Blütenstaub – Polizeiruf 110 Episode 10 #Crimetime 1030 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Hübner #Subras #Blüte #Staub

Crimetime 1030 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Ist etwas faul im Staate?

Der zehnte Polizeiruf ist ein recht kurzer, weist mit 58 Minuten Spielzeit etwa 10 Prozent weniger auf als die damalige Durchschnittslänge. Doch in der Kürze kann ja auch die Würze liegen und außerdem gibt es einige Besonderheiten zu beschreiben, die dieser Film aufweist – ausführlicher behandeln wir die Spezifika in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

n die Apotheke von Herrn König wurde über Nacht eingebrochen. Oberleutnant Peter Fuchs und Oberleutnant Jürgen Hübner, der die im Urlaub weilende Vera Arndt vertritt, nehmen sich des Falls an. Anscheinend wurde nichts gestohlen, außer etwas Ether und Ethanol. Im doppelt verschlossenen Giftschrank hingegen fehlen Morphium und große Mengen Strychnin. Ein erster Verdacht fällt auf Putzfrau Greta Immendahl, die den Einbruch als Erste bemerkte und ihr Putzwasser prompt so verschüttete, dass wichtige Spuren verloren gingen, zumal sie das Wasser gründlich aufwischte. Greta ist erst seit wenigen Wochen Putzfrau in der Apotheke. Früher hat sie als Laborantin auf einem Versuchsgut gearbeitet. Bei der Aufstellung der Morphiumpatienten in der Stadt zeigt sich, dass auch Gretas früherer Chef Dr. Senkpiel eine Zeitlang mit Morphium behandelt wurde. Er ist erstaunt, dass die fähige Laborantin inzwischen freiwillig als Putzfrau arbeitet. Greta kündigte ihm, weil sie nach einem gemeinsamen Urlaub an eine Beziehung glaubte, er sie jedoch fallenließ.

Auf den Scherben der zerschlagenen Apothekenscheibe findet sich Blütenstaub einer exotischen Pflanze. Neben Dr. Senkpiel, der exotische Pflanzen besitzt, richten die Ermittler ihr Augenmerk auch auf die Kohlenhandlung von Julius Schwarz. Am Vorabend der Tat schrieb sich der Schlosser Ernst Lindau in einem Hotel der Kleinstadt ein, der Cousin von Julius Schwarz. In dessen Kohlenhandlung ist sein Sohn Peter tätig. Der hat ursprünglich Medizin studiert, musste die Universität jedoch nach drei Semestern verlassen. Während Julius glaubt, dass es an mangelndem politischem Wissen lag, weiß Ernst, dass sein Sohn schlichtweg zu faul zum Lernen war. Ernst ist schon lange nicht mehr als Schlosser tätig, sondern Mitglied des Rates des Bezirkes und Leiter der Energiekommission. Er ist in die Stadt gekommen, um seinen Sohn heim zu seiner kranken Mutter zu holen. Der überspannte Peter jedoch sieht sich als Geschäftsführer der Kohlenhandlung, ist Julius Schwarz doch latenter Alkoholiker und zeitweise arbeitsuntüchtig.

Die Ermittler sprechen mit Dr. Senkpiel und den Arbeitern der Kohlenhandlung. Heimlich nehmen sie Blütenstaubproben der Pflanzen. In der Apotheke erscheint plötzlich der stets betrunkene Seemann Kuddel und bricht lallend zusammen. Er hat eine Einstichwunde am Arm – ihm wurde eine geringe Dosis Strychnin verabreicht. Er kommt ins Krankenhaus. Unterdessen erhält König einen Erpresseranruf. Er soll 10.000 Mark zahlen. Ansonsten werden zahlreiche Menschen durch Strychnin vergiftet werden. Die Polizei erfährt, dass der Blütenstaub einer Pflanze zugeordnet wurde – die auch in der Kohlenhandlung blüht. Sie observieren nun alle Verdächtigen. Hauptaugenmerk liegt auf Greta und Peter, die sich zudem zu kennen scheinen. Greta sucht Peter auf, der sie einmal in der Apotheke besucht hat, als auch der Schlüssel zum Giftschrank herumlag. Sie hat ihn in Verdacht, den Schlüssel nachgemacht zu haben. Peter wiederum hat sich in Greta verliebt. Er verspricht, ihr die Welt zu Füßen zu legen, doch sie weist ihn ab. Bald wird Greta das überspannte Verhalten Peters genug und sie geht.

Peters Vater Ernst erscheint, als sie gerade geht. Er verdächtigt seinen Sohn ebenfalls, etwas mit dem Einbruch in die Apotheke zu tun zu haben. Tatsächlich findet er die gestohlenen Morphium- und Strychnin-Präparate. Peter gibt vor, angesichts seiner Situation an Selbstmord gedacht zu haben. Er will sich nun ändern und mit seinem Vater nach Hause fahren. Er gibt ihm die Ampullen und bittet ihn, sie zur Apotheke zu schaffen. Während Ernst in der Apotheke in der Schlange wartet, hört er, dass Kuddel mit Strychnin vergiftet wurde. Er übergibt Jürgen Hübner die Medikamente. Es fehlen jedoch weiterhin Ether und Ethanol – Peter Fuchs erkennt, dass der Raub aus dem Giftschrank nur ein Ablenkungsmanöver sein sollte. Peter wurde jedoch weiterhin beschattet und zuletzt an einer Sparkassenfiliale gesehen. Tatsächlich will er die Bank überfallen und den Angestellten mit Ether betäuben. Ihm öffnet jedoch kein Angestellter, sondern Leutnant Lutz Subras, der ihn unterstützt von Peter Fuchs festnimmt.

Rezension

Der Umfang der Handlungsbeschreibung lässt gar nicht vermuten, dass der zehnte Polizeiruf von der Filmbrigade „Kurz & Knackig“ erschaffen wurde – aber die Wikipedia schafft es mittlerweile ja auch, dass man fürs Lesen der Zusammenfassungen länger braucht als dafür, sich die Filme anzuschauen. Daher noch ein bisschen aus dem partizipativen Lexikon der Neuzeit:

(…) Oberleutnant Jürgen Hübner in seinem zweiten und auch Kriminal-Wachtmeister Lutz Subras in seinem zweiten Fall. Es war das erste Mal, dass Fuchs und Hübner gemeinsam ermittelten, wobei Hübner als Urlaubsvertretung für die sonst mit Fuchs ermittelnde Vera Arndt eingeführt wird.

Die Kritik befand, dass der Film erste Maßstäbe „für die… Methode der kritischen Sicht auf die DDR-Wirklichkeit und auf die Menschen, die von dieser Wirklichkeit entscheidend moralisch geprägt worden sind“, setzte.[2] Regisseur Respondek habe „überzeugende Figurenhaltungen für die Darstellung des Alltagslebens in einer DDR-Kleinstadt mit ihrer permanenten Schläfrigkeit und ihren Trunkenbolden“ gefunden.[3]

Außerdem heißt der Kohlenhänlder mit Nachnamen Schwarz und der Apotheker ist der König des Dorfes – aber in der Nähe gibt es immerhin eine Forschungseinrichtung für Futtermittelverbesserungen und der Leiter heißt Dr. Senkpiel (nicht Dr. Senkblei). Und damit kommen wir schon zur ersten Besonderheit dieses Films: In den allermeisten Polizeirufen werden einfache Arbeiter als ehrlich dargestellt, hingegen Intellektuelle mindestens auch moralisch kompliziert, Unternehmer als zu Vermögendelikten neigend und Menschen, die etwas elitärer oder auch vom Lebensstil gehobener wirken, sind meist Egoisten, die z. B. Kunstraube begehen, um ihrem Sammlertick zu frönen. Nun ja, wenn es keinen freien Markt gibt …

In diesem Fall aber ist der Apotheker ein ehrlicher Mann, wenn auch nicht vollkommen gewissenhaft, weil er manchmal seine Schlüssel abends am falschen Platz rumliegen lässt, der Doktor S. hingegen kommt ein wenig ins Zwielicht, weil er mit einer Angestellten ein Verhältnis beginnt, sie interpretiert ernsthafte Absichten hinein – und wird enttäuscht. Allerdings werden beide nicht als verheiratet dargestellt, insofern ist alles vage und ob man deshalb gleich als Reinigungskraft arbeiten muss? Vielleicht, weil der Herr Doktor ja in der Apotheke behandelt wird, in der man anheuert. Aber die junge Frau ist auch mit im Bunde, denn nur sie kam an die Schlüssel heran und konnte das Strychnin und das Morphium klauen.

Dass dieses zum Schein für eine Erpressung verwendet wird, ist eine krasse Idee – in Wirklichkeit will der Täter während der geplanten Übergabe des Geldes in die örtliche Sparkasse einbrechen. Es handelt sich offenbar um einen fantasievollen Menschen. Natürlich ist niemand so fantasievoll, wie Hübner und insbesondere Fuchs schlau sind, sie riechen den falschen Hasenbraten und können eine erneute Straftat vereiteln. Wer aber ist der Täter?

Er trägt schulterlange Haare und wird von Henry Hübchen in seinem ersten Polizeiruf-Einsatz dargestellt. Er heißt Peter, trägt die Haare schulterlang und hat nichts als Flausen im Kopf. Medizinstudium abgebrochen, keine Ausbildung, arbeitet bei Kohlenhändler Schwarz und bildet sich ein, dass er den Laden schmeißt. So wirkt es aber auch. Und er hätte gern die hübsche Chemielaborantin / Reinigungskraft, die zwar etwas älter ist als er, aber auf einen ausgewachsenen Akademiker steht. Das muss den Aufbegehrenden reizen, aber sie ist ja auch reizvoll.

Der Vater von Peter heißt ernst, wie es sich für einen Film mit sprechenden Namen gehört, hat sich als Arbeiter per Fernstudium gelevelt und sitzt jetzt in der Kreisenergiekommission. Er ist in den Ort gekommen, um mit seinem Sohn über alles zu reden, was die beiden auseinandergebracht hat – doch es ist zu spät, dieser wird gerade straffällig.

Als ich im März 2019 mit der Rezension der Reihe Polizeiruf begonnen habe, war das kein Zufall. Damals begann der MDR gerade „von vorne“, also ab dem Jahr 1971. Okay, die Filme Nr. 2 und 3 sind verschollen, den ersten hatte ich doch verpasst, aber von da ab ging es recht chronologisch weiter. Jedoch mit Lücken. So fehlten beispielsweise die Polizeirufe 9 und 10, daher die späte Rezension von „Blütenstaub“, der auch leider nicht in der ARD-Mediathek abgelegt ist. Es fehlten dann noch einige Filme, aber bei denen war es anders, von „Ende einer Mondscheinfahrt“ bis „Alarm am See“ fand ich mehr im Archiv der Arbeitsgemeinschaft der öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten. Weil von den ersten 30, 40 Polizeirufen nur noch wenige fehlten, dachte ich, ich hätte ein einigermaßen vollständiges Bild, zumal sich gerade die Lücke zum Jahr 1984 schließt, das damals vom RBB ausgestrahlt wurde.

Leider muss ich aufgrund der Forschungen am Forschungsinstitut für Futtermuttel und der Integrationsforschung in Ostberliner Parks das Bild partiell zurechtrücken. Denn gerade die Polizeirufe 9 und 10 waren besonders wichtige. Ich verstehe noch, dass man den brisanten „Minuten zu spät“ beim MDR weggelassen hat – gerade so. Ein Kinderschänder und Beinahe-Mörder ist starker Tobak, auch heute noch. Und die 10? Weil der Ansatz gesellschaftskritisch ist, wie „die Kritik“, also der Polizeiruf-Guru Peter Hoff, schreibt? Möglich, aber keineswegs gerechtfertigt, zumal man spätere Filme mit kritischer Tendenz nicht ausgespart hat.

Ja, „Blütenstaub“ ist der erste Polizeiruf, in dem ein Generationenkonflikt zwischen Vater und Sohn in den Mittelpunkt gestellt wird, ja, die Kleinstadt wirkt etwas schläfrig, bezüglich der Darstellung der „gehobenen“ Persönlichkeiten weicht der Film vom damaligen Muster ab. Ich hoffe jetzt, dass unser Haussender RBB auch Filme mit 20er-Nummern ausstrahlt, die der MDR ebenfalls wegließ und die bisher ebenfalls nicht in der Mediathek zu finden sind („Konzert für einen Außenseiter“ und „Lohnraub“).

An spätere, teilweise subtile Darstellungen von Jugendlichen, wie man sie gerade im erwähnten Jahrgang 1984 und im folgenden auf den Bildschirm brachte, reicht „Blütenstaub“ noch nicht heran – Mitleid mit Peter hat man nicht, man kann sich höchstens als junger Mensch aussuchen, ob man sich mit ihm identifiziert, weil der Vater so bieder und linientreu ist und Parteikarriere gemacht hat, oder ob man ihn generell für das hält, was in der DDR als „Asozialer“ bezeichnet wurde: arbeitsscheu, großmäulig, zu kriminellen Handlungen neigend – auf die Herkunft, wie das heute diskriminierend getan wird, wird dabei eher nicht angespielt. Außerdem waren lange Haare erst ab 1973 offiziell toleriert und da der Film vor diesem Toleranzedikt von Ostberlin entstand, ist auch die Mähne von Henry Hübchen eine gar nicht so kryptische Chiffre, demnach eher ein Symbol.

Aber wie wird der Vater-Sohn-Konflikt hier aufgezogen? Der Vater wirkt seriös und eigentlich auch nett, aber er war sicher auch sehr moralisierend unterwegs und hatte außerdem wenig Zeit. Damit hier nicht alles falsch, also richtig verstanden werden kann, mischt Oberleutnant Fuchs sich in die gesellschaftspolitische Diskussion ein, die damit beginnt, dass jener Vater, streng und in Selbstkritik geübt, wie er ist, sich Vorwürfe macht und glaubt, er sei am Versagen (das Wort „Versager“ fiel in der DDR nicht so häufig wie im Westen, aber hier wird es gebraucht) seines Sohnes schuld. Ob in der DDR die Ohrenbeichte abgenommen werden konnte, weiß ich nicht, aber die meisten dort waren ja nicht katholisch und am Ende gar nicht mehr konfessionell gebunden – also muss die Staatsmacht ran, um zu entscheiden, ob jemand sich falsch verhalten hat. Fuchs sagt:

„Wenn alle Kinder von Eltern, die wenig Zeit haben, zu Versageren würden … dann träfe das unter anderem auf meine zu.“ Er hat nämlich zwei Kinder, das erfahre ich jetzt auch zum ersten Mal und es wird m. W. in keinem späteren Polizeiruf mehr erwähnt. Das ist, was alle hören sollen, auch die Zensur. Dass Eltern, die zu ideologisch zu eng sind und gleichzeitig nicht die Möglichkeiten haben, sich gut um ihre Kinder zu kümmern, Gefahren für deren Entwicklung setzen oder verstärken, braucht aber heute wohl kaum noch diskutiert zu werden. In den erwähnten Polizeirufen der 1980er wird das auch sehr penibel dargestellt: Der Vater ist ein Kader, ein absolut honorabler Mensch und versteht die Welt nicht mehr, sofern die Welt aus einem Sohn besteht, der nicht in der Spur läuft, wie das zu meiner Zeit noch hieß, wenn Kinder sich was erlaubt haben. Es wird dann eben genauer hingeschaut. Die Filme sind in den 1980ern ca. 20 bis 25 Minuten länger als „Blüstenstaub“ und haben einen weniger knackigen Duktus, werden mehr aus der Sicht des „Täteropfers“ gefilmt, wie ich vor allem junge Menschen nenne, die auf die schiefe Bahn geraten, weil ihnen die Orientierung abhanden gekommen ist.

Finale

Die Kürze hat aber auch Vorteile: Der Film ist nicht so elegisch bis quälend wie die Psychodramen, die später entstanden, der Fall ist wichtig, die Ermittler sind wichtig, man musste sich zwingen, alles sehr prägnant auf den Punkt zu bringen. Dabei wurde zwar nicht das Vater-Sohn-Verhältnis wie in einer Sozialstudie beleuchtet, aber so angerissen, dass man versteht, was geschehen ist und warum. Das war schon ein großes Plus des Vorgängerfilms „Minuten zu spät“, dass ein Täter einen Hintergrund zugesprochen bekam – kurz, sehr knapp, aber doch so, dass man eine Idee davon hat, wie es zu seinen Neigungen kommen konnte. Mit einer wahrhaft sozialistischen Erziehung wäre das alles nicht passiert, aber es wurde auch nicht besser. Der nächste Polizeifruf, der sich mit Jugendlichen in Form einer Clique, nicht anhand einer Einzelperson, auseinandersetzte, war „Per Anhalter„, der zwei Jahre später entstand. Für mich zählt „Blütenstaub“ zu den wichtigen Polizeirufen der DDR-Zeit, die man gesehen haben muss, wenn man die Entwicklung der Reihe verstehen möchte.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Gerhard Respondek
Drehbuch Hans Lucke
Gerhard Respondek
Produktion Marianne Birkholz
Musik Wolfgang Pietsch
Kamera Manfred Marderwald
Schnitt Imke Jacoby
Besetzung

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