Der Mann vom großen Fluß (Shenandoah, USA 1965) #Filmfest 568

Filmfest 568 Cinema

Dieses Mal nur Verluste

Der Mann vom großen Fluß (Originaltitel: Shenandoah) ist ein US-amerikanisches Bürgerkriegsdrama von Andrew V. McLaglen aus dem Jahr 1965 mit James Stewart in der Hauptrolle.

Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz in Lexikon „Filme im Fernsehen“ (Erweiterte Neuausgabe). Rasch und Röhring, Hamburg 1990, ISBN 3-89136-392-3, S. 543–544: „Pazifistisches Antikriegsmelodram, sentimental und schwülstig.“ (Wertung: 1½ Sterne = mäßig)

Das möchte ich vorweg festhalten: So schlecht ist „Shenandoah“ nicht. Zum einen kann James Stewart wieder einmal eine brillante Darstellung zeigen, zum anderen muss man den Versuch anerkennen, tatsächlich mal einen Antikriegsfilm zu machen und zum Dritten ist er nicht schwülstiger als viele andere Western. Das Pathos hat gegenüber Werken der 1950er sogar eher abgenommen. Und der Bürgerkrieg eignet sich eben immer wieder gut als Setting, in dem man Aktuelles gut verstecken kann. Wie in diesem Fall das Statement gegen den damals beginnenden Vietnamkrieg, das dem Film offensichtlich innewohnt. Mehr dazu steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Film spielt im Jahr 1864, zur Zeit des amerikanischen Sezessionskrieges in Virginia. Der Farmer Charlie Anderson ist seit 16 Jahren Witwer; seine Frau starb bei der Geburt des jüngsten Sohnes Robert, der meist nur als „Junior“ angesprochen wird (im Original „Boy“). Er lebt mit seinen hart arbeitenden sechs Söhnen, seiner Tochter und der Schwiegertochter im Shenandoah-Tal, während der Bürgerkrieg immer näher rückt. Anderson ist sowohl ein Gegner der Sklaverei wie auch grundsätzlich gegen den Krieg und meint deshalb, seine Familie aus dem für den Süden schlecht laufenden Konflikt heraushalten zu können; mit Vehemenz wehrt er sich gegen den Einzug seiner Söhne in die Südstaaten-Armee, und mit ihren Fäusten bearbeitet die Familie sogar den eines Tages auftauchenden Trupp von Regierungsleuten, der Pferde beschlagnahmen will. Seine einzige Tochter Jennie heiratet allerdings den jungen Konföderierten-Leutnant Sam, der noch am Tag der Hochzeit ins Feld einrückt. Am gleichen Tag wird Charlies Sohn James Vater einer Tochter.

Der jüngste Sohn Robert hatte in einem Bach eine Südstaatenmütze gefunden und trägt sie seitdem. Sein bester Freund Gabriel ist ein Sklavenjunge des Nachbarn Abernathy. Gemeinsam sind sie auf Jagd, als sie in eine Schießerei zwischen Südstaatlern und Nordstaatlern geraten. Wenig später wird „Junior“ von Nordstaatlern gefangen genommen, da er aufgrund seiner Mütze für einen Rebellen gehalten wird. Den Sklavenjungen lassen die Yankees laufen. Jetzt geht der Krieg auch die Familie Anderson etwas an, wie es der besonnene Jacob seinem Vater schon mehrfach prophezeit hatte. Gemeinsam machen sich Charlie und vier seiner Söhne auf die Suche nach dem Gefangenen, und auch Tochter Jennie lässt sich nicht davon abbringen. Lediglich die junge Mutter Ann, ihr Ehemann James und das Baby bleiben allein auf der Farm zurück.

Auf dieser Suche kommen sie in ein Unions-Camp, dessen Kommandeur einiges Verständnis für Andersons Situation zeigt; doch Gefangene werden in diesem Stadium des Kriegs in Massen gemacht und zumeist per Zug in die nördlicheren Gebiete transportiert. Charlie begibt sich mit den Seinen zu einer Bahnstation, wird freilich vom dortigen Befehlshaber mit dem Hinweis auf einzuhaltende Fahrpläne brüsk abgewiesen. Daraufhin organisiert der energische Rancher einen nächtlichen Überfall auf freier Strecke; unter den dabei befreiten C.S.A.-Gefangenen ist Robert zwar nicht zu finden, aber Leutnant Sam, der sich nach seiner ersten (und verlorenen) Schlacht zur Freude Jennies dem Trupp des Schwiegervaters anschließt. Derweil hat „Junior“ in einem direkt an einem Fluss gelegenen Gefangenenlager die Freundschaft des Soldaten Carter gewonnen, und als beide auf einem Dampfer verfrachtet werden sollen, gelingt ihnen mit anderen Rebellen die Flucht. Wenig später stoßen diese auf eine versprengte Einheit der Konföderation, und Robert macht zum ersten Mal direkte Kampferfahrungen. Die Yankees erweisen sich freilich auch in diesem Gefecht als überlegen, und der kleine Anderson ist bereits dem Tode geweiht, als der über ihm gebeugte Unions-Soldat plötzlich den Freund erkennt – es ist der nunmehr eine blaue Uniform tragende Gabriel. (…)

Rezension

Joe Hembus‚ Westernlexikon zitierte die britische Journalistin Dilys Powell: „James Stewart spielt einen jener genialisch unfehlbaren Eltern, die man sich im Kino mit Genuß betrachtet, während man sich gleichzeitig gratuliert, daß sie einem im Leben erspart geblieben sind.“

Auch im wirklichen Leben finde ich es besser, Eltern sind Vorbilder und wissen mehr, als dass sie Idioten oder unberechenbar und gewalttätig sind. Sicher der Film ist auch sentimental und die Schlussszene in der Kirche kann man als schwülstig bezeichnen, aber der Film ist kein New Hollywood, sondern folgt nicht nur bei der Besetzung der männlichen Hauptrolle den Spuren, die über Jahrzehnte gelegt worden sind. Aber mit durchschnittlich 7,3/10 genießt der Film z. B. bei den Nutzer:innen der IMDb eine gewisse Reputation. Sie bewerten neuere Filme oft zu gut und haben eine Schwäche für mehr oder weniger sinnbefreites Actionkino, aber dass sie Schmalz übermäßig bevorzugen, konnte ich bisher nicht feststellen. Leider hatten die zeitgenössischen Kritiker:innen oder diejenigen der 1980er nicht diese famose Orientierungshilfe, die ihnen von Zigtausenden Filmfans gratis geliefert wird.

Lexikon des internationalen Films: „Der Film läßt den idealistischen Glauben an die Möglichkeit eines unversehrten Bestandes der Familie im Krieg scheitern. Durch den Einbruch der Kriegsfolgen in einen beispielhaften familiären Verbund hält er den Zuschauer zum Nachdenken über ethisch vertiefte Fragestellungen an. Einige gestalterische Mängel können die positive Ausstrahlung nicht entscheidend behindern.“[2]

Evangelischer Filmbeobachter: „Ausgezeichnet gestaltet und voll ethischer Werte, wenn auch gelegentlich etwas betont zu Herzen gehend. Ab 14 zu empfehlen.“[3]

Wie häufige Leser:innen bemerkt haben dürften, kritisiere ich gerne die oft reaktionäre Haltung der in Deutschland seinerzeit führenden kirchlichen Filmkritik, besonders die 1950er und 1960er waren schon teilweise herbe und komplett an den Meriten eines Films vorbei, wenn diesen Stellen moralisch etwas nicht passte. Aber in dem Fall gehe ich mit und anerkenne das Bemühen um einen relativ kompromisslosen, ehrlichen Film, auch wenn der „beispielhafte familiäre Verbund“, hätten ihn sich wirklich alle zum Beispiel genommen, dazu geführt hätte, dass die USA heute über eine Milliarde Einwohner hätten, Kriegsverluste bereits eingerechnet.

Am Ende bleiben drei Stühle am Tisch der Andersons leer, ohne dass irgendwer irgendetwas gewonnen hätte. Dass der jüngste Sohn noch zurückkehrt, ist vielleicht einen Tick zu versöhnlich, siehe oben, aber man wollte dem Publikum nicht zu viel zumuten, denn das Land stand nach dem Kennedy-Mord ohnehin unter Schock und es sollte noch ein, zwei Jahre dauern, bis sich im Film der richtig harte Realismus durchzusetzen begann, der dann auch die frühen 1970er prägte, ohne die späteren Übertreibungen zu beinhalten, die wiederum nicht so realistisch sind.

Ein wenig erinnert der Film an den zehn Jahre zuvor entstandenen „Lockende Versuchung“, in dem Gary Cooper das Oberhaupt einer etwas kleineren Familie von Quäkern gespielt hat und der letztlich den Kriegseinsatz doch bejaht und die Mutter, die konsequent pazifistisch bleiben will, als politisch unbedarfte und engstirnige Person zeigt. Dieses Mal gibt es keine Mutter mehr, aber auch keine dezidierte Religiosität und daher keinen so schweren inneren Konflikt von dieser Seite. Man könnte böse sein und festhalten, die Hausherrin ist bei der Geburt des siebenten Kindes vermutlich an Überbeanspruchung verstorben. Ja, wie soll man auch eine Tabakfarm in Virginia bewirtschaften, wenn man keine Sklaven halten will, als mit einer großen Familie. Man hätte es natürlich auch mal mit fair bezahlten Lohnarbeiter:innen versuchen können. Doch diese große Nachkommenschaft symbolisiert die Autarkie der Andersons, die ihr eigenes Ding machen. Und das ist recht tricky: Denn sie verweigern der Südstaaten-Armee wirklich jede Hilfe. Der Versuch, Pferde von der Farm zu requirieren, endet in einer wilden Schlägerei, in der sogar geschossen wird. Progressiv: Die einzige Tochter beendet die Schießerei, indem sie dem Pferdeaufkäufer der Regierung den Revolver aus der Hand schießt, bevor er Schaden anrichten kann. So muss eine umfassende Erziehung der Frauen im Westen aussehen, denn jeden Tag kann es zu  Gewaltakten kommen. Konsequenterweise reitet sie dann auch mit, als Junior gesucht wird.

Eine Botschaft ist also auch: Bei uns entscheidet nicht der Staat, ob jemand in den Krieg zieht oder wir materiell aushelfen, sondern wir selbst, und wenn wir von einer Sache nicht übrerzeugt sind, machen wir zu genau null Prozent mit. Damit kann man, auch wenn es sich um gute Zwecke und nicht um die Sklaverei handelt, auch rechtfertigen, dass man sein Geld beiseite schafft, sich wirklich nur noch innerhalb der Familie solidarisch verhält und z. B. keine Steuern zahlt.

Lange vorher, als der Jüngste eine Soldatenmütze findet und immer trägt, weiß man als Zuschauer, was passieren wird. Dass er für einen echten Kindersoldat gehalten wird und getötet oder verschleppt. Das hätte ich dem so perfekten Familienoberhaupt gleich sagen können, dass er dem Sohn das Tragen dieses Fundstücks draußen verbieten muss, damit es nicht zu Schwierigkeiten kommt. Am Ende verliert Anderson durch diese Nachlässigkeit zwei Söhne und seine bis dahin einzige Schwiegertochter, die vom kommenden weiblichen Star in „Butch Cassidy and the Sundance Kid“, Katharine Ross, verkörpert wird.

Was den Film neben seiner dem Krieg gegenüber negativ eingestellten Haltung sympathisch macht, ist, dass Anderson sen. nicht einsieht, warum er sich für eine Sache wie die Sklavenhaltung einsetzen soll, auch wenn sich nicht jeder ein Familienmodell erstellen kann, das alle Arbeitskräfte selbst produziert, die für die Bewirtschaftung einer kleinen Plantage notwendig sind. Ein weiterer Aspekt ist, dass man sieht, wie verloren die Sache der Südstaaten ist, weil deren Soldaten zahlenmäßig und an Ausrüstung hochgradig unterlegen sind. Der Vormarsch der Unionstruppen ist nicht aufzuhalten. Das wird in vielen Bürgerkriegsepen gerne weggelassen, damit sie spannender sind.

Finale

Und nicht nur deswegen: Hollywood pflegte lange Zeit auffällig die Weißen in den rassistischen Südstaaten, dabei kam es zu unsterblichen Höhepunkten wie „Vom Winde verweht“ und es ist schon verrückt, wie edel man eine auf Ausbeutung und schärfster Diskriminierung basierende Kultur im Film darstellen kann. Bis auf die Tatsache, dass sie zu naiv in diesen Krieg gezogen sind, fehlt diesen prachtvollen Menschen nichts. Nicht einmal die Sklaven, die ihre übergroßen Besitztümer beackern. Auch in Western wurden häufig entwurzelte Menschen, die ihre Besitztümer verloren hatten, als romantische Unbehauste präsentiert, die wesentlich höhere ethische Prinzipien vertraten als etwa die oft proletarisch und / oder fies dargestellten Nordstaatler. Wodurch diese nun Umherziehenden so reich wurden und so viel verlieren konnten, wird dabei schön verschwiegen. Deswegen ist die klare Ansage in „Shenandoah“ zu würdigen und die eine oder andere Schwäche des Films, die auch daraus resultieren mag, dass das klassische Hollywoodkino langsam an Fahrt verlor, halte ich nicht für entscheidend. Regisseur Andrew V. MacLaglen hat sich später auch durch „echte“ Kriegsfilme einen Namen gemacht („Steiner Teil 2“, „Die Wildgänse kommen“), aber jeder Film steht für sich und „Shenandoah“ für eine honorabe Positon und für James Stewarts immer noch großartiges Spiel.

73/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Andrew V. McLaglen
Drehbuch James Lee Barrett
Produktion Robert Arthur
Musik Frank Skinner
Kamera William H. Clothier
Schnitt Otho Lovering
Besetzung

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s