Mr. Hobbs macht Ferien (Mr. Hobbs Takes a Vacation, USA 1962) #Filmfest 554

Filmfest 554 Cinema

Mr. Hobbs macht Ferien ist eine Filmkomödie unter Regie von Henry Koster, basierend auf dem Roman Vaters Ferien (Originaltitel: Mr. Hobbs Takes a Vacation) von Edward Streeter. Premierendatum war in Westdeutschland im Juni 1962 bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin.

Der Film war schon in Amerika recht erfolgreich und spielte in der Zeit nach seiner Veröffentlichung am 15. Juni 1962 insgesamt vier Millionen Dollar ein bei geschätzten Produktionskosten von lediglich zwei Millionen Dollar.[2] Noch größer war der Erfolg in Übersee. James Stewart gewann den Silbernen Bären als bester Schauspieler bei den 12. Internationalen Filmfestspielen in Berlin für seine Leistung[3] und Regisseur Henry Koster wurde für die beste Regie nominiert. Stewart wurde außerdem für einen Golden Globe nominiert als Bester Hauptdarsteller in einer Komödie.

Anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension auf dem Filmfest des „neuen“ Wahlberliners muss ich vorausschicken, dass auch dieser Film zu jenen gehört, die das Amerika-Bild meiner Kindheit geprägt haben, daher nehme ich eher die verteidigende Position ein. Der beste Film mit James Stewart aus dem Jahr 1962 ist aber zweifellos „Der Mann, der Liberty Valance erschoss„. Wir diskutieren über diesen Erfolgsfilm, der weitere Familienkomödien mit James Stewart nach sich zog, der damals bereits ein Altstar war, in der – Rezension.

Handlung (1)

Mr Roger Hobbs, ein schwer arbeitender Familienvater, plant für sich und seine Frau Peggy eine Weltreise. Doch diese macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Sie möchte mit der ganzen Familie einschließlich Enkelkinder den Urlaub in einem Ferienhaus am Meer verbringen. Dieses jedoch erweist sich beim Eintreffen als Bruchbude. Die mitgenommene Haushälterin ist entsetzt und flüchtet nach kurzer Zeit. Zudem verliert Mr Hobbs auch noch bei einer Bootsfahrt mit seinem Sohn im Nebel die Orientierung und gelangt nur mit Glück wieder zum Hafen zurück. Der Vorgesetzte seines Schwiegersohnes, Mr Turner, und dessen Frau treffen in dem Haus ein und sorgen für weitere Komplikationen. Und so wird es für Mr Hobbs ein Urlaub mit vielen Überraschungen und wenig Erholung.

Rezension: Anni und Tom über „Mr. Hobbs macht Ferien“:

Anni: 
Da siehst du, was Familie wirklich  heißt. Nichts als Ärger, selbst im Urlaub. Also, wenn das nicht der prototypische Familienfilm ist, weiß ich’s nicht. 

Tom: Das war er auch und danach drehte James Stewart eine Reihe ähnlicher Filme, wie etwa „In Liebe eine Eins“ (1963), wo er den damaligen Teeniestar Sandra Dee als Tochter hatte. 

Anni: Welche Szene war für dich die beste?

Tom: Die Vogelkunde-Wanderung. Weil sie eine innere Dramaturgie hat, sich schön langsam zum Höhepunkt der 250. Spezies hin aufbaut. Und weil James Stewarts Mischung aus Langsamkeit und Witz sich dabei voll austoben kann. 

Anni: Ging mir genauso. Und die schwächste Szene, also der schwächste Gag?

Tom: Auch mit dem Ehepaar Turner. Die Badezimmer-Szene – bis zu dem Moment, in dem man glaubt, wirklich was von der betagten Mrs. Turner zu sehen. Das mit dem Türknopf war dann wieder besser. Die Szene hat mich anfangs genervt, weil sie wieder dieses Prüde in den USA so betont, wie die Amis selbst erstaunt darüber sind, dass sie sich Gags mit erotischen Anspielungen trauen. Ein paar Jahre vorher wären nicht mal diese verklemmten Varianten möglich gewesen.

Anni: Für mich die Tanzszene. Wie die arme Katey nur wegen ihres verkniffenen Gesichtsausdrucks wegen Zahnspange geschnitten wird. Sowas ist typisch für euch. Und ich bin fast vor Fremdschämen gestorben, als papa Hobbs dann die Jungs bezahlt hat, damit mal einer mit Katey tanzt. Furchtbar. Dass derjenige, der sich dann echt in Katey verliebt hat, das Geld später zurückgibt, hat das Ganze etwas erträglicher gemacht, aber nicht gerettet. Wieso nimmt Hobbs überhaupt so viel Bargeld mit auf eine Clubparty. Weil er vorher schon damit gerechnet hat, dass er nachhelfen muss, damit Katey ins Tanzen kommt? 

Tom: Wir haben doch alle mal Zahnspangen. Meine Mutter ging sogar in die Schule und sprach mit meinem Lehrer, damit er aufpasst, dass ich deswegen nicht gedizzt werde. Niemand hat mich dann veralbert – außer dem Lehrer, weil er das voll daneben fand, dass eine Mutter wegen sowas vorstellig wird. Der war noch richtig alte Schule.

Anni: Tja, Prototyp einer Hubschrauber-Mama und ein Pauker, der noch den Krieg mitgemacht hat, wo es um andere Sachen ging als um Zahnspangen, Da passte einiges nicht zusammen. Katey hatte aber schon diese fest verklebte Variante, wenn ich das richtig gesehen hab, die war wohl damals hoch modern. Im Gegensatz zur Haltung des Films an sich, die aber wieder gut zu Jimmy Stewart passte. Ich mag ihn als Schauspieler sehr gerne, aber politisch war er eher auf der Seite von John Wayne und Ronald Reagan als auf der von Douglas, Bogart und den anderen. Und da passt dieser hoch konservative Anstrich des Films eben.

Tom: Weil Schwiegersohn Stanley beinahe mental zusammenbricht, weil er trotz Hochqualifikation keine Arbeit findet und es deswegen zu Spannungen in der jungen Familie kommt? Klar, ans BGE hat er nicht sofort gedacht. 

Anni: Ach, du gehörst wohl zu den Linken, die gegen das BGE sind? Nein, die gesamten Werte des Films sind so traditionell, da wird einem als Großstädter_in des Jahres 2017 schlecht. Soll ich aufzählen? Papi arbeitet Bank, Mutti ist Hausfrau. Schwiegersohn hat Jobschwierigkeiten, Tochter kommt nicht auf die Idee, selbst mal was beizutragen, sondern heult lieber. Kinder beider Kinder sind antiautoritär erzogen, also auf Deutsch, sozial komplett unfähig, der eigene Sohn sitzt aber ständig vor dem Fernseher, was natürlich auch nicht geht. Das ist, mitten in der Kennedy-Ära, also schon ganz andere Filme gemacht wurden, bereits ein Vorgänger der 1980er-Rollback-Ära. 

Tom: Man glaubt es heute nicht mehr, aber wer einen vernünftigen Job hatte, konnte 1962 eine sechsköpfige Familie durchbringen, zumindest in den fortgeschrittenen Industrieländern. Ohne dafür beim Auto, beim Haus undsoweiter Abstriche machen zu müssen. Ich verorte Hobbs im oberen Mittelmanagement der Bank, nach seinem Büro zu urteilen und wegen der Bemerkungen gegenüber der blonden Strandnixe, die „Krieg und Frieden“ liest, weil Hobbs sich auch daran versucht.

Anni: Gut, dass du mich daran erinnerst. Der Anti-Intellektualismus, der musste natürlich auch rein. Wird gerne mal an moderner Kunst ausgelassen, aber auch an Literatur. Als wenn „Krieg und Frieden“ ein beinahe unlesbarer später Günter Grass wäre. Oder „Die Brüder Karamasow“. Hast du auch beide gelesen?

Tom: Ja, hab ich. Und da mir das gelungen ist: Nein, sie stellen nicht ganz die Anforderungen wie „Der Butt“. Alles okay? Sie sind eben Wälzer, und langer Atem ist nicht amerikanisch. Und ich sehe schon dieses Schießen nach allen Seiten kritisch, weil, andererseits: Der Fernseher! Was denn nun? Entweder man beklagt die Mattscheibe oder die Literatur, aber doch nicht beides. Und 1962 war es in den USA bereits old School, das Fernsehen noch zu verunglimpfen. Das war eher in den späten 1940ern und 1950ern in Mode, als man in Hollywood eine Riesenpanik vor dem neuen Medium hatte und mit Stereo, Breitwand und derlei technischen Neuerungen antwortete. 

Anni: Siehst du? Der Film trieft vor Konservativismus. Mit einer kleinen Ausnahme: Den jungen Lover mit Bart. Das war ja für damalige Verhältnisse schon ein Hippie. Dabei hatte er nur ein  Hipster-Bärtchen, wie heute fast alle. Fast alle! Was mich berührt hat, war aber die Segelsequenz. Vater und Sohn finden über eine gemeinsam überstandene Gefahr zusammen. Auch eine ganz große Stewart-Show, wie er da immer wieder Optimismus verbreitet und seinem Sohn die Angst zu nehmen versucht. Ich kann schon verstehen, warum der Film erfolgreich war, aber ich sehe auch die vielen Manipulationen darin. 

Tom: Ein Familienfilm, der keine Familienwerte verkauft, wäre doch irgendwie Fehl am Platz, oder? Und wie Vater Hobbs versucht, seinem Schwiegersohn zu helfen, indem er die Turners bespielt, das ist doch ein positiver Familienwert. Es sind ja nicht einmal Beziehungen, die er einsetzt, sondern er will einfach nur dienlich sein, damit seine Tochter wieder glücklich wird.

Anni: (… Zensiert …) Nein, ich meine das gar nicht ironisch. Aber mein Ding sind diese Filme nicht. 6,5/10, weil insgesamt doch gut gemacht und mit einigen Szenen, die in jeder Komödie funktionieren, ich sag mal: Pumpe! Wasser marsch! Haushälterin weg!

Tom: Ich mag diese Stewart-Show und ich erkenne zwar auch die Manipulationen, aber was wir heute alles tun, um traditionelle Familien zu diskreditieren und jedwede andere Lebensform für besser, hipper, erstrebenswerter zu halten, das geht mir manchmal auch zu weit. Worauf kannst du dich am Ende des Tages wirklich verlassen? Nicht alle können das, aber wenn es diese Personen gibt, auf die man sich verlassen kann, wer ist das in der Regel? 

Anni: Der Mensch, der dich wirklich liebt. Das kann auch ein guter Freund oder eine gute Freundin sein. Und viele Familien sind Blackboxen. Glaub nicht, du hast als Außenstehender eine Ahnung, was da läuft und was über Generationen an Belastungen aufgebaut wurde, die du weder mit Familienaufstellungen noch mit Neusprech geregelt bekommst. Solche Leute wie die Hobbs sind in Wirklichkeit voll positive Ausnahmen, auch wenn immer irgendwelcher Trubel anhängig ist. Und das ist die eigentliche Manipulation. Das der tägliche Stress das wirkliche Problem ist, vor allem heute, wo alle ran müssen, um den Lebensstandard einigermaßen zu sichern. Klar, wir sind nicht mehr 1962, das kommt dazu.

Tom: Familienmenschen sind glücklicher und werden älter, das ist erwiesen. 

Anni: Das wird von Studien suggeriert, die exakt so ausgelegt sind, dass das dabei rauskommt. Okay, bei der Altersstatistik muss es schon eine objektive Komponente geben, aber diese Zufriedenheitsmessungen, die ja auch immer als Ländervergleiche gemacht werden, die halte für suspekt. So. Deine Punktzahl!

Tom: 7,5/10. Ich finde, das ist einer der schönsten Familienfilme seiner Zeit, und alles, was du gesagt hast, hab ich schon abgezogen. Nur ist es wie mit den Zufriedenheitsmessungen: Alles realtiv. Deswegen auch weniger Abzug.

70/100

© 2021, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Henry Koster
Drehbuch Nunnally Johnson
Produktion Marvin A. Gluck
Jerry Wald
für Twentieth Century Fox
Musik Henry Mancini
Kamera William C. Mellor
Schnitt Marjorie Fowler
Besetzung

 

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