Kalte Wut – Tatort 482 #Crimetime 1034 #Tatort #Bremen #Lürsen #vonSachsen #Sachsen #RB #Wut #kalt

Crimetime 1034 - Titelfoto © RB, Jörg Landsberg

Unstete Begleitung und irrationales Handeln

 Vier Tote, drei davon Jugendliche und auf einen Schlag, das war zu Beginn der 2000er schon eine Ansage. Und in diesem fünften Lürsen-Tatort prägt sich schon etwas aus, was ich bei den neueren Filmen schon, sagen wir mal, eklektisch fand: Einzelne Sätze sind so schlecht zu verstehen, dass es nicht einmal klappt, wenn man anhält, zurückspult, nochmal reinhört. Wobei darf die Frau also nicht mitmachen, die anfangs am Telefon gezeigt wird, deren Teflon… Gesprächspartner aber an einer Stelle selbst bei härtester Ohrenschulung nicht zu verstehen ist? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Die Bürgerwehr eines Bremer Stadtteils sammelt Beweise und Argumente für die Schließung des Freizeitheims „Glashaus“. Doch die Jugendlichen kämpfen um ihren Club mit ihren Mitteln. Sie sprayen ein Graffiti an die Wand des Autohändlers, der aktiv die Bürgerwehr unterstützt. Diese Aktion eskaliert in einer Katastrophe.

Als an diesem verhängnisvollen Abend eine Frau über eine vermummte Gestalt erschrickt und schreiend davon rennt, glauben die Mitglieder der Bürgerwehr, einen gesuchten Vergewaltiger zu verfolgen. Bei einer wilden Jagd drängen sie den Wagen des Verfolgten ab – aber im Auto sitzen vier Jugendliche, drei von ihnen sterben noch an der Unfallstelle.

Alle Beteiligten stehen unter einem schweren Schock. Wenn sie für einen Moment aus ihrem Leben heraustreten könnten, um ihr Verhalten zu überdenken, würden sie vielleicht anders reagieren. Aber das geht nicht. Im Moment des Unfalls bricht alles über sie herein: Das Schuldbewusstsein bei den einen, das Erschrecken darüber, wie knapp sie dem Tod entronnen sind, bei den anderen. Das alles überschwemmt sie wie eine Flutwelle, lässt sie überstürzt handeln, verworrene, falsche Einzelentscheidungen treffen, deren Konsequenzen immer weitere falsche Entscheidungen nach sich ziehen.

Hauptkommissarin Inga Lürsen und ihr Kollege Tobias von Sachsen werden zufällig auf diesen Unfall aufmerksam. Was versucht die Schutzpolizei zu decken, warum nimmt sie nicht alle Spuren auf? Welche Motivation steckt dahinter? Dass ein vierter Jugendlicher beteiligt war, finden die Ermittler bald heraus, und da er sich nicht bei der Polizei meldet, provoziert er Inga Lürsens Neugierde. Inga Lürsen und Tobias von Sachsen stechen in ein Wespennest.

Rezension (mit Spoilern)

Es ist die Bürgerwehrpatrouille, bei der sie als Polizisten nicht mittun darf. Es dann aber doch tut und schwerstens in alles hineingezogen wird. Die zweite Stelle war jene, in der Lürsen und von Sachsen das Autohaus von Lothar Schenk verlassen und man nicht versteht, was sie da sagen. „Kalte Wut“ ist schon modern gefilmt und dazu gehört nach Bremer Lesart wohl auch das ärgerliche Genuschel, das sich noch einmal verstärkte, als der manchmal sehr schmallippig artikulierende Stedefreund hinzukam. Vermutlich war der Wechsel des männlichen Ermittlungspartners bei Lürsen zu ihm sogar notwendig, z. B., weil von Sachsen ihr in „Kalte Wut“ stellenweise die Schau stiehlt. Aber daran ist sie auch ein wenig selbst schuld. Wer tritt schon als Ermittlerin in seiner ersten Szene im Chicken-Dress auf? Okay, es ist auch lustig, wie sie beinahe über ihre plüschigen Krallenfußschuhe stolpert.

Das zweite Problem des Films sind die vielen groben Zufälle, die notwendig sind, damit die Handlung vorankommt. Womit wir wieder beim Murmeln wären: Ingas Intuition bezüglich „Mord, nicht Unfall“ wird nie erklärt, obwohl zwischen ihr und von Sachsen nochmal aufgegriffen, als wollten die Filmemacher eigens darauf hinweisen, dass es hier schon etwas beim Drehbuch hakt. Dass ein Auto eine sichtbare, in einem ziemlich schrägen Winkel verlaufende Reifenspur auf einem Randstein hinterlassen hat, ist jedenfalls kein Indiz dafür, dass ein weiteres Fahrzeug beteiligt gewesen sein muss. Ich bemühe mich stets, dem Familienleben der Ermittler*innen dann etwas Positives abzugewinnen, wenn es sie gut charakterisiert oder wenn die Familie so in den Plot eingebunden ist, dass er dadurch tatsächlich an Dynamik gewinnt. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Verbrecher eine ermittelnde Person oder eine Justizperson dadurch unter Druck setzen wollen, dass sie deren Familie bedrohen – leider kommt das auch in der Realität vor. 

Aber dass die Tochter von Inga Lürsen ausgerechnet mit dem überlebenden der vier Kids im roten BMW befreundet ist und dadurch in den Fall hineingezogen und von ihm sogar entführt und gefesselt wird, danach ist sie fort wieder lieb zu ihm – nun ja. Deswegen war es ein guter Schachzug, sie später selbst zur Polizei gehen zu lassen, da ergibt ihre häufige Präsenz auf jeden Fall Sinn, zumal sie nun die Vorgesetzte ihrer Mutter war. Aber das liegt ja nun auch schon  hinter uns. Auf wirkt der Plot, der immer dann gut ist, wenn die Bürgerwehrler und Spekulanten untereinander agieren, stimmig, aber eher lustlos und an den Haaren herbeigezogen, wenn es um die am Ende dominierende Einbettung von Ingas Tochter geht. Das lässt den Rückschluss zu, dass hier eine Vorgabe umgesetzt werden musste, welcher Drehbuchautor Näter, der auch Regie führte, nicht mit unbedingter Begeisterung nachgekommen ist.

Sabine Postel, die Darstellerin von Inga Lürsen, hat in einem Interview kürzlich geäußert, dass man ihr unbedingt ein Kind unterschieden wollte und sie gesagt habe: Aber nur, wenn ich eine Rabenmutter sein darf. So schlimm ist es hier gar nicht, sie macht nicht viel falsch, das Problem liegt auch nicht so sehr im Verhalten ihrer Tochter wie in dem Zwang, dadurch am Ende eine Dramatik zu erwirken, die von den bisher wichtigen Figuren wegführt: Die beiden Geschäftsleute, die mit Boden spekulieren wollten, auf dem ein Jugendzentrum steht – wer kennt das als Berliner nicht? Anstatt Lürsens Tochter hätte man noch ein, zwei Politiker reinbringen sollen, denn die Politik ist fast immer dabei, wenn solche Dinge ablaufen. Ein großes Jugendzentrum, das aussieht, als habe es nicht nur einen Club, sondern sei auch für Konzerte geeignete, ist nun mal ein Politikum, das kann man nicht einfach privat rauswerfen.

Das heißt, man kann, rechtlich gesehen, oder man erhöht die Miete so, dass sie unbezahlbar wird, wenn der Vertrag es zulässt – aber dann wird es eben ein Politikum. In Bremen nicht? Doch, sicher, das ist doch auch eine vergleichsweise linke Stadt. Und welcher Investor prüft vorher nicht die Mietverträge derer, die auf dem Grund einquartiert sind, welch er erwerben will? Das ist aber alles nicht so schlimm, denn Udo Schenk und Uwe Kockisch machen ihr Sache als die zwei Gschäftlmacher gut, die sich in die Haare kriegen, weil die Folgen ihrer Verfolgungsjagd so dramatisch sind. Schenk ist prädestiniert für solche Rollen und Kockisch hat zwar alsbal Karriere in Venedig als Commissario Brunetti gemacht, aber anhand seiner Einsätze in Polizeirufen weiß man, dass er auch anders kann – und die Relationen zwischen ihnen und der Bürgerwehr, die sie quasi für ihre Zwecke nutzen, wirken stimmig. Auch die Motivation der Polizistin, die jene Bürger trainiert, ist nachvollziehbar, denn ihr Kind wurde vergewaltigt und verstarb an den Folgen der Gewalt.

Es gibt mach unstimmiges Detail, z. B., dass die Jugendlichen mit dem roten BMW das verschlossene Gittertor so leicht durchbrechen konnten, das Fahrzeug hat davon kaum einen Kratzer, und was die Verfolgungsjagd selbst angeht – wenn man nicht, wieder mal muss dieses Beispiel herhalten, in Berlin leben würde, wo die illegalen Straßenrennen mittlerweile zum schlechten Allgemeinbild einer immer mehr in Richtung Dystopie tendierenden Gesellschaft zählen würden, würde man das für sehr übertrieben halten. Für den Abdrängungsversuch gilt das aber trotzdem – was den Unfall auslöste, ist ein Tick zu viel des Schlechten. Und, klar: Bei einer solchen Aktion, wenn sie Folgen hat wie hier, kann auf vorsätzliche Tötung erkannt werden, da hat der Werkstattbesitzer und Schrotthändler Wohlers schon recht. Es entspricht eben auch dem aufgeregten Stil des Films, dass die beiden einander so an den Kragen gehen, weil sie den Vorfall moralisch unterschiedlich bewerten – und am Ende ein seltsamer Dreh ins Spiel kommt: Derjenige, der mehr schockiert ist und immer „Mord!“ ruft, kann sich einen Ausstieg aus der Grundstückssache eher leisten als der Geschäftsfreund, den er zum Mitmachen beschwatzt hat und der sein ganzes Geld da reingesteckt hat. Es gibt halt nichts Richtiges im Falschen, das sieht man am Kapitalismus immer wieder.

Aber dadurch ist der Film stellenweise auch packend und hat witzige Momente, die vor allem von Sachsen zu verdanken sind bzw. dem Zusammenspiel mit Lürsen – und die in den späteren Filmen mit Stedefreund entfielen.

Finale

Das Ende ist politisch korrekt und ich wünsche dem JuZ „Glashaus“ ein langes, chilliges Leben in der ehemaligen Gärtnerei. Was es hier auffäligerweise noch nicht gibt: Dass Lürsen selbst die politische Seite des Vorgangs kommentiert und sich auf die Seite der Jugendlichen stellt, bevor sie sicher weiß, dass diese nichts mit der Vergewaltigungsserie zu tun hat. Das hätte sie ein paar Jahre später gebracht, da bin ich mir ziemlich sicher. Dieser Part wird übrigens ganz en passant gelöst: Nicht durch Ermittlung in Bremen, sondern dadurch, dass der Täter in Köln aufgegriffen wird. Leider nicht auf die Weise, die in den frühen Tatorten häufig zu sehen war. In dem Fall hätte es dann so sein müssen, dass Max oder Freddy bei Inga anrufen, ihr die Mitteilung machen und dabei auch kurz ins Bild kommen. Ich habe irgendwie kaum Lust, schon wieder zu schreiben, Stärken und Schwächen des Films gleichen sich aus, also kommen wir in der Mitte heraus. Es ist aber so. Mit einer Tendenz doch zum Positiven, denn was Bremen auch später auszeichenn sollte, sieht man hier ebenso wie einige negatve Aspekte – und Unterschiede zu den neueren Lürsen-Filmen. Eine vor allem im ersten Teil gute Dynamik und packende Einzelszenen sowie ein insgesamt ansehnliches Spiel führen noch zu

7/10.

Vorschau: Unstete Begleitung und irrationales Handeln

„1999 und 2001 bekam die Hauptkommissarin in zwei Tatort-Fällen Unterstützung von Tobias von Sachsen, dargestellt von Heinrich Schneider. Er war in den Folgen Nr. 425 „Die apokalyptischen Reiter“ und Nr. 482 „Kalte Wut“ zu sehen. Mit nur 40 Jahren verstarb der Schauspieler Heinrich Schmieder im Sommer 2010 überraschend, nachdem er in Italien an einem Radrennen teilgenommen hatte“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans und merkt an, dass in den ersten Jahren (Lürsen startete 1997) die Assistenten häufig ausgetauscht wurden und dadurch kein Profil gewonnen haben.

Ab 2001 war Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) regelmäßiger Ermittlungspartner der Bremer Kommissarin und die jüngeren Fernsehzuschauer*innen kennen wohl nur noch dieses Bremer Duo.

Es sei denn, sie steigen hinab in die Tiefen der ARD-Mediathek und schauen sich Lürsen-Filme an, wie ich es vor einiger Zeit mit ihren ersten beiden Fällen getan habe. Leider ist die Chronologie auch dort alles andere als vollständig.

Gegenwärtig steht „Kalte Wut“ auf Rang 15 von 39 Lürsen-Fällen, gemäß ermittlerinterner Rangliste auf der Plattform Tatort-Fundus, insgesamt auf Platz 468 von 1155. Das ist okay, würde ich sagen, und sollte dazu führen, dass man sich diesen in den letzten Jahren selten ausgestrahlten Film anschaut. Ich werde ihn heute Abend aufzeichnen und in nächster Zeit sollte eine Rezension zu „Kalte Wut“ erscheinen. Wiederholung am 02.11.2020 im Dritten des HR, 21:45 Uhr.

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Inga Lürsen – Sabine Postel
Kommissar Tobias von Sachsen – Heinrich Schmieder
Dr. Heitmann, Ingas Chef – Hubert Mulzer
Helen, Ingas Tochter – Camilla Renschke
Richard Wohlers, Marcos Chef – Uwe Kockisch
Marco Groszek – Oliver Bröcker
Heike Hellwig, Polizistin – Katrin Pollitt
Gerhard Groszek, Marcos Vater – Peter- Heinrich Brix
Lothar Seiler, Autohändler – Udo Schenk
Jan Hellwig, ihr Mann – auch Polizist – Henning Peker
Gerd Brehm, Mitglied der Bürgerwehr – Tim Wilde
Robert Lehmbach, Mitglied der Bürgerwehr – Christoph Hagen Dittmann
Stefan Dehlers, Leiter des Jugendzentrums – Alexander Hörbe
Polizeibeamter – Torsten Hammann
Ingo Marquardt – Malte Can

Buch – Thorsten Näter
Regie – Thorsten Näter
Kamera – Michael Faust

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