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Crimetime 1024 - Titelfoto © SR, Manuela Meyer

Der Tatort, bei dem die Bundeswehr nicht kooperierte

Dafür war die Darstellung der Kriegstraumata, die einige Afghanistan-Heimkehrer aus dem Hindukusch mitbringen, wohl zu drastisch. Es war und ist auch heute noch ein heißes Thema, das auch den Sinn der Bundeswehr-Auslandseinsätze betrifft. Wir äußern uns dazu und zu diesem „Nachzügler“ unter den Kappl-Deiniger-Tatorten in der -> Rezension.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Beitrags im Juli 2021 hat eine weitere Wendung stattgefunden: Der Westen, auch die Bundeswehr, zieht sich aus Afghanistan zurück. Von einer Lösung der Probleme im Sinne einer Befriedung Afghanistans ist nichts zu verspüren, denn die radikalislamischen Taliban nutzen das nun entstehende Machtvakuum aus und werden das Land wohl alsbald vollständig unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Handlung

Während einer Kunstperformance wird die junge Viktoria Schneider erschossen. Schnell ist für die Hauptkommissare Kappl und Deininger klar, dass nur ein geübter Schütze diesen Mord begangen haben kann, denn der Schuss wurde aus weiter Entfernung abgegeben. Da die Performance sich zudem kritisch mit dem Engagement der Bundeswehr in Afghanistan auseinandersetzte, fällt der Verdacht bald auf eine Gruppe von vier traumatisierten Soldaten. Ein deutliches Indiz sind Videos von deren Therapiesitzungen, die die Künstlerin für ihre Performance benutzt hat.

Somit hat jeder der Vier ein Motiv. Trotzdem gestalten sich die Ermittlungen schwierig, weil die Soldaten eine starke Kameradschaft bilden und sich gegenseitig Alibis geben. Für Kappl und Deininger stellt sich die Frage, wie sie diese eingeschworene Gruppe knacken können. Und nicht zuletzt lösen die Ermittlungen im Soldatenmilieu auch Kontroversen zwischen den Kommissaren aus. Denn zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan haben sie durchaus unterschiedliche Ansichten.

Rezension

Als bei mir die Entscheidung anstand, wie ich’s mit dem Wehrdienst halte, war die Lage eine andere als heute. Die Bundeswehr hatte einen rein defensiven Auftrag, der Kalte Krieg war noch in vollem Gange, erst kurz darauf kam es zu  „Glasnost“, kurz zuvor wäre es beinahe aufgrund eines Missverständnisses zum Knall gekommen („Able Archer“, 1983). Seinerzeit war eine Verweigerung gut zu begründen, heute ist die Bundeswehr zu einer Berufsarmee geworden, was ich angesichts der dadurch sich verstärkenden Rechtstendenzen im Militär genauso wenig für eine gute Idee halte wie deren sich immer mehr ausweitende Auslandseinsätze.

Anhand des Afghanistankrieges kann man besonders gut nachvollziehen, wie fragwürdig der Sinn solcher Interventionen ist und wie wenig sie zur Lösung der Weltprobleme beitragen. Dementsprechend führen die Soldaten im Film Klage darüber, dass sie in der Heimat keine Unterstützung erfahren, außer von loyalen Müttern und jene, die bereits verheiratet sind, von ihren Ehefrauen. In einem Fall, das wird nur kurz erwähnt, ist die Freundin allerdings während der Dienstzeit entwichen, und Fälle dieser Art sind mir persönlich bekannt – dass Beziehungen aufgrund der Entfernung und auch der möglichen Entfremdung nicht halten.

Selbstverständlich tragen nicht alle Soldaten solche Traumata aus dem Krieg nach Hause, wie es hier gezeigt wird – aber das behauptet der Film auch nicht. Es sind vier Schicksale, ähnlich und doch gemäß den Persönlichkeiten der jungen Männer verschieden. Es sind vier Soldaten, die jeweils eine Traumatherapie enthielten. Die Aufzeichnungen dazu werden von einer Künstlergruppe oder einem Mitglied der Gruppe, der gleichzeitig Friedensaktivist ist, unerlaubterweise öffentlich gemacht. Bei aller Sympathie für Menschen, die grundsätzlich gegen Kriege sind, auch wenn es manchmal etwas kriegerisch und fanatisch wirkt, wie hier bei dem jungen Mann, der die Performance der Künstlerin gefilmt hat, die während ebenjener Performance erschossen wird – sowas geht gar nicht und der Zweck heiligt nicht jedes Mittel.

In den letzten Jahren kam es häufig zu Tatorten, in denen Mediendateien unerlaubte Verwendung fanden und wir müssen höllisch aufpassen, dass wir nicht den immer schräger organisierten Datenschutz (z. B. eine in Deutschland richtiggehend bescheuert ausgelegte EU-DSGVO einerseits, andererseits werden wegen Corona gerade weitere Grundttatbestände geschleift) mit Gleichgültigkeit quittieren. Auch die Tatorte und noch mehr die Polizeirufe tendieren gerne mal in die Richtung: „Wie klasse könnte man ermitteln, wenn der Datenschutz nicht …“. Die Autoren solcher Spins wollen sich wohl arbeitslos machen, anstatt an besseren Skripten zu arbeiten, die derlei rechtsstaatlich bedenkliche Einlassungen nicht benötigen.

Die Handlung von „Heimatfront“ habe ich ein wenig zwiespältig aufgefasst. Einerseits wimmelt es von kleinen Schludrigkeiten und größeren Fragwürdigkeiten (Blitz-Frühgeburt im Hause Weitershagen, ein Kriegsversehrter muss weiterhin Dienst schieben, wieso warten die beiden Kommissare am Ende nicht auf das SEK, das ohnehin bald eintreffen wird?). Klar, der Dramatik wegen, trotzdem sieht man auch diesen Unsinn viel zu häufig in Tatorten.

Jedoch hat die Schlussszene auch ihre Qualitäten. Insbesondere das Visuelle, das ohnehin positiv auffällt, erreicht hier seinen Höhepunkt. Eine Abraumhalde in der Nähe von Saarbrücken wird gefilmt wie eine Westernlandschaft bei Sergio Leone, inklusive der kleinen Hütte darauf, in der sich die Outlaws verbarrikadiert haben, die Kameraperspektiven, die Zooms mit Zwischenschnitten, das ist schon reizvoll gemacht. Eine moderne und versierte Bebilderung, die beim SR wenige Jahre zuvor nicht denkbar gewesen wäre und die heute noch gefällt. Auch die Plotanlage hat Stärken und Schwächen.

Minutiös werden die vier Soldaten „entblättert“ und ihre Hintergründe und Motive beleuchtet, ein weiterer Verdächtiger wird beigefügt, damit nicht eh klar ist, aus welchem Kreis der Möder der jungen Künstlerin kommt, aber ein Friedensaktivist als eiskalter Fernschütze, zumal er nur sechs Wochen Dienst getan hat? Nein, Messieurs, in sechs Wochen wird jemand nicht zum Präzisionsschützen, sondern macht erst einmal die Grundausbildung. Darin gehört Schießen zwar auch schon zum Programm, aber nicht auf diesem Niveau. Es kann höchstens sein, dass sich einige Soldaten früh herauskristallisieren, die für eine Spezialausbildung geeignet sind. Kann aber jemand, der einen Tremor hat, das leisten? Es stimmt wohl, dass dieser nicht permanent vorhanden ist und man in bestimmten Momenten der Konzentration ruhig bleiben kann, aber weiß man vorher genau, ob es funktioniert, wenn es gebraucht wird und nicht vielleicht eine andere als die Zielperson getroffen wird? Zumindest ist das fraglich und ich finde den Soldaten, der die Ballerspiele spielt und das Trauma besonders schlecht verarbeitet, auch nicht sehr glaubwürdig in der Rolle des Rächers für Untreue. Den durchgeknallten Kamerad, der zwischenzeitlich mehr in den Vordergrund gerückt wird, hätte ich eher „gekauft“. Ebenso, dass der Zugführer seinen jungen Mitstreiter und Mitleidenden rächt. Das wäre noch eine Pointe zum Schluss gewesen.

Dadurch, dass die Personen so klar charakterisiert werden, hat man eine gute Vorstellung von ihnen, anderseits sind unter den Umständen nur vier Verdächtige vorhanden und man hat kaum das Bedürfnis, sich einem davon zur Seite zu stellen – am meisten wohl noch demjenigen mit dem amputierten Bein (solche Prothesen, wie er eine trägt, sind heute aber meist verkleidet und die Gehbewegungen, die damit möglich sind, werden immer mehr verbessert. Damit will ich nicht ausgedrückt haben, dass ein fehlendes Bein keine großes Sache mehr ist, sie fällt aber nicht mehr so auf, wie es hier im Film gezeigt wird. Zumindest nicht, wenn jemand eine lange Hose trägt.

Die intensive Befassung des Films mit den Traumatsierten führt aber auch dazu, dass er stellenweise recht langsam ist. Deswegen hat man wohl auch das übertriebene Finale inszeniert, damit alle Zuschauer*innen wieder aufwachen. Nein, so schlimm war es bei Weitem nicht, ich fand den Film überwiegend spannend und das Ermittlerduo überdies überwiegend angenehm. Gregor Weber ist zwar mehr ein „Naturtalent“ als ein Mime, aber dadurch wirkt er als Saarländer so authentisch, wie er ist, das kann ich aufgrund einiger Sachkenntnis bestätigen. Beim „Beamten-Mikado“ dachte ich: Entweder hast du den Film doch schon gesehen, oder der Deininiger hat das in mehreren Tatorten gesagt.

Auch sonst ist der Humor so bescheiden und kleinteilig, wie das Bundesland ist, in dem der Film spielt, aber für mich hat das durchaus einen Reiz. Weniger reizend: Dass Kappl die Soldaten zwischenzeitlich so angeht, dass sie sich geradezu provoziert fühlen müssen. Dass der dominanteste von ihnen auch am schwersten an seiner Verantwortung trägt und sich an allem die Schuld gibt, was seinen Kameraden passiert ist (inklusive einem Todesfall im Einsatz), ist für mich absolut nachvollziehbar. Der Mann wird von Friedrich Mücke gespielt und weil er hier schon einen Führungsjob hat, vertraute man ihm wenige Jahre später die Stelle als leitender Ermittler des Erfurt-Teams an. Leider ist ein Fail im Krieg, auch wenn es nur ein gefühlter ist, wohl auch ein Omen: Dieses Team wurde nach zwei Fällen abgesetzt, weil alle zu unreif wirkten, Mücke noch am wenigsten, aber trotzdem zu jung für einen „Leitenden“. Auch immer ein wenig traurig: Wenn eine Schauspielerin wie Julia Jäger in einer kleinen Nebenrolle als Psychologin unterfordert wird.

Finale

Das Szenenbild des Films ist ebenso beachtlich wie das Visuelle: Es wird zum Beispiel herausgehoben, dass die Soldaten alle aus mehr oder weniger einfachen Verhältnissen stammen und sich entweder gerade ein kleines Glück bauen wollen oder in einfachen Reihenhaussiedlungen bei Muttern leben, einer ist auch als Eremit etwas abgedriftet. Damit wird, ohne dass eine vordergründige Moral reinkommt, etwas ausgedrückt, was bei einfachen Soldaten weltweit ein wichtiges Motiv dafür ist, zu den Armeen zu gehen: Raus aus der Enge zu kommen, Chancen zu ergreifen, die man besonders in sehr klassenorientierten Gesellschaften sonst nicht hätte, und mit diesen Chancen wirbt die Bundeswehr ja auch hinreichend. Auch die lächerlich geringe Abfindung eines der Soldaten wird sicher nicht umsonst erwähnt. Fairerweise muss man auch sagen: In der Realität gibt es spezielle Unterstützungsmodule für Soldaten, die zurückkehren ins Zivilleben.

Die bittere Moral, die nicht ausgedrückt wird: Es sind immer und vor allem einfache Menschen, die den Kopf hinhalten für diejenigen, welche die wahren Profiteure aller Kriege sind. Das ist die eigentliche Tragik der Schicksal jener vier Männer, die uns hier nahegebracht werden. Dass Politiker und Militärs sowas nicht gerne dargestellt haben wollen, ist klar, das hat man hier auch nur sehr verdeckt getan. Es reicht aber offensichtlich schon aus, die Folgen, die tatsächlich vorkommen können, zu zeigen, damit die Bundeswehr die Schotten dicht macht. Die Bewertung sieht so aus: Mut zum Thema, bestechende Visualität und teilweise auch die kapablen Darstellungen sind mir wichtiger als die Detailmängel, daher eine gute Note.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Der Fall, bei dem die Bundeswehr nicht kooperierte.

„„Heimatfront“ wurde am 23. Januar 2011 erstmals öffentlich in der ARD ausgestrahlt und lenkte aufgrund des strittigen Themas starkes mediales Interesse auf sich, insbesondere, weil die Bundeswehr eine Unterstützung bei den Dreharbeiten abgelehnt hat. Die Saarbrückener Tatort-Folge wurde von dem Saarländischen Rundfunk produziert, Regie führte Jochen Alexander Freydank“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans zu diesem Fall. Er war einer der letzten, die wir nicht anlässlich ihrer Premiere rezensiert haben, die damalige TatortAnthologie startete Anfang April 2011 ab Nr. 797 und ist heute hauptsächlicher Bestandteil des Features „Crimetime“.

Trotzdem war ich erstaunt, dass wir anlässlich der Wiederholung des Films, die am 17. Juni 2020 um 22 Uhr im SWR und im SR stattfindet, keine Rezension gefunden habe, auf die wir beim Wahlberliner zurückgreifen können – denn ich war der festen Überzeugung, mittlerweile über alle Fälle des Teams Kappl-Deininger geschrieben zu haben. Es sind ja nur sieben und sie stehen für sechs Jahre saarländische Tatortgeschichte (2006 bis 2012), da der SR nur einen Fall pro Jahr beisteuert. Mir bleibt nichts anderes übrig, als den Film heute nochmal aufzuzeichnen und in nächster Zeit die Kritik zu schreiben.

Sollte nicht so schlimm sein, denn „Heimatfront“ zeigt nicht nur ein brisantes Thema, sondern gilt nach Meinung der Fans, die sich beim „Tatort-Fundus“ versammeln, um die Krimis zu bewerten, als zweitbester Fall des Bayern-Saarland-Duos – nach „Verschleppt“, dem Abschlussfilm, nach dem der Wechsel zu KHK Jens Stellbrink stattfand.

Besetzung und Stab

Hausptkommissar Stefan Deininger – Gregor Weber
Hauptkommissar Franz Kappl – Maximilian Brückner
Dr. Rhea Singh [Gerichtsmedizinerin] – Lale Yavas
Gerda Braun [Sekretärin] – Alice Hoffmann
Philipp Weitershagen – Friedrich Mücke
Horst Jordan [Kriminaltechniker] – Hartmut Volle
Lars Leroux – Ludwig Trepte
Ingo Böcking – Constantin von Jascheroff
Markus Schwarz – Robert Gwisdek
Hendrik Milbrandt – Martin Kiefer
Oberst Claasen – Torsten Michaelis
Dr. Vera Bergmann – Julia Jäger
Viktoria Schneider [Performancekünstlerin] – Sophie Dolibois
Kneipenwirt – Manuel Andrack

Musik/Filmkompositionen – Ingo Ludwig Frenzel
Musik/Filmkompositionen – Lars Loehn
Regie – Jochen Alexander Freydank
Drehbuch – Christiane Hütter und Christian Heider

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