Kaltstart – Tatort 909 #Crimetime 1020 #Tatort #Bundespolizei #Falke #Lorenz #NDR #Kaltstart

Crimetime 1020 Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Der erste deutsche Drohnen-Krimi

Was mit der Suche nach den Hintermännern einer Schleuserbande beginnt und dem Tod einer Polistin, mit der Kommissar Falke ausgerechnet etwas hatte, wächst sich zu einem klautrophobischen Überwachungskrimi aus, in dem derjenige, der alles aus der Vogelperspektive beobachten kann, denen am Boden immer etwas voraus hat. 

Nein, man kann nicht sagen, dass nicht immer wieder etwas Neues versucht wird, um dem Tatort Impulse zu geben und ihn auf der Höhe der  Zeit zu halten. Und da die Kampfdrohnen gerade en Vogue sind und überhaupt das Überwachen aus allen Himmelsrichtungen und mit allen Methoden Konjunktur hat, ist der 909. Tatort wieder einer, von dem wir später sagen werden: voll zeitgeistig. Auch das Ende passt genau in diese Tage, in der es entweder Scheinlösungen gibt oder nichts, was auch nur den Anschein einer Lösung erweckt. Und toll gefilmt ist dieser 3. Falke / Lorenz-Fall auch, da hat man gegenüber den ersten beiden Tatorten des Teams deutlich zugelegt – allerdings ist hier auch eine ganz andere Stimmung erwünscht gewesen, ein anderes Szenario als etwa bei „Tod auf Langeoog“, dem letzten „Normalfall“ von Lorenz und Falke, bevor sie zur Bundespolizei gingen. Mehr dazu finden Sie in der –> Rezension.

Handlung

Bei einer Gasexplosion in der Nähe eines Containerterminals kommen ein Menschenhändler und zwei Polizisten ums Leben. Im Umfeld des Terminals waren einige Personen von dem toten Schleuser abhängig: der Spediteur Dreyer, der Lademeister Martinsen und der undurchsichtige Sicherheitsmann Jertz.

Falke und Lorenz, die zusammen mit ihrem Kollegen Jan Katz gegen den Menschenhändlerring ermitteln, stehen vor einer Mauer des Schweigens. Auch die verzweifelten Flüchtlinge, die in einem Container aufgegriffen wurden, und die traumatisierten Kollegen der toten Polizisten, allen voran Gerd Carstens, begegnen Falke und Lorenz mit Distanz.

Rezension

Bei der Bundespolizei ermittelt Falke, obwohl er noch gar nicht im Dienst ist und macht sich unbeliebt. Wie soll man aber auch nicht schlecht gelaunt sein, wenn die unkomplizierte Geliebte bei einer Explosion ums Leben kommt? Das Spiel von Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller ist klasse, wir fühlen uns bestätigt in der Aussage, dass die beiden Potenzial haben. An einer Stelle hat’s sogar geknistert, ansonsten sind die beiden knapp, aber nicht teilnahmslos, wie Falkes Reaktion auf den Tod der Kollegin und Lorenz‘ Engagement für einen kleinen afrikanischen Jungen belegen, der im Container übers Meer nach Wilhelmshaven kam. Bei den beiden wirkt das Ganze unprätentiös, wenn auch nicht ganz ohne Pathos. Vor allem Stellen, an denen man denkt, man ist in einer Jever-Werbung, sind tückisch, weil unser Unterbewusstsein schon auf die ewige Freundschaft am ewigen Meer anspringt, weil wir diese Bilder im Kopf haben und weil mit den sozusagen nachgebildeten Szenen alles gesagt ist.

Was aber ist zum Fall zu sagen? Zunächst, wer meint, die Sache mit den Drohnen ist unrealistisch, der muss bedenken, die gibt es beim Militär der USA ohnehin, in Deutschland gibt es wieder den Gewollt-und-nicht-gekonnt-Skandal dazu und es ist zwar etwas vorgegriffen, aber große OK-Organisationen werden in der Lage sein, sich dieser Technik zu bedienen. Selbst Paketdienste experimentieren schon mit unbemannter Zustellung. Unbewaffnet, versteht sich. Insofern ist der Film kein Science Fiction, lediglich die Anwendung der Drohnen läuft der Wirklichkeit ein Stückchen voraus. Zunächst dachten wir deshalb auch, Falke und Co. sind im Nachteil, weil mal wieder ein mächtiger Dienst der Gegner ist, nicht ein paar Schleuser, die sich im fehlgeplanten Containerhafen ein Zubrot verdienen. Dass am Ende Wirtschaftseinheiten zugange sind, die ihre ausführenden Kräfte aus dem Kongo einschleusen, ist aber auch okay, zumindest im Prinzip und es gibt viele schöne Details, wie den afrikanischen Super-Freischärler, der in einer düsteren Villa im kalten Deutschland vor laufendem Kamin friert und sich in eine Decke hüllt. Atmosphärisch die schönste Szene des Films.

Wir hatten ein Problem damit, die Handlung in den Griff zu bekommen, offenbar ging’s dem Drehbuchautor auch so, sonst hätte er nicht alles so überkryptisch angelegt und wichtige Erklärungen ganz weggelassen. Ist die Wahrheit, es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Schleusergeschäft und der Drohnensache. Bis auf die Tatsache, dass aus dem Kongo Menschen geflohen sind, die just mit dem Terminator der Drohnen-und-Rohstoff-Bande konfrontiert waren, weil er Verwandte umgebracht hat? Soviel zum befriedeten Kongo, aus dem nach Deutschland flüchtend man keinen Asylantrag stellen kann, wie wir jetzt wissen. Es ist Zufall, dass die Suche nach den Schleusern die Ermittler auf eine ganz andere Spur führt.

Was allerdings der tote Schleuser mit den Drohnenmenschen zu tun hatte, das werden wir wohl nie erfahren. Oder war es so, dass es einen Overhead gab und der Menschenhandel mit modernsen Mitteln üerwacht wird, die Geschäfte also zusammenhängen oder von denselben Personen gesteuert werden? Eine Art Unterweltkonzern mit mehreren Geschäftsfeldern, ähnlich der Mafia? Menschenhandel, Waffenhandel, Rohstoffhandel, wobei Letzterer an sich ja nicht illegal ist. Da haben wir’s, nicht nur das Ende dieses Tatort ist so offen, wie das Ende eines Krimis nur sein kann, es bleiben auch Fragen. Und das ist doof, im Gegensatz zum offenen Ende, mit dem wir durchaus klarkommen, und das im Tatort nun immer häufiger wird – vor allem, wenn dem Staat die Großkriminalität gegenübersteht, wie im vorletzten Nordkrimi „Brüder“ aus Bremen. Und immer sind mittlerweile die Chinesen im Boot. Möglich, dass das Geschäft, das wir hier sehen, platzt, weil der deutsche Partner zwischenzeitlich telefonieren muss, sowas Respektloses geht überhaupt nicht.

Und arbeitet jetzt Falke für die Bundespolizei oder doch fürs BKA? Auch das wird, wenn wir nichts Wichtiges überhört haben, nicht klargestellt. Aber so ist die Welt heutzutage, man sieht nur Bruchstücke vom unübersichtlichen Ganzen, mehr weiß man nur, wenn man eine Drohne steuert. Gut, dass sich alles Entscheidnde in diesem Film außerhalb von Gebäuden abspielt, sonst wäre die Drohne beinahe nutzlos. Der Hafenlogistiker wurde anfangs auch nicht von einer Drohne umgebracht, sondern vermutlich von dem afrikanischen Kämpfer, eher nicht von seinem Führungsoffizier, der zwar Profi ist, aber ohne die Drohne gar nicht gemerkt hätte, dass er von dem Citroen XM verfolgt wird, dem betagten und Individualismus symbolisierenden Privat-Dienstwagen von Kommissar Falke. Nun ja, wer nicht perfekt ist, stirbt schnell, in dieser Welt, die alles andere als perfekt ist.

Zwischenzeitlich dachten wir, der Typ, der die Drohne überwacht (der mit der Brille, nicht der mit dem Joystick), sei Jan Katz, Falkes Kumpel, der bei der regionalen Kripo geblieben ist. Diese beiden Charaktere sehen einander zu ähnlich, für unseren Geschmack, offensichtlich hat man das absichtlich so gestaltet, um die ohnehin große Verwirrung noch etwas zu steigern. Die Kritik liegt wieder einmal dort, wo wir sie am häufigsten üben müssen: Nicht bei den Schauspielern. Nicht bei der Inszenierung, bei der Bildgestaltung und Musik beweisen, dass der Tatort offen für immer neue Entwicklungen ist – sondern beim Drehbuch. Ein komplexex Buch zu erarbeiten, das auch noch logisch und präzise ist, scheint im Fernsehbusiness die schwierigste Aufgabe zu sein und da hilft es offenbar auch nicht, dass es mittlerweile Drehbuchseminare gibt und Hochschulen, an denen man von der Pike auf lernen kann, wie man ein gutes Skript macht. Der Sinn für den Sinn der Dinge ist möglicherweise nur begrenzt erlernbar. Man muss ein gewisses Talent mitbringen, sonst bleibt alles Stückwerk – und die Zuschauer spüren wohl, ob jemand die Fäden im Griff hat oder nur so tut und dabei geheimnisvoll wirken will.

Verräterisch sind in diesem Zusammenhang die einfachen Fehler – wer die macht, der belegt, dass er wohl kein Meisterwerk geschaffen hat, das uns verschlossen blieb, sondern – siehe vorherige Sätze. Solche Fehler sind hier zum Beispiel, dass der Profi aus Afrika offenbar sein Gesicht sehen ließ, als er den Laptop aus Falkes Auto klaute, obwohl er doch sonst beim Fahren auf zwei Rädern sinnigerweise und wie heute üblich einen Motorradhelm trägt oder dass es Zufälle gibt, die stark an die Films noirs erinnern, den Wahrscheinlichkeitsgrad betreffend. Da war das seltsame und unentrinnbare Schicksal allerdings Programm, bei einem Tatort sollte das nicht so sein.

Weiterhin zu bemerken: Das Leben ist wirklich ein Container – schon der 3. Fall der 900er-Serie, der einen Containerhafen als wichtigen Schauplatz hat, aber jetzt sind zum Glück und hoffentlich alle infrage kommenden norddeutschen Nordseestädte durch, in denen es einen solchen Hafen gibt. Außerdem sind Container offenbar ein Sinnbild für das Gegenteil dessen, was sie optisch darstellen: Klar gestaltete, mit festen Größen versehene und alles, was sie enthalten, offenbarende und für den Transporteur jederzeit vollständig abschließbare Behältnisse. Denn bei allen drei Containerfällen („Brüder“, „Kopfgeld“ und „Kaltstart“) können die Verbrecher nicht dingfest gemacht werden. Bei „Brüder“ ist das nicht so nötig, aber bei den beiden anderen Tatorten könnte es eine Chance sein – es bei der Fortsetzung, die man prima schreiben kann, besser  zu machen. In diesen Containern sind viele ungelöste Fälle aus dem Bereich der OK enthalten.

Finalw

Dank des kapablen Teams und weil er nicht so sinnlos krawallig ist, kommt „Kaltstart“ eine gute Ecke besser weg als der letzte Containerkrimi „Kopfgeld“, der Tatort 909 zeigt innovative Ideen – wie die Drohne, auch wenn es in der Luft lag, diese unbemannten Flugzeuge in einem Krimi unterzubringen. „Kaltstart“ erlaubt sich auch stille, beinahe lyrische Momente, das hat uns geradezu verblüfft. Wir sind aus den Hansestädten mittlerweile das pausenlose Gewummere von Nicks automatischen Schnellfeuerwaffen und schon sei tlängerem die pädagogische Gebetsmühle von Inga Lürsen gewöhnt, die auch kaum einen dramaturgisch wirksamen Rhythmus erlaubt (um der Wahrheit die Ehre zu geben, die von uns geschätzten Hamburger Ikonen Stoever und Brockmöller waren in vielen ihrer Fälle eben nur kontemplativ, da fehlte es eher am Festzurren des Spannungsdrahts).

Das Leben wie der Tatort mit seinen Teams sind eine Reise und wir werden sehen, was nach dem Kaltstart passiert, wenn der BPol-Motor von Falke mal richtig warm geworden ist und sein XM durch eine fehlerlose Handlung schnurrt wie Schmidts Katze. Bei „Kaltstart“ halten sich Plus- und Minuspunte ziemlich die Waage, was eine nach unserem Schema durchschnittliche Bewertung von 7/10 bedeutet.

Fakten zum Tatort gemäß Senderangaben

Wie kam es aber zum Wechsel von Thorsten Falke und Katharina Lorenz zum BKA? (NDR): Die Zahl der Migranten weltweit steigt an. Schätzungen zufolge befinden sich jährlich mehr als 200 Millionen Menschen auf der Flucht. Vor dem Hintergrund dieser dramatischen Entwicklung gehen die NDR Kommissare Falke und Lorenz für eine Sonderkommission der Bundespolizei in Norddeutschland Kapitalverbrechen nach, mit dem für Thorsten Falke typischen persönlichen Engagement und dem klaren Blick seiner Kollegin Katharina Lorenz

Bei seinem dritten Fall ermittelt Wotan Wilke Möhring alias Kommissar Falke gegen Menschenschleuser. Im neuen Tatort „Kaltstart“ spielt der JadeWeserPort eine wichtige Rolle.

Video starten (04:57 min)

Ihre weiteren Ermittlungen als Bundespolizisten konfrontiert die Kommissare Falke und Lorenz mit der Situation syrischer Flüchtlinge in Deutschland, aber auch der Feuertod eines Asylbewerbers in Polizeigewahrsam fordert sie heraus. Preisgekrönte Drehbuchautoren wie Stefan Kolditz (Deutscher Fernsehpreis 2013 für „Unsere Mütter unsere Väter“), Friedrich Ani (Bayerischer Fernsehpreis 2012 für „Das unsichtbare Mädchen“) und Thomas Stiller (Adolf-Grimme-Preis 2007 für „Unter dem Eis“) entwickeln derzeit diese Stoffe.

Zum Tatort „Kaltstart“ (ARD): Die Kommissare Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ermitteln an der Nordseeküste. Im dritten Fall führt die NDR-Ermittler der gewaltsame Tod einer befreundeten Polizeikommissarin nach Wilhelmshaven.

Vor der gewaltigen Kulisse des JadeWeserPorts, Deutschlands einzigem Tiefwasserhafen, fiel am Dienstag, 15. Oktober 2013, um 8:26 Uhr die erste Klappe. Regisseur Marvin Kren setzt den neuen NDR-„Tatort: Kaltstart“ (AT) noch bis zum 14. November 2013 in Szene (…).

Bei einer Gasexplosion kommen ein Menschenhändler und zwei Polizisten ums Leben. Im Umfeld des Containerterminals waren einige von dem toten Schleuser abhängig: der Spediteur Dreyer (Andreas Patton), der Lademeister Martinsen (Jochen Nickel) und der undurchsichtige Sicherheitsmann Jertz (André Hennicke). Falke und Lorenz, die zusammen mit ihrem Kollegen Jan Katz (Sebastian Schipper) gegen den Schleuserring ermitteln, stehen vor einer Mauer des Schweigens. Auch die verzweifelten Flüchtlinge, die in einem Container aufgegriffen wurden, und die traumatisierten Kollegen der toten Polizistin Rita Kovic (Andrea Wenzl), allen voran Gerd Carsten (Sascha Alexander Gersak), begegnen Falke und Lorenz mit Distanz.

Produzentin des „Tatorts“ ist Dagmar Rosenbauer (Cinecentrum Hannover), Kamera: Moritz Schultheiß. Das Drehbuch schrieben die Autoren Volker Krappen und Raimund Maessen. Die Redaktion im NDR hat Donald Kraemer.

© 2021, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Hauptkommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Hauptkommissarin Katharina Lorenz – Petra Schmidt-Schaller
Jan Katz – Sebastian Schipper
Hermann Jertz – André Hennicke
Horst Martinsen – Jochen Nickel
Behrend Dreyer – Andreas Patton
Gerd Carstens – Sascha Alexander Gersak
u.a.

Stab
Drehbuch – Volker Krappen, Raimund Maessen
Regie – Marvin Kren
Kamera – Moritz Schultheiß
Musik – Marco Dreckkötter, Stefan Will

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