Im Tal – Polizeiruf 110 Episode 81 ::: #50JahrePolizeiruf110 ::: #Crimetime 991 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Harz #Hübner #Tal

Crimetime 991 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD – 50 Jahre Polizeiruf

Der Weg der Klunker führt ins tiefe Tal

Vorwort 2021

Am 27.06.1971 feierte der erste Polizeiruf „Der Fall Lisa Murnau“ im Fernsehen der DDR Premiere. Anlässlich des nahenden 50. Jahrestages der Reihe zeigen wir Kritiken zu Polizeirufen von vor der Wende und danach in beschleunigtem Takt – mindestens eine im Abstand von zwei Tagen – und besprechen in der letzten Juniwoche mehrere Dokumentationen zur Reihe.

Kritik 2020

Das Gasthaus, in dem im Film ein junges Paar lebt, gibt es wirklich, es ist das heutige Gasthaus Königsruhe im Bodetal im Harz, gewiss ist es inzwischen stark renoviert. Selbstständige Juweliere gibt es heute sicher auch wieder oder immer noch und die Preise für Schmuck sind nicht gesunken, selbst wenn man DDR-Mark und Euro im Verhältnis eins zu eins rechnet. Der 81. Polizeiruf zeigt außerdem Oberleutnant Hübner in ungewöhnlicher Aktion und den späteren OL / OK Riemann als Abschnittsbevollmächtigten im bergigen Harz. Was es sonst über den Film zu schrieben gibt, steht in der -> Rezension

Handlung

Jutta Wendler, Mitinhaberin eines Juweliergeschäftes, hat gerade die Tageseinnahmen und die wertvollsten Stücke der Auslage, darunter verschiedene Ringe, in der großen Sicherheitskassette in ihrem Wohnzimmer über dem Laden verstaut und sich schlafen gelegt, als Siegfried Kugler und Günther Baum in den Laden einbrechen. Sie nutzen dafür Nachschlüssel – Siegfried ist der frühere Verlobte von Jutta. Er will sich an ihr rächen, weil sie ihn während seines Armeedienstes heimlich verlassen und Goldschmied Klaus geheiratet hat. Siegfried schenkte Jutta während ihrer gemeinsamen Zeit Schmuck und teure Kleider. Den Einbruch, bei dem er mit Günther Geld und Schmuck im Wert von rund 100.000 Mark erbeutet, sieht er als Ausgleich für seine Ausgaben an. Siegfried glaubt jedoch, dass Jutta wie immer an diesem Abend mit ihrem Mann zum Kegeln gegangen ist. Günther findet sie im Schlafzimmer vor, und der aufgebrachte Siegfried verprügelt sie, bis Günther ihn wegreißt. Siegfried droht, Jutta umzubringen, sollte sie reden, und beide Männer gehen. Ihrem kurze Zeit später erscheinenden Ehemann sagt Jutta, es habe einen Überfall gegeben, und die Männer hätten Masken getragen. Erkannt habe sie niemanden.

Siegfried und Günther flüchten zu einem eigentlich geschlossenen Ferienheim, in dem sie seit dem Vortag wohnen. Der Heiminhaber hat ihnen Unterkunft gewährt, obwohl die Heizung mitten im Winter ausgefallen ist. Anwohner haben das merkwürdige Verhalten der beiden Männer nach ihrer Rückkehr vom Raubzug bemerkt und informieren den zuständigen ABV. Als der mit dem Heimleiter nachsehen geht, flüchten Siegfried und Günther. Sie treffen zufällig Siegfrieds Kumpel vom Wehrdienst, Werner Ludwig, der sie mit in sein Haus nimmt. Hier lebt er mit seiner Verlobten Erika, die wenig begeistert über den Besuch ist.

Juttas Mann ahnt unterdessen, dass seine Frau den Täter kennt. Er spricht sie darauf an, dass ihr Ex-Freund hinter der Tat stecken könnte, und sie bestätigt es. Als sie am nächsten Tag Siegfrieds Wohnung aufsucht, folgt ihr der ermittelnde Oberleutnant Jürgen Hübner. Auch er erfährt nun, dass Siegfried der Täter war. Er ist verärgert, hat Jutta mit ihrem Verhalten die Ermittlungen doch stark behindert. In Thale wird unterdessen das Fluchtauto von Siegfried und Günther gefunden. Ein Ring, der im Wagen lag, kann als eine Arbeit von Klaus identifiziert werden. Im Tal sucht man nun nach den beiden Männern und Siegfried, der für Erika und Werner Einkäufe erledigt, erfährt davon. Er steckt Werner 10.000 Mark zu, damit der ihm ein Alibi beschafft. Er soll aussagen, dass Siegfried und Günther bereits seit zwei Tagen bei ihm zu Gast sind. Werner kann das Geld gebrauchen, hat er sich doch beim Ausbau des alten Gasthauses, in dem er mit Erika wohnt, finanziell übernommen. Er sagt zu, für beide auszusagen. Wenig später versteckt er mit Siegfried den Rest der Beute. Erika, der beide Männer verdächtig sind, beobachtet das Verstecken. Sie nimmt den Rucksack mit der Beute heimlich an sich und steckt sich vor dem Frühstück sämtliche Ringe an. Sie will nun endlich wissen, was gespielt wird. Werner erklärt es ihr, und Erika besteht dann darauf, dass beide Männer umgehend ihr Haus verlassen. Siegfried kündigt an, erst am Abend zu gehen, zumal Werner von ihm Geld angenommen habe. Erika reagiert entsetzt. Als wenig später ABV Oberleutnant Schlenker bei seinem morgendlichen Rundgang bei ihr klingelt und fragt, ob sie zwei Männer gesehen habe, leugnet sie es. Siegfried macht ihr klar, dass sie mit ihrer Lüge nun Teil der Verbrecherbande ist. Als sie mit Werner gehen will, nimmt Siegfried sie als Geisel. Werner und Günther, der schon lange aussteigen wollte, sperrt er in den Abstellraum.

Schlenker, der seinen Kontrollgang mit Jürgen Hübner macht, wird durch das Verhalten von Erika stutzig. Normalerweise erhält er von ihr stets einen Kaffee und einen Wurzelpeter, diesmal jedoch wirkte sie verschlossen und abweisend. Mit Jürgen Hübner begibt er sich noch einmal zum Haus, wo Werner ihm durch die vergitterten Fenster des Waschraumes berichtet, dass er eingeschlossen wurde und Siegfried Erika als Geisel hält. Durch ein Fenster lässt Schlenker Jürgen Hübner in das Haus einsteigen. Er selbst sucht einen anderen Zugang. Im Haus trifft Jürgen Hübner auf Siegfried und stellt ihn. Siegfried greift ihn mit einem Messer an, und erst in letzter Sekunde kann Jürgen Hübner den Angriff abwehren. Schlenker überwältigt Siegfried schließlich und legt ihm Handschellen an.

Rezension

Helmut Krätzig war es zwar vorbehalten, die ersten Polizeirufe zu inszenieren, aber der eigentliche Doyen unter den Regisseuren der ersten beiden Jahrzehnte war Hans-Joachim Hildebrandt, der zwischen 1971 und 1988 nicht weniger als 20 Krimis der Reihe verantwortete – so viele wie kein anderer Regisseur. Darunter sind schöne Studien zu finden, wie „In Maske und Kostüm“ (1978, mit Dieter Wien) oder „Ein Schritt zu weit“ (1985, mit Otto Mellies), die durch ihre genaue Beobachtung von Menschen bestechen und etwas Melancholisches haben, aber auch „Routineproduktionen“.

Bezüglich des Stils war Hildebrandt sehr wandelbar, „Im Tal“ zum Beispiel ist ein eher rauer und ideologisch besonders eindeutiger Film. In ihm wird nochmal so richtig vom Leder gezogen, was die asozialen Elemente angeht und auch Frauen, die reich heiraten, sind etwas zwielichtige Charaktere, die außerdem keine harmonische Ehe führen können, weil sie einander krummer Touren verdächtigen. Geld verdirbt eben bis zu einem gewissen Grad den Charakter – wobei das hier nicht zu übertrieben dargstellt wird, die Eheleute Wendler betreffend, sondern exemplarisch anhand des Outlaws Siegfried Kugler. Dieser hat zwar seinen Wehrdienst absolviert, aber das sollte man nicht als  Kritik daran sehen, dass bei der NVA auch Typen durchrutschen, die … aber Kugler behauptet doch, er sei erst kriminell geworden, weil er sich von seiner Freundin, die ihn während seinder Dienstzeit hatte für den Juwelier sitzen lassen, die zuvor geschenkten Gegenstände zurückholen möchte?

Auf das, was Kugler sagt, darf man nicht allzu viel geben, wie sich daran zeigt, dass er einen der bis dahin gefährlichsten Täter der Polizeiruf-Reihe gibt. Erst nimmt er Frau Wesemann als Geisel und dann bedroht er auch noch Oberleutnant Hübner mit einem Messer und kann ihn sogar zu Fall bringen. Es wirkt zwar so, als ob Hübner ihn möglicherweise noch gerade ohne die Mithilfe des ABV (die beiden sind alte Bekannte) hätte überwinden können, aber in einer so gefährlichen Position waren Polizeiruf-Ermittler bis dahin nicht zu sehen – zumindest erinnere ich mich nicht an einen ähnlichen Vorfall oder gar an eine auf einen Polizisten gerichtete Schusswaffe, und die Filme, die bis 1982 entstanden sind, habe ich mittlerweile fast alle gesehen.

Finale

Das ist durchaus tricky, denn die Autorität und Fachkundigkeit der Polizei sollte in den Filmen der DDR-Zeit möglichst nicht angetastet werden, allenfalls war zu sehen, dass die Ermittlungen feststecken, weil die Polizei auf Aussagen von Zeugen oder Tatverdächtigen angewiesen ist. Den Fall der Behinderung von Ermittlungsarbeit gibt es hier ja auch, weil Frau Wendler nicht zugeben will, dass sie die Einbrecher kannte – doch Hübner lässt sich in der Schlussszene ziemlich leicht überrumpeln, weil er nicht mit der Gefährlichkeit von Kugler rechnet. Trotzdem entwickelt sein Darsteller Jürgen Frohriep in diesem Film eine beachtliche Präsenz, die sich von einigen sehr dezenten Darstellungen in anderen Polizeirufen abhebt.

Der Film ist auch auf ihn als Ermittler  zugeschnitten, denn weitere sind nicht im Einsatz. Allerdings steht Lutz Riemann als Oberleutnant und ABV seinem Kollegen zur Seite und offenbar kam er dabei so gut an, dass er nur drei Filme später den Staffelstab von Leutnant Vera Arndt übernahm und als Oberleutnant Zimmermann bei der „K“ tätig wurde.

„Im Tal“ ist ein Polizeiruf, der wegen seines Settings und seiner Figuren in Erinnerung bleibt und zählt zu den überdurchschnittlichen Produktionen der Reihe während der DDR-Epoche von 1971 bis 1990.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Joachim Hildebrandt
Drehbuch Walter Flegel
Produktion Rolf Herrmann
Musik Peter Gotthardt
Kamera Walter Laaß
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

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