Blutiges Eis – Polizeiruf 110 Episode 214 #Crimetime 1005 ::: #50JahrePolizeiruf110 ::: #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Eis #Blut

Crimetime 1005 - Titelfoto © MDR,

Eishockey vs. Eiskunstlauf

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung am 15. Juni 2021

Halten Sie noch ein wenig durch, wenn Sie unsere Rezensionen lesen. Bis Ende Juni, wenn’s genehm ist. Dann endet unser Special „50 Jahre Eis …“ nein, „50 Jahre Polizeiruf 110“, das in diesem Monat stets ein Vorwort bedingt. Am 27.06.1971 feierte die Reihe ihr Debüt mit dem Krimi „Der Fall Lisa Murnau“ und ist seitdem zu einer Institution geworden. Immer ein wenig anders als der „Tatort“ und nicht selten eindrucksvoll anders. Zum heutigen Erfolg der Reihe haben die Hallenser Lieblinge Schmücke und Schneider viel beigetragen, denn sie haben ein Format stabilisiert, das zwischen dem Beinahe-Aus 1992 und einer Inflation im Westen Ende der 1990er nicht so recht zur Ruhe finden wollte.

Kritik 2020

Sportkrimis sind noch etwas spezieller als andere Krimis mit starker Milieuverortung. Das finden zumindest viele Krimifans. Besonders Fußballtatorte kommen nicht so gut an, was wohl daran liegt, dass die meisten Zuschauer sich selbst auf dem Gebiet für kompetenter halten als die Drehbuchautor*innen. Eishockey ist ja mittlerweile auch recht populär, beim Eiskunstlaufen hängt es mangels „Breite in der Spitze“ in Deutschland stark davon ab, ob ein Ausnahmetalent mit internationalen Aussichten auf den Kufen zu sehen ist. Als ein großes Talent galt in den 1990ern Tanja Szewczenko, die im 214. Polizeiruf sich selbst spielt – bis sie durch Erkrankungen und Verletzungen zurückgeworfen wurde. Ihre Amateurkarriere beendete sie im Jahr nach dem Dreh von „Blutiges Eis“. Der Film hat die Karriere der Halle-Ermittler Schmücke und Schneider jedenfalls nicht beendet und wir schauen in der –> Rezension nach, wie blutig es auf dem Eis zuging.

Handlung

Der Eishockey-Spieler Gerald Oetzmann wird am späten Abend vom Hallenwart Kober nach einem Vereinstraining blutüberströmt auf der Eisfläche gefunden. An der Schnittwunde am Hals wäre er zwar nicht gestorben, aber wenn er bis zum anderen Tag auf dem Eis gelegen hätte, wäre er mit Sicherheit die Unterkühlung sein sicherer Tod gewesen. Schmücke und Schneider ermitteln ausnahmsweise auch bei diesem Mordversuch, da Kommissar Schneider selbst Mitglied beim Eishockey-Verein Penguins ist und ihm der Fall am Herzen liegt.

Kommissar Schmücke befragt zunächst Wolfgang Sänger, den Trainer der Eishockeyspieler. Auch seine Ehefrau ist dem Eissport verbunden und trainiert ein junges Nachwuchstalent im Eiskunstlauf. Die sechzehnjährige Lisa wohnt sogar bei den Sängers. Schneider sieht sich derweil in Oetzmanns Wohnung um und findet eine große Menge an Dopingmitteln. Daraufhin lässt er die gesamte Eishockeymannschaft einer Dopingkontrolle unterziehen. Martin Lüthje und Benno Thiess werden dabei als einzige positiv getestet und in der Folge für das nächste Spiel gesperrt. Trainer Sänger ist so wütend, dass er die beiden aus dem Verein wirft. Thiess kann sich das Ergebnis nicht erklären, mehr als Hustensaft hätte er angeblich nicht genommen. Für die Kommissare birgt das Drogengeschäft zwischen den Spielern ein mögliches Konfliktpotential. Sie verfolgen diese Spur weiter, stoßen dabei auch auf die kleine Eisprinzessin Lisa, die in der Vergangenheit unter einen Dopingverdacht geraten war. Es stellt sich heraus, dass Lisa schwanger ist und ihre Trainerin bereits einen Abtreibungstermin vereinbart hat, da ein Kind zum jetzigen Zeitpunkt die Karriere ihres Schützlings und all ihre Arbeit zunichtemachen würde.

Völlig unerwartet stirbt Gerald Oetzmann, obwohl er auf dem Weg der Besserung war. Die Obduktion ergibt eine Luftembolie, die durch eine Injektion von Luft in seinen Venen verursacht worden sein muss. Schmücke und Schneider gelingt es sehr schnell das Tatwerkzeug zu finden, denn der Täter hatte die relativ große Spritze samt den verwendeten Gummihandschuhen in einem Abfalleimer in der Klinik entsorgt. Die DNA-Reste führen zu Wolfgang Sänger, der sich auch als Vater von Lisas Baby herausstellt. Er sagt aus, sich und Lisa schützen zu wollen, da Oetzmann von der Vaterschaft erfahren hatte und Sänger mit seinem Wissen in der Hand hatte und erpresste.

Die Wunde am Hals hatte Lisa Oetzmann beigebracht, als sie sich gegen ihn wehrte. Nach dem Training wurde er zudringlich und da hatte sie ihn mit der Kufe ihres Schlittschuhs verletzt. Doch auch Veronika Sänger wird verhaftet, nachdem sie gesteht, den Verletzten auf die kalte Eisfläche gezogen zu haben in der Hoffnung, dass er nie wieder aufwachte und die Erpressung, von der auch sie wusste, dadurch beendet wäre.

Rezension

Warum wurde Lisa des Dopings verdächtigt? Wir erfahren es nicht, die Spur führt ins Leere. Wie konnte es dazu kommen, dass der Eishockeytrainer mit ihr ein Verhältnis begann und zu dem Kind? Ist halt so. Damit müssen wir uns als Zuschauer abfinden. Die Verzahnung der Dopingproblematik mit dem Sex mit einer Minderjährigen, die zudem eine Schutzbefohlene ist, gelingt nicht überzeugend und die Regie übertüncht das auch nicht. Es ist schön, dass Schmücke und Schneider mittlerweile im Format 16:9 auftreten, dadurch kann man auch das Geschehen auf dem Eis eleganter einfangen, besonders das Kunstlaufen, aber dieses Hin und Her mit dem Doping lässt einige Wünsche offen.

Gut hingegen ist Jaecki Schwarz als Kommissar Schmücke eingesetzt, er wird laut, bestimmend, ist immer präsent und hat vor allem gegenüber seinem Kollegen Schneider immer die Oberhand. Das ist nicht in allen Filmen der beiden so deutlich ausgeprägt, aber bisher hielt ich Winklers einfache Art, sich zu kleiden, für einen Beleg dafür, dass er eben einfach ist und gar keinen Wert darauf legt, anders zu sein. Aber jetzt muss er sich dagegen wehren, zur Anziehpuppe zu wehren und schafft es nicht, sondern lässt sich überreden und wird gegen den Strich gebürstet – und bleibt prompt mit dem neuen Mantel in der Eishalle an einem Geländer hängen. Die Botschaft ist klar: Sich nicht verbiegen lassen! Selbst dann nicht, wenn man dabei gewinnen könnte.

Eines kann man „Blutiges Eis“ sicher nicht absprechen: Dass er Themen zeigt, die aktueller sind denn je. Missbrauch, Sexualdelikte, „falscher“ Sex, aber auch Doping werden heute weit mehr diskutiert als vor 20 Jahren, die Dopingproblematik wirkt sich mittlerweile auf Olympische Spiele aus und wie bewertet man heute das Verhältnis der jungen Eiskunstläuferin Lisa, die aus Litauen und im Haus der Sängers unterkam mit Herrn Sänger, dem Eishockeytrainer? Und dass seine Frau, die ehemalige Eiskunstläuferin und jetzige Trainerin, davon weiß und die Sache vertuschen will, natürlich inklusive Abtreibung?

Das ist alles sehr unangenehm anzuschauen, aber ganz sicher kommen derlei Dinge vor und die Leidtragenden sind die jungen Menschen, die zudem noch einem mörderischen Leistungsdruck ausgesetzt werden, der die Mentalität selbstverständlich auch verändert. Die einen dopen, um mithalten zu können, anderen lassen sich vielleicht aufgrund des permanenten seelischen Ausnahmezustandes eher auf eine sexuelle Handlung ein – welche schwerwiegende Folgen haben kann.

Die Jungs, die Eishockey spielen, werden überwiegend nicht sehr deutlich herausgestellt, aber der Typ, der den Mittelfingerin den Mund steckt und später ermordet wird, wirkt allein durch diese Geste, die ich so noch nie gesehen habe, ziemlich gruselig. Zuerst dachte ich, er will (nur) den Stinkefinger zeigen. Offenbar hat er ein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Außerdem dealt er mit einigen Kumpels. Einen Good Guy gibt es aber auch, der sich für Lisa interessiert und mit ihr später durchbrennt – und sich stellt.

Die „Eislaufprinzessin“ und ihre Trainerin sind sicher das interessanteste Figurenpaar. Mein Eindruck: Frau Sänger, von Thekla Carola Wied gegen ihr sonstiges Rollenmuster, aber nicht schlecht gespielt, wurde einem bestimmten Typus DDR-Trainer*in nachempfunden, vielleicht Jutta Müller, welche die besten Eiskunstläuferinnen der DDR ab den späten 1960ern trainierte. Darauf deutet hin, dass Frau Sänger von sich selbst sagt, sie selbst sei nur national erfolgreich gewesen, aber als Trainerin habe sie auch international reüssiert (sinngemäß wiedergegeben), das war bei Jutta Müller der Fall. Sie war für ihre harten Trainingsmethoden bekannt, aber sie hat offenbar ihre Schülerinnen auch gut motivieren können. Ob das in einer heutigen, offenen Welt noch so möglich wäre, ist eine andere Frage und ob Doping beim Eiskunstlauf tatsächlich nichts bringt, weil das Plus an Ausdauer mit einem Minus bei der im Eiskunstlauf wichtigen Koordinationsfähigkeit und Bewegungspräzision verbunden ist,  wie im Film behauptet, kann ich nicht beurteilen, jedenfalls ist diese Sportart bisher von größeren Dopingskandalen verschont geblieben.

Finale

Um die Kommissare herum wird wieder einmal ein Humor-Netz gewoben, das stellenweise auch ganz gut funktioniert, manchmal auch verkrampft wirkt, auf jeden Fall den einen oder anderen Blechschaden hervorbringt, der Einsatz von Tanja Szewczenko, die am Schluss dazu beiträgt, Lisa zu retten, ist okay, aber der Sport ist sehr ernst, vor allem, wenn er auch noch mit Kunst verbunden ist. Aufopferung ist der Preis für den Ruhm und Lisa will diesen Preis nicht mehr zahlen, sondern ihr Kind austragen, auch wenn es von dem Trainer ist, der sogar einen Mord begeht, um einen Erpresser loszuwerden, der von dem Verhältnis mit Lisa wusste.

Wenn man es etwas hintergründiger sieht, kann man dem Film nicht nur die Botschaft unterlegen, dass Sport auch über Leichen geht, damit Erfolg gewährleistet ist, sondern auch, dass eine neue Generation, verkörpert durch die talentierte Lisa, nicht mehr bereit ist, sich bedingungslos zu schinden und der Karriere alles unterzuordnen. Sie wird also mit dem Eishockeyspieler ein Paar bilden, der sich für sie einsetzt und seinerseits nicht zu den Drogenkonsumenten in der Mannschaft der Halle Penguins zählt.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Dietmar Klein
Drehbuch Scarlett Kleint,
Michael Illner
Produktion Emmo Lempert
Musik Claus Quidde
Kamera Michael Hammon
Schnitt Hans-Otto Krüger
Besetzung

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