Neue Mediendaten: Die Springer-Presse verliert erneut massiv an Auflage, leichtes Plus im Mitte-Links-Spektrum, eine Publikation hebt ab #Frontpage | Meedia | #Bild #DieWelt #DieZeit #Taz #ND #DerFreitag #Handelsblatt #DerSpiegel

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Die Printauflagen der großen überregionalen Tageszeitungen in Deutschland nehmen auch 2021 per Saldo weiter ab. Es gibt aber sehr unterschiedliche Tendenzen. Augenfälliger Verlierer: Die Springer-Presse. „Die Zeit“ hingegen legt enorm zu. Wochenpublikationen halten sich allgemein besser als Tageszeitungen.

„Während ‚Bild‘ und ‚Welt‘ mitsamt ihrer Sonntags-Ableger erneut deutliche Verluste bei den IVW-Quartalsauflagen verzeichnen, ging es für einige andere überregionale Titel nach oben. Der Grund jeweils: ein Plus bei den Digitalkunden, die auch das E-Paper beziehen. Am deutlichsten aufwärts ging es dabei für ‚Die Zeit‘ – mit einem Wahnsinns-Plus von 24,5%.“ IVW-Blitz-Analyse: „Handelsblatt“, „taz“, „Zeit“ und „F.A.S.“ legen zu | MEEDIA

Die „Bild“ verliert gegenüber den Zahlen vor einem Jahr zehn Prozent, die „Bild am Sonntag“ fast sieben Prozent. „Die Zeit“ hingegen gewinnt fast 25 Prozent. Bei ihr läuft vor allem der Digitalverkauf stark. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dieser auch stark beworben wird, „Die Zeit“ ist sehr rührig bei der Akquise von Abonnenten. Sie liegt allerdings auch am meisten in der Mitte der Mainstream-Berichterstattung und das kommt gut an, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Zugleich hat sie sich bisher keine größeren Skandale oder Aussetzer geleistet, auch dies stärkt das Vertrauen der Lesenden.

Der Hetzjournalismus der Springer-Presse hingegen verliert immer mehr an Boden. Wenn „Die Welt“ unbedingt glaubt, Charakteren wie „Don Alphonso“ ein Forum bieten zu müssen, bekommt sie eben die Quittung dafür. Und „Die Bild“ steckt in einer Zwickmühle, aus der sie nicht mehr so leicht rauskommen wird: Für die hartgesottenen Rechten gibt es mittlerweile genug sogenannten „Alternativmedien“, die viel besser den Kern des Spins erkannt haben, den die Konsumentinnen rechtslastiger Schreibe aktuell bevorzugen. Und mehr Journalismus machen, das muss man einfach festhalten, wenn man sich „Tichys Einblick“ und ähnliche Publikationen im Vergleich zu Springer-Produkten anschaut. Die Möglichkeit zu originärer Recherche, die große Redaktionen immer noch haben, nutzt die Springer-Presse hingegen kaum, sondern verrät lieber vorab, wie Tatorte enden, deren Finale geheimgehalten werden sollte. Der umstrittene Julian Reichelt an der Spitze der „Bild“ konnte das Ruder nicht herumreißen. Gleiches gilt für Ulf Poschardt von „Die Welt“, deren Chefredakteur er zwischenzeitlich war und der uns vor allem dadurch auffiel, dass er versuchte, soziale Kämpfe in Berlin mit unzulässigen Konnotationen zu diskreditieren. Dafür bekommt man dann in jener medienpolitischen Landschaft, die wir ertragen müssen, Preise für Wirtschaftsjournalismus. Der „Welt“ hilft’s aber nicht, es ist mittlerweile eine recht kleine Welt von Leser*innen geworden, die sich zusammenfindet, um eine Art von Journalismus zu genießen, der seinen Höhepunkt in den 1990ern hatte, falls nicht bereits früher.

Die „Bild“ hingegen als das Massenblatt in Deutschland hatte einmal ca. 6 Millionen Auflage, und das jeden Tag. Da konnte man von einer Macht sprechen, auch wenn es eine Macht war, die sich auf niedere Instinkte stützte. Jetzt ist es noch eine Million. Die Zahlen der 1980er kann man mit den heutigen aufgrund des Trends zum online lesen nicht ohne Filterung vergleichen, ungeachtet des größeren Marktes seit der Wiedervereinigung, aber es lässt sich festhalten, dass das Springer-Imperium langsam, aber stetig seine Grundlage verliert. Ob der Ersatz durch anderen rechten Lesestoff die Sache besser macht? Dabei handelt es sich u. a. um Publikationen, die spendenfinanziert sind, und das ist ein wichtiger Unterschied, denn auf dieser Basis kann man niemals die Meinungsmacht erzielen wie mit Millionen von Abonnent*innen und Gelegenheitsleser*innen, die häufig am Kiosk kaufen und mit der Springer-Presse zu deren Hochzeiten in den Tag gestartet sind, ohne weitere Medien zu konsultieren. Die Rezeption der Medien hat sich verändert und geht in Richtung mehr Vielfalt. Kaum jemand, den wir kennen, liest bloß eine einzige Tageszeitung, dafür auch kaum noch jemand eine Tageszeitung vollständig.

Was uns freut: Dass die Mitte-Links-Presse vom Printrückgang nicht so stark betroffen ist oder sich sogar leicht verbessern kann. Die „Taz“ stabilisiert sich und „Der Freitag“, der oftmals richtig gute Artikel bringt, legt um sieben Prozent zu, dies alles freilich auf bescheidenem Niveau. Dass das „ND“ verliert, hat vermutlich auch mit dessen ungesicherter Existenz zu tun und auch im linken Spektrum gibt es mittlerweile die „Alternativen“, die vor allem spendenfinanziert sind, wie etwa die „Nachdenkseiten“. Bei manchen Medien ist das Rechts-Links-Schema allerdings nicht mehr als hauptsächliches Abgrenzungskriterium geeignet, das hat sich verstärkt in der Corona-Pandemie gezeigt. Wir waren in hohem Maße darüber erstaunt, welche Allianzen sich da herausgebildet haben. Okay, „Allianzen“ trifft es nicht ganz, schreiben wir lieber: Meinungsübereinstimmungen. Man zitiert sich ohnehin gegenseitig gerne.

Die Springer-Presse hat auch bei diesem Thema ein Problem. Sie würde sich wohl gerne auf die Seite der Leugnenden stellen, traut sich aber nicht so recht und weiß nicht, ob sie die Regierung wegen ihrer organisatorischen Fails oder ihrer Dreiviertel-Lockdowns konsequent beschimpfen soll, zumal der rechte Teil der Unionswähler*innen bisher einen Großteil des klassischen Leserkreises der Springer-Presse darstellte. Die Unionswähler*innen sind, ähnlich wie die Grünen-Anhänger*innen, jedoch überdurchschnittlich loyal und verständnisvoll, wenn es um schärfere Corona-Maßnahmen geht und es könnte sich als weiteres Problem oder als Bumerang erweisen, sich komplett populistisch den Egoist*innen und Schwurbler*innen zuzuwenden. Die Springer-Presse verliert immer mehr die Trittsicherheit, wenn es darum geht, das rechte Spektrum im Land mit knalligen Schlagzeilen zu bedienen.

Es stimmt etwas mit der Ansprache nicht mehr. Daraus sollte man aber nicht schließen, dass jenes Spektrum ebenso stark schrumpft wie die Auflagen der Springer-Publikationen. Schön wär’s ja, doch die Medienlandschaft zerfasert immer mehr, das darf man dabei nicht vergessen und es ist wichtig, dies im Blick zu behalten, wenn man beurteilen will, wie es um die Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist. Aktuell ist Deutschland diesbezüglich gemäß „RoG“ („Reporter ohne Grenzen“) etwas im Rückwärtsgang, aber dazu demnächst an anderer Stelle. Vielleicht lesen wir als Grundinformation alle immer mal wieder den einen Artikel aus „Die Zeit“ und informieren uns von dort aus weiter. „Der Spiegel“ ist übrigens nicht erwähnt, obwohl er ebenfalls ein wöchentlich erscheinendes Periodikum ist, aber er und der „Focus“, wie auch der „Stern“, werden häufig einer anderen Kategorie zugerechnet: Den Zeitschriften. Auch „Der Spiegel“ hatte zumindest noch 2019 Umsatz verloren und seine Stellung als Premiumprodukt des Investigativjournalismus ist nicht mehr die, die er in den ersten Nachkriegsjahrzehnten hatte. Am besten trifft den Ton der Zeit wohl „Die Zeit“, die sich seit Jahren gegen den Trend sinkender Auflagen behaupten kann.

TH

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