Der Gefangene von Alcatraz (The Birdman of Alcatraz, USA 1962) #Filmfest 543

Filmfest 543 Cinema

Bevorzugen Sie Hitchcock oder den Birdman?

Der Gefangene von Alcatraz ist ein US-amerikanischer Spielfilm nach einer wahren Geschichte über das Leben des Gewaltverbrechers Robert Stroud. Er wird während seiner mehr als fünfzigjährigen Haftzeit in den Strafanstalten von Leavenworth und Alcatraz zum anerkannten Ornithologen. John Frankenheimer verfilmte Thomas E. GaddisRoman Sehet die Vögel unter dem Himmel. Der Gefangene von Alcatraz[2] (Birdman of Alcatraz) im Jahr 1962.

Interessant, wie unterschiedlich in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Vögel zu wichtigen Mitspielern in zwei Filmen wurden und wie unterschiedlich die mit ihnen verbundene Symbolik in diesen Filmen sich darstellt. Bedrohung und Rache der Natur bei Hitchcock in „Die Vögel“, Symbol der Freiheit, der Wandlung, der Sinngebung in „The Birdman of Alcatraz“. Über Letzteres Werk steht mehr in dieser -> Rezension.

Handlung

Der Totschläger Robert Stroud kommt in das Gefängnis von Leavenworth und bringt dort einen Wärter um, der ihn schikanierte. Er soll deswegen gehängt werden. Seine Mutter setzt sich jedoch für ihn ein und kann erreichen, dass er den Rest seiner Strafe in Einzelhaft verbüßen darf. Somit werden seine sozialen Kontakte reduziert auf seinen Wärter und seinen Zellennachbarn.

Stroud entdeckt eines Tages bei einem Hofgang einen Vogel, den er aufpäppelt und schließlich auch dressiert. Der neue Gefängnisleiter erlaubt den Gefangenen die Vogelhaltung. Stroud hat damit einen neuen Lebenssinn und erfindet zudem ein Heilmittel für ein Fieber, an dem die Tiere häufig erkranken und sterben. Über dieses Mittel macht er Bekanntschaft mit der Witwe Stella, deren Lebensinhalt seit dem Tode ihres Ehegatten die Vogelzucht ist. Schließlich heiratet er Stella in seinem Gefängnis. Strouds Mutter missfällt diese Verbindung, denn sie möchte ihren Jungen ganz für sich haben. Es kommt zum Bruch mit der Mutter, was eine weitere Verbitterung Strouds zur Folge hat.

Nach einer neuen Verordnung des Bundesamtes für Strafvollzug muss der Gefängnisleiter dann auch noch die Vogelzucht verbieten. Stroud wird buchstäblich alles genommen und auch seine Begnadigung bleibt aus. Stattdessen wird er nach Alcatraz verlegt, wo sein hasserfüllter Gegner inzwischen neuer Direktor ist. Stroud schreibt ein Buch über den Strafvollzug, das die harten Bedingungen anprangert. Er selbst hat sich nach den langen Haftjahren in seinem Wesen sehr zum Positiven verändert. 

Rezension

Ist „Birdman of Alcatraz“ ein typischer Sozialfilm mit Botschaft der frühen 1960er?

Er lässt seiner Hauptfigur viel Freundlichkeit widerfahren und äußert sich kritisch über das Gefängnissystem in den USA, obwohl es sich vom Beginn der Inhaftierung Strouds bis zum Film erheblich gewandelt hatte. Aber es gibt eine Linie, die man weiterverfolgen kann.

Robert Strout gab es wirklich und er hatte bis zu 400 Vögel in seiner Zelle, oder, wenn die Erweiterung, die man im Film sieht, wirklich stattgefunden hat, seiner Doppelzelle. Er muss aber bei weitem nicht dieser Mensch mit positiven Ansätzen und einer Wandlung durch Vogelkunde gewesen sein, als den Burt Lancaster ihn darstellt, und er wurde bis zu seinem Tod am 22. November 1963, also nach der Entstehung des Films, offenbar vor allem deshalb festgehalten, weil er offen homosexuell und zudem psychopathisch veranlagt war, sodass man befürchtete, er würde bei Freilassung Kinder missbrauchen. Ob man bei seiner Persönlichkeit heute noch so urteilen würde, weiß ich nicht, aber gerad ein den letzten Jahren gibt es ja eine Gegenbewegung dazu, Sexualstraftätern allzu viel Raum zu gewähren und wird das Sexualstrafrecht immer weiter verschärft. Seine beiden Tötungstaten allerdings sind wohl nicht aus seiner Veranlagung heraus intendiert gewesen und ob seine zweite Tat wirklich einem Wärter bzw. Aufseher galt, entzieht sich meiner Kenntnis, ebenfalls, ob Strout nach seinem Vogelbuch wirklich eines über die Schwächen des Strafvollzuges in den USA geschrieben hat.

Der Film zeigt also offenbar viel Goodwill gegenüber Strout, und liegt damit in der Tat auf der Linie der frühen 1960er, als Amerika so sozial dachte wie nie zuvor und nie wieder danach. Und wenn ich den Film von der Realperson Strout ein wenig abstrahiere und anerkenne, was er zeigen will, abzüglich der Mängel in dieser Darstellung, ist er ein beachtenswertes Werk, auch, weil Burt Lancaster den Birdman so eindrucksvoll spielt. Im Amerikanischen heißen Langzeitgefangene übrigens auch „Jailbird“, Gefängnisvögel, diese Anspielung und der damit erstellte Bezug zu Strouts Vogelleidenschaft gehen leider im Deutschen verloren.

Wenn ich die Linie bis heute weiterziehe, fällt mir vor allem auf, dass die Handlungsbeschreibung in der Wikipedia stark wertend ist. Weder hat nach meiner Auffassung der Wärter, den Strout umgebracht hat, ihn schikaniert, noch ist Direktor Shoemaker ein hasserfüllter Gegner. Im Gegenteil, das Verhältnis der beiden zueinander ist das differenzierteste im Film und wenn von maximalen Gefühlen geprägt, würde ich es eher als Hassliebe bezeichnen. Shoemakers negative Einstellung Strout gegenüber, nachdem dieser unter Shoemakers Verantwortung den Wärter Kramer oder Krämer umgebracht hat, läuft eher auf Groll und Frustration heraus, weil Strout die guten Absichten, die Shoemaker anfangs ihm gegenüber hatte, unterminiert und ihm außerdem als Verantwortlichem für das Gefängnis ein erhebliches Problem bereitet.

Das heißt, die obige Handlungsbeschreibung interpretiert das ohnehin zugunsten Strouts angelegte Porträt, das Burt Lancaster von ihm erstellt, weiter in Richtung ungerechte Behandlung und dass die schlechten Gefühle nicht etwa bei Strout liegen, der anfangs auch im Film roh und aufbrausend und klar soziopathisch ist.

Ist es schade, dass man, entweder, um Strouts Figur positiver zu gestalten, oder, weil es noch nicht ging, die homosexuelle Komponente weggelassen hat?

Ja und nein. Man war 1962, bei allem gesellschaftlichen Fortschritt, der gerade in jenen Jahren Raum gewann, noch nicht so weit, Homosexuellen im Film schon Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, also ist es insofern besser, Strouts Veranlagung wegzulassen, als sie zu zeigen und damit vielleicht den interessanten, konsistenten Ton des Films zu verlieren. In Bezug auf die Dominanz seiner Mutter allerdings ist es durchaus schade. Denn es ist bekannt, dass Jungen, die von sehr dominanten Müttern aufgezogen werden, verstärkt zur Homosexualität neigen, und damit wäre diese Veranlagung auch gut erklärt gewesen. So erfahren wir nur, dass sein schwieriger Charakter möglicherweise auch daher rührt, dass seine Mutter eine restriktive, ausgrenzende Person ist, die ihren Sohn am Ende lieber im Gefängnis sieht als frei für eine andere Frau. Das ist erschütternd und schrecklich.

Ich habe der Frau in ihrem Verhalten von Beginn an nicht getraut, und so war es ja auch gedacht: Dass ihre Mutterliebe etwas hat, was die Fehler des Sohns nicht sieht und sie mit ihrer dynamischen Art und ihrer einseitigen Wahrnehmung sogar bis zur Präsidentengattin Wilson treibt, obwohl deren Mann gerade im Sterben liegt, damit er nicht, wie ursprünglich nach dem Mord an dem Wärter vorgesehen, gehängt wird – aber im Gefängnis hat sie ihn dann sozusagen für sich, bis Stelle auftaucht und ihr den Platz als wichtigste und vor allem einzige weibliche Bezugsperson in Strouts Leben streitig macht. Die Figur ist vielleicht ein wenig drastisch dargestellt, aber sehr einprägsam.

Ist denn nun Strout aber eine Figur, mit der man sich identifizieren kann?

Anfangs sicher nicht. Es mag von der persönlichen Wahrnehmung abhängen, ob man  zum Beispiel der Ansicht ist, dass Strafe für kriminelles Verhalten generell nicht in Freiheitsentzug bestehen darf, diese Ansicht teile ich nicht, weil ich keine sinnvolle Alternative zum Justizvollzug sehe. Eine andere Sache ist die Rehabilitation, die Strout auf seine etwas arrogante Art dem Gefängnisdirektor erklärt. Auch mir war nicht bewusst, dass sich darin die Wiedererlangung der Würde verbirgt. Dann müsste ich allerdings bei vielen Strafgefangenen von einer Habilitation sprechen, denn ihr Leben vor dem Gefängnis war oft kein würdevolles, in dem sie hätten Respekt vor dem Leben anderer lernen können.

Leider ist die Idee mit dem Buch übers US-Gefängniswesen, das Strout am Ende schreibt,  eine Schwäche des Films. Wir sehen kaum etwas von Gefängnissystem, nicht von anderen Gefangenen, nicht von dem Umgang mit ihnen – am meisten nehmen wir seinen langjährigen Aufseher in Leavenworth, Ransom, als Person wahr, mit der Strout interagiert und mit dem er auch einen Kampf um Würde und Respekt führt, der sich in einer Auseinandersetzung um eine Obstkiste äußert, die zum ersten Vogelkäfig in Strouts Zelle umgebaut werden soll.

Wenn die Kritik Lancasters Darstellung von Strout sympathisch nennt, also identifikationsgeeignet, so finde ich doch, er biedert sich nicht an und das Drehbuch ist so angelegt, dass man ihm gegenüber nicht sentimental wird. Er lässt sich nicht brechen, ist eine andere Möglichkeit, sein Verhalten zu beschreiben. Bis zum Ende zeigt er keine Reue gegenüber seinen Taten, und wir wissen, wie sehr sich Reue auf die Urteilsfindung in Strafprozessen auswirken kann. Ob es dann vielleicht ehrlicher ist, erst einmal nichts zu bereuen und damit ein höheres Strafmaß zu riskieren oder sich reuig zu zeigen, weil man gut schauspielern kann, ist natürlich eine Systemlücke, wenn man so will und es gibt keine Eindeutigkeit. Die Richter müssen sich auf ihre Eindrücke verlassen, möglicherweise auch auf Gutachten über die Angeklagten. Strout hat nie versucht, das Wohlwollen der ihm gegenüberstehenden Respräsentanten des Systems zu erregen, er hat mehr gefordert als gebeten und seine Wandlung, die wir bemerken, ist eher die, dass er ruhiger, besonnener wird, dass er sich fokussieren kann auf ein Ziel und entdeckt, dass er auch als Gefängnisinsasse einen wertvollen Beitrag zur Wissenschaft leisten kann.

Ob er wirklich damit gerechnet hat, deswegen begnadigt zu werden, halte ich für gar nicht sicher, und es wäre auch interessant zu wissen, ob ein solcher Ausnahmegefangener in den USA, wo Leistung, mehr als Talent, tatsächlich vorzeitig entlassen werden könnte, unabhängig davon, wie er zu seinen Taten steht.

Nun aber Vorgelsymbolik – wie viele Vögel muss man halten, um darin Erlösung zu finden?

Wenn wir alle diese Kanarienvögel und Sittiche sehen, die Strout hält und züchtet, dürfen wir den Auslöser nicht vergessen, den Baby-Sperling, der bei einem Gewittersturm mitsamt dem Nest, in dem er liegt, dem Ast, auf dem es angebracht ist, in den Gefängnishof fällt. Er ist beinahe wie ein unfertiger, hilfloser Mensch, der in die Mühlen der Justiz gerät, wenn er noch nicht flügge ist und von einer Mutterfigur abhängig, wie das offenbar bei Strout der Fall war. Wir bemerken das übrigens schon, als er jedem, der über seine Mutter spricht, an den Kragen will, obwohl keine Beleidigungen ihr gegenüber fallen – es geht lediglich um die Betrachtung eines Bildes von ihr, das er in der Zelle stehen hat und symbolisch verbrennt, nachdem sie sich gegen sein X-tes Gnadengesuch wendet, weil sie fürchtet, ihn an Stella zu verlieren.

Er wird also vom System großgezogen und der Sperling ist später nicht mehr in der Lage, sich dauerhaft abzusetzen. Er lernt zwar fliegen, kehrt aber zu Strout zurück, wird also nie wirklich unabhängig. Er wird dann von der Vogelgrippe-Epidemie mitsamt den vielen anderen Vögeln dahingerafft, die ohnehin kein Leben in Freiheit gekannt haben.

Es ist auf jeden Fall interessant, wie ein Mann sich Lebewesen annimmt, die genauso gefangen sind wie er, aber wohl, ohne ein Bewusstsein dafür zu haben, und wie er sie dann in einem bewegenden Moment alle frei in der Zelle umherfliegen lässt. Aber eben nur in der Zelle, wo sie dicht gedrängt auf jedem möglichen Platz sitzen, der sich dazu eignet. Natürlich gehört zum Eindruck von diesem Film auch die Einbindung der Vögel, das ist ja alles andere als leichte Arbeit, und es war auch ein ausgewiesener Vogelfachmann bei den Dreharbeiten anwesend und hat für den fachgemäßen Umgang mit den Tieren gesorgt. Was hier so leicht wirkt und einen dokumentarischen Anstrich hat, ist eine wirklich sehr gute Inszenierung, die dazu beiträgt, uns über den recht langen Film hinweg bei Strout zu halten. Nur so kann man auch ein Einpersonen-Drama inszenieren, das bis auf den 1946er Ausbruch auf Action verzichtet und Interaktion aufs Notwendige beschränkt, wie jemand in Einzelhaft es wohl erfährt.

Die Gefängnisrevolte hat übrigens auch ein reales Vorbild, und gemäß dem Tenor des Films wurde der Fluchtversuch zweier Gefangener, der in eine offene Schlacht mündete, als Sozialrevolte gedeutet.

Finale

Ich hatte vor dem Anschauen die Befürchtung, der Film könnte langweilig oder doch langatmig sein, aber das war er nicht. Nicht für mich jedenfalls, ich bin aber auch nicht auf vordergründige Action als Dauerbeschuss fürs Gehirn angewiesen und fühle mich von „Birdman of Alcatraz“ intensiver manipuliert wie von einem Film, der ganz andere Akzente setzt und der Gewalt huldigt. Es ist eben eine andere Manipulationsrichtung, und die mag ich allemal lieber – man hätte sich, um das Buch über das Vollzugssystem zu rechtfertigen, allerdings noch einige Umstände mehr einfallen lassen müssen, um mich zu überzeugen, dass es Strout wirklich schlecht ging.

Ich habe mich eher über die Privilegien gewundert, die er sich erwirtschaften kann – und die dann im Zuge einer Justizvollugsverfahrensvereinheitlichung auf Bundesebene auf logische anmutende Weise kassiert werden. Die spannende Frage, ob ich in der Position eines Shoemaker eine Mann wie Strout mehr oder weniger Raum geben würde, als er im Film hat, ob ich eine Einzelhaft, die ihn erst zu seiner Befassung mit den Vögeln anregt, generell für sinnvoll halte, bleibt offen. Bei allem, was wir im Verlauf sehen, gerät leicht in Vergessenheit, dass Strout als gefährlich gilt und sich, als er noch mit anderen Gefangenen Kontakt hatte, als gefährlich erwies. Die Möglichkeit, dass jemand auch in Gefangenschaft seinem Leben einen Sinn geben können muss, dass dies erlaubt sein muss, halte ich für unbedingt wichtig, wenn man an eine Resozialisierung überhaupt denken will (aus verschiedenen Gründen finde ich den Begriff für die Wiedereingliederung von Strafgefangenen in die Gesellschaft auch besser als das Wort „Rehabilitation“, das bei uns eher für Kranke und die Wiederherstellung von deren Arbeitsfähigkeit verwendet wird).

Das deutsche Verfahren, dass auch „lebenslänglich“ zunächst einmal nur 15 Jahre und dann Prüfung bedeutet, ist moderner als das amerikanische, in dem Leute in additiver Anrechnung ihrer Einzeldelikte auf das Strafmaß zu Hunderten von Jahren Haft verurteilt werden können, und auf Gnadengesuche angewiesen sind, um doch noch das Licht der Freiheit zu sehen. Sofern sie nicht gleich zum Tode verurteilt werden, was ich generell ablehne. Diese ablehnende Haltung war in „Birdman“ durchaus in dem Moment, als Strout in einer Aufwallung seinen Wärter umbringt und dabei auch noch die Unwahrheit über den Hergang der Aktion sagt (dieser wollte ihn zwar mit dem Gummiknüppel schlagen, aber, weil er sich selbst wehren wollte, und nicht, um ihn zu töten). Es ist Strouts verzerrte Wahrnehmung, überall Feinde zu sehen, die das alles auslöst, nicht, und es war sicher keine Notwehrhandlung. Strout hingegen wird als aggressiv, aber nicht als unzurechnungsfähig gezeigt.

81/100

© 2021 (Entwurf 201) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiver Text: Wikipedia

Regie John Frankenheimer
Drehbuch Guy Trosper
Produktion Stuart Millar
Musik Elmer Bernstein
Kamera Burnett Guffey
Schnitt Edward Mann
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s