Der rosarote Panther (The Pink Panther, USA 1963) #Filmfest 561

Filmfest 561 Cinema

Wer eine Stradivari gesehen hat, kennt alle

Der rosarote Panther (Originaltitel The Pink Panther) ist eine unter der Regie von Blake Edwards im Jahr 1963 entstandene Kriminalkomödie, der eine Reihe weiterer Pink-Panther-Filme folgte und darüber hinaus eine gleichnamige Zeichentrickserie

„Wenn man eine Stradivari gesehen hat, kennt man alle“, sagt Inspektor Clouseau , nachdem er in einer Nachtszene auf seine eigene Violine getreten ist. Dass er dieser nur quietschende Töne entlockt und diese zur Beruhigung seiner immer nervösen Frau dienen sollen, ist einer von vielen witzigen Einfällen in dieser Kriminalkomödie der 1960er Jahre.

Es geht um Diamantendiebstahl in der Welt des Jet-Set und das Objekt der Begierde ist ein riesiger rosa Stein, in dem es einen kleinen „Fehler“ gibt, welcher der Figur eines Panthers ähnelt. Daraus entwickelt sich eine Verfolgungskomödie, die bis heute wenig von ihrem Reiz verloren hat und einige Szenen enthält, die man wahlweise als Hommage an die Geschichte der eleganten Krimikomödie oder des Slapsticks bezeichnen darf, der in den Kindertagen des Kinos alles geliefert hat, was nur der Film kann.

Die 1960er waren eine wunderbare Zeit, rasant, von großen gesellschaftlichen Veränderungen geprägt, und sie waren mondän wie kein anderes Jahrzehnt. Wer gerne schöne Menschen in schönen Dekors und Outfits sieht, der wird in Filmen wie „The Pink Panther“ auf seine Kosten kommen. Der Film, wie er heute gezeigt wird, profitiert natürlich von seinem makellosen Production Design, den schönen Farben, den eleganten Frauen und dem 2,20:1-Panavision, die dem Film bereits etwas Großzügiges und Weltläufiges verleihen, bevor einer der Charaktere etwas gesagt oder getan hat.

Zum Ausgleich gibt es den engstirnigen, bornierten und tollpatschigen Charakter des französischen Inspektors Clouseau, der seit zehn Jahren hinter dem Phantom her ist, wie der Gentleman-Dieb genannt wird, der sich immer neue Begehungsweisen für die Entwendung wertvollen Schmucks ausdenkt. Ursprünglich war die von David Niven gespielte Phantom-Figur der Aufhänger für den Film und Niven hoffte, daraus würde sich für ihn ein Vehikel entwickeln wie einst die Serie um den dünnen Mann eines für William Powell und Myrna Loy war. Immerhin kam es schon ein Jahr später zum Nachfolger „Ein Schuss im Dunkeln“ und insgesamt zu elf Filmen zum Thema. Aber erst im siebten spielte David Niven wieder mit und die Figur des Sir Charles Lytton. Mehr über den Auftaktfilm der Reihe steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Im Mittelpunkt des Films stehen ein überdurchschnittlich großer Diamant, der aufgrund seines rosaroten Schimmers und eines kleinen Schattens in der Mitte, der einem springenden Panther ähnelt, der „rosarote Panther“ genannt wird, sowie ein englischer Meisterdieb, genannt „Das Phantom“, hinter dem sich der britische Adelige Sir Charles Lytton verbirgt.

Zu Beginn der Geschichte werden zunächst die Charaktere vorgestellt. Zuerst das Phantom, das durch Meisterhand Schmuck und Geschmeide stiehlt und es immer wieder schafft, der Polizei zu entkommen. Dann der Neffe von Sir Charles, George Lytton, der seinem Onkel gegenüber vorgab, in den USA zu studieren, aber in Wirklichkeit ebenfalls ein Gauner ist wie sein Onkel. Da ist noch die Ehefrau von Inspektor Clouseau, Simone, die in Wirklichkeit die Verbündete und Geliebte des Phantoms ist. Und schließlich der trottelige Inspektor Jacques Clouseau, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das Phantom endlich dingfest zu machen.

Die Protagonisten treffen in dem italienischen Wintersportort Cortina d’Ampezzo aufeinander. Die Prinzessin von Lugasch, Dala, verbringt dort ihren Winterurlaub. Sir Charles ist vor Ort, um die Gelegenheit zu nutzen, den Diamanten zu stehlen. Inspektor Clouseau ist in Begleitung seiner Frau anwesend, um gegebenenfalls das Phantom zu schnappen. Auch der Neffe von Sir Charles reist an, um mitzumischen.

Sir Charles inszeniert eine Entführung des Hundes von Prinzessin Dala, um durch die heldenhafte Verfolgung des Täters das Vertrauen der Prinzessin zu gewinnen. Mittels Vortäuschung eines verletzten Beines geht dieser Plan dann auch auf. Ihm gelingt es sogar, die ansonsten abstinente Prinzessin betrunken zu machen. Dabei verliebt er sich in die Prinzessin. Seine Geliebte Simone bekommt dies mit und sieht ihre Beziehung zu Sir Charles gestört.

Nach einigen Rückschlägen kann durch Ermittlungen über das Leihauto, das bei der Hunde-Entführung zum Einsatz kam, herausgefunden werden, dass der Komplize in Diensten von Sir Charles Lytton steht und somit nur dieser das Phantom sein kann. Dieser kann jedoch in letzter Sekunde fliehen.

Schließlich ergibt sich eine neue Gelegenheit, als der Diamant in einer hoheitlichen Villa in Rom aufbewahrt wird. Während eines Kostümfestes, bei dem auch Inspektor Clouseau samt Polizeitruppe in Verkleidung anwesend ist, machen sich Sir Charles und George Lytton (zufälligerweise im gleichen Gorillakostüm) daran, den Diamanten zu stehlen. Als sie endlich den Tresor geöffnet haben, ist der Diamant jedoch verschwunden.

Nach einer wilden Verfolgungsjagd werden beide Lyttons verhaftet und erwarten ihren Prozess. Simone Clouseau möchte ihrem Geliebten aus der misslichen Lage helfen und wendet sich mit der Wahrheit an Prinzessin Dala. Sie weiß auch, dass die Prinzessin selbst den Diamanten gestohlen hat, um einerseits die Versicherungssumme von einer halben Million US-Dollar zu kassieren und andererseits den Diamanten vor einer eventuellen Rückgabe an das Volk von Lugasch zu bewahren. (Der Diamant wurde vom Volk einst dem König geschenkt, der ihn seiner Tochter gab. Nach Abschaffung der Monarchie verlangte das Volk den Diamanten zurück.)

Prinzessin Dala willigt ein. Und so wird der wertvolle Stein Inspektor Clouseau untergejubelt. Die Lyttons sind damit frei – und Clouseau wird unter dem Verdacht, das Phantom zu sein, verhaftet.

Rezension

Peter Sellers als Clouseau stahl war nicht den rosaroten Panther, aber den bekannten Namen die Show – und wurde mit dieser Komödie von  Blake Edwards zum Star. Die Rolle sollte ursprünglich an Peter Ustinov gehen, und so sehr wir Ustinov schätzen, wir können uns nicht vorstellen, dass er ein ähnliche Wirkung erzielt hätte. Peter Ustinov kann viele Rollen, aber dieser akkurat getimte Slapstick, der den Film durchzieht und Peter Sellers auf den eher kurz geratenen Leib geschnitten ist, den rechnen wir Ustinov nicht in gleicher Weise und mit ähnlich frappierender Wirkung zu, da dessen komisches Talent auf versatiler Mimik, auf dem Ausdruck und der Haltung basiert und vor allem gute Dialoge erfordert, um zur Geltung zu kommen – die gibt es in „The Pink Panter“ sozusagen additional. Möglicherweise hat diese Figur, die einen Franzosen darstellt, die Franzosen dazu bewegt, die Remakes ihrer berühmten „Fantomas“-Serie aus der Zeit um den Beginn des erste Weltkrieges herum nicht ernst, sondern komödiantisch anzulegen und Fantomas‘ Gegenspieler, Inspektor Juve, von Louis de Funès spielen zu lassen (ein Jahr nach „The Pink Panther“ erschien die erste dieser Fantomas-Parodien).

Ähnliches gilt für die Rolle von Clouseaus Frau Simone. Sie wird dargestellt von dem früheren Model Capucine, wir haben sie erstmals in „North to Alaska“ an der Seite von John Wayne wahrgenommen, einem Abenteuerfilm aus 1960. Ihre bekannteste Rolle spielte sie wohl 1965 in „What’s new, Pussycat?“, dessen Drehbuch eine frühe Arbeit von Woody Allen war. Sie hat eine beinahe ätherische Ausstrahlung, die gut zu ihrer Rolle als vorgebliches Nervenbündel passt, das in Wirklichkeit mit dem Phantom konspiriert und dieses über jeden Schritt ihres Inspektor-Ehemannes informiert.

Dieser Charakter sollte zunächst von Ava Gardner gespielt werden, auch dies hätten wir für eine eher fragliche Besetzung gehalten – vor allem zu Beginn der 1960er, als Gardner lange nicht mehr „first rated“ und so schlank und schön war wie als verführerische Kitty Collins im Film noir der späten 1940er  – und auch nicht diesen europäischen High-Class-Touch ausstrahlte wie Capucine. Die Zeiten der barfüßigen Gräfin waren vorbei.  Die Rolle der Ehefrau eines französischen Inspektors mit einer recht typischen Französin zu besetzen, war jedenfalls keine schlechte Idee. Der einteilige Künstlername folgt einer Tradition des Landes, der wir vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Bühne und im Film immer wieder begegnen.

Die zweite wichtige Frauenrolle im Film, die der indischen Prinzessin Dala, ging an Claudia Cardinale, die damals zu den weiblichen Topstars im europäischen Film gehörte, mit „Rocco und seine Brüder“ haben wir über einen ihrer wichtigsten Filme geschrieben (Rezension beim Wahlberliner). Glamourös meistert sie ihren Part und trägt zum Flair des Films bei. Dass sie ein wenig aus der Rolle fällt in ihrer Rolle und sich von David Niven als Sir Charles alias „Das Phantom“ betrunken machen lässt und dabei suggeriert, sie habe noch nie Champagner zu sich genommen, wirkt für die in der Welt herumreisende  Tochter eines per Revolution entmachteten Maharadschas ein wenig aufgesetzt und ist einer der wenigen Gags in diesem Film, die man als funktionsschwach bezeichnen darf.

Hingegen würde man sich wünschen, Gentlemen wie Sir Charles, die in Wirklichkeit Juwelendiebe sind, gäbe es wirklich. Die Welt des Verbrechens wäre weit amüsanter. Gentleman-Räuber waren damals begehrte Filmsubjekte und damit kommen wir zum ersten wichtigen Zitat eines früheren Films. Wie kaum ein Werk zuvor hat Alfred Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“ unser Bewusstsein von der mondänen Côte d’Azur geprägt und tatsächlich ist die Hauptdarstellerin Grace Kelly zur Fürstin von Monaco geworden, weil der Regent sich während der Dreharbeiten zu diesem Film in sie verliebt hat.

Wintersportorte sind erst ab den 1960ern als Settings sehr beliebt gewesen und lassen sehr stylische Auftritte zu. Cortina d’Ampezzo war eine logische Wahl, weil man davon ausging, dass der Ort aufgrund der Olmypischen Spiele, die 1968 dort stattfinden würden, sehr in Mode kommen würde. Sir Charles‘ Figur ist eine etwas mehr snobistische Variante des von Cary Grant gespielten John Robie, genannt die Katze.  Dieser versucht, seine Unschuld an aktuellen Raubzügen zu belegen, während Sir Charles fraglos der tatsächliche Täter der im Film erwähnten Serie von Juwelendiebstählen ist. Damit der Bezug zu „To Catch a Thief“ klar ist, gibt es als Höhepunkt von „Der rosarote Panther“ einen Maskenball, der zwar überdrehter gefilmt ist, aber eindeutig an denjenigen in „Über den Dächern von Nizza“ angelehnt. Auch in der Hitchcock-Krimikomödie gibt  es zuden einen Versicherungsagenten, der sich mit den Juwelen befasst und gibt es verkleidete Polizisten, die für Komik sorgen.

Die Idee mit den beiden Gorilla-Kostümen, in denen sich Sir Charles und sein Neffe befinden, hat einen anderen Hintergrund. Dass die Lebemänner sich ausgerechnet so tarnen, ist einfach nur als Gag gedacht, um einen Kontrast zwischen dem distinguierten Oberklasse-Snobismus und dem Animalischen herzustellen, das in den Tieren mit den wilden Masken liegt und in der etwas plumpen Fortbewegungsweise, welche durch die voluminösen Kostüme erzwungen wird. Als beide Männer gleichzeitig am Safe arbeiten und einander verfolgen, ist dies für uns der Höhepunkt des Films, ohne die Anwesenheit von Peter Sellers, was seine Rolle nicht schmälert. Hier wieder ist eine Reminiszenz an „Duck Soup“ von den Marx Brothes – die legendäre Spiegelszene – zu erkennen, auch wenn es in diesem Fall wirklich zwei Figuren sind und nicht nur ein sich im Spiegel selbstständig machendes Alter Ego. Anders als beim Vorbild sollte man in der Edwards-Komödie keinen philosophischen Hintergrund annehmen, der auf die zwei Seiten des eigenen Ichs geht, denn es handelt sich eben um zwei verschiedene Personen.

Das Schöne an dieser Sequenz ist das erstklassige Timing mit dem urkomischen Blick in die Kamera, den beide Gorillas gleichzeitig vollziehen, nachdem sie einander zum ersten Mal wahrgenommen haben. Das ist so gut, da schadet auch nicht, dass die beiden darin verborgenen Verwandten später unpraktischerweise ihre Kostüme anbehalten, während in der Autoszene der Schlussakkord des komischen Parts ausgeführt wird. Dieser Schluassakkord wiederum beinhaltet den schönen Gag mit dem alten Mann, der stoisch zwischen den vorbeirasenden Autos verweilt und sich dann einen Stuhl holt, um die Szenerie zu beobachten, als wisse er den finalen Unfall voraus, zu dem sich alle Beteiligten auf dem kleinen Platz nahe eines Brunnens versammeln. Diese Szene wiederum ist für die 1960er sicher rasant gefilmt, wirkt aber heute mit ihrem Ferrari aus den frühen 60ern und anderen Automodellen der Zeit und der Art, nur von außen, nicht aus den Autos heraus zu filmden, eher nostalgisch.

Finale

„Der rosarote Panther“ ist auch deshalb zur Ikone geworden, weil es die charakteristische Musik von Henry Mancini gibt, der zwei Jahre zuvor den Musik-Oscar für seine wundervolle Unterlegung von „Frühstück bei Tiffany“ und den Hit „Moon River“ erhielt. Weiterhin hat der Film einen animierten Vorspann, in dem die Figur zum Leben erweckt wird, die man bei uns als „Paulchen Panther“ kennt und eine eigene Cartoon-Serie bekam, in der selbstverständlich auch Inspektor Clouseau nicht fehlen darf. Besonderes Kennzeichen zumindest der deutschen Synchronfassung dieser Serie ist, dass ein Narrator die Aktionen in Reimen kommentiert, die Figuren selbst aber nur handeln, nicht sprechen, und dass der rosarote Panther nun selbst ein flüchtiger Tunichtgut ist, und kein Diamant mehr, der gestohlen wird.

Tiefgang hat der Film nicht, auch wenn dezent die Welt der reichen Nichtstuer auf die Schippe genommen wird. Der Twist, dass Prinzessin Dala ihren eigenen Diamant stehlen bzw. einen Diebstahl vortäuschen will, weil das Volk ihn nach der Revolution als sein Eigentum ansieht,  während sie kindisch darauf beharrt, er sei ein Geschenk ihres mittlerweile als Herrscher abgesetzten Vaters gewesen, kann man als Gesellschaftskritik ansehen, man muss um diese herum aber keine Interpretation spinnen. Der Charakter ist eine Anspielung auf die vielen Adeligen, die von Revolutionen in ihrer Heimat davongefegt wurden und die es im 20. Jahrhundert an die mondänen Plätze Westeuropas getrieben hat – Indien war damals gerade 15 Jahre selbstständig und das System der Maharadscha-Regentschaften war zugunsten einer neuen Demokratie aufgehoben worden.

Ein ungetrübtes Vergnügen mit einem großartig aufgelegten Peter Sellers als Inspektor Clouseau, das heute eine Empfehlung für Heimkino-Nachmittage der ganzen Familie ist. Der Ton kann allerdings nicht mit der neuzeitlichen Bildqualität mithalten und für die Surround-Anlage gibt er nicht viel her.

76/100

© 2021, 2014 (Entwurf 2013) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia

Regie Blake Edwards
Drehbuch Maurice Richlin
Blake Edwards
Produktion Dick Crockett
Martin Jurow
Musik Henry Mancini
Kamera Philip H. Lathrop
Schnitt Ralph E. Winters
Besetzung

 

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