Der Zug (The Train, USA / FR / IT 1964) #Filmfest 563 #DGR

Filmfest 563 Cinema – Die große Rezension

Unterschiedliche Formen von Realismus und dessen Abwesenheit im Kriegsfilm

Der Zug ist ein 1964 in schwarz-weiß gedrehter, US-amerikanischfranzösischitalienischer Kriegsfilm von John Frankenheimer. Er schildert die Bemühungen von Mitgliedern der Résistance, einen mit entwendeten französischen Kunstwerken beladenen Zug der deutschen Wehrmacht aufzuhalten. Der Film war 1966 für einen Oscar in der Kategorie Bestes Original-Drehbuch nominiert (1).

Burt Lancaster took a day off during shooting to play golf when the production was about half completed. On the links, he stepped in a hole and re-aggravated an old knee injury. In order to compensate for the injury, John Frankenheimer had Lancaster’s character shot in the leg, thus enabling him to limp through the rest of the shooting (1).

Das ist zum Beispiel eine Art erzwungener Realismus, der aber die Handlung nicht unbedingt glaubwürdiger macht. Hingegen …

The budget doubled under John Frankenheimer, due to an emphasis on action and the filming of train wrecks, eventually reaching $6.7 million. United Artists felt compelled to step in and assert its completion rights, demanding that principal photography be finished in seven weeks.

Diese Art von Realismus kommt dem Film sehr zugute, er wirkt nicht nur durch den Dreh in Frankreich sehr authentisch, freilich unterstützt durch die Tatsache, dass 19 Jahre nach Kriegsende Umgebungen, die man heute nur noch per CGI „originalisieren“ könnte, tatsächlich noch etwa so aussehen wie in der Kriegszeit. Zu dem Film gibt es aber einiges mehr zu schreiben, auch zu unterschiedlichen Formen von „Realism or not“, es steht alles in der -> Rezension.

Handlung (1)

Paris im August 1944. Der Deutsche Oberst von Waldheim ist Kunstliebhaber und hat während der deutschen Besatzung eine Sammlung der bedeutendsten französischen Gemälde u. a. von Cézanne, Picasso und Miró aus der Galerie nationale du Jeu de Paume zusammengetragen, um sie nun – zum Entsetzen der französischen Kuratorin Mademoiselle Villard – angesichts der heranrückenden Alliierten mit einem eigens bestellten Güterzug in das Deutsche Reich zu transportieren. Seinen Vorgesetzten gegenüber begründet er das mit deren unermesslichem Marktwert.

Mademoiselle Villard beauftragt Paul Labiche, Mitarbeiter der französischen Eisenbahngesellschaft und Mitglied der Résistance, diesen Transport mit allen Mitteln bis zum Eintreffen der Alliierten zu verzögern. Die Notwendigkeit dieser Maßnahme begründet sie damit, dass die Seele der französischen Nation in diesen Kunstwerken ruhe.

Labiche engagiert den erfahrenen Lokomotivführer Papa Boule, der zwar keinen Kontakt zur Résistance hat, aber den Verlust der Kunstwerke dennoch verhindern möchte. Boule blockiert die Schmierung der Pleuellager seiner Dampflokomotive und bleibt wie erwartet einige Kilometer später liegen. Seine Sabotagemaßnahme wird jedoch von einem findigen deutschen Offizier entdeckt, Boule wird erschossen.

In Nachtarbeit wird die Lokomotive repariert und auf Anweisung von Oberst von Waldheim nun mit Labiche als Lokomotivführer besetzt. Labiche hat aber mit Hilfe der Résistance einen Plan ausgeklügelt: Der Zug fährt tatsächlich einen großen Kreis, während die Namensschilder der Bahnhöfe ausgetauscht oder überdeckt werden, um den mitfahrenden deutschen Soldaten unter Hauptmann Schmidt eine planmäßige Fahrt nach Zweibrücken vorzutäuschen, was auch gelingt.

Als der Zug am nächsten Morgen wieder im Großraum Paris eintrifft, wird ein Unfall inszeniert: Labiche lässt seinen Heizer zunächst während der Fahrt den Zug abkuppeln, so dass die Waggons an Fahrt verlieren, während die nun solo fahrende Lokomotive einigen Vorsprung bekommt. Nach einigen hundert Metern gibt Labiche Volldampf und beide springen von der Lokomotive ab, die kurz darauf mit hoher Geschwindigkeit die querstehende Lokomotive eines kleinen Güterzuges rammt, den der dortige Stationsvorsteher kurz zuvor an einer Weiche absichtlich entgleisen ließ. Kurz darauf rollen die Wagen mit der Ladung in den Unfall. Eine weitere Lokomotive wurde hinter dem Zug in Fahrt gebracht, zerstört ebenfalls führerlos den letzten Wagen des Zuges und tötet dabei die deutsche Begleitmannschaft unter Hauptmann Schmidt. Die Güterwagen mit den Kunstwerken sind unbeschädigt, jedoch zwischen den zwei Karambolagen unbewegbar eingekeilt. Die Deutschen erschießen kurzerhand alle unmittelbaren Beteiligten der Aktion, die sie fassen können, und lassen einen Kran aus Paris kommen, um die Strecke wieder frei zu machen.

Nun fahren Oberst von Waldheim und Major Herren selbst im Zug mit und haben ringsum auf dem Umlaufblech der Dampflokomotive Franzosen als Geiseln platziert. Es gelingt Labiche, sich vor den Zug zu setzen und eine Sprengladung im Gleis anzubringen. Als er die Geiseln sieht, löst er die Sprengladung so früh aus, dass nur das Gleis beschädigt wird und innerhalb einer Stunde repariert werden kann. Diese Pause genügt ihm, weiter vorn auf der Strecke die Schienenstühle einer Schiene vollständig zu lösen. Ein Vorauskommando der Deutschen bemerkt die Maßnahme zu spät, die umkippende Schiene lässt die gesamte Lok ins Schotterbett entgleisen.

Nun benötigte man erneut einen Kran, der aber nicht mehr so schnell verfügbar ist. Die Zeit drängt, da die Alliierten auf Paris zumarschieren. Das deutsche Begleitkommando unter Major Herren erkennt die Ausweglosigkeit, erschießt die französischen Geiseln und setzt sich auf Lastwagen der Wehrmacht ab, die auf der benachbarten Straße vorbeifahren. Oberst von Waldheim kann sich von den Kunstwerken nicht trennen und bleibt zunächst allein an Ort und Stelle. Labiche kommt aus seinem Versteck hervor und erschießt ihn.

Rezension

Erschießt ihn nach einem nicht ganz uninteressanten Dialog, hätte man hinzufügen können. Von Waldheim provoziert den Widerständler, weil das Leben ohne die Kunst für ihn keinen Wert mehr hat und zieht auch selbst nicht die Waffe. So waren sie, die Nazis, irgendwie morbide. Trotzdem wirkt der britische Shakespeare-Star Paul Scofield in seiner zweiten Filmrolle als deutscher Offizier, der seine eigene Art von Fanatismus pflegt, um einiges authentischer als das Zugpferd oder, dem Sujet angepasst, die Lokomotive des Films, Burt Lancaster, der die internationale Vermarktbarkeit durch seine Anwesenheit sicherstellen sollte. Ich kann mir irgendwie so, wie er ihn darstellt, keinen Résistance-Kämpfer vorstellen, obwohl Lancaster zu meinen Lieblingsstars der 1940er bis 1960er zählt. Er wirkt einfach zu amerikanisch in dieser Rolle.

Nicht wegen der Action, die er selbst als Mitproduzent habe wollte und deretwegen er den ursprünglichen Regisseur Arthur Penn (der wenig später den sehr actionhaltigen „Bonny und Clyde“ gedreht hat) durch John Frankenheimer ersetzt hatte. Mit Frankenheimer hatte er den herausragenden „Der Gefangene von Alacatraz“ gefilmt. Die Action hätte ein etwas jüngerer Jean Gabin hinbekommen oder 1964 vielleicht Lino Ventura, als hinreichend sturer, stoischer, knorriger und für ein solches Kommande auch hinreichend fatalistischer Typ, aber das Gepräge von Lancaster als Europäer hat er in Luchino Viscontis „Der Leopard“ von 1963 wohl so gut hinbekommen, dass er sich auch diese viel zeitnähere Rolle, die ihm vom Typ auch mehr hätte liegen müssen, wohl auch zugetraut hat, außerdem wurde er durch „Der Leopard“ auch ein wenig zu einem europäischen Star und hat später noch einige interessante Filme auf dem alten Kontinent gedreht (der letzte war der sympathische „Local Hero“ im Jahr 1983).

Aber er agiert nun einmal wie ein Amerikaner in einem europäischen Film. Außerdem war Luchino Viscontis Film über das alte Italien und seine Adeligen, der heute als Meisterwerk gilt, an den Kinokassen ein Flop und auch deshalb hatte Burt Lancaster gemäß Anmerkungen in der IMDb darauf bestanden, den actionerfahrenen Regisseur John Frankenheimer einen etwas trivialeres Movie machen zu lassen, das sich nicht so sehr auf die Kunst und ihren Wert als auf den Vorgang des Transports konzentriert.

Dafür sind alle anderen Rollen gut bis sehr gut besetzt, auch wenn sie mehr als Aufhänger dienen, wie Michel Simon als alternder Zugeführer oder Jeanne Moreau als Wirtin mit harter Schale und weichem Herz, die leider viel zu wenig zu diesem Männerfilm beitragen kann, der vor allem ein Duell zwischen dem Widerständler Labiche und dem deutschen Oberst von Waldheim darstellt. Auch der scharfe und scharfsinnige Major Herren, der von Wolfgang Preiss dargestellt wird, wirkt authentisch. Man hat es vermieden, die Wehrmachtsoffiziere als so tumb darzustellen, dass sich jeder hätte fragen müssen, wie es möglich war, dass die von ganz oben ab Hitlers Durchgriff miserabel geführte Wehrmacht den Krieg so lange durchhalten konnte. Das ist in Filmen ab den 1960ern häufig zu beobachten und lässt die Filme verzerrt und eben mehr sozusagen retrospektiv-propagandistisch als realistisch wirken. Also weiter zum Realismus:

In reality, the museum’s paintings were indeed loaded into a train for shipment to Germany, but fortunately the elaborate deception seen in the movie was not really required. The train was merely routed onto a ring railway and circled around and around Paris until the Allies arrived.

Selbst diese Beschreibung wirkt irgendwie etwas seltsam, aber immer noch vorstellbarer als das, was wir sehen. Das Drehbuch hat eine Generalschwäche, die einen Oscar ganz sicher nicht hätte als angemessen erscheinen lassen: Das ist die Tatsache, dass die vielen Deutschen auf dem Zug nicht merken, dass sie in Frankreich herumgefahren werden, anstatt die Grenze zu passieren. Ob Zweibrücken zu der Zeit wirklich einen so kleinen Bahnhof hatte wie im Film, habe ich jetzt nicht recherchiert, immerhin war es den amerikanischen Zuschauern 1964 schon als Stationierungsort für amerikanische Truppen bekannt und eine richtige Stadt. Aber erkennt man wirklich nicht spätestens auf 60 Kilometern Fahrt durch freies Gelände, in welchem Land man ist? Kennen Sie das kleine ARTE-Juwel „In welchem Land ist das Foto aufgenommen, in Deutschland oder in Frankreich?“. Normalerweise erkennt man das recht gut, weil es fast auf jedem Kilometer charakteristische Unterschiede gibt, und die gab es selbstverständlich auch damals. Wenn man, wie ich, in der Nähe der französischen Grenze aufgewachsen ist, nimmt man sie selbstredend besonders deutlich wahr, aber Typen wie der Oberst und vor allem der Major, der ja immer außen auf dem Zug war und sonst eigentlich ganz helle ist, sollten sich so plump täuschen lassen? Die Logistik, die für diese Täuschung erforderlich war, ist im Vergleich dazu das kleinere Problem.

Auch die oben erwähnte Schussverletzung, die auf einem realen Sportunfall des sonst sehr athletischen Burt Lancaster fußte, ist nicht gerade den Realismus fördernd, weil er dafür viel zu unterschiedlich schnell unterwegs ist. Ja, die Willenskraft, die gute Grundkonstitution. Aber trotzdem bricht er auf der Straße aus dramaturgischen Gründen sogar für einen Moment zusammen. Dass damit dem Plot in Sachen Spannung geholfen wird, indem sich die Fragwürdigkeiten häufen, fällt aus einem recht simplen Grund nicht so auf: Weil die Deutschen vollkommen falsch agieren, als es darum geht, Labiche von der Strecke fernzuhalten. Es handelt sich um einen sehr geraden Abschnitt, auf dem man gute Sicht über Kilometer hinweg zu haben scheint. Es wäre logisch gewesen, Posten so aufzustellen, dass sie in Sichtkontakt bleiben und jede Bewegung am Gleis zu melden, anstatt das Gebüsch rechts und links der Strecke mit einer sinnlos großen Mannschaft zu durchstreifen. Alternativ: Da man den Zug eh langsam fahren lassen wollte, solange Labiche in der Nähe ist, hätte man auch eine sich abwechselnde Mannschaft im Laufschritt etwa so weit vorausschicken können, wie der Bremsweg des Zuges ist, zuzüglich etwas Reaktionszeit, die kontrolliert, ob die Gleise in Ordnung sind. Eine schöne große Fahne als Signal mitnehmen nicht vergessen, und Labiches letzte Aktion wäre nicht gelungen.

Diese Mischung aus verbaler Entschlossenheit und dezidiertem, oft rüdem Charakter bei der Darstellung der deutschen Kriegsteilnehmer und einer doch ziemlich üblichen, häufig nicht so sehr strategischen, aber taktischen und kognitiven Unfähigkeit, die sich gerne darin ausdrückt, dass man sie so leicht umlegen oder düpieren kann, ist typisch für amerikanische, weniger für europäische Kriegsfilme, wenn man von Werken wie der französischen Befreiungsschlag-Komödie „Die große Sause“ (1966) mit Louis de Funès und Bourvil absieht. Aber den Zuschauer*innen gefällt’s überwiegend, wie die immer noch sehr gute Bewertung des Films in der IMDb mit 7,8/10 belegt. Realistisch ist aber das optische Szenario und leider kann man sich auch die grausamen Rachakte der Deutschen für Sabotagevorgänge gut vorstellen, angesichts der realen Vorgänge dieser Art, die es in vielen Ländern gab, auch in Frankreich. Der letzte dieser Akte ist die Erschießung einer ganzen Reihe unschuldiger Geiseln, die auf der Lok mitgeführt wurden, damit Labiche diese nicht in die Luft sprengt.

Unlike his character Labiche, Burt Lancaster was actually a great admirer of paintings in reality and amassed quite a collection over the years.

Nur, um klarzustellen, warum Lancaster in der letzten Szene, als ihm der Oberst einen Vortrag über Kunstsammler und Résistance-Menschen ohne Sinn für ihr Tun hält, so konsterniert schaut. Vermutlich hätte er dazu gerne etwas gesagt, aber das Drehbuch ließ es nicht zu. Den letzten Satz spricht er übrigens 27 Minuten vor dem Ende des Films. Vielleicht etwas mehr hatte er hier zu sagen oder zumindest durch seine Anwesenheit zu symbolisieren.

Burt Lancaster flog während der Dreharbeiten in die USA zurück, um am 28. August 1963 am Marsch in Washington teilzunehmen.

Dass Lancaster auch dabei war, als Martin Luther King die vielleicht berühmteste „I Have A Dream“-Rede aller modernen Zeiten hielt, wusste ich nicht, aber es macht ihn nicht unsympathischer. In jenen Jahren setzten sich die der Kommunistenhetze des vorausgehenden Jahrzehnts entkommenen Hollywoodschauspieler und viele andere Künstler sehr offen für eine bessere USA ein, während heute ein paar humanistische Statements ausreichen, um von Typen wie Donald Trump auf eine wirklich barbarische Weise beleidigt zu werden und dadurch in reale Gefahr durch dessen aufgehetzte, fanatische Anhänger zu geraten. Bleiben wir noch etwas bei Fakten über Burt Lancaster, die mir neu sind:

Burt Lancaster was forced by United Artists to make four films for $150,000 a picture in the 1960s–this film, Die jungen Wilden (1961), Der Gefangene von Alcatraz (1962) and Vierzig Wagen westwärts (1965)–rather than his normal fee of $750,000 because of cost overruns at his production company, Hecht-Hill-Lancaster, for which he was personally responsible.

„Vierzig Wagen westwärts“ haben wir kürzlich besprochen, die Rezension wird aber gemäß der Chronologie nach der hiesigen auf dem Filmfest gezeigt werden. Eine originelle Idee der Verleihfirma, den ausführenden Produzenten für von ihm verursachte Budgetüberschreitungen durch Gagenkürzungen zu bestrafen, wie sie, siehe oben, auch „Der Zug“ kennzeichnen. Aber mit das Beste an den Film ist tatsächlich, dass fast alles, was man sieht, echt ist, auch die Zugzusammenstöße auf Schienen, und dadurch eine Suggestion von Authentizität entsteht, der das Drehbuch leider nicht standhält. Nebenbei erfährt man, dass Lancaster damit zu den bestbezahlten Hollywoodstars seiner Zeit zählte. Die Millionengage wurde hingegen erstmals von einer Frau erreicht. So viel erhielt Elizabeth Taylor für ihre „Cleopatra“-Darstellung im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1963. Zu berücksichtigen ist, dass Stars, wie manchmal auch heute, zusätzlich zur garantierten Gage an den Einspielergebnissen der Filme beteiligt waren. Weniger Geld, aber viel Ruhm erhielten führende Mitglieder der Résistance für ihre Verdienste um die Kunst, wesentliche Teile des Films basieren auf dieser Darstellung:

The character of Mlle Villard is based on Rose Valland–a French art historian, member of the French Resistance, captain in the French military and one of the most decorated women in French history. As overseer of the Jeu de Paume Museum in Paris during the German occupation, she began secretly recording as much as possible about more than 20,000 pieces of art that had been brought to the Jeu de Paume. She understood German and for four years kept track of where and to whom in Germany the plundered paintings were shipped. She provided this and also information about railroad shipments of the paintings to the French resistance so that they would not mistakenly blow up the trains loaded with treasured paintings. A few weeks before the liberation of Paris, on August 1, 1944, she learned that the Germans were planning to ship out five last boxcars full of paintings, including many of the modern paintings they had hitherto neglected. She notified her contacts in the Resistance, who prevented the train from leaving Paris. The movie was inspired by her 1961 non-fiction book „Le front de l’art: défense des collections françaises, 1939-1945“ („The Art Front: Defence of the French Collections, 1939-1945“).

Wir beim Wahlberliner sind eben auch typische Deutsche und plündern deshalb ein wenig die Internet Movie Database mit ihren reichhaltigen Informationen zu diesem Film. Gerade bei Werken, die zumindest in Teilen auf historischen Tatsachen basieren, lohnt es sich, Fiktion und Historie zu trennen, denn man merkt dann beispielsweise, dass die grundsätzliche Idee, auf welcher „Der Zug“ basiert, den Vorgängen von damals recht nah kommt, nicht aber der konkret gezeigte Handlungsverlauf. Dieser ist, wie bei den meisten Kriegsfilmen, vergleichsweise stark mit Fehlern behaftet. Ich bin schon gespannt, wie sich das in „Wird Paris brennen?“ ausnehmen wird, einem französischen Film, der zwei Jahre später entstand, im Moment auf der Festplatte unseres Media Receivers abgespeiert ist und dessen baldige Sichtung zu erwarten hat. Dieses Kinostück reflektiert den Moment des Abzugs der Deutschen aus Paris, also fast auf den Tag genau jenen Moment der Libération, der auch in „Der Zug“ eine Rolle spielt. Warum wurde der Führer-Befehl, auch dort die Politik der verbrannten Erde umzusetzen, in dem Fall ausschließlich als barbarischer Racheakt gemeint und nicht, wie noch in Russland zumindest als Mitgrund, um dem nachrückenden Gegner keine intakte Infrastruktur zur Nutzung zu überlassen, nicht ausgeführt?

Finale

Mit vielen Fakten zum Film haben wir es nun geschafft, am Ende die Länge eines veritablen Rezensions-Güterzuges zu erreichen, den wir als „DGR“ (Die große Rezension) labeln können, obwohl Kriegsfilme nicht mein bevorzugtes Genre sind. Nicht nur wegen der deutschen Historie, sondern auch wegen der Verfälschung von Tatsachen oder sehr deutlichen Logikmängeln, die in diesem Genre besonders offensichtlich vorgenommen werden und von denen auch „Der Zug“ nicht frei ist. Er stellt aber einen wichtigen Aspekt des Krieges dar und auch den Kampf um die Kunst reißt er zumindest an, der zwischen den führenden europäischen Kulturnationen immer eine Rolle gespielt hat. Wer ist das Kulturvolk an sich? Die Franzosen werden das ebenso mit Recht behaupten können wie die Deutschen oder die Italiener oder die Briten, Gleiches gilt für die technische Innovationskraft, wenn man es über Jahrhunderte betrachtet. Umso bedauerlicher, dass der Kern des alten Europas heute noch immer nicht in der Lage ist, diese gemeinsamen Schätze zu einer zukunftsfähigen Einheit zusammenzutragen und dem rüden Angriff auf die Demokratie und die Freiheit, der von vielen Seiten geführt wird, diese große Kultur, verbunden mit nachhaltiger ökonomischer Innovation, entgegenzustellen.

Dass dies nicht möglich ist, dazu haben auch die beiden Kriege des letzten Jahrhunderts beigetragen, die  mehr vernichtet oder auf Dauer beschädigt haben als nur Bauwerke, Kunst und unzählige Menschenleben und die Seelen der Menschen. Junge Generationen, die sich heute als Europäer sehen, vor allem Deutsche, die am liebsten ihre nationale Identität ganz ablegen würden, machen sich nicht klar, wie vieles, was damals geschah, im übrigen Europa, aber auch als ihr eigenes Erbe fortwirkt und dass es eine gute Idee sein könnte, sich damit progressiv und der gemeinsamen Zukunft von uns allen verpflichtet auseinanderzusetzen und wirkliche Lehren daraus zu ziehen, anstatt oberflächliches EU-Fandom zu pflegen, das kaum reflektierter ist als der frühere Nationalismus und eine Art Ersatzpatriotismus, der, wie jeder Patritotismus, den Keim der Diskriminierung jener unzähligen Menschen in sich trägt, die von der „Patrie“ nicht umschlossen sind. In „Der Zug“, und das ist sicher eine seiner großen Stärken neben seinen Production Values, wird gezeigt, wie die Kunst auf Leinwänden zu retten war, aber auch die Sinnlosigkeit des eindimensionalen Handelns in der NS-Diktatur auf allen Ebenen und seitens jener, die in anderen Zeiten einfach in den Louvre oder ein anderes Pariser Museum gegangen wären und sich an der Schönheit des Ausgestellten in seiner natürlichen Umgebung erfreut hätten. Der sinnlose Verlust des Lebens Unschuldiger tritt deutlich zutage.

Ob ein Bild wertvoller sein kann als ein Mensch, darüber dürfen wir nachdenken, der Film bezieht dazu eine eher vage Stellung, vielleicht mit Absicht. Menschen wachsen nach und sind häufig keine besonders erhaltenswerten Kultursubjekte, aber die Kunst, die wenige Erleuchtete unter ihnen hervorbringen, ist auf immer verloren, wenn sie in den Krieg gerät, selbst, wenn es Kopien der Meisterwerke gibt? Verkompliziert wird diese Betrachtung dadurch, dass man den Zug doch wirklich hätte nach Deutschland durchfahren lassen können, ohne so viele Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Die Nazis waren zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, die Gemälde so zu versilbern, dass man ihre Spuren hätte final verwischen können, wären also nach dem Krieg wieder in die Hände der ursprünglichen Besitzer zurückgelangt. Aber auch diese Argumentation, wiewohl noch nicht zu Ende gedacht, lassen wir hier enden und geben für „Der Zug“ trotz der offensichtlichen Plotschwächen

(Anmerkung für die Endfassung: Es wird sehr wohl behauptet, man könne die Gemälde noch zu Geld machen und damit den weiteren Krieg finanzieren. Ob das stimmt, ist eine andere Frage.)

75/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie John Frankenheimer
Drehbuch Franklin Coen
Frank Davis
Produktion Jules Bricken
Musik Maurice Jarre
Kamera Jean Tournier
Walter Wottitz
Schnitt David Bretherton
Gabriel Rongier
Besetzung

 

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