Der Unfall – Polizeiruf 110 Episode 80 #Crimetime 997 ::: #50JahrePolizeiruf110 :::#Polizeiruf #Polizeiruf110 #Stralsund #Rostock #Rügen #Hiddensee #DDR #Fuchs #Unfall

Crimetime 997 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Zwei unterschiedliche Familien

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung

Am 27. Juni 1971 flimmerte der erste Polizeiruf 110 mit dem Namen „Der Fall Lisa Murnau“ über die Bildschirme der DDR. 50 Jahre sind seitdem vergangen. Es stand nicht in den Sternen, dass die ostdeutsche Premium-Krimireihe und ihr westdeutsches Pendant, der Tatort, länger Bestand haben würden als die Teilung Deutschlands und in den 1990ern bestand durchaus die Überlegung, alles unter dem Label „Tatort“ zusammenzufassen. Zum Glück hat man das nicht getan, denn die heutigen Polizeirufe zeigen ein bemerkenswerte Eigenständigkeit und sind mehr als eine Ergänzung zum Tatort. Wir feiern das große Jubiläum in Form beschleunigter Veröffentlichung von Kritiken zu Filmen der Reihe. In der letzten Juniwoche werden wir uns mit der Geschichte des Polizeirufs befassen, in Form mehrere „Crimetime“ Specials.

Der „neue“ Wahlberliner hingegen feiert in den nächsten Tagen seine tausendste veröffentlichte Crimetime-Rezension nach knapp drei Jahren. Das ist nur möglich gewesen, weil durch die Befassung mit dem Polizeiruf 110 ab März 2019 zu den Tatorten, die wir bis dahin im Wesentlichen besprochen haben, fast 400 Filme hinzukamen, die wir sichten mussten. Über ca. 300 davon haben wir bisher geschrieben.

Zum 80. Polizeiruf

Der 80. Polizeiruf befasst sich mit dem Delikt der Fahrerflucht nach einem Unfall, aber da ist noch einiges mehr: Geradezu lehrbuchhaft wird der Unterschied zwischen einer harmonischen und einer zerstrittenen Familie behandelt und wie das Schicksal der einen Familie in das der anderen eingreift. Mehr darüber steht in der –> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Wie so oft in letzter Zeit streiten sich Brigitte und Günter Perlbach schon am Frühstückstisch. Beide wollen am Nachmittag von Stralsund aus wie geplant auf die Insel Hiddensee übersetzen, um Brigittes Eltern zu besuchen. Zudem wollen sie ihre Tochter besuchen, die beide wegen immer häufigeren Ehestreitigkeiten vor vier Wochen zu ihren Großeltern gegeben haben. Beide gehen vorher arbeiten, Günter fährt mit seinem Wartburg. Mit überhöhter Geschwindigkeit rast er eine von Apfelbäumen gesäumte Dorfstraße entlang und sieht zu spät den Jungen Sven, der auf dem Weg zur Schule einige Äpfel auf der Straße aufsammelt. Der Wagen erfasst den Jungen. Günter reagiert panisch. Er lässt den stark blutenden und leblosen Jungen liegen und begeht Fahrerflucht. Sven wird wenig später gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Sein Leben kann gerettet werden. Die Verletzungen des rechten Beines sind jedoch so gravierend, dass es amputiert werden muss.

Hauptmann Peter Fuchs übernimmt die Ermittlungen. Am Unfallort wurden Lackspuren des Wagens sichergestellt und auch die Reste des zerstörten Rücklichtes. Eine großangelegte Überprüfung sämtlicher blauer PKW in Stralsund und Umgebung beginnt. Bald wird Günters Wagen gefunden: Er hatte ihn bei einem Bekannten zur Reparatur gegeben. Günter selbst hatte die verabredete Fähre nach Hiddensee verpasst und eine spätere genommen. Brigitte empfängt ihn kühl, auch wenn das Paar wegen der Anwesenheit der Tochter freundlich zueinander ist. Beim Abendessen eröffnet Brigitte ihrer Mutter jedoch, dass sie sich von Günter scheiden lassen wird. Längst gibt es in der Ehe keine Liebe mehr und jeder macht den anderen für das Ehe-Aus verantwortlich. Brigitte hat nur mit ihrer Arbeit als Fotografin zu tun, während Günter sich hinter seinen Modellbausätzen verschanzt.

Im Radio hört Günter den Fahndungsaufruf nach dem Unfallverursacher. Am Abend berichtet er Brigitte vom Unfall und dem zurückgelassenen Kind. Brigitte überzeugt ihn davon, sich sofort am nächsten Morgen der Polizei zu stellen. Während Peter Fuchs am nächsten Morgen vom Festland aus nach Hiddensee übersetzt, um Günter zu verhaften, ist der mit Brigitte auf einer Fähre zum Festland unterwegs. Unterwegs stellt er sich die Reaktionen seines Umfeldes vor und versucht, die fällige Haftstrafe zu erahnen. Er gibt vor, frische Luft schnappen zu wollen, und stürzt sich draußen von der Fähre in den Schaproder Bodden. Brigitte sucht wenig später nach ihm und alarmiert schließlich die Besatzung, dass ihr Mann verschwunden sei. Sofort dreht das Schiff um und die Suche nach Günter beginnt. Auch das Schiff von Peter Fuchs beteiligt sich, wie auch Fischer der Insel Hiddensee zu Hilfe eilen. Günters Leiche kann jedoch nicht gefunden werden. Er hätte nur 50 Meter gen Hiddensee schwimmen müssen, um wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, gibt einer der Helfer zu bedenken.

Tatsächlich ist Günter die Flucht zurück nach Hiddensee geglückt. Auf der Insel hat er keine Freunde, und so zieht er sich in seiner Sommerdatsche um und begibt sich schließlich zu seinem Bekannten Falstaff, der auf der Insel ein Wirtshaus hat. Hier trinken beide gemeinsam, bis Günter ihm von seiner Tat berichtet. Falstaff reagiert entsetzt und empört. Er zwingt Günter, die Polizei anzurufen, und bringt ihn schließlich persönlich zu den wartenden Ermittlern.

Rezension

Dass ich Manfred Mosblechs Polizeirufe oft ungewöhnlich finde, hat sich zunächst durch „Der Mann im Baum“, dann durch „Holzwege“ und „Gesichter im Zwielicht“ und Filme wie „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ ergeben. Mosblech griff oft besonders heikle Themen auf.

Die Kritik bemerkte, dass Mosblech als „Moralist unter den ‚Polizeiruf‘-Autoren […] dieses Delikt [der Fahrerflucht] mit der gleichen Gründlichkeit wie sonst auch ein Kapitalverbrechen“ behandelt. Zudem stelle er im Film die „Notwendigkeit eines harmonischen Familienlebens für die Entwicklung eines Kindes in Parallelmontagen zwischen den beiden Familien dar“.[3] Sven wächst auf dem Dorf bei seinen Eltern auf, während Tina Perlbach als Kind von zerstrittenen Städtern zu der Großmutter abgeschoben wird.

In „Der Mann“ mochte fand ich das Moralisieren zu extrem und zu sehr auf die offizielle Linie abgestimmt, aber in den oben genannten Filmen hat es einen universellen, systemunabhängigen Einschlag, sodass die Filme heute noch gültige Botschaften vermitteln – und das ist auch bei „Der Unfall“ so. Der 80. Polizeiruf ist sehr dezidiert und schafft es doch, die „Hauptfamilie“ der Handlung, die Perlbachs, recht differenziert darzustellen. Was vielleicht etwas stört, ist, dass der Mann, der das Kind überfährt, ein so offensichtlicher Waschlappen ist. Der Film hat dadurch nicht etwa eine Doppelmoral, aber eine doppelte:

Auf der einen Seite die thesenartige Gegenüberstellung von Harmonie auf dem Land und Disharmonie in einer mittleren Großstadt, auf der anderen Seite ein Charakter, den man auch als Übel für die Gesellschaft lesen kann, weil er defätistisch, selbstverliebt oder sich selbst bemitleidend ist und auf eine ganz unangenehm regressive Weise dafür sorgt, dass zwischen ihm und seiner Frau keine Streitkultur entstehen kann. Die Beziehung der beiden ist famos dargestellt, keine Frage. Sie ist ein raues Küstenkind, kein einfacher, umgänglicher Typ, recht offensiv, aber der Grundfehler liegt nun einmal bei ihm: Er hätte das Problem, dass sie beruflich für seinen Geschmack zu viel unterwegs ist und was dies für die Tochter bedeuten kann, offen ansprechen müssen, anstatt sich beleidigt zurückzuziehen.

Ich habe gerade Besetzung und Stab hinzugefügt: Mit Mädchennamen heißt Frau Perlbach tatsächlich Brigitte Rau.

Etwas irritierend ist, dass hier, wie in vielen Polizeirufen, die Funktion des Hortes und der Kita und der Ganztagsschule als Aufbewahrungsort für Kinder nicht positiv hervorgehoben wird – wobei ich vor allem bezüglich sehr kleiner Kinder mit dem Begriff „Aufbewahrungsort“ selbst eine Wertung vornehme. Die gegenwärtige rüde Tendenz zur Altendiskriminierung halte ich unter anderem für das Ergebnis der Tatsache, dass Kinder zu wenig Zeit mit ihren Eltern verbringen und dass ihnen emotional von den Eltern zu wenig gegeben wird. Jedenfalls sieht man in Polizeirufen viele Familienprobleme, die dadurch zustande kommen, dass Eltern nicht durch die staatlichen Erziehungsprofis entlastet werden und dass Mütter nach der Geburt ihres ersten Kindes ihren Beruf aufgeben – oder dass der Beruf und das Kind oder, später, die Kinder nicht recht miteinander vereinbar sind.

Filmisch fällt „Der Unfall“ ein wenig auseinander. Herausragend ist die Suchaktion auf See mit den vielen Schiffen dramaturgisch und visuell umgesetzt – ich wäre nie darauf gekommen, dass Perlbach in die Ostsee gesprungen sein könnte, um an Land zu schwimmen bzw. 50 Meter zu schwimmen und dann im flachen Wasser weiterzugehen. Auf mich hat die See an der Suchstelle so gewirkt, als ob auch Schiffe mit etwas mehr Tiefgang dort ohne Weiteres kreuzen können und nirgends ist Land in Sicht. Die Spannung ist aber erheblich, obwohl man sich denken können müsste, dass Perlbach an dieser Stelle noch nicht das Zeitliche segnet (tut er bis zum Schluss nicht). Auch die Tatsache, dass der Junge, Sven, überlebt, aber ein Bein verliert, ist, auch wenn es makaber klingt, perfekt. Das Ringen um sein Leben ist ein weiteres Spannungselement, das dafür sorgt, dass man als Zuschauer emotional immer sehr dicht dran bleibt – und dies ist, neben der angesprochenen Moralität, ein weiteres Merkmal von Mosblech: Er geht sehr dicht an die Figuren heran, scheut sich nicht, dabei auch etwas plakativ zu sein, wie man an Perlbach und seiner Frau sieht. Auch das extrem Unspektakuläre seines Wesens hat seine eigenen Schauwerte.

Der kurz vor dem Unfall in Zeitraffer rasende Wartburg wirkt hingegen unfreiwillig komisch, aber diese extreme Form von Beschleunigung soll vielleicht auch den Gehetzten illustrieren, der hinterm Steuer sitzt. Unheimlich dann wieder, wie man das Unglück genau kommen sieht, es deutet sich lange vorher an – und dann geschieht es genau wie vermutet und man ist doch entsetzt. Auch die Bildgestaltung variiert etwas zu sehr, insbesondere farblich, die Aufnahmen auf den Inseln und auf See sind eindeutig die besseren.

Es lässt sich noch viel mehr in den Film hineininterpretieren. Es wird nicht gesagt, wie Brigitte und Günter Mosblech einst zusammenfanden, aber die beiden sind nun einmal sehr gegensätzlich, während das Ehepaar Brahe, die Eltern von Sven, auf ganz unspektakuläre Weise harmonieren, allerdings werden sie auch nicht so genau beleuchtet. Über die Normalität im positiven Sinn gibt es ja auch weniger zu schreiben als über das Außergewöhnliche.

Die Besetzung des Films ist ebenfalls sehr gut gewählt, Marianne Wünscher gibt wieder einmal eine besorgte Mutter, die nicht so recht versteht, was vor ihren Augen vor sich geht, auch wenn sie dieses Mal kein Kind aus Mutterliebe vor dem Gesetz schützt, sondern das Enkelkind betreut, das immer wieder versucht, seine Eltern zusammenzubringen. Die etwa Zehnjährige wird dargestellt von Julia Mosblech, vermutlich die Tochter des Regisseurs und Drehbuchautors.

Finale

Kinder, die verunglücken oder gar getötet werden, lassen niemanden kalt, wobei mir an manchen Stellen der Begriff Kind hier doch etwas zu sehr betont wird. Wenn eine alte Frau überfahren wird und der Fahrer flieht, ist das kein Problem, weil sie eh nicht mehr so viel Leben vor sich hat und keinen Anteil mehr am BIP erwirtschaften wird, sondern Rente bezieht? Diskriminierungen lauern überall und wenn man sich des Themas annimmt, wie das heute so umfänglich getan wird und seit Corona noch einmal mehr, dann sollte man sie ehrlicherweise alle benennen, nicht nur diejenigen, die gerade zum Zeitgeist passen – und dabei das Grundgesetz verständig im Blick haben.

Ich mag die Filme von Manfred Mosblech schon sehr gerne und „Der Unfall“ beinhaltet vieles, worüber man nachdenken kann. Ich bin froh, noch nie einem Menschen angefahren zu haben, auch wenn ich vermutlich nicht Unfallflucht begehen würde.

Im Polizeiruf ist die Lage außerdem nicht ganz eindeutig: Dass der Junge auf der Landstraße Äpfel zusammenklaubt, damit konnte Perlbach nicht rechnen – aber durch die überhöhte Geschwindigkeit hat er natürlich mindestens eine Mitschuld, zumal an den schweren Folgen des Unfalls. Was wir nicht sehen, ist, ob der Unfall vermeidbar gewesen wäre, hätte Perlbach sich an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit gehalten und auch sonst die im Verkehr übliche Sorgfalt walten lassen.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Manfred Mosblech
Eberhard Görner
Produktion Eva-Marie Martens
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Winfried Kleist
Schnitt Gerti Gruner
Besetzung

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