Hatari! (USA 1962) #Filmfest 534

Filmfest 534 Cinema

Abenteuer! Afrika!

Hatari! Das klingt nun wirklich nach Freiheit und Abenteuer. Selbst für Menschen, denen der Wilde Westen der USA noch zu wenig exotisch ist. Und welcher Normalbürger konnte 1962, als „Hatari!“ entstand, schon zur Safari nach Afrika reisen. Man musste schon in etwa glauben, was man auf dem Bildschirm sah. Man sieht viel fantastisch gefilmte Action beim Fangen von Tieren für Zoos, und man sieht Menschen, die sich genau so verhalten wie in jedem anderen ähnlich konfigurierten sozialen Raum, wo immer auf der Welt er auch angesiedelt ist. Besser: Wir sehen, wir Abenteuer- und Komödien-Spezialist Howard Hawks Menschen so arrangiert, wie er glaubt, dass sie im Film miteinander umgehen müssen, umgeben von großartiger Landschaft, befasst mit dem Pendeln zwischen ihrer Alltags-Action und ihren Gefühlen. Mehr darüber in der -> Rezension!

Handlung (1)

Sean Mercer ist Kopf der Mannschaft einer Großwild-Fangstation in Tanganjika. Die Station selbst wird von Brandy geleitet, der jungen Tochter des vormaligen Besitzers.

Der Mitarbeiter „Little Wolf“ muss, von einem Nashorn gefährlich verletzt, ins Krankenhaus nach Arusha gebracht werden. Er überlebt durch die spontane Blutspende des zufällig hinzugekommenen Franzosen Charles, der sich bei der Gelegenheit um Mitarbeit auf der Fangstation bewirbt.

Dort ist in der Zwischenzeit die von einem Zoo beauftragte Fotografin A. M. D’Alessandro eingetroffen, die mit schwerem italienischen Akzent spricht und sich der Einfachheit halber Dallas nennen lässt. Da man mit einem Mann gerechnet hatte, sorgt das erst für einige Verwirrung. Doch Dallas findet schnell Gefallen am Leben in Afrika und kann bleiben, zumal Sean, der nach einer zurückliegenden Enttäuschung mit Frauen eigentlich nichts mehr anfangen möchte, sich wider Willen in sie verliebt.

Charles („Chips“) wird bald als Mitarbeiter eingestellt, während Little Wolf sich von der Verwundung erholt. Charles wetteifert mit dem deutschen Rennfahrer Kurt Müller um Brandy, bis sich herausstellt, dass sie den naiv-eigenartigen Tüftler Pockets liebt.

Gegen Seans Willen nimmt Dallas ein verwaistes Elefantenkalb unter ihre Fürsorge, dessen Mutter erschossen werden musste. Nacheinander gesellen sich noch zwei weitere junge Elefanten dazu, die sie ebenfalls hingebungsvoll versorgt, wovon Sean zwar sehr beeindruckt ist, doch schafft er es nicht, seinen Gefühlen für Dallas Raum zu geben.

Als am Ende der Fangsaison gefeiert werden soll, bleibt Dallas, enttäuscht von Seans Zurückhaltung, der Gesellschaft fern und reist in der Nacht klammheimlich nach Arusha ab. Mit Hilfe der drei jungen Elefanten, die ihre Pflegemutter vermissen, spüren die Männer sie jedoch in der Stadt auf. Sean und Dallas heiraten noch am selben Tag.

Rezension

Die Spur nach Afrika wurde von zwei Filmen gelegt, ohne die es „Hatari!“ wohl nicht gegeben hätte: „Rio Bravo“ (1959) darin hatte Regisseur Howard Hawks schon einmal mit John Wayne als Mittelpunkt eine Männer-Combo aufgebaut, die faktisch kaum sehr wahrscheinlich ist, aber psychologisch hervorragend funktioniert. Vor allem die Psyche des Zuschauers wird aufs Äußerste verwöhnt.

Der andere Film ist „Mogambo“ von Hawks‘ Kollege und Konkurrent John Ford. Kann man sich die Großwildjagd in Afrika ohne den Film vorstellen, ohne dass Clark Gable von zwei Frauen gejagt wird? Kaum. Die Action ist in „Hatari“ noch einmal deutlich präsenter als in „Mogambo“, bei dem das Jagen von Tieren für Zoos auch eher Nebensache ist, denn alle Ressourcen werden für eine wissenschaftliche Expedition requiriert. Hingegen wird in „Hatari“ nur fotografiert, was sowieso Aufgabe der Männer auf der Farm in Afrika ist: Wie sie die Tiere für die Zoos in Europa und den USA auf wirklich wildromantische Weise einfangen und damit unsere Urinstinkte als Mitglieder einer Gesellschaft von Jägern ansprechen.

Dass wir heute schon so weit sind, dass uns die Tiere, die sich letztlich nicht gegen die  motorisierten Verfolger wehren können, leid tun, beweist, wie weit wir von jenen ursprünglichen Instinkten abgespalten sind. Oder versuchen, uns von ihnen zu trennen. Die Identitätskrise des Mannes, resultierend aus dem Verlust seiner ureigensten Funktion, nämlich der, als Jäger jeden Tag der Gefahr zu begegnen („Hatari!“ ist das Wort für „Gefahr!“ in Suaheli), die Beute nach Hause zu bringen, um die Familie zu ernähren. Dagegen ist der Verkauf von Wildtieren an  Zoos schon relativ abstrakt, auch wenn dadurch das Geld hereinkommt, das den wunderbaren oder wundersamen Farmbetrieb am Leben erhält. Mit „wundersam“ wollen wir vor allem darauf hinweisen, dass es sich bei den Menschen, die hier versammelt sind, um eine Versuchsanordnung handelt, und um ziemlich spezielle Persönlichkeiten, die auf diese Weise wohl selten zusammenkommen und vor allem zusammenfinden dürfen.

Wie John Ford in „Mogambo“ kombiniert Hawks hier das Rennen um die Gunst von Menschen mit der Jagd auf die Tiere, und es siegen nicht immer diejenigen, die dafür prädestiniert sind, sondern die trickreichen Außenseiter, die haben große Chancen.

Obwohl das Ding mit Sean Mercer (Wayne) und der Fotografin „Dallas“ (Elsa Martinelli) trotz eines mindestens Generations-Unterschiedes so dargestellt wird, als ob es ganz natürlich sei, dass es in den Hafen des Liebesglücks einfährt, weil John Wayne eben immer das Mädchen abschleppt (in „Rio Bravo“ war es Angie Dickinson, die aber nicht räumlich in die Männergesellschaft integriert war, die das Gefängnis bewacht, das wäre dann doch zu viel des Sonderbaren gewesen), ist es eine typische Hollywood-Konstruktion. Das alte Rauhbein fasziniert Frauen so sehr, dass sie sogar im Film Kette rauchen müssen. Keine Frage, der Jäger wirkt, und John Wayne spielt tatsächlich insofern mal wieder sich selbst. Wer ein wenig über sein Leben nachgelesen hat, der weiß, dass es von Vorteil ist, wenn Hollywoodstars im Privatleben den Klischees entsprechen, die sie auf der Leinwand verkörpern. Bei manchen von ihnen wurde von ihren Studios versucht, das Privatleben so zu steuern, dass es zum Filmimage passte. Allerdings handelte es sich hierbei eher um Frauen und eher um junge Frauen, die sozusagen am Set groß geworden waren, nicht um Typen, von denen man lange gar nicht ahnte, dass sie zum Star geboren waren. Mithin: Es passiert das Erwartete.

Interessanter und spannender ist aber, wie die Gunst von „Brandy“ (Michèle Grandon) sich weist. Nicht der Deutsche Kurt Müller (Hardy Krüger), der schon lange auf der Station lebt, oder der frische Franzose „Chip“ (Gérard Blain) kriegen das Girl, sondern der kleine bzw. noch kleinere und so gar nicht als Frauenheld denkbare „Pockets“ (Red Buttons), der clowneske Erfindertyp im Team. Wer hätte das gedacht. Klischees sind übrigens von Vorurteilen strikt zu trennen und Klischees bilden sich oft aus vielen Einzelfällen heraus, die eine Einordnung von Vorgängen ermöglichen, während ein Vorurteil gegenüber einer konkreten Person nicht deren Individualität berücksichtigt.

Nebenbei wird noch ein wenig das deutsch-französische Verhältnis illustriert, in den Personen von Kurt und „Chips“, aber man muss auch gönnen können, wenn man schon mit Klischees konfrontiert wird. Vor allem dann, wenn ein kleiner Sonderling der lachende Dritte ist. All diese Typen, auch der Indianer Little Wolf (Bruce Cabot), sind aber sehr sympathisch dargestellt, wobei Little Wolf etwas zu kurz kommt, weil er über weite Strecken des Films im Krankenhaus liegt und später das Bein immer noch nicht so gut ist, dass er mit auf Fang fahren kann. Noch mehr gilt das leider für den Mexikaner Luis (Valentin de Vargas), der nur einmal einen großen Auftritt hat, als er sich für einen Stadtausflug besonders schick einkleidet. Eine auf die Weißen oder Eurasier zentrierte Sicht zeigt auch der Umgang mit den Massai, die eben doch ihr Leben ziemlich kontemplativ angehen und die afrikanischen Farmarbeiter sind auch nur dazu da, herumgescheucht zu werden. Das würde man heute anders filmen.

„Hatari!“ ist ein typischer Film seiner Zeit aber nicht nur wegen seines Weltbildes, das auch bezüglich Männern und Frauen nicht wirklich ein modernes ist, ungeachtet der Tatsache, dass eine der Frauen hier auf Männerfang geht und nicht umgekehrt. Sicher war der Wind des sozialen Wandels in der kurzen Kennedy-Ära schon deutlich spürbar, aber er wurde eher in Komödien zelebriert, die in den USA spielen und manchmal auch in ernsteren, sozial engagierten Filmen. Das Abenteuergenre aber verlangte nach wie vor, dass die Welt nicht auf allzu irritierende Weise im Wandel begriffen war, sondern dass echte Kerle in echten Kerls-Aktionen zu sehen waren.

Zudem ist „Hatari!“ ein typisches Beispiel für die Neigung des klassischen Hollywoodfilms in seiner Spätphase zur Extension. Dieses Jagdabenteuer ist mehr als zweieinhalb Stunden lang. Das gibt wunderbar Zeit für die Jagdszenen, aber auch für umfangreiche Dialoge. Woran es liegt, dass Filme in jener Zeit so bemüht waren, wirklich alles zu erklären, was sich noch wenige Jahre zuvor durch knappe Handlungselemente ausdrücken ließ, mithin, dass es zu einer Rückentwicklung des Filmischen im Film kam, ist sicher von einem findigen Dotoranden der Filmwissenschaften zum Thema einer Dissertation gemacht worden, allerdings ist uns diese Schrift nicht bekannt.

„Hatari!“ ist auch eine jener Ikonen unserer Jugend, einer von den Filmen, die damals häufig im Fernsehen gezeigt wurden und die nicht nur unser Interesse am Film, sondern auch am Abenteuer und an schönen Frauen geweckt haben. Letzteres war selbstsverständlich ein oder ein selbstverständlicher Scherz, muss auch mal sein. Diese afrikanische Steppe als Nährboden für Romantik und Freiheitssehnsüchte ist gar zu verlockend. Dass es dort ziemlich trocken ist, dass die Wasserlöcher eher schlammig als einladend wirken, dass wir unserem Kreuz heute die Fahrt in einem dieser Geländefahrzeuge durch die bekanntermaßen holprige Gegend nicht mehr zumuten könnten, das kam so im Lauf der Zeit erkenntnisweise auf uns zu, auch befördert durch größere Bildschirme und schärfere Bilder, die kleine Nachteile der Gegend und vielleicht auch der Menschen mehr hervortreten ließen.

Aber damals, da konnten wir nicht genug davon kriegen, und waren nach 160 Minuten eher enttäuscht, dass der Film schon zu Ende war. Damals war die Welt ja auch insgesamt und die Kinderwelt sowieso etwas langsamer als die heutige, wirkte gleichwohl unendlich weit und unerforscht. Trotzdem: Man hätte mit zwei Stunden auskommen können, ohne dass dem Film Wesentliches gefehlt hätte. Vor allem eine sehr lang ausgespielte Szene hat uns sogar geärgert: Wie „Pockets“ 500 Affen mit einem Trick gefangen hat. Der Technokrat übernimmt das Sagen. Selbstverständlich ist diese Szene symbolisch dafür, dass er auch Brandy einfangen wird, aber das macht es nicht besser. Im Gegenteil. Anstatt Affen Mann gegen Affe einzeln vom Baum zu pflücken, wirft er mit einem Raketenabschuss ein Netz übers Ganze und lässt des  Nachts auch noch die Hunde unten warten, damit die Affen ja nicht auf die Idee kommen, vom Baum zu klettern. Und dann wird er Baum auch noch gefällt, nur, damit man leichter an die Primaten herankommen kann, die sich verängstigt schreiend an die Äste klammern. Nee, nee. Was für eine Szene.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass das Mütterliche, Sorgende anstatt Jagende hier auch seinen Platz findet und natürlich spielt auch dieses wieder auf unsere Instinkte. „Dallas“ schafft sich eine kleine Herde von Baby-Elefanten an, was nicht nur dazu führt, dass sie jedes Mal über Sean die Oberhand behält, als dieser das nicht zielführend findet, sondern es kommt auch zu Henry Mancinis berühmtem „Baby-Elephant-Walk“, während der sonstige Score des Films nicht sehr auffällig ist.

Unter den vielen Sympathen ist dieser Pockets, der sich ja dann auch noch von einem Zaun fallen und von Brandy versorgen lässt, während andere Mitglieder der Crew wirklich verletzt wurden (bei einem Autounfall) nicht unser Augenstern. Manchmal halten wir’s auch mit den ehrenhaften Verlierern, denn wir sind da auch eher, irgendwie logisch, wie der deutsche Kurt oder der französische Charles, die sich ehrenhaft bemühen und sich gute Chancen ausrechnen dürfen, aber nie ein Verhältnis zu einer Frau auf gefakten Tatsachen aufbauen würden und diese Mitleidswelle zu reiten. Das kann eh auf Dauer nicht gutgehen und die Ironie in diesem Szenario, die interpretieren wir mal in Howard Hawks‘ Gesamtabsichten zu diesem Film hinein.

Finale

Die Tierfängerstation, auf der gefilmt wurde, ist ein in Tansania bekanntes Objekt. Es gehörte bis zu deren Tod 1957 der Deutsch-Britin Margarete Trappe, deren Schicksal selbst schon Film geworden ist. 1961 wurde das Anwesen von ihrem Sohn an die Paramount verpachtet, die darauf ihren Abenteuerfilm drehte. Hardy Krüger hat es, auch wenn er im Film Single geblieben ist, dort wohl so gut gefallen, dass er sich nach den Dreharbeiten einen Anteil an der Farm kaufte.

Den Glanz, den der Film für uns vor Jahren hatte, ist heute ein wenig stumpfer geworden, aber trotzdem hat „Hatari!“ immer noch seinen Reiz und es war nett, dass er nach längerer Zeit wieder einmal zu sehen war. Wir werden ihn aber nicht bei jeder weiteren Wiederholung auswählen, um immer  Neues in ihm zu entdecken. Denn so überaus vielschichtig ist er nun wieder nicht. Den „Elephant Walk“ sollte man aber kennen.

74/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Howard Hawks
Drehbuch Leigh Brackett
Produktion Howard Hawks für
Paramount Pictures
Musik Henry Mancini
Kamera Russell Harlan
Schnitt Stuart Gilmore
Besetzung

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s