Explosion des Schweigens (Blast of Silence, USA 1961) #Filmfest 519 #DGR

Filmfest 519 Cinema – Die große Rezension

Explosion des Schweigens (Blast of Silence) ist ein US-amerikanischer Gangsterfilm aus dem Jahr 1961. Die Low-Budget-Produktion wurde von Allen Baron, der auch die Hauptrolle spielt, in Schwarz-Weiß inszeniert und gilt aufgrund seiner düsteren Ästhetik als ein lange vergessenes, spätes Meisterwerk des Film noir.

Feature: Filmcheck – Kurzkritik – Rezension – Essay – Serie

Implosion in Düsternis

Der Inhalt in einem Satz: Ein Profkiller kommt kurz vor Weihnachten nach New York, nimmt einen Auftrag an, bekommt Schwierigkeiten mit einem Waffenhändler und mit seinen Gefühlen für ein junges Mädchen und am Ende mit seinen Auftraggebern, obwohl er seinen Job erledigt – einen Mobster aus der 1b-Garde umzubringen.

Genau wie das Leben des professionellen Mörders Frank Bono (Allen Baron) beginnt der Film in der Düsternis, man hört aus dem Schwarz nur die Stimme des Narrators, der ein Ich-Erzähler wäre, wenn er Frank nicht immer mit „du“ ansprechen würde. Im Original hat diese innere Stimme, die aber auch von außen auf die Figur blickt und sie dem Zuschauer offenbart, offenbar einen New Yorker Slang, was sicher noch eindrucksvoller ist als die monotone, gleichwohl unruhig wirkende deutsche Synchronisierung.

Genau wie in den meisten Fällen, die man aus Filmen dieses Subgenres der Profikiller-Thriller kennt, endet das Leben dieses Handlungsreisenden in Sachen Blei in jener Düsternis – hier im schlammigen Wasserbecken irgendwo im Umland von NYC. Es ist kalt und der Wind bläst und der Showdown bei miserablem Wetter ist unvermeidlich. Dadurch handelt es sich unvermeidlich um einen Film noir und was über ihn zu schreiben ist, steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der Film beginnt in völliger Dunkelheit, es sind lediglich Eisenbahngeräusche zu hören. Ein Erzähler mit markanter Stimme, der die Handlung als Voice-over in der zweiten Person begleiten wird, berichtet in knappen, abwertenden Worten von der Geburt des Protagonisten. Währenddessen naht aus dem Dunkel ein Licht, das bald als Tunnelausgang zu erkennen ist. Die Szene wechselt auf einen Bahnsteig. Ein Zug hält im Bahnhof Pennsylvania Station in Manhattan. Ein Mann im Trenchcoat entsteigt, stellt seinen Koffer ab, zieht seinen Hut zurecht und zündet sich eine Zigarette an. Der Auftragskiller Frank „Frankie“ Bono ist aus Cleveland angereist, um hier über die Weihnachtsfeiertage einen Job zu erledigen. Ein Taxi bringt Frank nach Downtown, wo er sich ein billiges Hotelzimmer nimmt. Er besorgt sich einen Wagen und macht sich auf den Weg zur Staten Island Ferry. Auf der Fähre trifft er den Kontaktmann seiner Auftraggeber, der ihm weitere Anweisungen gibt und eine zusammengefaltete Zeitung mit einem Vorschuss überreicht. Frank soll den Gangsterboss Troiano ermorden, der der New Yorker Unterwelt zu gierig geworden ist.

Der gedungene Killer macht sich sofort an die Observierung, wobei er akribisch die Gewohnheiten seines Opfers ausspäht. Schnell findet er heraus, dass Troiano, der ständig von zwei Leibwächtern beschützt wird, stets im selben Restaurant speist und eine Geliebte aushält, mit der er sich regelmäßig, ohne Leibwächter, in einem abgelegenen Appartementhaus trifft. Zunächst muss sich Frank allerdings noch eine Waffe besorgen und besucht dazu den Waffenschieber Big Ralph, der in einer heruntergekommenen Wohnung mit zahmen Ratten haust. Frank beauftragt Big Ralph, ihm einen Revolver mit Schalldämpfer zu besorgen, doch der Waffenhändler erweist sich als ebenso geschwätziger wie geldgieriger Verhandlungspartner. Schließlich einigen sich die beiden und Frank erhält eine Adresse im Hafenviertel, wo er sich die Schusswaffe in den nächsten Tagen abholen kann. Um die Zeit zu überbrücken, streift Frank durch das vorweihnachtlich beleuchtete Manhattan, vorbei an festlich geschmückten Schaufenstern und Ladenlokalen. Schließlich kehrt er in einer Bar ein, wo er Petey, einem Freund aus Waisenhaustagen, begegnet. Die beiden trinken und unterhalten sich. Während Petey von seiner erfolgreichen Karriere als Werbegrafiker berichtet, bleibt Frank bei Fragen nach seinem Werdegang aus naheliegenden Gründen ausweichend. Dennoch gelingt es Petey ihn zu überreden auf eine Weihnachtsfeier mitzukommen. Dort trifft Frank auf die attraktive Lori, in die er früher einmal verliebt war. Die beiden tanzen miteinander und kommen sich näher. (…)

Rezension

Das erste, was wir verblüffend fanden, war, wie diese innere Stimme uns den Waisen offenbart, der nie Liebe erfahren hat. In der vielleicht gruseligsten, jedenfalls symbolhaftesten Szene des Films blickt er aus dem Fenster einer Wohnung, in welcher er seinen Auftrag ausführen soll – und sieht dort auf den Hof eines Waisenhauses, auf dem unzählige Kinder herumrennen oder –stehen: Die nächste Generation von Menschen, die nie Liebe erfahren haben. Deren Vater sich stante pede vertschüsst hat, deren Mutter vielleicht bei der Geburt gestorben ist oder keine Möglichkeit oder Lust hatte, ein Kind, das sie nur an einen sexuellen Betriebsunfall erinnert, aufzuziehen.

Als die Kinder dann vom Hof abmarschieren, formen sie ein deutlich erkennbares Hakenkreuz, das von der diktatorischen Tradition in unpersönlicher Erziehung kündet – so werden Mörder aufgezogen, egal ob in einer Napola der SS oder in New York City im Jahr 1931 oder 1961 – wobei man hinzufügen muss, dass sich gerade in den 1960er Jahren viel im US-Erziehungssysem änderte.

Dieses überstarke Symbol kündet aber auch von den Ambitionen der Filmemacher, die hier einen Mann zeigen, den wir seltsam abweichend von den Persönlichkeiten finden, die uns üblicherweise als Profikiller begegnen. Wir schauen in diesen Mann mit erkennbar italienischen Wurzeln und sehen einen im Grunde verzagten, vor allem aber überaus einsamen Menschen, dessen Gefühle und Gedanken, vom Narrator mitgeteilt, alles andere als einheitlich sind, sondern sehr widersprüchlich.

Es fällt schwer, bei diesem sehr emotionisierten Typ zu glauben, dass er über Jahre hinweg einen präzisen Auftragsmord nach dem anderen ausführen konnte und dabei keinen Fehler gemacht hat. Denn in diesem Film passiert so viel, was nicht zu dem Bild passt, das unsere durch Filme geschaffene Wahrnehmung uns über diese spezielle Spezies von Dienstleistern vermittelt hat.

Wenn man „Blast of Silence“ etwa mit „Der eiskalte Engel“ mit Alain Delon vergleicht, bemerkt man zwei Pole desselben Genres. Hier der im Grunde übernervöse, anfällige Typ, ein ehemaliges Straßenkind, einer, der Hass empfindet und den Hass braucht, um sogar  Figuren wie diesen keinerlie Identifikation ermöglichenden Mafioso zu liquidieren, um den es in „Blast of Silence“ geht –  dort ein stilisierter, obercooler Verbrecher, dem man jederzeit das perfekte Verbrechen abnimmt. Beide werden am Ende gestellt, das ist  klar oder war es in den 1960ern noch.

Wir haben „Blast of Silence“ schon vor über einem Jahr aufgezeichnet und ihn für die Rezension noch einmal betrachtet. Wer zweimal schaut, bemerkt mehr Details. Dazu kommt, dass unsere Krimischulung sich durch die TatortAnthologie verbesser hat. Mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass wir einen starken Akzent auf die Logik von Handlungen legen.

Man kann es sich nach dieser Einleitung denken, worauf wir hinauswollen: Als Krimi ist „Blast of Silence“ lächerlich. Warum muss ein Killer sich immer neue Waffen auf kompliziertem und konspirativem Weg besorgen, in einem Land, in dem es so einfach ist, an Schießeisen heranzukommen wie in den USA? Ohne den Waffenschieber, den dicken Ralph (Larry Tucker), der in seiner verwahrlosten Art, mit Bart und schwellender Haartracht, beinahe existenzalistisch-avantgardistisch wirkt, wäre die Handlung aber so nicht denkbar, wie sie uns gezeigt wird.

Dass nun diese schmierige Figur ausgerechnet in derselben Bar und zur selben Zeit rumsitzt, als Bono reinkommt, um sein Mordopfer zu studieren, den Mafioso Troiano (Peter Clune) und checkt, dass Bono diesen Typ umbringen will (Ralph weiß natürlich, dass Bono ein Killer ist) und ihn dann zu erpressen versucht, ist ebenfalls mehr als zufällig und überdrüber, wenn man bedenkt, wie rudimentär der fette Rattenhalter im Grunde ist.

Dass Bono kein echter, harter Totmacher sein kann, wie er in vielen Krimis aufgestellt wird und wie jemand wohl sein muss, um aus der Neigung zum Mord einen Beruf zu machen, merkt man auch daran, dass der Dicke das letzte Wort in der Preisverhandlung um die Waffe hat und später daran, dass er sich nach dem Mord von einem Ex-Mitwaisen überreden lässt, den Heiligen Abend bei ihm zu verbringen. Das ist mehr als unprofessionell. Aber auch diese Begegnung ist in einer Stadt mit damals 8 Millionen Einwohnern so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto.

Letztlich müsste er auch wissen, dass er sich mit dem dilettantischen Telefonat, in dem er seinen nächsten Auftrag niederlegen und sesshaft werden will, den eigenen Totenschein ausstellt.

„Blast of Silence“ wird als Spätwerk  zum Film noir gerechnet, deshalb muss man differenzieren – und hier müssen wir aufgrund neuerer Erkenntnisse genau in die andere Richtung abweichen und auch die ursprüngliche Rezension dementsprechend ändern. Wir schrieben, dass die angloamerikanisch Krimitradition, angereichert um deutsche Stilelemente, den Film noir herangebildet hat. Es stimmt aber nicht, dass die Films noir sehr logische Handungen und immer Figuren am Rande der (literarischen) Maximalkapazität haben.

Zufälle spielen eine große, ja schicksalhafte Rolle, die Vorbestimmung ebenso. Und beides wird in „Explosion des Schweigens“ geradezu exemplarisch gezeigt. Übertrieben und gleichermaßen rudimentär bleibt es allerdings. Auch eine Stilisierung muss gewisse Regeln einhalten, wie zum Beispiel, dass man nachvollziehen kann, wie jemand dorthin gekommen ist, wo er jetzt im Leben steht, und die Frage bleibt, wie Bono es angesichts seines Charakters in diesem Beruf länger Zeit machen konnte.

„Blast of Silence“ wirkt etwas abstrakt, nicht nur wegen der auf erheblichen Zufällen aufgebauten Handlung, die über das übliche Maß im Film noir hinausgeht. Sicher, es ist ein Autorenfilm, und dazu noch ein extra niedrig budgetierter, ein B-Film der Univesal (der in Deutschland aber von den UA vertrieben wurde). Ein junger Regisseur und Schauspieler sich mal ausprobieren und interessante Ideen bekannter Muster umsetzen, teilweise sogar neu denken und daraus ein stilistisch interessantes Werk erstellen.

Dass der Regisseur und Hauptdarsteller hierzulande kaum jemandem bekannt sein dürfte,liegt schlicht daran, dass er nach diesem immerhin vielversprechenden Erstling nur noch fürs Fernsehen gedreht hat. Es gab von ihm keinen einzigen weiteren Krimi für die große, wenn auch in diesem Fall schmalformatige Leinwand (4:3). Die übrigen Schauspieler sind ebenfalls aus der Garde der bei uns Unbekannten, die für kleines Geld in einem kleinen Film mitwirken.

Allen Baron spielt den einsamen und innerlich brodelnden Killer gut, und meist sieht man von dessen Innenleben, das der Narrator so plastisch schildert, nach außen nichts. Das heißt, der Schauspieler kann recht stoisch agieren und wäre die spezielle Form der Narration nicht, käme der Film den üblichen Konventionen um einiges näher – bis auf diese Privatgeschichte, die zu schlicht und unverständlich geraten ist, wenn man bedenkt, um was es bei diesem Auftrag geht: Nämlich darum, einen dicken Fisch für dickes Salär umzubringen und sich dann zur Ruhe zu setzen – und nicht etwa mittendrin den Überblick zu verlieren und sich angreifbar zu machen.

Wir erleben Charakterschwächen bei Helden in Filmen der Schwarzen Serie häufig, sie sind oftmals das Schmieröl für die Handlung und sie kommen aus dem Milieu und der Prägung der Helden, sie können nicht raus aus diesen Mustern. Und manchmal gibt es auch einen Narrator, der aus deren Sicht melancholisch oder ironisch das Geschehen kommentiert. Aber es wirkt eben weniger versatzstückhaft, zumindest in den besseren unter den Films noir.

Was den Film heute beinahe zum Kult macht, ist schwer anhand einzelner Faktoren zu ermitteln. In der IMDb (Internet Movie Database) erhält er für ein so kleines Werk hervorragende 7,6/10 (zur Zeit der Veröffentlichung des Beitrages bereits 7,7/10, A. d. Verf., im Jahr der Wiederveröffentlichung auf dem Filmfest des neuen Wahberliners sind es 7,5/10); auf „Rotten Tomatoes“ , einer Plattform, die US-Kritikerstimmen zusammenfasst, erhält er starke 85 % insgesamt, wobei einige eher gemischte Kritiken dort als positiv eingestuft werden, auch die Wertung des Publikums von „RT“ liegt bei 84 %.

Angesichts der Rohheit des Werks, bei dem sogar die Bildtechnik ziemlichen Qualitätsschwankungen unterliegt, angesichts er Handlungsschwächen und der Probleme mit der Glaubwürdigkeit der Figur verblüfft das erst einmal. Allerdings wird die bereits die Figur teilweise anders bewertet als von uns: Dennis Schwartz schreibt zum Beispiel: „Tells you everything you wanted to know about how a cautious professional hit man thinks and acts.“ ([„Blast of Silence“, A. d. Verf.] erzählt Ihnen alles, was Sie darüber wissen wollten, wie ein umsichtiger Profikiller denkt und handelt.) Wenn man den Mann als so professionell ansieht, ist klar, warum man den Film und seine einzige wichtige Figur stimmiger findet als wir.

Wie wir jedoch sehen – er endet dort, wo er endet, weil er eben nicht umsichtig oder gar abgeklärt und seinen Opfern und Auftraggebern gegenüber neutral eingestellt ist. Das immerhin ist konsequent: Der Schrei der gequälten Kreatur verstummt. Hass war ihr Antrieb, und Sehnsucht ihr Verhängnis.

Vielleicht ist es so, weil man ja alle diese Gefühle kennt, und wenn man sich davon frei macht, dass ein Hit-Man so nicht sein darf, dann sind sie natürlich so wahr wie das Leben selbst. Darauf muss man sich also einlassen und sich denken, der Bono könnte  auch Handlungsreisender in Staubsaugern sein und sein Leben und die Kunden ebenso hassen wie die Auftraggeber und Opfer. Emotionale Aussetzer, zu denen man auch den alles andere als professionell ausgeführten Mord am dicken Ralph rechnen muss (gut, dass mitten im Hausflur eine Axt hängt, wie in jedem ordentlichen Mietobjekt, sonst wäre die Sache gründlich schief gegangen), hätten dann nicht diese existenzielle Bedrohlichkeit.

Dass der Narrator einerseits von den Opfern des Killer als „Objekten“ spricht, wirkt zwar berufsmäßig, aber die Einstllung von Bono entspricht nicht dieser Bezeichnung. Er denkt sogar darüber nach, ob er moralisch vielleicht dadurch gerechtfertigt ist, dass er einen fremdgehenden Mafioso mit Bürgerfassade umbringt, und nicht etwa eine katholische Nonne (einer solchen spendet er in einer Szene kurz vor Ende des Films ein Geldstück).

Dass Bono und Baron etwas verquer sind, merkt man daran, dass dieser Mafiaboss sich in einem Vorort gemütlich eingerichtet hat und dort zwischen Normalbürgern lebt – er wird aber jeden Morgen von zwei Leibwächtern, „denen man ansieht, was sie sind“ (O-Ton Narrator), von diesem Haus abgeholt. In dem Zusammenhang reflektiert der Narrator darüber, dass die Nachbarn diesen Gangster bestimmt nett fanden und bei Schlagzeile seiner Ermordung erstaunt sein würden, wer sich bei ihnen eingenistet hat: ein Drogen- und Mädchenhändler. In Wirklichkeit haben Spießer ein sicheres Gefühl dafür, dass jemand irgendwie anders ist als sie selbst, vor allem, wenn er so viel anders ist als dieser Mann.

Apropos Schlagzeile: Dass die Strangulierung dieser Kleinexistenz Ralph in riesigen Lettern als Titelstory einer New Yorker Zeitung dient, wie man es hier sieht, darf man getrost als Unsinn abtun.

Damit sind wir der Faszination des Films noch nicht viel nähergekommen. Das Interessante liegt sicher in dieser Kombination aus Unstimmigkeiten und Realismus, die der Film zeigt. Das komplette „Filming on Location“ war damals noch selten, es wird, wenn überhaupt, nur wenig mit Rückprojektion gearbeitet, die Autoszenen wirken daher echter als in zeitgenössischen US-Filmen, außerdem sieht man bekannte Orte wie den Rockefeller Plaza, dazu mit diesem riesigen Weihnachtsbaum, der dort traditionell aufgestellt wird. Auch in den düsteren Ecken wirkt New York echter als in beinahe jedem anderen Film der Kennedy-Ära.

Dazu kommt eine dunkle Stimmung, die ganz und gar nicht dem Zeitgeist, dem Aufbruch in eine schönere Zukunft, entsprach. Die Filme der frühen 1960er waren meist optimistisch, humorig bis ausgelassen und sehr aufwendig gefilmt. Selbst Dramen und Tragödien hatten etwas Edles und waren nicht so schmutzig und klein wie „Blast of Silence“.

Man kann aber auch sagen, er klammert die großen Films noir der 1940er Jahre mit den Großstadtfilmen ab Mitte der 1960er, die schon dem New Hollywood zuzurechnen sind – und ist und bleibt doch ein Einzelstück, das nach unserer Ansicht seine Hauptfaszination genau daraus bezieht.

Fakten

Ein Teil des Films wurde während des Hurrikans „Donna“ am 10. bis 12. September 1960 gedreht, die Außenaufnahmen am Ende wirken auch deshalb so überaus realistisch und spannend, was sicher zu einer unterschwelligen, sozusagen inneren Lobpreisung des Films seitens geneigter Kritiker beiträgt, aber ebenso zufällig ist wie viele Elemente der Handlung.

Peter Falk sollte ursprünglich die Rolle von Frank Bono spielen – im Sinn eines kostenlosen Freundschaftsdienstes für Allen Baron. Falk musste aber zugunsten eines bezahlten Jobs absagen und wurde später als „Columbo“ berühmt.

Licht und Dunkelheit sind Metaphern in diesem Film, dazu gehört auch die Anfangserzählung über Züge, die zu allen Tageszeiten in New York eintreffen und dass dies letztlich egal sei. Der einfahrende Zug, mit dem Bono aus Cleveland kommt, war aber in Wirklichkeit ein abgehender und die Züge aus Cleveland trafen immer auf der unterirdischen Plattform der Grand Central Station ein, nicht in der mittlerweile abgerissenen, oberirdischen Halle, die im Film zu sehen ist.

Finale

Die erwähnten „Flaws“ des Films könnte man fortsetzen, auch wenn wir meinen, die klarsten herausgegriffen zu haben. Sicher haben einige amateurhafte Details Charme, besonders, weil es in den frühen 1960ern fast nur die Hollywood-Großproduktionen gab, die in gewisser Weise sich selbst zitierten und ein wenig am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten angekommen sind. Etwas Experimentelles haftet „Blast of Silence“ auf jeden Fall an, deswegen große Kunst zu deklarieren, fällt uns schwer. Er ist besonders, er fasziniert über 70 Minuten (selbst bei diesem kurzen Werk hat man in Deutschland in der damals offenbar unvermeidbaren Weise ein paar Szenen herausgeschnippelt, das Original läuft 10 % länger).

Die Stimmung ist klasse eingefangen und passt auch zur Figur Bono. Sie würde weniger passen, wenn er ein echter Profi wäre, das gilt auch für die Art von Jazzmusik, die den Film durchzieht und die sicher ebenso für die von Kritikern positiv rezipierte Atmosphäre sorgt wie die Bilder.

Am Ende hat man Mitleid mit der Hauptfigur, dem Killer, ist also doch emotional drin im Geschehen. Leider ist das ein langer Prozess, der bis zu dieser Schlusszene dauert, weil man zuvor die dicht aufeinander folgenden Spezialitäten der Handlung verdauen muss – und ohnehin wüsste, was geschieht, auch wenn man den Film nicht schon einmal gesehen hätte. Die düsteren Zeichen stehen zu deutlich an der Wand, als dass der Film ein anderes Ende nehmen könnte als den Tod von Bono. Wir werten mit 6,5/10. Das ist, gemäß  einigen Änderungen und Relativierungen in der Rezension, ein halber Punkt Aufschlag gegenüber unserer ursprünglichen Meinung. Anlässlich der Wiederveröffentlichung des Textes auf dem Filmfest des „neuen“ Wahlberliners haben wir um zwei weitere Punkte angehoben. Mehr ist ohne Neusichtung nicht möglich. Der Hintergrund ist, dass wir in den Jahren 2013 (Entwurf) und 2014 (Erstveröffentlichung) vermutlich nicht in der allerbesten Verfassung für die Rezension eines so durchweg düsteren Werkes waren und es daher zu einer Unterbewertung kam. Erfahrungsgemäß empfinden wir Bewertungen aus jener Zeit aber heute nicht als völlig falsch.

67/100

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursive Textteile: Wikipedia

Regie Allen Baron
Drehbuch Allen Baron
Waldo Salt
(als „Mel Davenport“)
Produktion Merrill Brody
Musik Meyer Kupferman
Kamera Merrill Brody
Schnitt Peggy Lawson
Besetzung

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