Verstoßen – Polizeiruf 110 Episode 286 #Crimetime 1009 ::: +50Jahre Polizeiruf110 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Verstoßen

Crimetime 1009 - Titelfoto © MDR, Junghans

Eine Lanze für Heimkinder

Vorwort zur Veröffentlichung im Juni 2021

Wir feiern 50 Jahre Polizeiruf 110. Feiern Sie mit? Ach ja, bitte! Am 27.06.1971 wurde „Der Fall Lisa Murnau“ gezeigt und so begann die Legende des Ost-Pendants zum westdeutschen „Tatort“. Es war beinahe ein Wunder, dass der Polizeiruf als einziges DDR-Format die Wiedervereinigung überlebte und es gab den kritischen Moment im Jahr 1991, als es nach dem Ende aussah. Aber das Dranbleiben hat sich gelohnt. Sogar Westsender drehten Polizeirufe, Schmücke und Schneider aus Halle stablisierten ihn dort, wo er besonders wichtig war, nämlich in den damals tatsächlich noch neuen Bundesländern, als sie 1996 gemeinsam ihren Dienst in Halle begannen. 50 Mal haben sie zusammen einen Fall gelöst und sind damit das nach der Wende mit Abstand erfolgreichste Team. Insgesamt liegt immer noch Oberleutnant, später Hauptmann Peter Fuchs mit nicht weniger als 85 Einsätzen (davon ab den 1980ern allerdings auch Kurzauftritt) vorne.

Zum Polizeiruf „Verstoßen“

Es ist erstaunlich, wie oft Heimkinder in den Polizeirufen aus der DDR ausgeleuchtet wurden, aber diese Tradition setzt „Verstoßen“ im Jahr 2007 fort. Das Familiendrama hingegen war zu allen Zeiten ein beliebter Hintergrund für Verbrechen aller Art und das wird sich wohl niemals ändern, denn die Blackbox Familie ist eines der spannendsten Sujets für jene, die nach Abgründen suchen. Wie gut das bei „Verstoßen“ gelang, beschreibt die -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Bei einem Einbruch in einer Lagerhalle wird ein Wachmann niedergeschlagen und schwer verletzt. Schmücke und Schneider werden gerufen und nehmen ihre Ermittlungen auf. Von Staatsanwältin Meissner erfahren sie, dass es nach ähnlichem Muster in den letzten Monaten mehrere solcher Einbrüche gab. Einige Tage später wird auf einem Schrottplatz die Leiche von Matthias Noack gefunden, der ebenfalls mit einer Eisenstange erschlagen wurde. Da Noack derzeit eine Bewährungsstrafe verbüßen muss, liegt es nahe, dass er etwas mit den Einbrüchen zu tun hat.

Nach ersten Ermittlungsergebnissen ist eindeutig, dass Matthias Noack beim letzten Einbruch tatsächlich mit dabei war, aber auch, dass er sehr wahrscheinlich aus der Bande aussteigen wollte. Demzufolge konzentrieren sich die Beamten auf Noacks Umfeld. Dazu gehört der vorbestrafte Mirko Rohwedder, dessen ehemalige Freundin zuletzt mit Matthias Noack zusammen war und sogar ein Kind von ihm erwartet. Während Kommissar Schneider dieser Spur folgt, beleuchtet Schmücke die Familienverhältnisse der Noacks näher. Er findet heraus, dass die Brüder Thomas und Matthias Noack kein gutes Verhältnis zueinander hatten, und nachdem Matthias auf die schiefe Bahn geraten war, hatte ihn seine Familie verstoßen. Ein letzter Versuch der Annäherung schlug fehl und Matthias wurde keine Chance gegeben, wieder in den Schoß der Familie aufgenommen zu werden. Inzwischen hatte auch ein weiterer Schicksalsschlag die Familie getroffen, denn einen Tag vor Matthias Tod war der sechsjährige Sohn von Thomas ertrunken. Schmücke vermutet dahinter einen Zusammenhang und findet heraus, dass Matthias unter einem Kindheitstrauma litt. Seine Eltern gaben ihm die Schuld an einem Unfall seines Bruders, dessen Folgen er noch heute spürt. Daher vermutet der Kommissar, dass Matthias aus Rache seinen Neffen in ein Boot gelockt und ihn dann über Bord gestoßen hat. Doch eine nochmalige kriminaltechnische Untersuchung belegt eindeutig, dass der Junge ganz allein in dem Boot gesessen hatte.

Nachdem zunächst Thomas Noack in Verdacht gerät, seinen Bruder erschlagen zu haben, belegen Blutspuren auf einem Anzug seines Vaters, dass er der Täter gewesen sein muss. Die Kommissare konfrontieren Achim Noack mit den Ermittlungsergebnissen und der räumt die Tat ein: Er war fest davon überzeugt, dass Matthias seinen Enkel ins Wasser gestoßen habe, weil er dessen Taschenmesser in dem Boot gefunden hatte. Er ahnte nicht, dass der Junge das Messer vor kurzem von seinem Onkel geschenkt bekommen hatte.

Schneider gelingt es bei seinen Ermittlungen der Diebesbande auf die Spur zu kommen und Mirko Rohwedder und Henry Borst zu überführen.

Rezension

Der Einbrecher ist nicht immer der Mörder, sondern wird hin und wieder selbst umgebracht. Somit enden das Trauma und das Leben des Matthias Noack recht früh und aufgrund eines Missverständnisses, das all jene Abgründe offenlegt, die eben zu schrecklichen Familientragödien führen. Vielleicht ist der Moment gekommen, von hinten heraus zu lästern: Regisseur Marco Serafini hat in den letzten Jahren vor allem Rosamunde-Pilcher-Filme inszeniert und damit vielleicht seine Bestimmung gefunden.

Ein bisschen in die Richtung geht auch „Verstoßen“. Es werden große Themen aufgemacht, die stark an die Bibelgeschichte von Kain und Abel erinnern, wobei Kain delinquent wurde und Abel die Firma erbte. Dieses Mal überlebt Abel, weil der Vater der beiden sich irrt und darf weiter um die wirtschaftliche Existenz des offensichtlich nur aus zwei Personen, Vater und Sohn, bestehenden Elektronhandwerksbetriebs kämpfen. Dieser Familienbetrieb wirkt recht realistisch, auch die Dimensionen, um die es geht, passen.

Dafür aber sind die Figuren leider etwas blass. Bis auf Rolf Becker, der den Vater spielt, welcher häufiger ohne die übrige Familie im Süden zu urlauben scheint. Schon aufgrund seiner Prägnanz sticht er heraus, auch Aleksandar Jovanovic fällt etwas auf, aber die Rollen werden überwiegend sehr dezent gespielt und es mangelt dem Film eindeutig an psychologischer Tiefe. Vor allem schade, dass Renate Krößner sich in Rollen wie der als Mutter sich so zurücknehmen musste, wenn man bedenkt, was sie konnte. Da wäre etwas mehr Drama vielleicht mal eine gute Idee gewesen. Dafür gibt es furchtbare und peinliche Momente wie das Erscheinen des Verstoßenen auf der Familienfeier, zu der er nicht eingeladen wurde, auf der er aber seine neue Freundin vorstellen will, die er von einem Knastbruder, etwas gehobener: Mitgefangenen übernommen hat, der ein Jahr länger brummen musste als er, weil er der gewalttätigere der Diebesbande ist, die nach dem Ende der Haftzeit ihre Tätigkeit wieder aufnimmt.

Was machen Schmücke und Schneider? Ihre Arbeit natürlich. Wie gewohnt sind sie bei der Sache, wobei Schmücke dieses Mal baden geht. Und am Ende fragt die Staatsanwältin, ob er das nur getan hat, damit er den einzigen Anzug des Vaters kriegt, der seinen älteren Sohn umgebracht hat, was Schmücke irgendwie ahnte, sodass es ihm wichtig war, den Stoff untersuchen zu lassen. Da muss Jaecki Schwarz sein spitzbübisches Grinsen zeigen, als er diese Frage bejaht. Ein paar der üblichen mal mehr, mal weniger asymmetrischen Kabbeleien zwischen ihm und dem anderen Herbert, Nachname Schneider, gibt es natürlich auch, ohne dieses manchmal belebende, manchmal nervende Element kommen Halle-Polizeirufe nicht aus. Aber es hält sich einigermaßen in Grenzen und dadurch kommt eher zutage, dass der Plot ziemlich unglaubwürdig wirkt.

Nicht so sehr diese Bandengeschichte, obwohl es schon auffällig ist, wie die Kunden immer mit Paketen unterm Arm anstatt einem seligen Lächeln im Gesicht aus Carmens Liebeslaube mit den Leopardenfell-Vorhängen an der Glastür herauskommen. Dort wird eben auch die in vielen Firmen zusammengeklaute Elektronik gelagert, die sich leicht losschlagen lässt. Auch das ist ein Polizeiruf-Standard seit der DDR-Zeit, mit einem Unterschied: Mit gehehlten MP3-Playern und Handys der Vor-Smartphone-Ära ließ sich wohl bei weitem kein so guter Schnitt machen wie mit teurer Importware zu DDR-Zeiten. Farbfernseher zum Beispiel waren selbst nominal teurer als im Westen, relativ zu den niedrigeren Gehältern also Luxusgegenstände. Einen Nachhall dieser goldenen Ära für Diebe und Hehler gibt es mit dem Plasmafernseher von Carmen, der eine für heutige Verhältnisse angenehm bescheidene Bildschirmdiagonale von ca. 27-30 Zoll aufweist.

Finale

Es gilt nach „Verstoßen“ weiterhin, dass die Schmücke-Schneider-Polizeirufe Mitte der 2000er einen hohen Standardisierungsgrad hinsichtlich der Inszenierung (konservativ) und der Fallgestaltung (Whodunit) aufweisen, lediglich die Milieus  unterscheiden sich und werden mal gut, mal weniger gut getroffen. Wenn man vom Tod eines zehnjährigen Jungen nicht besonders betroffen ist, wie das bei mir dieses Mal der Fall war, stimmt entweder mit der eigenen Empathie etwas nicht, oder es liegt daran, dass die Identifikation mit den Figuren nicht klappt. Angesichts der Tatsache, dass ich Filme nicht nur kritisch, sondern auch sehr emotional aufnehmen und mich selbst immer wieder darüber freue, wie bereitwillig ich mitgehe, wenn ich etwas gut finde, selbstverständlich mit gewissen Schwankungen bei der Tagesform, tippe ich auf Letzteres: Der 286. Polizeiruf ist wenig geeignet, um das in ihm verortete Drama nachzuspüren und sich mit den Figuren zu identifizieren.

Im Moment ist auch so eine gewisse positive Schmücke-Schneider-Routine drin, die verhindert, dass ich mich genervt fühle, wenn ich merke, dass deren Fälle einander doch recht ähnlich sind. Vielleicht liegt das daran, dass ich insgesamt Morgenluft wittere, beim Nacharbeiten von fast 400 Polizeirufen seit März 2019 und weil es unter ihnen immer wieder interessante und originelle Episoden zu entdecken gibt. Manchmal zählen auch welche mit den beiden Herberts dazu.

6/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Marco Serafini
Drehbuch Nicolas Jacob,
Olaf Winkler,
Marco Serafini
Produktion Susanne Wolfram
Musik Günther Illi
Kamera Bernd Neubauer
Schnitt Claudia Fröhlich
Besetzung

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