Gänseblümchen – Polizeiruf 110 Episode 187 #Crimetime 1008 ::: #50JahrePolizeiruf ::: #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Volpe #Möller #Küppers #Bauer #WDR #Gans #Blume #Gänseblümchen

Crimetime 1008 - Titelfoto © WDR, Bischoff

Ein Serienmörder zum Verlieben

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung im Juni 2021

In sechs Tagen, am 27.06.2021, wird der Polizeiruf 110 50 Jahre alt. Es begann alles mit „Der Fall Lisa Murnau“ am 27. Juni 1971 und das feiern wir nun, ndem wir in rascherer Folge als üblich Polizeiruf-Rezensionen veröffentlichen, die wir seit unserem „Einstieg „in die Reihe im März 2019 geschrieben haben. Das eine oder andere Special zur Reihe wird ebenfalls in den nächsten Tagen erscheinen. „Gänseblümchen“ stammt aus der Zeit, in welcher der Polizeiruf 110 nicht nur als einziges DDR-Format die Wende überstanden hatte, sondern auch nach Westen expandierte. Ein Beispiel dafür sind die Volpe-Krimis des WDR.

Kritik 2020

Heute gibt es keine Polizeirufe mehr aus dem Westen – wenn man von Bayern absieht, das ja eher im Süden der Republik liegt. Aber in den 1990ern hatten sich der Hessische Rundfunk und der WDR an der Reihe versucht, nachdem ihre Fortexistenz gesichert war. Beim westdeutschen Rundfunk ging man den Weg, einen Dorfkrimi im Bergischen Land zu etablieren, passenderweise mit zwei Dorfpolizisten im Mittelpunkt. Der Spielort Volpe ist fiktional, die Handlung und die Typen müssen bei einem Dorfkrimi humoristisch sein – und wie steht es um den Serienmörder, der sich bei Witwe Kampnagel eingemietet hat? Dies und mehr wird in der -> Rezension geklärt.

Handlung

Sigi Möller, Streifenbeamter im beschaulichen Volpe, hat seiner Freundin Gabi vom Morddezernat einen erfolgreichen Heiratsantrag gemacht. Einen Strich durch die Hochzeitsplanung macht Sigi jedoch der Sauerlandkiller, ein Serienmörder, der seine Opfer stets ersticht und ihnen anschließend die Zunge herausschneidet. Nach drei Morden in der Gegend wird nun die Sekretärin von Bürgermeister Huffer, Ex-Alkoholikerin Evi, tot aufgefunden. Kurz zuvor war ihr Mann Horst Amok gelaufen, schoss auf dem Volper Marktplatz um sich und wurde schließlich von Polizist Hugo erschossen. Besonders brisant sind die Morde, weil Huffer derzeit im Wahlkampf gegen den starken Konkurrenten Max Maiwald antritt.

Gabi versucht, moderne Ermittlungsmethoden in Volpe einzuführen und ein Täterprofil zu erstellen. Sigi erhält unterdessen einen ersten Anruf vom echten Sauerlandkiller Achim, der sich beschwert, dass die Mordserie ganz anders war, als sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Er sucht kurz darauf einen Redakteur der Abendpost auf und ermordet ihn, weil er in der Darstellung der Morde in seinem Blatt gelogen habe. Am nächsten Tag ruft Achim erneut bei Sigi an und leugnet, den Mord an Evi begangen zu haben. Er übernimmt jedoch die Verantwortung für die restlichen vier Morde, lüge er doch nie. Um seine Identität vor Sigi nachzuweisen, hat er ihm die Zunge des Redakteurs per Post geschickt. Die wird von einem Polizeihund aufgefressen, bevor Sigi sie Kalle zeigen kann. Da Achim auf absoluter Verschwiegenheit besteht und nur dann keine weiteren Morde begehen will, behält Sigi sein Wissen für sich. Achim verspricht er, den wahren Mörder von Evi zu finden.

Sigi filmt heimlich die Trauerfeier für Evi und ihren Mann. Ein Fremder ist unter den Trauergästen, der sich als der Geistliche Wilbur Schürmann entpuppt. Am Grab von Evi und Horst findet Sigi einen Schuhabdruck, der identisch mit einem Abdruck ist, der bei Evis Leiche gefunden wurde. Wilburs Schuhe haben jedoch ein anderes Profil; der Geistliche wird zudem kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Achim macht Sigi telefonisch klar, dass auch dieser Mord nicht von ihm verübt wurde. Er gibt den Ermittlern zwei Tage Zeit, um den Täter zu finden; ansonsten werde er selbst aktiv werden.

Sigi und Kalle finden heraus, dass Evi als Sekretärin von Bürgermeister Huffer auch die Gelder für seinen aktuellen Wahlkampf verwaltete. Huffers Gegner Max Maiwald lebt erst seit kurzer Zeit in Volpe. Auf Huffers Konto finden sich Gelder, die den Anschein erwecken, dass Huffer von der Esologen-Sekte mitfinanziert wird. Diese Sekte strebt nicht weniger als die Weltherrschaft an. Wilbur wiederum engagierte sich aktiv gegen die Esologen und half Sektenmitgliedern beim Austritt. Sigi und Kalle finden heraus, dass neben Maiwald auch Evis Alkoholtherapeutin Frau Austen Mitglied der Esologen ist. Beide haben die Gelder auf Huffers Konto transferieren lassen. Der wird nun in der Zeitung als Sektenmitglied bezeichnet, was vor allem Maiwalds Bürgermeisterkandidatur nutzt.

Bei der Suche nach den Fußspuren beim Begräbnis und am Fundort von Evis Leiche erkennen Sigi und Kalle schließlich, dass nur Polizist Hugo als Täter infrage kommt. Er hatte an dem Tag Schicht. Oma Elisabeth Kampnagel erscheint auf dem Polizeirevier. Sie kennt Sigi und Kalle von früheren Fällen; nun bringt sie beiden ein vermeintliches Radio, das ihr neuer Untermieter – Achim Jahnke – in seinem Zimmer stehen hatte. Das Radio ist in Wirklichkeit ein Abhörgerät, hatte Achim doch im Umschlag, mit dem er die Zunge gesendet hatte, eine Wanze versteckt. So war er stets im Bilde, was die Polizisten besprachen und weiß nun auch, dass Hugo als Mörder gilt. Achim sucht Hugo auf und sticht auf ihn ein. Er fesselt ihn, doch können ihn Sigi und Kalle daran hindern, Hugo zu ermorden. Stattdessen tötet sich Achim vor ihren Augen selbst. Elisabeth Kampnagel kümmert sich um eine Grabstätte für Achim, den sie stets als freundlichen Mann erlebt hatte. Gabi wiederum sagt die Hochzeit mit Sigi ab, da sie ihn zu sehr liebt.

Info

Sigi Möller und Kalle Küppers ermittelten in ihrem 3. Fall. Der Titel Gänseblümchen bezieht sich auf Blumen, die Achim in seiner Wohnung zieht. Achim leidet an einer multiplen Persönlichkeitsstörung und glaubt, er selbst und seine Ehefrau zu sein, die er zudem eng mit Gänseblümchen in Verbindung bringt. Als Kind hatte er einem Mädchen, das er später einmal heiraten wollte, einen Strauß Gänseblümchen geschenkt und musste kurz darauf mitansehen, wie das Mädchen überfahren wurde. Die Fahrer des Wagens drohten Achim damals, ihm die Zunge herauszuschneiden, sollte er lügen und behaupten, dass beide das Mädchen überfahren haben. Infolge der psychischen Störung wurde Achim schließlich zum Mörder an Personen, die nicht die Wahrheit erzählten.

Kritiken

Rainer Tittelbach schrieb in der Mitteldeutschen Zeitung, dass der Polizeiruf Schwächen habe, so meinte Drehbuchautor Dirk Salomon selbst, dass „relativ viel reingepackt [ist]. Die Sekten-Geschichte bleibt manchmal etwas auf der Strecke“.[2] „Wie sich die ‚Serial-killer‘-Parodie bloß in Grimassen und einer Räuberpistole von Psychologie erschöpfte, so geriet auch der Rest der Dramaturgie zu einem großangelegten kindischen Bluff, der so rein gar nichts mit den vergrübelten und ausgefeilten Psychostücken der einst renommierten DDR-Reihe ‚Polizeiruf‘ zu tun hatte“, befand die Stuttgarter Zeitung.[3]

Rezension

Es gibt auch positive Kritiken zu dem Film und Tittelbach.TV neigt heute auch eher zu freundlichen Rezensionen, aber die obigen Meinungen haben wir abgebildet, weil sie ziemlich genau dem entsprechen, was ich beim gestrigen Anschauen gesehen habe. Keine Frage, dass Henry Hübchen einen Serienmörder so sympathisch macht in seiner hilflosen Vielpersönlichkeit, dass man eher Mitleid mit ihm hat, als ihn für sein Handeln zu verurteilen, denn immerhin hat ein schweres Trauma seine psychische Erkrankung ausgelöst und notorische Lügner umzubringen, wirkt moralisch nicht ganz so anrüchig, wie Frauen, die auch ehrliche Menschen sein können, im Park nachzustellen und Sexualmorde zu begehen.

Was wir in sehen, ist in der Tat Küchenpsychologie, aber die Frage ist, ob die Messlatte tatsächlich die psychologisch ausentwickelten Polizeirufe der späten DDR sein können, die ich auf ihre Art oft sehr beeindruckend finde. Volpe extrahiert das Psychische nicht aus dem Alltag, sondern exploitiert es, wie man an den Videos von Psychothrillern sieht, die Möller sich fürs Wochenende ausleiht. Deutlicher könnten die Anspielungen auf ebenfalls oft ziemlich gewagten US-Thriller wie „Basic Instinct“, „Se7en“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ nicht sein. An „Seven“ von Steven Spielberg hat uns auch die Anlage von „Gänsebümchen“ ein wenig erinnert, obwohl es hier nur um eine von sieben Todsünden geht und der Mörder eben nicht so grausam wirkt und keine Köpfe von jungen Frauen als Pakete versendet, sondern viel eher als Opfer dargestellt wird.

Trotzdem ist es schwierig, kranke Serientäter auf die humorvolle Ebene zu heben. Die Dorfpolizisten Möller und Küppers sind sehr sympathisch und Andrea Sawatzki spielt hier die Gabi Bauer noch um einiges erdiger als später ihre Kommissarin im Frankfurter Tatort, die demgemäß auch Charlotte Sänger heißt.

Aber man hätte sich unbedingt auf ein Thema konzentrieren müssen: Entweder auf den Serienmörder oder auf die Sektengeschichte. Wie wird ein Dorf politisch von Sektenmitgliedern unterwandert, das gibt doch schon viel her und zwei Morde finden deswegen auch statt. Man merkt dem Film leider an, dass er sehr zeitgeistig sein will: Scientology und die Steven-King-Verfilmung „Se7en“, die im Jahr vor dme Dreh von „Gänseblümchen“ in die Kinos kam, waren eben der heiße Scheiß, aus dem man einen Polizeiruf ableiten wollte. Durch die Kombination von beidem ist nicht genug Spielzeit vorhanden, um beide Stränge gut auszuformen und dadurch auch den  Humor mehr in Richtung Satire zu treiben. Satire muss ihren Gegenstand ausloten, wenn man es schon nicht mit der Seelekunde hat und die Persönlichkeit des Gänseblümchenmörders ein bisschen trashig und durch den Kakao gezogen wirkt.

Es gibt ja große Vorbilder in Sachen Küchenpsychologie, zum Beispiel Alfred Hitchcock, aber er widmet dem Schrägen, wenn es seine Filme bevölkert, wie „Vertigo“ oder „Psycho“, sehr viel Hingabe und treibt es dadurch unabhängig von seiner Authentizität sehr in den Suspense hinein. Das kann man von „Gänseblümchen“ nicht sagen, der Film ist zu zerfasert, um eine mörderische Spannung aufkommen zu lassen.

Finale

Ein wenig zeichnen sich in den WDR-Polizeirufen schon die Münster-Tatorte ab, die seit 2002 ausgestrahlt werden. Kein Verbrechen kann so grausam sein, dass der Spaß zu kurz kommen muss. Eine Linie nach Dortmund, wo die Cops selbst psychisch angeschlagen sind, ist eher nicht zu bemerken, wohl aber ist dieser flockige und recht unverbindliche Humor, den wir in „Gänseblümchen“ und den übrigen Volpe-Polizeirufen sehen, typisch für die 1990er und die Erwartung des Endes der Geschichte. Heute wissen wir es besser, und um einen wirklich guten Psychothriller zu zitieren: It’s all joy but no fun.

6/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ulrich Stark
Drehbuch Dirk Salomon
Thomas Wesskamp
Produktion Veith von Fürstenberg
Musik Joachim-Franz Bartzsch
Birger Heymann
Kamera Manfred Ensinger
Jürgen R. Schoenemann
Schnitt Felicitas Lainer
Arnd Möller
Besetzung

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