksale, sondern lässt seine wackere Frau Wächter recherchieren und lenkt das Geschehen, weil seine Anwesenheit für Unruhe sorgt.

Das wirkt ein wenig selbstverliebt. Er mag die Zirkuswelt, aber er wird nie ein Teil von ihr, sondern bleibt außen vor, selbst, als er eine Clownsmaske und ein Clownskostüm trägt und damit das optische Maximum an Verwandlung und Anpassung ans Milieu vollzieht. Das bedeutet, dass wir mit ihm auf Distanz bleiben und ihn sehen und wie er handelt und redet, und aus seiner Perspektive die Dinge wahrnehmen. Große Zirkusfilme sind aber von innen heraus gefilmt, aus der Sicht eines Artisten oder eines Menschen, der tatsächlich in dieser Welt heimisch werden will, wie Charles Chaplin in „The Circus“.

Finale

Murot bleibt am Ende nicht allein, sondern lässt die Artistin Caja zurück; befreit vom bösen Frank, aber ohne Liebe. Der Ermittler darf über den Sinn von allem und sein Abhandenkommen in einem sicheren und weit weniger als ein Zirkuszelt existenzialistischen Hotelzimmer philosophieren und den Tatort-Abspann auf dem Wand-Flachbildschirm einschalten. Damit wird noch einmal verdeutlich, wie sehr alles, was wir sehen durften, Fiktion ist. Auch und besonders die Zirkuswelt.

Der Film hinterlässt den Eindruck, dass man sich an die Magie unterm Zirkuszelt herantasten wollte, ohne ihr vollständig zu vertrauen und sich in sie hineinfallen zu lassen. Gerade von einem Film, der in diesem Milieu spielt, haben wir uns mehr Dichte und Emotionen erwartet. Es ist etwas zu klar, dass Murot aus beruflichen Gründen ein Außenstehender bleiben wird, auch wenn er darüber nachdenkt, wie es wäre, alles sein zu lassen und mitzuziehen und wie man sowas erst kann, wenn man den Tumor Lilly niedergekämpft hat.

Da ist etwas in seinem Ausdruck, das uns klar macht, er ist jederzeit Beamter, kein Clown, kein Typ, der sich auf unsichere Sachen einlässt, nachdem er oder weil er endlich gesund ist. Ist es gewollt, dass wir ihn so wahrnehmen? Als jemanden, der doch letztlich ein wenig sich und die Artistin beschwindelt, als er an einem kalten Novembermorgen, neben dem Zelt sitzend, über einen Abschied von der bürgerlichen Welt reflektiert? Ausschließen möchten wir’s nicht. Wahrscheinlich ist es aber auch nicht.

Trotz des Sonderpunktes für Murots bzw. Ulrich Tukurs Unterhaltungskünstler-Fähigkeiten leider nur 6/10. Die eher schwache Bewertung ist sicher auch unserer Erwartungshaltung geschuldet – das geben wir gerne zu.

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Sekretärin Magda Wächter – Barbara Philipp
Caja – Dorka Gryllus
Frank – Uwe Bohm
Raxon – Josef Ostendorf
Rosalie – Zazie de Paris
Buca – Jevgenij Sitochin
Wasili – Albert Kitzl
Charly – Leonard Carow
Leja – Lijana Sperlich-Frank
Zoltan – Norbert Heisterkamp

Drehbuch – Justus von Dohnányi
Regie – Justus von Dohnányi
Kamera – Karl-Friedrich Koschnick
Musik – Stefan Will

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