Herzjagd – Tatort 119 #Crimetime 1036 #Tatort #Essen #Haferkamp #Kreutzer #WDR #Herz #Jagd

Crimetime 1036 Titelfoto  © WDR

Nicht durch den Wald!

Der letzte Tatort für den legendären Kommissar Haferkamp ist einer für seinen Assistenten Kreutzer geworden und der letzte aus Essen – bevor Horst Schimanski und Duisburg übernahmen. Ein neues Jahrzehnt begann. Ein Zeitenwende-Tatort?

Ungewöhnlich ist auch heute noch der Plot. Für einen Tatort zumindest. Das Krimi- oder Thriller-Subgenre „Manhunt“ kennen wir aus Polizeisicht, aber aus der Täterperspektive wird es normalerweise in dieser Krimireihe nicht gefilmt. Somit hat der Tatort Nr. 119 auch Experimentalcharakter. Handlungsdetails wie die gefilmte Operation verstärken diesen Eindruck.

Handlung

Der Gefreite Wolfgang Tielens will seine herzkranke Mutter in der Klinik besuchen, aber aufgrund eines Dienstvergehens erhält er keinen Ausgang. Er geht trotzdem – „über die Mauer“. Im Gespräch mit seiner Mutter gewinnt er den Eindruck, daß sie unzureichend behandelt wird und die Ärzte sie schon aufgegeben haben. Entschlossen, eine bessere Behandlung durchzusetzen, versucht er, mit dem Chefarzt Professor Heinrich Verbindung aufzunehmen.

Doch sein Verschwinden aus der Kaserne ist bemerkt worden, Feldjäger tauchen in der Klinik auf, wollen ihn festnehmen. Wolfgang widersetzt sich und verletzt dabei auch einen der Männer. Es gelingt ihm zu fliehen. Die Intervention bei Professor Heinrich schlägt fehl. Wolfgangs Forderung, die Mutter von einem amerikanischen Spezialisten operieren zu lassen, bezeichnet er als unnötig. Inzwischen ist der Feldjäger den Verletzungen erlegen. Die Kriminalgruppe 1 übernimmt den Fall. Da Kommissar Haferkamp im Urlaub ist, führt Kreutzer, unterstützt von dem jungen Beamten Klein, die Ermittlungen. Wolfgang behauptet, eine Geisel in seiner Gewalt zu haben, und erneuert seine Forderung in ultimativer Form. Professor Heinrich lehnt jedoch jede andere als die von ihm vertretene Behandlungsmethode ab. Um Wolfgang von weiteren Schritten abzuhalten, rät Kreutzer zu einer List. Man läßt Wolfgang im Glauben, daß alles getan würde, was er verlangt. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, um die Fahndung intensivieren zu können. Da verschlechtert sich der Zustand der Mutter dramatisch.

Rezension

Selten haben wir gut 100 Minuten Tatort vor uns und selten waren wir von allen Figuren so genervt wie dieses Mal. Und dann die Farben. Restauriert war der Film nicht, das war deutlich zu sehen, und die Essener Tatorte haben eine Low-Key-Ausstrahlung mit eher gedeckten Farben, aber alles so Braun in Braun, das schmerzt irgendwann das Auge noch mehr als die heutige Methode, die Farben auszuwaschen. Oder: Es ist das Gegenteil. Melancholie im Hinterhof gegen kalte Glanzfassaden, bruchstückhafte Interieurs gegen designte Welten. Beides gleichermaßen leb- wie hoffnungslos, im Alt-Tatort ganz direkt wahrnehmbar, heute eher als ironische oder gesellschaftskritische Brechung einer Perfektion der Dinge inszeniert.

Aber der Mangel an Realismus, den heutige Tatorte oft aufweisen, den gab es auch 1980, wie „Herzjagd“ deutlich macht. Das beginnt schon bei der Hatz mit dem Bundeswehr-Lastwagen durch den Wald. Nicht nur das Timing stimmt nicht – niemals ist die Fahrt durch den Wald so schnell, dass man damit ein auf der Straße fahrendes Objekt überholen kann, wenn es nicht gerade um ganz enge, ganz lange Berg-Serpentinen geht, wie es sie in NRW wohl kaum geben dürfte, und andererseits nicht ein weitläufiges, baumbestandfreies Gelände zum Querfeldeinfahren zur Verfügung steht. James Bond lässt grüßen, aber aus weiter Ferne.

In Wirklichkeit dürfte dieses Querwaldein so gefilmt worden sein, dass man den Wagen vorsichtig, Meter für Meter weiterbewegt hat und dann einen Zeitraffer eingesetzt, denn jedes andere Verfahrensweise, dazu mit einem Typ am Steuer, der bei jeder Bewegung des Autos hin- und hergeschleudert wird und wie wild am Lenkrad kurbelt, hätte an einem Baum geendet. Naja. Immerhin, etwas Action zu Beginn, die schon klar macht, dass wir es beim Tielensche Jong mit einem Typ zu tun haben, der erst handelt und dann immer noch nicht nachdenkt. Klar, dass das schiefgehen muss. Gottseidank wurde kein Verkehrsteilnehmer von der Gegenfahrbahn in den Wald gekickt, als das Bundeswehrfarzeug aus selbigem preschtwie aufgescheuchtes Wild. Dieses Ende der Verfolgungsfahrt zwischen zwei Militärfahrzeugen hatten wir zuerst angenommen als das, was kommt, besonders bei dem hochriskanten Überholversuch in der Kurve.

Wir sind sicher nicht der Ansicht, dass bei der Bundswehr nur Genies zugange sind, deshalb erachten wir auch den Stabsunteroffizier, der dem Thielens den Ausgang sperrt, als einzige glaubwürdige Figur – vielleicht im ganzen Film. Und natürlich ist das Dasein des Wehrdienstleistenden eine Zeit, sich auszutoben und dem eigenen Infantilismus so richtig Raum zu geben. Das gilt für alle in der Truppe. Aber selbst bei der Bundeswehr wäre ein Tielens nicht bis ans Steuer eines Lkw gelangt, da können Leute, die den Film sehen und an ihn denken, wenn ihnen ein Militärfahrzeug auf der Landstraße begegnet, beruhigt sein. Der Typ ist so verhaltensauffällig, dass er ständig im Bunker sitzen würde, immer vorausgesetzt, es gab nicht im Vorfeld der Musterung schon ein psychologisches Gutachten, das seine Tauglichkeit hätte ausschließen müssen.

Denn Tielens zieht sich zwar am Tod seiner Mutter hoch, aber seine Verhaltensmuster, immer mit dem Kopf durch die Wand und dabei hochgradig selbst und Dritte gefährdend zu handeln, ist ja nicht durch dieses Ereignis intendiert, sondern sicher schon vorher vorhanden gewesen. Im Film wird zwar gesagt, er wolle sich etwas beweisen, anstatt der Mutter zu helfen, aber ein solches Verhalten springt nicht an wie ein zuvor nie gestarteter Versuchsträger, wenn viele Umstände zusammenkommen. Die vorherige Aktion im Wald ist der beste Beweis dafür. Und denkt man sich das zurück, dann … genau.

Höchst gelungen, wenn auch für die frühen 1980er vielleicht nicht mehr ganz typisch, ist die Hinterhofatmosphäre in diesem Film. Oh ja, die Welt der ganz kleinen Leute, die musste auch mal gezeigt werden, nachdem frühe Tatorte dazu tendiert haben, Gauner zu präsentieren, welche die Reichen erleichtern und dabei oft witzig sind. In „Herzjagd“ ist nichts witzig. Zumindest nicht witzig gemeint. Darüber täuscht auch der als comic Relief angelegte und aus Bayern zugereiste Kommissar Klein nicht hinweg. Zumindest die freiwillige Komik hat man denn auch so angelegt, dass sie nicht über die Münster-Hürde springt, und wir fanden den Film auch nur an wenigen Stellen unfreiwillig komisch. Etwa beim Anruf in den USA. Gut, dass es in Houston, Texas, nur einen Dr. Jacobs gibt und die Frau auch um 2 Uhr nachts ans Telefon geht, um deutsche Quälgeister wortreich abzuwehren und ihnen dabei alles zu erzählen, was sie wissen müssen, um den großen Fake zu erkennen, den sich die Essener Polizei fieserweise ausgedacht hat.

Andererseits ist der Film zu langatmig und so gedreht, dass es keine Sympathieträger gibt. Mutter Tielens ist zu krank, um uns noch richtig an sich heranziehen zu können, die Tante zu einfältig, trotz einiger Warnungen an den Jungen, die Polizisten zu wenig profiliert, der Junge selbst eine krude Mischung aus stupide, gewitzt und übergriffig, die offenbar im Versuchslabor eines Drehbuch-Frankenstein entstanden ist, aber nicht im Schoß der armen Frau Tielens. Ja, die Verhältnisse. Alleinerziehend, kein gutes soziales Milieu, alles im Leben unausgeglichen, unausgegoren – da kann man so werden. Einzelne Bestandteile von Tielens Persönlichkeit sind ja auch vorstellbar, aber sie passen nicht zusammen. Dass Claude Olivier Rudolph diesem Typ echtes Leben eingehaucht hat, kann man hingegen nicht bestreiten.

Finale

Hanjörg Felmy hat wohl ans Drehbuch nicht geglaubt, denn unser Eindruck war, dass es noch für ihn geschrieben wurde, er aber nicht mitmachen wollte. Vermutlich hätte er sich dann anstelle seines Assistenten Kreutzer zuhause überfallen lassen müssen, und das erschien ihm dann doch zu wenig elaboriert für den Typ von Polizist, den er als Haferkamp über Jahre so dargestellt hat, dass er noch heute als einer der beliebtesten der Tatort-Geschichte gilt. Das war jetzt eine Spekulation, aber dass Felmy am Ende seiner Dienstzeit mit den Drehbüchern nicht mehr einverstanden war und seinen Abschied selbst wollte, ist bekannt.

Oftmals funktionieren Tatorte nur deshalb als Langspielfilme, weil die Polizei einen Zugriff auf Verdächtige nicht hinbekommt, und wenn sie mit noch so vielen Leuten anrückt. Das ist auch in „Herzjagd“ so. Und es ist ziemlich uncool. Aber dann doch ein Highlight: Der WDR überträgt Mutter Tielens Reise in den OP-Tod live, und das offenbar überall hin, denn es wird ja nicht möglich gewesen sein, nur einen einzigen Fernseher anzuzielen, den von Kreutzer, bei dem Tielens die Aktion verfolgt und dann den Fernseher erschießt, als alles zu spät ist. Diese Operation, die hätte man in einem Hundert-Minuten-Tatort wiederum schöner ausinszenieren können. Im Grunde wir hier eine tragische Geschichte gezeigt, die sich selbst marginalisiert, weil man sich mit der Hauptfigur, die alles tut, um die Mutter zu retten, aufgrund von deren Vorgehensweise nicht anfreunden kann.

Auch in den elegischen Zeiten, in denen Tatortschienen mehr oder weniger abgewickelt wurden – oder gerade da, war das Experiment denkbar. Und es wurde auch gemacht. Und es überzeugte nicht. Trotzdem Dankeschön fürs Senden! Wir machen ja auch eine Herzjagd: Nach allen Tatorten, die wir noch nicht gesehen haben, um über sie für die Anthologie des Wahlberliners zu schreiben, und das ist eine Herzensangelegenheit geworden. 

5/10

© 2021, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kreutzer – Willy Semmelrogge
Wolfgang – Claude-Oliver Rudolph
Frau Tielens – Brunhild Hülsmann
Frau Köndgen – Tilli Breidenbach
Klein – Towje W. Kleiner
Frau Baumann – Christl Welbhoff
Krischke – Ernst Jacobi
Professor Heinrich – Gunther Malzacher
Sekretärin – Tana Schanzara

Buch – Bernd Schwamm
Regie – Axel Corti

 

 

 

 

 

 

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