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Crimetime 1027 - Titelfoto Fernsehen der DDR / ARD – Die große Rezension

Ein Wagnis, ein Meilenstein

Als ich im März 2019 damit begann, die Reihe Polizeiruf 110 zusätzlich zu den Tatorten zu rezensieren, war der Zeitpunkt auch der Tatsache geschuldet, dass der MDR damals gerade wieder eine neue Runde begann. Eine Runde mit Wiederholungen der DDR-Polizeirufe von Beginn an. Den allerersten Film, „Der Fall Lisa Murnau“, hatte ich verpasst, die Nummern 2 und 3 existieren nicht mehr, aber ab der 4 ging es chronologisch weiter. Es handelte sich um den düsteren Krimi „Der Tote im Fließ“ von Helmut Krätzig. Aber schon die Nummer 9 war der nächste Film, der ausgelassen wurde und der erste, bei dem das nicht aus technischen Gründen geschah. Warum? Dies und einiges mehr ist nachzulesen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Das Vorschulkind Karin Berger lernt im Park den Rollstuhlfahrer Manfred Teich kennen. Er lockt sie mit einer Cola zu sich, hebt sie auf den Rollstuhl und berührt sie scheinbar spielerisch. Karin erzählt ihren Eltern davon, die besorgt Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt informieren. Beide Ermittler wissen nicht, ob sie von einer Sittlichkeitstat auszugehen haben, zumal Karin die Sache nicht sonderlich wichtig nimmt. Sie sieht die Befragung von Vera Arndt eher als Spiel an. Dennoch beschließen beide Ermittler, den Sachverhalt ihrem Vorgesetzten zu berichten. In den folgenden Tagen wird die Polizeipräsenz im Park erhöht, ABV raten den Besuchern zu erhöhter Wachsamkeit, und diskret werden Rollstuhlfahrer in Berlin fotografiert und die Bilder Karin vorgelegt. Die drei Rollstuhlfahrer Schenk, Tröger und Klemper, die regelmäßig im Park Skat spielen, werden persönlich befragt. Im Laufe der Ermittlungen behauptet Karin schließlich, den Vorfall erfunden zu haben. Es sei kein Rollstuhlfahrer gewesen und der Mann habe ihr auch nur die Kleidung abgeklopft, nachdem sie hingefallen sei. Während Peter Fuchs eher frustriert ist, glaubt Vera Arndt weiterhin an die Tat.

Wochen vergehen und Karin wird eingeschult. Eines Tages geht sie trotz des Verbotes ihrer Eltern in den Park und trifft dort Manfred wieder. Er bietet ihr erneut eine Cola an, doch Karin ist vorsichtiger geworden. Er wirft ihr eine Blume zu, die sie an sich nimmt. Manfred bittet sie zu sich, doch sie lehnt ab. Die Polizei suche nach ihm, und sie habe ihn den Ermittlern zumindest etwas beschrieben. Manfred wird nervös und trinkt von der mitgebrachten Cola. Karin tritt zu ihm, weil auch sie etwas trinken will, woraufhin Manfred sie packt und würgt, bis sie ohnmächtig wird. Auf der Flucht wird er von Schenk, Tröger und Klemper gesehen, die die Verfolgung aufnehmen. Manfred ist in Wirklichkeit nicht gehbehindert, rennt mit dem Rollstuhl zu seinem Barkas und fährt davon.

Die polizeilichen Ermittlungen beginnen erneut, wobei sich vor allem Vera Arndt große Vorwürfe macht. Karin wird ins Krankenhaus eingeliefert und bald ist klar, dass sie den Angriff überleben wird. In Berlin und Umgebung wird nun nach dem Barkas gefahndet, von dem das Reifenprofil ermittelt werden konnte. Manfred jedoch hat die Reifen des Barkas, der sein Dienstwagen in einer Großgärtnerei ist, nach der Tat gewechselt. Er lebt noch bei seinen strengen Eltern, die ihm vorwerfen, keine Frau zu finden, gleichzeitig jedoch jeden Frauenbesuch zu Hause verbieten. Manfreds Kollegin Monika ist zwar in ihn verliebt und wird von ihm heimlich nach Hause mitgenommen – hier jedoch versucht er, Monika zu vergewaltigen.

Den Ermittlern ist unterdessen ein Detail aufgefallen: Karin hatte im Park Blumen gesammelt. In ihrem Strauß fand sich auch ein Geranienstängel, der nach Rücksprache mit Karin vom Täter stammt. Manfreds Gärtnerei gerät ins Visier – tatsächlich gibt es dort einen nicht mehr benutzen Rollstuhl von einem früheren Kollegen. Der ist verschwunden, wie auch Manfred gerade mit dem Barkas auf Auslieferungstour ist. Die gewechselten Reifen, die sich in der Garage der Gärtnerei finden, weisen das Profil des Tatwagens auf. Eine Großfahndung nach Manfred wird eingeleitet. Der hat in einem Waldstück gerade das Mädchen Helga angesprochen und auf seinen Schoß gesetzt. Die Polizeiwagen erscheinen und Manfred flieht mit der sich wehrenden Helga in den Wald. Helga beißt ihn in die Hand, woraufhin er sie fallen lässt und allein flüchtet. An einer Müllhalde kann er schließlich von den Polizisten gefasst werden.

Infos (Wikipedia)

Minuten zu spät wurde vom 30. Mai bis Ende Juli 1972 unter dem Arbeitstitel Ein kleiner weißer Sarg in Berlin gedreht.[1] Drehorte waren unter anderem der Volkspark Friedrichshain und der Alexanderplatz. Während einer Szene in einem Café ist im Hintergrund der Brunnen der Völkerfreundschaft zu sehen. (…)

Es war die 9. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt ermittelten in ihrem 8. Fall. Bereits im 7. Film der Reihe Blutgruppe AB hatten es die Ermittler mit einem Sexualdelikt zu tun. In Minuten zu spät wird erstmals das Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern thematisiert, wobei der Arbeitstitel Ein kleiner weißer Sarg andeutet, dass ursprünglich angedacht war, mindestens eines der Kinder sterben zu lassen.[2] Auch der nahezu handlungsgleiche Kriminalroman Die Brut der schönen Seele von Horst Bastian legt dies nahe, da in diesem das erste Opfer des Täters getötet und in einem weißen Sarg beerdigt wird. Erstmals wird im Film eine Großfahndung der Polizei gezeigt, wie auch erstmals die „Integration Behinderter in die Gesellschaft der DDR aufgenommen wird.“[3] Die Kritik stellte fest, dass der Film trotz des „Action-Aufwandes“ seine stärkste Wirkung „durch seine psychologische Eindringlichkeit“ erreiche.[4]

Alexander Papendiek spielt Fuchs‘ Vorgesetzten Hauptmann Thomas. In der Vorgängerserie ‚Blaulicht‘ spielte er diese Rolle im Dienstgrad Oberleutnant in einer durchgängigen Serienrolle, teilweise ebenfalls unter Manfred Mosblechs.

Vor seiner Tat pfeift Manfred ein Lied. Dies stellt ein filmisches Zitat aus Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder aus dem Jahr 1931 dar.

Der Reihenvorspann ist leicht verändert, die Titelmusik setzt später ein, das Abheben des Telefonhörers und das Wählen der 110 fehlt, dafür sind am Ende kurze Ausschnitte aus der aktuellen Folge zu sehen, dazu ertönt bereits anklangsweise die neue Titelmusik von Hartmut Behrsing, die dann bis Folge 68 verwendet wurde.

Rezension 

Eigentlich kann es dafür nur einen Grund für das Aussetzen des Films geben: Selbst für heutige Verhältnisse ist der Film noch brisant. Schon im siebten Polizeiruf in „Blutgruppe AB“ wurde zum ersten Mal ein Sexualdelikt dargestellt und die Jagd auf den Täter gezeigt. Dies war ein sehr kurzer polizeiruf, indem man sich vor allem mit dem Opfer beschäftigt hat.

Der Täter

Es wirkt in der Tat heute noch frappierend, dass man sich bereits im Jahr 1972 und nachdem die Reihe gerade erst angefangen hatte, sich zu etablieren, einen Kinderschänder und ein kleines Mädchen, das durch ihn in Gefahr ist, in den Mittelpunkt gestellt hat. Kinderschänder ist nicht exakt, was wir sehen, sind knappe, aber unsittliche Berührungen im Schambereich. Dieses Mal wird bereits, kurz, aber sehr prägnant, der Hintergrund des Täters gezeigt.

Eine gewalttätige, bigotte Mutter, ein dominierender, zur psychischen Grausamkeit neigender Vater. Der Sohne, ein Junggeselle mit weichen Gesicht, Manfred heißt er, erfährt auch im Betrieb viel Spott. Aber es gibt dort auch eine junge, hübsche Frau, die sich für diesen Mann interessiert. Schließlich willigt er auf ihre Avancen ein und nimmt sie sogar mit zu sich nach Hause. Das ist eine schwierige Aktion, denn die Mutter des Jungen des Mannes machte ihm zuvor klar, dies ist kein Hurenhaus. Ende der Durchsage.

In einer angespannten Situation, die sich dadurch ergibt, dass die beiden sehr leise sein müssen,   macht er sich komplett unbeholfen über die Kollegin her, weil er zur emotionalen Seite der körperlichen Annäherung überhaupt keinen Bezug hat. Die wenigen Szenen bzw jene zwei Sequenzen im Elternhaus reichen aus, um alles zu verstehen. Das ist so prägnant gemacht, dass es heute noch überzeugt, natürlich unter der Prämisse, dass der Film nur 64 Minuten lang ist und sehr viel Zeit für die Arbeit der Polizei mit dem Mädchen verwendet wird, denn sie hat ihren Eltern von dem Onkel im Rollstuhl erzählt, und diese haben die Polizei gerufen.

Dass Manfred, genannt „Manne“, sich eines Rollstuhls bedient, um sich an Kinder heran zu machen, eine Behinderung nur vorgaukelt, ist auf den ersten Blick schrecklich, auf den zweiten Blick traurig und auch ein wenig verstörend: Der Mann, der zu Hause nie Liebe erfahren hat, trickst nicht nur – er ist sehr wohl behindert, nämlich seelisch, und drückt das auch durch diese Art der Annäherung aus. Ich glaube nicht, dass dies eine Überinterpretation ist, sondern eine kluge Verfahrensweise des Filmemachers Manfred Mosblech, um etwas zu illustrieren, was man damals nicht zu deutlich zeigen durfte, nämlich Verständnis bis zu einem gewissen Grad dafür, dass jemand so geworden ist, dass andere durch ihn in Gefahr, geraten, dass er Handlungen an ihnen ausführt, die, wie Leutnant Arndt erläutert, auch die Seelen der betroffenen Kinder zerbrechen lassen können.

Die Polizei

Ich muss die Geschichte der frühen Polizeirufe, wie ich sie bisher verstanden habe, nach diesem Film etwas revidieren. Es ist großartig, wie menschlich und nachvollziehbar Oberleutnant Fuchs und Leutnant Arndt gezeigt werden. Und nicht irgendein späterer, sondern dieser Film ist der erste große Fall für Vera Arndt, eine Handlung, in der sie im Mittelpunkt steht, weil sie als Frau und Mutter die bessere Intuition hat, was das Mädchen angeht, das so phantasievoll wirkt und gerne übertreibt, und aus dem, was das Mädchen sagt, viel besser die Wahrheit ausfiltern kann als Peter Fuchs. In einem späteren Polizeiruf erfährt man zwar, dass Fuchs zwei Söhne hat, aber er ist eher geneigt, die Erzählungen des Mädchens für Flunkerei zu halten, zumal es sehr schwierig ist, den Täter zu ermitteln und deswegen viele Rollstuhlfahrer in Verdacht geraten.

Fuchs bemängelt, dass die Eltern das Kind recht freizügig kleiden. Kinder sind heute wieder wesentlich in „vollständiger“ gekleidet in als damals, aber im Grunde muss natürlich das gleiche gelten, was auch für Erwachsene angenommen wird: Eine Kleidung, die viel freie Haut zeigt, darf nicht als Einladung zum Begrapschen aufgefasst werden, außerdem gibt es immer noch die Schwimmbad- und Standsituation. Dass die Kamera es tatsächlich wagt, die Täterperspektive einzunehmen und die Unterwäsche der Kinder zu zeigen, ist allerdings nach wie vor nicht so einfach zu kommentieren.

Aber wie kam es, dass dieser Film eine so hohe emotionale Frequenz hat, und dass die Polizisten so sympathisch gezeigt werden? Nun ja, es ist ein Mosblech. Manfred Mosblech hat sowohl Drehbuch als auch Regie innegehabt. Und er ist Spezialist für besondere Darstellungen in der Reihe Polizeiruf. Er hat den ersten polizeiruf über Alkoholismus gefilmt, und mit „Der Mann im Baum 1988“ zum ersten Mal einen Sexualstraftäter überwiegend aus der Täterperspektive.

Allerdings ist diese Darstellung nicht mehr so sensationell, wenn man auch „Minuten zu spät“ gesehen hat. Denn in diesem 16 Jahre älteren Film wird schon einiges vorweggenommen, was später weiter ausgeführt wird. Mosblech hat von allen Regisseuren, die während der DDR-Zeit an der Reihe polizeiruf arbeiteten, mit das beste Gefühl für Figuren, Situationen, für psychologische Stimmigkeit. Manches wirkt in „Minuten zu spät“ noch ein wenig kantig und roher, als in späteren Filmen, die er gemacht hat, aber für damalige Verhältnisse hat er dieses hoch sensible Sujet blendend umgesetzt. Die westdeutsche Tatort-Reihe befasste sich zu dieser Zeit überhaupt noch nicht mit brisanten Themen dieser Art. Schon gar nicht mit Sexualstraftaten gegenüber Kindern, die dann beinahe in einem Mord geendet wären, weil das Mädchen erzählt, dass es über den Mann, den Onkel im Rollstuhl, der Polizei gegenüber das eine oder andere gesagt hat. Er will sie jetzt quasi als Zeugen beseitigen, würgt sie, traut sich dann aber wohl doch nicht, so zuzudrücken, dass sie verstirbt. Möglich wäre das in gegebener Situation wohl gewesen. Er wird bereits gejagt, kann aber noch einmal entkommen und der Nervenkrieg geht weiter.

Männer in Rollstühlen

Sicher hat der Film ein paar kleinere Plotschwächen, wie z. B., dass die regelmäßigen Parkbesucher, auch die Männer der Skatrunde mit ihren Rollstühlen, nicht vorher irgendwann einmal auf den Unbekannten aufmerksam werden, dass er mit dem Kind auf dem Weg kommunizieren kann, bei bestem Sommerwetter, ohne dass irgendjemand die beiden wahrnimmt.

Dafür werden auch die anderen Männer in den Rollstühlen werden auf eine besondere Weise bedacht. Z B. wird nicht offiziell, unter Zuhilfenahme der Medien, nach einem Rollstuhlfahrer gefahndet, damit Behinderte nicht diskreditiert werden. Das ist bemerkenswert subtil gedacht. Und sicher auch ein Bonbon für die Zensur, die sicherlich trotz des schrecklichen Themas eine im Ganzen rücksichtsvolle, achtsame und moderne Gesellschaft gezeigt haben wollte. Oder doch in diesem Punkt, deswegen bekommen die die drei Rollstuhlfahrer, die zunächst verdächtigt werden, auch eine eigene Individualität zugesprochen. Diese soll besagen, die Bandbreite an Persönlichkeiten ist bei Menschen mit Handicap genauso groß wie bei Menschen ohne. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber nicht, wenn man weiß dass selbst heute Behinderte vor allem mit ebenjene rEigenschaft wahrgenommen werden und es dadurch wiederum etwas wie eine gut gemeinte Diskriminierung gibt.

Arbeitende

Die Rollstuhlfahrer sind freilich Invaliden. Ihnen werden die Barkas-Fahrer gegenübergestellt. Auffällig deutlich ist, dass Hanne, der gequälte Sexualstraftäter, in seiner verklemmten Art abgesetzt wird von den übrigen Fahrern dieser Lieferwagen, die von der Polizei kontrolliert werden, und recht offensiv und und kernig rüberkommen. Der sozialistische Arbeiter oder auch der Arbeiter an sich ist eben ein solcher Mensch, und nicht ein Typ wie jener Hanne, dem man eigentlich auch schon anmerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt.

Das ist wieder geschickt gemacht, weil nichts gesagt wird, sondern nur gezeigt, wie jemand sich verhält, der intakt ist. Ganz ungefährlich ist das Stereotype daran nicht, wie auch bei den übrigen Rollstuhlfahrern, aber dient natürlich der Verdeutlichung und vor allem der Klarstellung, dass Hanne eine Ausnahmepersönlichkeit darstellt. Auch bemerkenswert: Die Tatsache dass Manfred Mosblech seiner Täterfigur den eigenen Vornamen gegeben hat. Ob er sich wirklich bis zu einem gewissen Grad mit ihm identifiziert, ist eine Sache, aber auf jeden Fall steht der Autor und Regisseur zu seiner Täterfigur, die er für die Verhältnisse der Zeit sorgsam entwickelt hat.  

Vorbilder

Freilich kommt auch ein Polizeiruf wie dieser nicht aus dem Nichts, sondern hat Vorbilder. Die muss man allerdings eher im Kino suchen als im Fernsehen. „M“, der bahnbrechende Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1931, in dem Peter Lorre einen Kinder-Serienmörder spielt, wurde oben bereits erwähnt. Der erste deutsche Film nach dem Krieg, der einen Sexualmörder thematisiert hat, war wohl „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus dem Jahr 1957, der für ziemlich viel Aufsehen gesorgt und Mario Adorf eine äußerst prägnante Rolle beschert hatte.

Der eigentliche Vorläufer kam bereits ein Jahr später: Die Friedrich-Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am helllichten Tag“. In diesem Film war es Gert Fröbe, der einem Mädchenmörder eine unverwechselbare Präsenz gab. Der Ermittler wurde von Heinz Rühmann gespielt, und einiges was in diesem Film zu sehen war, ist so kontrovers, dass man es nicht zu Beginn der 1970er Jahre in einem Fernsehfilm zeigen konnte. In Westdeutschland sowieso nicht, aber auch nicht in der DDR. Da wird zum Beispiel die ethisch fragwürdige Methode eines Kommissars illustriert, eine junge Mutter zu manipulieren und sie als Haushaltshilfe einzustellen, weil sie ein kleines Mädchen hat, das er als Lockvogel verwenden kann, nachdem er mit seinen Ermittlungen nicht weiterkommt. Das Kind lässt der Kommissar dann so in Straßennähe spielen, dass es tatsächlich die Aufmerksamkeit des Mörders erregt, von dem im Wesentlichen bis dahin nur bekannt ist, dass er mit dem Auto jene Straße befährt. Beinahe kommt es zur Katastrophe.

Undenkbar, dass die Volkspolizei der DDR so dargestellt wird. Nun ist „Es geschah am helllichten Tag“ der heute noch Maßstäbe für diese Art von Film setzt, ein sehr komplexer, literarischer Krimi. In der Romanvorlage von Friedrich Dürrenmatt wird die ethische Problematik des Kommissars noch weit mehr herausgearbeitet als im Film. Es gibt sogar eine noch engere Parallele zwischen „Es geschah am helllichten Tag“ und „Minuten zu spät“, als die Grundsituation, die in dem Kinofilm noch einmal wesentlich bedrohlicher dargestellt wird. Die Hintergründe der Täter zeigen jeweils eine bösartige, dominante Frau, die für die seelischen Verwerfungen dieser Männer allein zuständig ist (im Kinofilm) oder mitverantwortlich ist (im Polizeiruf).

Die Tatorte und die Polizeirufe waren in West und Ostdeutschland hingegen Straßenfeger. Familienfilme, wenn man so will, auch wenn sie nach 20 Uhr ausgestrahlt wurden und nicht für Kinder gedacht waren. Doch viele einfache Gemüter saßen vor den Fernsehern, und waren nicht vorbereitet auch Filme dieser Art. Deswegen musste man gewisse Vereinfachungen vornehmen, wenn man ein Thema wie Kindesmissbrauch zeigen wollte.  

Natürlich gibt es diese Konstellation, dass Jungen und junge Männer die häuslichen Aggressionen und das dominante Verhalten von Müttern zu Frauenhassern macht, aber sie ist auch tricky: Die literarischen Vorlagen, Roman oder Drehbuch, stammen von Männern. Aus heutiger Sicht, mit all den Erfahrungen, die wir mittlerweile bei der Ausforschung von Täterseelen haben, wirkt es ein wenig, als wenn so etwas wie eine Rechtfertigung für diese Tätergruppe daraus konstruiert wird, dass sie entweder in ihrer Ehe oder seit ihrer Kindheit mit richtiggehenden Megären konfrontiert werden, die im Grunde die Gewaltbereitschaft Männern gegenüber anderen Personen ihres eigenen Geschlechts verursachen. Das ist auch in weiteren DDR Polizei rufen zu sehen, die sich mit Triebfedern befassen. Bei der Mehrzahl der Männer mit gestörtem Sexualverhalten, dürfte aber ein Vater-Sohn-Konflikt der Auslöser sein, sofern man nicht von einer genetischen Disposition ausgeht, die zumindest mitwirkt. Frauen spielen dann meist insofern eine Rolle, als Männer sich von ihren Müttern gegenüber gewalttätigen Vätern nicht genug beschützt gefühlt haben und etwas wie Verrat empfinden, den sie auch das gesamte weibliche Geschlecht übertragen. Oftmals geht das nur mit der Unfähigkeit einher, dauerhafte, harmonische Beziehungen zu führen, doch es kann natürlich bis zur häuslichen Gewalt oder gar zum Sexualdelikt führen.

Finale

„Minuten zu spät“ rechnet zu den essentiellen Polizei rufen aus der DDR-Zeit. Der Mut, brisante Themen anzupacken, ebenso wie die spätere Entwicklung hin zum Psychodrama zeigt hier bereits erste Ansätze, finden in diesem Frühwerk Wurzeln. Vielleicht würde man aus heutiger Sicht nicht mehr alles unterschreiben, was psychologisch in diesem Film ausgesagt wird, gerade die Kinderpsychologie ist heute weiter, aber unstimmig oder absurd oder, wie in westdeutschen Tatorten, als man wesentlich später endlich auf das Thema zugegriffen hat, eher unbeholfen und stark aus Polizei Sicht gefilmt, ist dieser Film nicht.

Auf eine intuitive Weise erfasst er das Wesentliche, das Essentielle an diesem Thema. Er macht begreiflich, wie viele Aspekte und Facetten sexuelle Übergriffe haben, wo sie bereits beginnen, und dass die Polizei sich so intensiv durch einen Vorgang gefordert wird, der zunächst ausschaut, als sei das Beschriebene mehr oder weniger der Fantasie eines Kindes entsprungen, wirkt sehr ernsthaft. Der Zuschauer weiß allerdings früher Bescheid, weil er die Handlung des Mannes schon gezeigt bekommt, bevor das Mädchen später sein Verhältnis zu dem Onkel referiert.

8,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Horst Bastian
Produktion Hans W. Reichel
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Walter Küppers
Schnitt Helga Weinl
Besetzung

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